. . . auch im Winter - Wir feiern O s t e r n:
Stephan
Reyntjes-Drissen
In
den r u s s i s c h e n S t a a t s b a h n e n
"Topp-den-Hut,
meine Herren, dem Gorbi geht es gut! - Ja, Hallo, der Herr! - Die
Fahrkarten, bitte! - Aber, sehr!"
Eine
Taschenlampe mit tropfendem Licht leuchtete in das finstere, vom
Notlicht matt erhellte Abteil 1. Klasse. Und Dreck! Eine durch
festgeriebenen Schmutz schon glänzend gewordene Hand streckte sich
vor.
"Wie
weit ist es noch bis zum See?" fragte aus dem Dunkel eine Stimme
mit unverkennbar deutschem Akzent, die, wie wir wissen, Alfred
Kersjens, genannt
Pico,
einem Biologen, verdientem Oberstudienrat und realfundamental
unbefriedigter Ökofreak, gehörte, der sich auf einen Rußland-Trip
eingelassen hatte, der ihn nach Irkutsk am Baikalsee im südlichen -
na, östlichen, Sibirien führen sollte.
"Unseren
göttlichen Baikal - den meinen Sie - Ja?“ - Er schlägt ein
Kreuzzeichen über seinen spitzen Wanst! „Noch fast zwei Stunden",
sagte der Schaffner und knipste die Fahrkarte.
"Heda,
dort liegt ja noch jemand! Die Fahrkarte, bitte. Hallo!" Und er
wartete geduldig und vergebens. "Das Ticket bitte, mein Herr!"
Und er zupfte an einem Ärmel, der im huschenden Lichtschein der
Lampe auf dem gegenüberliegenden Polster sichtbar wurde.
"Ach,
du Blödian, ich hab dir doch gesagt, daß du mich nicht vor sieben
Uhr wecken sollst, geh zum Teufel, du Bahnblödmeier! Verdammtes
Beamten-Kommunistenschwein! Und Kartenscheißer!"
"Ach
Sie sind es, mein Herr! Verzeihen Sie, ich habe Sie im Dunkel nicht
erkannt. Ich dachte, Sie seien im Speisewagen geblieben. Und (leiser)
tafelten mit einer Kurnikova!" Beruhigende Handbewegungen,
erkennbar gütig, begleiten seinen Rückzug. "Beunruhigen Sie
sich bitte nicht, ich werde Sie bestimmt um sieben Uhr wecken!
Garantiert. Mein Herr! - Angenehme Ruhe noch, der Herr!"
Und so
nun verschwand der Schaffner, die Dienstmütze in der Hand, mit einem
entschuldigenden Blick und einem hilflosen Achselzucken zum Deutschen
hin.
"Wird
mich noch um sieben wecken, der beamtete Grobian! Was nützt mir das,
wenn er mich dummerweise jetzt schon geweckt hat!" brummte eine
verärgerte Stimme. "Was sind doch diese Beamten, schlecht
besoldeten Schaffner, für Esel! Da gibt man ihm ein gutes Trinkgeld
in Westvaluta, und der? Er erkennt einen im Abteil nicht! So ein
Absinth-Trottel!"
"In
Deutschland wäre das aber nicht möglich!" ließ sich der Herr
aus der anderen Ecke des Abteils vernehmen.
"Das
glaube ich wohl: Dort ist man pünktlich und genau. Und kassiert
stündlich die Zinsen. Unseres Erspartes. Unsre ersparten
Rubelchen!", knurrte es von drüben, muffelig, aus dem Dunkel
des Beleidigtsein.
"Nein,
ich meine, bei uns in Deutschland wäre das nicht möglich, daß man
einen Schaffner, der seine Pflicht zu tun hat, einfach beschimpft und
hinausjagt!" entgegnete der Deutsche, etwas nachdrücklicher.
Mutiger, schon!
"Ja,
ihr Deutschen! Ihr seid ein ordentliches, ja sogar akkurates Volk,
ihr Westler, immer des Gewissens! Lassen Sie uns in Gute die
Schmarzen des Salzes teilen. In unseren Wunden. - Ach. - Bei euch
lauft alles wie am Schnurchen!" erwiderte der Russe und richtete
sich auf, um genauer in die Ecke des Deutschen hinüberzuschauen. Von
wo es nun fragte: "Wie war es denn übrigens im Speisewagen?
Kann man dort noch hin?"
„Wozu
- Sie sind Optimiste? - Wie Klassisches? Wie gutes Gothe?“
„Aber
immer. In Ihrem Land kann man mit allem rechnen. Auch mit jedem
Wunder, mit dem man eigentlich schon nicht mehr gerechnet hat.“
„Na,
der Teufel auch. Und daß hier niemand mehr von Gorbi und seinem
Kamillentee für arme Rentnerinnen quatscht. Jelzin! Ja, ja, der hat
die Saubande im Weißen haus zusammenschißen lassen. Ausräuchern!
Alte sibirische Kampftaktik!“
„Und
dann - was dann - wenn ihn der Stein des Wodkas trifft?“
„Haja.
Und dann vielleicht ein neuer Ras-Putin!“
„Da
kann man gespannt sein!“
„Mussen
Sie! Da bin ich ja geturmt!“
„Was?“
„Aus
dem Speisesalon! Alles kalt da! Und Wodka und sonst was hab ich
selber im Rucksack! Die kriegen keinen Strom mehr rüber von der
Lokomotive. Wohl ein Schaden in der Elektrik, den sie erst in
Komsomolsk reparieren können, wenn überhaupt. Aber an Schlaf ist
sowieso nicht mehr zu denken. Erlauben Sie, mein Herr, daß ich hier
Licht mache?"
"Bitte
sehr, ich bin völlig wach. Und muß sowieso bald aussteigen, in
Irkutsk."
"Wiewas?
In Irkutsk? Göttin Babuschka Transbaikal! Da sind Sie aber arg
falsch dran. Sie hätten schon lange die Baikal-Amur-Magistrale
verlassen müssen. Unser nächster Halt ist Sewerobaikalsk, dann
kommt schon Nischneagarsk, oberhalb unseres heiligen Baikalmeeres.
Gott schütze es, das Unergrundliche! Am Nordufer sind wir. Und
Irkutsk, die selige Stadt. Wenn wir Weihnachten und diesen Winter
erst überlebt haben..."
„Mein
Gottohgottchen, nur keine Panik - ich weiß, am südlichen Ufer! Am
Angara-Abfluß! Ich bin Geograph und Biologe! Deutscher Beamter!
Gymnasiallehrer neben meiner biologischen Obsession. Auch kulturell
interessiert. Und da soll ich mich so - so verratzt haben? Ja? - Nun,
aber? - Da muß mir der Schaffner aber helfen."
Der
Russe holte aus seinem Rucksack eine Armeestabtaschenlampe, legte sie
auf das Tischchen an der Fensterseite und drehte den Strahl langsam
hin zu dem Deutschen.
*
Im
schwachen Lichtschein konnten sich jetzt die beiden einzigen
Fahrgäste im neunten Abteil der ersten Klasse betrachten. Der Russe
war ein mittelgroßer, schmalschultriger Mann von etwa vierzig Jahren
mit dünnem, rötlichem Vollbart bis hinter die Ohren, gelbbraunen
Wangen und müden, etwas schwermütigen Augen. Der Deutsche ein
großer, hagerer Herr, mit spärlichen, glattgescheitelten, gut
parfümierten Härchen über einer flachen, sich anstrengenden Stirn
und beweglich wachsamen Augen hinter einer eleganten, randlosen
Brille mit petrolgrüner Fassung. Woher nur?
"Ja,
bei euch läuft alles wie geplant, wie von selbst", wiederholte
der Russe, reichte dem Gegenüber ein silbern elegantes Etui, bot ihm
an und entzündete sich eine Zigarette, als der Deutsche dankte.
"Aber bei uns muß man eben austeilen, ich meine: schmieren! Das
ist ein komplexes soziales System! Hoch interessant."
"Geben
Sie mir ein tausend tüchtige Beamte, mit betriebswirtschaftlichem
Knowhow, und ich will die russische Kraftmaschine, dieses herrliche
Land voller Möglichkeiten und Überraschungen, wieder in Ordnung
bringen, damit sie wie geschmiert läuft und von selbst sich
erneuert. Wie die Kommunistenbanden es versprachen und nie
einhielten! Das Mütterchen Rußland sei gewogen - und das alles
freundlich, ohne Streit, lautlos, ohne Mafia und ohne die Suffköppe
und Herzkasper im Kabinett!" versicherte der Deutsche stolz,
freundlich und lächelnd.
Der
Russe sah ihn mitleidig-ironisch, mit kaum unterdrücktem Mißbehagen
an. Er rauchte einige tiefe Züge. Dann sagte er seelenvoll lächelnd:
"Je nun! Sohn einer treuherzigen Balalaika und eines deutschen
Examens. Und doch will ich nicht mit Ihnen und Ihrem Lande tauschen.
Hier geht alles langsamer, nicht so pünktlich, zugegeben, aber dafür
angenehmer und bequemer und irgendwo, ach, sehen Sie! Sehen Sie -
schon diese Eisenbahn: Ich bin nur einmal über Warschau hinaus bis
nach Frankfurt/Oder gefahren, von Kaninchengrad aus. Ab der
polnischen Grenze, da ging es aber so, - so, daß ich dachte, mir
würden die Eingeweiden aus dem Leib gerissen! Wie das stuckert und
saust und polkt! Ballert und knallt! Sex auf Rädern. Eisenhart, aber
gesund! Und wie angenehm und glatt geht es dagegen hier! Sie erleben
es doch selber!"
"Ja,
in Rußland hat man noch Zeit für alle Sperenzchen", meinte der
Deutsche nachsichtig, mit Gnade und Wohlwollen. Von den Popen und
euern Dichtern eingecremt! Was könnte man bei uns im Westen alles
mit dieser Zeit angefangen, die ihr hier verschwendet wie im
Paradies! Und mit euren Schmiergeldern, Trinkgeldern, eurer
großrussischen Bestechlichkeit! Welche Summen, die man hier täglich
zum Fenster hinauswirft - nur damit die Räder überhaupt rollen. Und
dann versagt, pitschpatsch, knallaballa, die ganze altertümliche
Elektrik! Und der Komfort in der ersten Klasse. Ach, was! Überall,
zum Teufel ist’s, da ist alles kalt und dunkel!"
"Und
wenn wir, wie Sie sagen, das ganze Geld zum Fenster hinauswerfen, so
mussen Sie nicht vergessen, daß auch draußen Menschen auf uns
warten, die eben von diesem Geld leben, ja, leben mussen!"
ergänzte der Russe lächelnd. "Gestatten, unhoflich ich! Mein
Name ist Boris Leonowitsch Sakuskin-Sologun. Ja, Sologun der Große!
Sie kennen? - Aus Petersburg. Reisend in Banken. In Bankes
Geschaften."
Auch
der Deutsche stellte sich vor, genau, ein Biologe namens Alfred
Kersjens, Oberstudienrat am - ach, was! Er sagt: "Aus Korthusen.
Einem lümmelig kleinen, schnuckeligen Ort im Ruhrgebiet. Wo’s nich
mal ‘nen Puff gibt. Weil der Pastor noch alle Jungmädchen
beaufsichtigt. Sie haben’s gehört! Na, ich fahre zum Baikal, um
mit dem Prof. Barkowa und dem Ökokämpfer Rasputin -"
"Ah,
ja, aus dem großen, kraftvollen Ruhrgebiet, der Kohlen- und
Stahlmaschine des Germanischen.“ Er wiegt heldisch-spitzbübisch
den Wuselkopf. „Das wissen wir wohl seit Adolfs Blitzkriegen:
Dortmund, Dusburg und Essen. Oder ist es umgekehrt? Aber egal! Dann
die Menschen da draußen, unter den Fenstern! Im Grunde ist es
dasselbe, man zahlt und man verdient."
"Und
die Moral? Die gute Kultur des Humanen! Und das gute Geschäft des
Kaufmanns? Die menschliche Würde?" trumpfte Kersjens
Pitundjanfred auf und zündete sich ein eigenes Zigarillo an, legte
dann aber die Schachtel für den Reisegefährten auf das Tischchen
zwischen ihnen. "Das sind doch schon Mafia-Verhältnisse! Wenn
ich mir Geld verdiene, dann habe ich es mir verdient. Der Verdienst!
Das Verdienst! Ahja? Sie verstehn? -Wenn ich es aber mir in die Hand
drücken lasse - dann -"
"Da
haben Sie es doch leichter, noch besser verdient! Als schulischer
Beamter - Sie -Regierungspräsidenkulaker - brauchen Sie es wohl
nicht?" schnitt ihm der Russe lachend das Wort ab, zückte aus
der Pelztasche ein Flaschchen Madeira, entschraubte es und füllte
den Kappenbecher: "Darf ich Ihnen ein Schluckchen anbieten?"
Im
Deutschen kämpften einen Augenblick Stolz und Nütz-. „Äh,
Nutzlichkeitserwägungen, Herr Baris!“. Aber der herb-gute
Madeirageruch trug den Sieg davon. Er trank ein Schlückchen und
dankte.
Sologun
goß nach und leerte den Becher und bot dem Deutschen nochmals an;
als der wegnickte, trank er selber noch zwei Kappen und fuhr fort:
"Nein, nein, Sie konnen sagen, was Sie wollen: bei uns in
Rußland lebt es sich doch besser, man kann alles haben -"
"Und
was kann man denn erst recht bei uns im Westen nicht haben?"
schnitt Kersjens das Wort ab. "Da bitte ich Sie aber!“
„Schon
Dostojewski sagte - äh-“
„Dostojewski
- der Spieler...?“
"Alles,
ja, alles - alles - was - Sie brauchen. Ich weiß!" verbesserte
der Russe ruhevoll lachend.
Da war
noch ein Rest im Fläschchen, der jetzt vernichtet werden mußte.
"Sagen
wir, zu einem Beispiel: Es kommen doch solche naturlichen Falle vor:
Sie wollen, wie man sagt, sich amusieren?"
Da
demonstriert dieser Herr doch fickificki!
Jetzt
war das Thema eigenartig interessant geworden für den deutschen
Mann.
"Was
machen Sie dann, mein Herr Kersjenkow?"
Der
Deutsche überlegte es sich, erst beamtenmäßig, dann
leidenschaftlich-kreativ. Da sagte er, und seine bewegliche Augen
bekamen einen eigentümlichen Glanz:
"Wenn
ich verheiratet bin, gehe ich zu meiner Frau, und wenn ich nicht
verheiratet bin, in ein - äh, ein öffentliches Haus. Der Freude und
de Mitschwestern!"
Der
Russe lächelte mitwisserisch: "Wie der Deutsche sagt: Ja, ein
Hauschen der Freude. - Aber wenn ein solches Hauschen nicht vorhanden
ist?"
„Jaja,
nicht auf den Gleisen wachst!“
„Jahaha!
Meister der Blumen! Sprache, ich meine.“
"Dann
versuche ich im Kollegium auf dem Ausflug - nein! Da sage ich lieber
so: Da mache ich auf der Straße Bekanntschaften, bei einem Bummel in
der Fußgängerzone, und dann in einem Café. Na, da such ich mal
eben."
"Und
wenn Sie, aus irgendeinem Grunde, keine solche Bekanntschaft machen
können, mein Herr?"
"Ich
verstehe Sie nicht."
"Nun,
sagen wir zum Beispiel, wie hier im Abteil. Nehmen wir an, Sie wollen
gerade jetzt, bevor es hell wird, eine Bekanntschaft machen, im Zuge
hier. Was wurden Sie in diesem Fall tun?"
"Ich
würde wohl warten mussen, nu - bis ich in Irkutsk angekommen bin
oder da in, meinetwegen, Sewerobaikalsk. Man braucht doch nicht immer
gleich, äh, man kann sich doch auch gedulden oder so. - Sagen wir
allen unseren Schulern: Erst TIMMS! Dann simssimsen auf Schwesters
Karte!“
"Es
gibt aber Falle. Oh!“- prustend: „oh!", schluchzt mein Russe
nachdenklich, "wo man sich nicht gedulden mochte oder kann. Das
ist eine rein phusische Sache. Ist ein Sturmchen im Wasserglas.
Gottes - gutes
Lenin ‘sagt! Das ist sozusagen normal. Flussigkeit. -
Etcetera-etceterum."
"Schön,
na, gut, was macht man da? Was machen Sie da in Rußland? Zum
Beispiel, wenn man eine Wette darum abschließt und sie entscheiden
muß?" fragte Kersjens neugierig und sezte sich aufrechter.
"Ich
hole mir ein Madchen!"
"Was?
Hier, im Zug?"
"Ja,
auch im Zuge hier."
"Sie
machen Witze, Herr Sasczusolukin. Unedles Witzchen! Wie kann man sich
denn im Zuge ein Mädchen holen? Da brauchen Sie doch zwei Tage - und
eine Nacht in einem Hotel mit westlichem Standard, um sie
rumzukriegen. Wenn sie keine Edelnutte ist."
"Richtig.
Nitribit! - Aber: Ich sagte Ihnen doch, daß man bei uns im Rußland
alles haben kann, wenn man es nur in Valuta bezahlen mochte.“
Zuzwinkernd: „Wann mussen Sie aussteigen, Herr Kersjenkow?"
"Wohl
in einer Stunde. Da ist ja alles noch durcheinander, ob und wie ich
von da weiterkomme. In den Suden rünter. Ich weiß auch nicht, ob
wir Verspätung haben. Bis in den suff - so wird’s reichen."
"Wir
konnen ja den Schaffner fragen! Aber ich weiß, wir haben noch Zeit,
mehr als eine Stunde. Kommen Sie mit, dann konnen Sie sich selbst ein
Madchen aussuchen. Glauben Sie mir, Vaterchen!"
Und
dabei stand der Russe auf, öffnete die Tür und trat in den dunklen
Korridor. Der Deutsche folgte ihm zögernd.
Am
Ende des Ganges hockte der Schaffner auf einem Bänkchen und schlief.
Der
Russe zupfte ihn am Kragen, dann rüttelte er ihn stärker. Als der
Beamte aufsprang, fragte der Russe in einem Ton, den der Deutsche
nicht barsch, aber auch nicht bittend bezeichnen wollte: "Du
hast mich vorhin geweckt, ich kann nicht mehr schlafen. Auch der
Deutsche hier langweilt sich. Verschaff er uns, bitte sehr, Madchen,
bitta schon! - Er horen? Muss horen? Verstehen doch deutsch er!
Madchen! Schone! Gute! Ohne TBC! Verstehen! - und kaan ADS!" Und
steckte ihm eine 50-Dollar-Note zu.
Kurzes
intensives Erfassen -
"Ganz,
wie der Herr befehlen, Euer Hochwohlgeboren. Und wieviel, wenn ich
fragen darf?" - mit einem Blick auf den Deutschen. "Zwei
Stuck! Aber nicht zu alte oder zu dicke! Horst du, Herr Eisenbahn-
und Transportminister! Keine zahen Rocke! Und keine Hopfenstangen.
Die wollen immerzu so Intellektuelles! Coitus cum Vorspiel. Eher
Sanftes und Gerundliches. Wie man so sagt: ein gutes Bett voll."
"Wie
der Herr befehlen. Wir haben verschiedene Schonheiten in der dritten
Klasse. Am besten die Herren kommen mit und suchen sich selbst was
Passables!"
"Gut
dann - wir kommen mit."
„Kommen
wir.“
Der
Schaffner schritt voran. Der Banker gab ihm seine Stablampe.
Nachlässig
und zugleich huldvoll, wie ein Fürst in seinem Revier, der seinen
Untergebenen eine Gnade erweist, folgte Sakuskosologun ihm. Scheu und
auf Äußerste gespannt, schlich der Deutsche hinterdrein. Gereckten
Hauptes. Wie wir wissen.
Sie
durchschritten noch einen Wagen erster Klasse. Nur in einem Abteil
war Licht (von Kameras) und Leben. Eine Gesellschaft? Ein Team, das
Kersjens am blauen Aufkleber in einem Wagen erster Klasse. Nur in
einem Abteil war Licht von Batteriescheinwerfern. Kameras und Leben.
Ein Team, das Kersjens am blauen Sticker wdr auf den Pullovern
erkannte.
Weiter
ging es durch dunkle Waggons. Voller Leben im Traum.
Schließlich
gelangten sie zu den Wagen der dritten Klasse. Eine dumpfe,
sauerlich-verbrauchte Luft schlug ihnen entgegen. Der schneidende
Strahl der Lampe ging mit dem Schaffner von Bank zu Bank, leuchtete
bald hierhin, bald dorthin. Überall lagerten Männer, Frauen,
Mädchen, Kinder auf den Bänken und schliefen. Ein Kleinkind plärrte
aus einem Gepäcknetz.
Endlich
blieb der Schaffner vor der achten Bank stehen und fragte flüsternd
über die Schulter zurück: "Wie gefällt Ihnen diese? Hier!"
Der
Russe trat näher: "Zeig mal her!“ Leiser: „Wichser!"
Und nochmals: „Oh Wunderchen von Petrograd! - Andrej! Andrej!
Dobryj angel smert!“
Der
Schaffner leuchtete mit der Laterne. Ein rundlich-rosiges
Mädchengesicht, umrahmt von einem weiß-blauen Kopftuchlein, bewegte
sich ruhevoll leise im Schlaf. „Pfü.“
"Hm,
schon, nicht ubel. Aber zeig mal noch die andere hier!" und der
Russe wies auf eine weibliche Gestalt, die auf der Bank gegenüber
ausgestreckt lag.
Der
Strahl der Lampe glitt fickrig über ein Antlitz mit nach unten
gekehrten Kopfchen, blond, so blond, mit gelösten, strähnigen
Haaren.
"Dreh
sie mal um! Da! So!" befahl Sologun und griff selber zu.
Doch
der Schaffner drängt ihn ab und faßte die Frau leicht rüttelnd an
der Schulter und zog sie leicht nach oben. Ein stupsnäsiges,
appetitliches Gesichtchen mit einem frechen Kinngrübchen kam zum
Vorschein.
"Niedliches
Geschopf", schmunzelte der Schaffner.
"Zwei
Treffer! Bring sie beide!" entschied der Russe und trat mit dem
Deutschen, der abwartend in der Abteiltür stehen geblieben war, den
Rückweg an.
"Ich
bringe noch Decken! Saubere!", beeilte sich der Schaffner. „Wird
zwanzig Dollar kosten. Oder dreißig.“
"Und
wenn die Frauen nicht wollen - was dann?" fragte der Schulbeamte
seinen Reisekumpan.
Der
Russe blieb stehen und zeigte lauschend zurück.
Sie
hörten noch die eifrig flüsternde Stimme des Schaffners: "Steh
auf, steh auf. Verstehen deutsch? Man sagt dir, du sollst aufstehen.
Die Herren warten nicht gerne vergebens. Bis zum Morgengrauen. Und
Geld gibt's hinterher von mir."
Nur
ein Stustündchen noch.
"Nun,
was sagen Sie?" Sakuskin grinste. "Auch wir konnen
organisieren - ganz wie die Deutsches."
Einmal
sah er ihr Gesicht vollauf erhellt. Er erblickte ihre rechte,
verkräuselte Ohrmuschel. Und er versuchte auf ihr ermunterndes
Lächeln zu antworten, auf ihre Geste hin zu lächeln, als sie mit
zärtlich vorsichtigen Fingerkuppen lockend auf seinen Mund zeigte
und die eigenen Lippen aufstülpte. ‘Irre, kuck einem Menschlein
ins die Ohrmuschel, und du kriegst keinen mehr hoch.’ Und von vorn.
Er sah ihr breites Lippenbändchen und ihre rosige Züngeln. Und
näherte sich ihrem Mund. Er genoß ihr Gesicht. Atmete tief den
Anblick ihres Leibes.
‘Darf
ein Mädchen so jung und so schön sein? In diesem Land, wo sie sich
verkaufen muß! Sie ist kaum älter als meine Tochter. So erblüht
zum - pfui, Freddy? Was willst du, mit ihr quatschen? -
Pute-Schnute!’
„Ju
kan kis mi“
Hat er
sie nicht verstanden? „What?“
„Ju
ar allaud, to kiss mi! Plies! Trei id! Värri, pliese!“
‘Schulenglisch,
nicht schlechta als meins!’
Sie
wartet mit einem Mund, der sich freut. Die Augen schließt sie. Und
schaut dann wieder aus den Höhlen ihrer Haut.
‘Aber
ich darf sie nehmen. Ich darf! Wer zahlt!’
„Schauen
Sie?“ Und speichelte schimmernd.
Ja.
Und!
Als
der Zug sich nach einem knappen Stündchen Sewerobaikalsk näherte,
reckte und streckte und tänzelte der Deutsche wie zu einem
Sommermorgen-Jogging, putzte sorgfältig seine Gläser, mit dem Ärmel
einer Seidenbluse, für die er noch zusätzlich bezahlt hatte. Feines
Stück, er roch nochmals. Parfüm genug, wie in Köln, Brüssel oder
Milano: leicht, herb und frühlingshaft.
Der
Kumpel, neben ihm, still, leerte sein letztes Madeirafläschchen und
warf es zum Fenster hinaus. Dann empfand er sich sehr sensibel: "Es
bleibt doch immer was wie ein Korkengeschmack im Mund. Post coitum
allemal russisches Leiden!“ Er spuckte aus. „Aber für den
Abschluß der Fahrt zum heiligen Baikalsee war es gut genug. Im
Sommer, mein Herr, ja, zur Sommerszeit, ja, im Hochsommer mussen Sie
unseren heiliges Meer erleben. Sagen wir Juli bis Mitte August.
Wissen Sie, wie groß das ist? Das reicht flott von Stuttgart bis
Hannover durch die deutschen Mittelgebirge, und 50 bis 60 km breit.
Na, ist das nicht ein unruhiges Herz, bis es ruhet im Mull, im Dreck
und in den Abwassern der Papier - und Zellulosefabriken. Aber, was
soll's jetzt, mein Herr! (Pause!) Diese Eisenbahnmietzen und
Flugzeug-Braute haben westlichen Schick. Ja, ja! Nicht ubel! Sie sind
aber etwas aus Holz, obwohl gefugig und voller Erwartungen an den
westliches Mann. Hast du genieß?“
Wartet
vergeblich.
„Ja,
aber war okay.“
Silentium?
Nein: „Sagte mir zuerst: Schauen Sie -?“
„Und
nicht mal dumm, wenn es ums Vogeln geht. Ja, mein Herr, ist so?"
"Ja,
und nicht zu teuer. Mit fünfundsiebzig ehrlichen Mark war meine
Anjuta schon zufrieden. Vorher! Als sie nachher mehr wollte, habe ich
ihr das leere Portmonee gezeigt." Er kicherte sanft: "Vertrag
ist Vertrag. Pah, das mussen die auch noch lernen, die Madchen! In
Charkow zahlte ich, damals das erste Mal, 200 Rubel, noch vor der
gloriosen Perestrojka. In Kaliningrad kann man die Preise drucken,
wenn Mann es nicht zu eilig hat. Zuvor schwatzen! Und versteht mit
einer Sonja-Frau zu verhandeln.“
„ Ja,
man wird in Zukunft in der Bahn fahren müssen, nur um Geld zu
sparen", und schloß gackernd Alfred der Deutsche das
Geschichtchen.
„Gut
nicht! Meine wollte mir doch erst ein Praservativ uberstulpen. Da hab
ich sie gedroht, sie fortzujagen und andere kommen zu lassen mir.“
Ach,
und so träumt der deutsche Hausaufgabenforscher und Biologe, indem
er, gestärkt in seinem Mannesmut, sanft hinausdämmert in die innere
Welt seiner Ideen, hätte ich doch meine Baikaltour in den
Sommerferien gemacht, da wäre es warm und viel bequemer gewesen! Mit
einer jüngeren Anjuta im heißen Sand auf den Uschkani-Inseln - und
gegenüber die Robbenstrände an der Halbinsel "Heiligen Nase"
mit ihrer Überfülle von biologischem Leben. Auf jeden Fall muß ich
aber im Sommer wiederkommen. Vielleicht entdeck ich eine spezifische
Unterart der Baikalrobbe. Anden Blumenkohlohren, supersüß
gefältelt, identifizierbar. Robbus baicalus cerstiensis! Haha!
Irgendwas Eigenes an den Außenohren oder dem Lippenbändchen. Da
würd ich noch eingehen in die Annalen der Naturgeschichte! Die
Kersjes-Robbe, Die ich nach meinem Namen benennen kann. Den Schülern
in den Unterricht mitbringen! Und in Dusburg - Quatsch nich, Freddy:
Düsbürg aussetzen. Mit Gewalt! Garantiert! Jetzt, in dieser Kälte
werden wir mit Traktoren und Lastwagen hinausfahren, zum Fischen und
zum Beobachten der Robben. Und im Sommer werden wir drei Robben
fangen und in den Duisburger Zoo bringen. Alles gut vorbereiten, daß
die Naturspinner keinen Wind davon kriegen. Sonst entfesseln die noch
eine Kampagne: Der Baikal ist heilig und steht unter dem Schutz der
UNESCO. Als Weltkulturerbe. Da darf nicht mehr, als schon passiert,
versaut werden.
„Schauen!“
flüsterte die Kleine! Jaja, weiß noch! Anjuta! „Schauen, junger
Herr!“ Ja! Sie hat mir ein Tattoo gezeigt. Als erstes. Links unter
der linken Brust. Anjuta-Nutella. War neger- äh, negroid! In den
Innenflächen hell, sogar mal bläulich! Irgendwie leuchtet’s da im
Dunkeln! Die aufgerissenen Pupillen, wenn ich suche? Hatte ich nicht
gesehen zuerst, das Bildchen. Am wunderlichen Hügelchen mit seiner
taubenbraunen, hohlen Warze, niedlich - nich anpäkk’n -
hochwachsend, spillerig, knittrig, ein bißchen: Tatsächlich:
Heinerich. Der germanische Heinrich. Der protestantische! Der
Dichter! Sein Porträt! Sauber und wie eine Briefmarke gestochen.
Heinrich! Der Heine eben! Dieses Bild mit 'ner regenbogenbunten
Papageienfeder im Haar. Kenn’ ich irgendwoher. Von ‘ner alten
DDR-Briefmarke? - Deklamiert die doch, lacht noch dabei: "Lächelnd
sie saßen und tranken am Klapptisch." "Na, gut:
Teetisch...! Oder?"
Und
ich wollte doch - doch mitmachen - harte Valuta austeilen. - Kuck
hin! Was macht die mit dir? - "Madchen, nicht weinen! Ah, was
gonn ich dir? Was vom guten Heine?" - "Zucka!" Ich
erschrak: "Zucker? " "No! Zuckaäbsen!" "Das
im sausenden Zug: "Die Zuckererbsen....! - wo krieg ich die nur
her? Meine Mutter hatte sie im Garten...
Der
Zug dreht sich in eine eeenge Kurve. Mein Magen meldet sich leicht. Ich
verdrehe mich. Er verlangsamt. Quietschend. Nicht hinhören!
"Was,
mein Hä-?"
Er
wieder!
„Z'ung
- wa - z'jung?"
"Ja,
zu jung, ja, das Weibchen!“ - Quatschen wir also! Inglisch könn’n
ju? - Und Heinrich? - Dein was? - Hier, schnief mal! - Dein - was?
So: Mei pätron-seint? - Was heißt das - sänt? - Seint?
*
Copyright
2001 by Stephan Reyntjes-Drissen