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Mittwoch, 16. November 2016

Ob Schiaparelli oder I k a r u s



                                                 Fontanes Arbeitszimmer in der Potsdamer Straße 
                                                    Aquarell von Marie von Bunsen, 1898 © Stadtmuseum Berlin



"Schiaparelli“ - Ach – das Gedicht ist von Fontane so betitelt „Ikarus“ - da darf Mann nicht verwechseln:
Wo wir im Westen Millionen – ja, wohl fünf Millionen – aus ihrem Lebenszyklus gerissen haben, dass sie auf Wanderung(en) gehen, ver-irren sich Tausende zu einem Wahn, sie könnten, sollen, müssten den Mars erobern. VerNarrte!


Theodor Fontane: [Schiaparelli]

Ikarus

Immer wieder dieselbe Geschichte:
Siege, Triumphe, Gottesgerichte.

Wem jeder Sprung, auch der kühnste, geglückt,
Der fühlt sich dem Gesetz entrückt,
Er ist heraus aus dem Alltagstrott,
Fliegen will er, er ist ein Gott;
Er fällt dem Sonnengespann in die Zügel, -
Da schmelzen dem Ikarus die Flügel,
Er flog zu hoch, er stürzt, er fällt,
Ein neu Spektakelstück hat die Welt,
Eben noch zum Himmel getragen ...
Apollo, zürnend, hat ihn erschlagen.

(E. 1890/91 - Aus: Th. F.: Gedichte. Große Brandenburger Ausgabe. Bd. 1. Gedichte. S. 51. Anm. S. 468f.)

. . . "Fliegen will er, er ist ein Gott" - 
 
Wo Fontane arbeitete – und große Parabeln über Brückenbauten, Dampfmaschinen oder Passagier-Schiffe schrieb – er konnte den authentischen BlödSinn seiner Zeit und ferneer Tage beschreiben, wie man sich  . . . zu Planeten aufmachen kann – um sich für vornehm und wichtig, technikgeil und für fortschrittlich zu halten. Wo UnSinn und ReLigio sich aufbieten – um ihrem Wahn genüge zu tun, da gelten Moratorien, die Fontane poetisch fasste...

Oh - Sonnengott - ach, du erbärmlicher Sonnenwagen - der RückSturz auf die S o n n e  ... wäre die genialste astrophysikalische EntGrenzung, die sich homines sapientes technici leisten könnten. 



(Von Hannes Binder ins Bild gesetzt: Friedrich Dürrenmatt: Der schachspieler.. Ein Fragment. Officina Ludi 2007)

P. S.: Beim Schiaparelli - besser 'Schiaparelli Lander' - war es bestimmt nicht das Wachs, das sich löste und den Absturz verursachte - Dürrenmatt hätte sicherlich eine Erklärung finden können, um den WahnWitz zu karikieren... 

- MutMaßlich menschlicher IrrSinn. 

Ob "Schiaparelli" oder I k a r u s



                                                 Fontanes Arbeitszimmer in der Potsdamer Straße 
                                                    Aquarell von Marie von Bunsen, 1898 © Stadtmuseum Berlin



"Schiaparelli“ - Ach – das Gedicht ist von Fontane so betitelt „Ikarus“ - da darf Mann nicht verwechseln:
Wo wir im Westen Millionen – ja, wohl fünf Millionen – aus ihrem Lebenszyklus gerissen haben, dass sie auf Wanderung(en) gehen, ver-irren sich Tausende zu einem Wahn, sie könnten, sollen, müssten den Mars erobern. VerNarrte!


Theodor Fontane: [Schiaparelli]

Ikarus

Immer wieder dieselbe Geschichte:
Siege, Triumphe, Gottesgerichte.

Wem jeder Sprung, auch der kühnste, geglückt,
Der fühlt sich dem Gesetz entrückt,
Er ist heraus aus dem Alltagstrott,
Fliegen will er, er ist ein Gott;
Er fällt dem Sonnengespann in die Zügel, -
Da schmelzen dem Ikarus die Flügel,
Er flog zu hoch, er stürzt, er fällt,
Ein neu Spektakelstück hat die Welt,
Eben noch zum Himmel getragen ...
Apollo, zürnend, hat ihn erschlagen.

(E. 1890/91 - Aus: Th. F.: Gedichte. Große Brandenburger Ausgabe. Bd. 1. Gedichte. S. 51. Anm. S. 468f.)

. . . "Fliegen will er, er ist ein Gott" - 
 
Wo Fontane arbeitete – und große Parabeln über Brückenbauten, Dampfmaschinen oder Passagier-Schiffe schrieb – er konnte den authentischen BlödSinn seiner Zeit und ferneer Tage beschreiben, wie man sich  . . . zu Planeten aufmachen kann – um sich für vornehm und wichtig, technikgeil und für fortschrittlich zu halten. Wo UnSinn und ReLigio sich aufbieten – um ihrem Wahn genüge zu tun, da gelten Moratorien, die Fontane poetisch fasste...

Oh - Sonnengott - ach, du erbärmlicher Sonnenwagen - der RückSturz auf die S o n n e  ... wäre die genialste astrophysikalische EntGrenzung, die sich homines sapientes technici leisten könnten. 


(Von Hannes Binder ins Bild gesetzt: Friedrich Dürrenmatt: Der schachspieler.. Ein Fragment. Officina Ludi 2007)

 Nu - warum Friedrich Dürrenmatt ... als Autor, als Denker? Wer die "Die Physiker" kennt, mag Vergleiche über Welten und WeltRaumKörper und  WeltRaumWahnlinge kennen.

P. S.: Beim Schiaparelli - besser 'Schiaparelli Lander' - war es bestimmt nicht das Wachs, das sich löste und den Absturz verursachte - Dürrenmatt hätte sicherlich eine Erklärung finden können, um den WahnWitz zu karikieren... 
- MutMaßlich menschlicher IrrSinn. 

Was "m e n t a l" bedeuten könnte

Vom Mentalen in der Druse

... „mental“ betrachtet...

Gesucht – das Mentale:

Mental ist eine Missgeburt, eine Frühgeburt ärztlicher und physioloigscher, man dar sagen 'sportlicher' oder sportiver Aktivität(en).

Eine der frühesten Verwendungen, der sog. Frühgeburt eines Wörtleins, fand ich hier, bei ihm, dem Soziologen, der nie genau wusste, wovon er reden wollte:
Nikoklolaus Luhmann:
„Eine der Folgen dieser mit dem Namen Descartes verbundenen Bifurkation von ausgedehnten und mentalen Existenzen ist der Verzicht auf die Vorstellung einer Weltrationalität mit der Konsequenz, daß sich eine extrem unruhige Kultur des Gegenangehens entwickelt.“ (Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997, S. 411)

Ergo: BifurKATION seiner Selbst im Gesellschaftlichen seiner Gesellschaft...

Obacht, im Mentalen:
 C.G. Jung und Max Weber habe ich hier mal mental unterschlagen; sie argumentieren mit dem Begriff:

„Da ich der Ansicht bin, daß der Begriff der mentalen Reaktionsgeschwindigkeit wissenschaftlich bei weitem noch nicht geklärt ist, und es bis jetzt keineswegs nachgewiesen ist, auch kaum nachzuweisen sein wird, daß die Reaktion nach außen rascher erfolgt, als die nach innen, so scheint mir die raschere Erschöpfung des extravertierten Entdeckers wesentlich auf der ihm eigentümlichen Reaktion nach außen zu beruhen.“ (Jung, Carl Gustav: Psychologische Typen. In: ders., Gesammelte Werke, Bd. VI, Zürich u. a.: 1921)

Ein bisschen Pfusch muss sein!
Oder Wissen?
Nur Rudolf Eisler lieferte die Quelle des mental Mentalischen, das Englische:

„Die Psychologie ist nach S. die Wissenschaft vom seelischen Prozeß (»science of mental process«).“ (Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. In: Bertram, Mathias (Hg.) Geschichte der Philosophie, 1912)


Was ist das 'Geistige', das 'Kognitive', das 'Psychische', das „menal“ genannt werden musste? Man müsste die Mentalisten fragen.
Natürlich wurde auch Freud – bei der Übertragung ins Englische so behandelt.
Hat er auch verdient, wenn er vom Geistigen spricht:



Es ist keine Traumdeutung, wenn man das als Kriegshysterie benennt, als Präperation der K.:
"The profound emotions of waking life, the questions and problems on which we spread our chief voluntary mental energy, are not those which usually present themselves at once to dreamconsciousness.“ (Freud, Sigmund: Die Traumdeutung, Leipzig u. a.: Deuticke 1914 [1900], S. 14)


Schnüffeln Sie mal, wie dieser Satz in der Freuds „Traumdeutung“ von 1900 hieß, auf Deutsch eben..

Montag, 26. September 2016

Heinrich B ö l l II: "Ansichten ..."

Böll I I

                                              Heinrich Böll mit Helmut Griem (als Clown Hans Schnier) Foto: Agentur Aurora)


Ei konischer heiliger....
Pardon:

Ein komischer H e i l i g e r  …  der H a n s  S c h n i e r -

Oderoder:
Bölls poetische Intelligenz (Joachim Kaiser)


Joachim Kaiser: Bölls neuer Roman. [Einführung zum Vorabdruck des Romans.]

    - am Palmsonntag April 1967 zu lesen in der Süddeutschen Zeitung -

Man darf sich nicht täuschen lassen: weder von dem etwas beiläufigen Titel Ansichten eines Clowns noch von dem ganz und gar unfeierlichen, oft lakonischen, heiter-gescheiten Tonfall, mit dem hier erzählt wird. Darf sich nicht täuschen lassen von dem flüssigen, mitunter hemdsärmeligen ParIando, das mit grimmigem Realismus hinter üppigen Posen die Wichtigtuerei entdeckt, hinter großen Worten die modische Unaufrichtigkeit, hinter verkrampften Gesten die Flachheit - das aber auch Erbarmen kennt für die kleinen Sünden, Mitgefühl für Menschliches, Sympathie für Schwachheit und Armseligkeit. Heinrich Bölls neuer Roman, der den Krisentag eines Clowns (monogam veranlagt, aber allein gelassen) beschreibt, ist ein bewegendes, strenges und schweres Buch geworden. Der 45jährige Schriftsteller hat vielleicht niemals exzentrischer Position bezogen als hier bei dieser Bewußtseinsinventur eines Scheiternden.
Nie spricht Böll selbst. Immer, bis ins winzigste Detail hinein hört man seinem Clown (»offizielle Berufsbezeichnung: Komiker«) zu. Die kurzen Stunden der Handlung, in einem einzigen inneren Monolog sich ausbreitend, sind erfüllt von Begegnungen, Telephongesprächen und einem dichten Gespinst grandiosen Sich-Erinnern-Könnens. Der Starrheit großer, zudeckender Worte setzt Böll das phantastische Leben unbesiegbarer Einzelheiten entgegen. Obwohl die Kirchlichen, die Vergangenheitsbewältiger, die Selbstzufriedenen genauso wie die DDR-Funktionäre und die »kleinen Leute« oft Ungeheuerliches, Schockierendes, Erbitterndes und manchmal notwendig »Ungerechtes« zu hören bekommen, kann man den Roman wahrlich nicht auf die gängige Formel festlegen, er übe scharfe Gesellschaftskritik. So leicht läßt Bölls Position sich nicht umreißen und möglicherweise attackieren. Da spiegele sich vielmehr in einem zugleich reinen und asketischen, schamlosen und unbeirrbaren Außenseitertemperament die Welt zu deren Lebensvoraussetzungen es doch gehört, daß sie sich die Konsequenz vollendeter Askese oder Schamlosigkeit, unbeirrbarer Vernunft oder strahlender Idealität nicht leisten kann. Dieser Clown verlangt von seiner Umwelt nicht weniger, als ein Kierkegaard von seiner Kirche forderte. Kein Wunder, daß Kierkegaards Name ein paarmal, wenn auch in belanglosem Zusammenhang, fällt.
Heinrich Böll, der Poet unserer dunklen Jahre, ist mehr als nur ein erstklassiger Schriftsteller. Er ist zum - von vielen gehaßt, von vielen aber auch leichtfertig verklärten - Symbol für die Existenz eines leidenden und beschädigten Deutschland geworden. Eines Deutschland, das sich weder über Terror und Finsternis mit elegantem Schlenker hinwegsetzt, noch aus Leistung und Luxus eine fröhliche Ideologie des „Wir sind also noch einmal davongekommen“ zurechtzimmert. Böll sucht Ausflucht weder in trostleerer, moralistischer Besserwisserei (die niemandem hilft) noch in gebildetem Feinsinn, der so tut, als könne man anspielungsreiche Romane einfach von jenem Punkt aus weiterschreiben, wo die Reichsschrifttumskammer eine zufällige Unterbrechung erzwang. Seine Romane schleppen Lasten - wenn auch noch nie so verzweifelt leichtfüßig wie in diesen Causerien eines betroffenen Clowns. Böll nimmt es mit unserem Schicksal auf. Deshalb hat die literarische Welt (nicht bloß die Welt der Literaten) schon früh gespürt, daß er Besonderes, Verbindliches, ja Einzigartiges zu sagen hat. [...] Bölls poetischer Intelligenz entgeht die Bedeutungslosigkeit des modischen Nonkonformismus genauso wenig wie die Heillosigkeit bloßen Weiterrnachens. Bölls Leitmotive sind nicht Pointen, die durch Wiederholung abgenützt würden, sondern Symbole für den ewigen Zusammenhang zwischen Alltäglichstem, Schuld und Sühne. Nur er konnte jenen.unliebsamen Priester ersinnen, der sich befremdend oft auf die BergpredIgt beruft (»Vielleicht wird man eines Tages entdecken, daß sie ein Einschiebsel ist, und wird sie streichen«). Nie hat Böll sich seiner Mittel souveräner bedient und trotzdem den Kampf mit Scheinchristentum und Hartherzigkeit verbissener geführt als ~ diesen Ansichten eines Clowns, über deren literar-ästhetischen Rang die Fachkritik noch zu befinden hat. Mit einer Inständigkeit, welche die Monotonie nicht zu scheuen braucht, kreisen die Gedanken des Clowns Hans Schnier um sein Schicksal und die, die es ihm bereiteten. Schnier entstammt einem steinreichen rheinischen Industriellenhaus. Weit beunruhigender noch als die ebenso asketischen wie gewagten Ansichten über Ehe und Liebe die dieser Clown zur Beunruhigung einer eher auf ausgleichend-freundliches Gewährenlassen bedachten kirchlichen Umgebung hegt, müßte die grimmige Fixierung des Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn wirken. Böll beschreibt nicht - was ja einfach natürlich- und unausweichlich wäre - einen bloßen Generationskonflikt. Wir nehmen vielmehr teil an den Gedankengängen eines Sohnes, der es seiner Mutter nicht verzeihen mag, daß sie einst völkisch und unmenschlich war, und der jetzt nur Hohn dafür aufbringt, wie fabelhaft demokratisch und versöhnungssportlich sie sich gibt. Der Vater war feige und reich und vielleicht gutmütig. Alle Mühsal, die zwischen Vater und Kind sein kann, fließt in den hoffnungslosen und verkrampften Dialog zwischen ihm und dem Sohn. Dafür entsteht ein hinreißendes, wahrhaft poetisches Bild der Schwester Henriette, die in einem sinnlosen »Einsatz« umkam.
Ja, der Erzähler kann es sich leisten, auch Banales, Einfaches, Unoriginelles in diesen unliterarischen, wirklichkeitsgesättigten Kosmos hineinzunehmen. Ihm gerät alles gleichsam unter der Hand in epische Bewegung. Wo andere nur schreiben könnten: »Ich bin sehr viel gereist«, da entwirft er schon in den ersten Absätzen das zwingende Bild einer monotonen Ankunfts- und Abreiseexistenz. Bölls erfüllter, oft schneidender Realismus hat eine ungemeine charakteristische Folge: Während katholische Schriftsteller oft nur zu gern und zu leicht die irdischen Gegebenheiten transzendieren, um metaphysische Pointen auf Wirklichkeiten antworten zu lassen (der Hinweis auf Gottes Größe schließt sich etwa bei Claudel und Graham Greene oft donnernd an den Aufweis irdischer Nichtigkeit), geht Böll in den Ansichten eines Clowns den umgekehrten Weg. Gerade weil seine Welt erfüllt ist von einer schwer beschreiblichen und doch allenthalben spürbaren, in tausend Vergleichen und Assoziationen und Fragestellungen sich offenbarenden Katholizität, verwirft der Clown die rauschhafte Metaphysik, auf die man sich ausreden möchte, die erbauliche Phrase, die beruhigende Erklärung und Verklärung. Sein Realismus ist frei von jeder aufklärerischen oder desillusionistischen Attitüde. Begütigend und feststellend legt er dafür die Hand auf Natürliches, Winziges, Armes. Die Geschöpflichkeit des Menschen wird von einem unbarmherzigen Samariter gegen alle festrednerhafte Beschönigung verteidigt.
So entstehen eminente Schilderungen menschlichen Versagens, familiären Streitens, skurrilen Rachenehmens, aber auch Augenblicke eines überwältigenden, furchtlosen Jasagens zu einer Liebe, die irdisch und heilig ist. Alles das scheint getragen von rheinischem Tonfall, obwohl Böll natürlich auf jede Dialektnachahmung verzichtet. Der Clown hat überdies einen unfellbar wachen Sinn für typische Redensarten, nagelt die Phrasen fest. Er macht dabei nicht - und das ist gewiß typisch für berufsmäßige Komiker im mindesten „Witze“, zumal sich ihm ohnehin und von vornherein das meiste beim bloßen Aussprechen schon zu sanft-ironisch-pointierter Beobachtung steigert. Selbst beiläufige Ansichten werden im herrlich lakonischen, phrasenfernen Tonfall jemandes vorgetragen, der zu viele Augenblicke im Kopf hat, zu viele Details und Winzigkeiten, um an irgend welche Klassifizierungen noch im mindesten glauben zu können.
Ein säkularisierter Kierkegaard erzählt also eine Geschichte aus dem 20. Jahrhundert. Seine bodenlose Aufrichtigkeit läßt fast alle anderen in heillosem Lichte dastehen: Sie werden zu Spießern, Schönrednern und Feintuern, zu Verlorenen, die (wie er selbst) der Gnade bedürfen. Einmal heißt es von jemandem, alle hätten ihn »fanatisch“ genannt, obwohl der Betreffende doch gar nicht fanatisch gewesen sei, sondern immer nur konsequent. Wer die Ansichten eines Clowns ernst nimmt, wird kaum der Frage ausweichen können, ob Konsequenz in unserer Welt nicht notwendig in Fanatismus umschlägt.
(Süddeutsche Zeitung, München, 6./7.04.1963. (Abdruck nach H.B.: Ansichten eines Clowns. Kölner Ausgabe. Bd.13. Köln 2004. S. 264f.)

In dieser Einleitung zum Roman erfährt man mehr an Substanzieellem von "ansichten eins Clowns" als aus vielen anderen Einlassungen (ob von Augstein, Reich-Ranicki .. Baumgart ...) - Kaiser benennt die wichtigen Grundthemen, die in dem Roman vibrieren: Liebe oder <andere> Ordnungsprinzipien im Katholiszimus - soziale Bedingtheiten im rheienischen Kapitalismus - Nachkriegsbedingunnen - Nazi-Vergangenheit(en) ...



Böll ... "Die Besten im Westen":

Authentisch & berührend & für Menschen mit einem Böll-Faible ...  wg. der Gerechtigkeit des Autors. .

Donnerstag, 22. September 2016

Böll Roman 'Ansichten eines Clowns'





Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ ist vor mehr als 53 Jahren erschienen. Das Liebespaar Marie Derkum und Hans Schnier leidet unter denselben Ehegesetzen und Kirchenstrukturen, wie sie auch noch heute im Jahren 2016 als Dogmen gelten: Zweckbindung der Sexualität, Fixierung von Frau und Mann auf die Fortpflanzung, Scheidungsverbot; für die Priester: Verpflichtung auf das Zölibat, auf die patriarchalische Geistlichkeitstilisierung. - Der frech anarchische Clown Schnier hat Erbarmen mit den Kirchenmännern. Er imaginiert Gespräche mit dem Papst Johannes XXIII., zum tragischen Endpunkt seiner Karriere setzt er sich auf die Stufen des Bonner Bahnhofs und singt zur Guitarre: „Der arme Papst Johannes...“

Heute im Jahre 2016 und später könnte der Clown als Christ auch singen: “Der arme Papst Franciscus...“ - Es wäre nicht nur ein Ehren- , sondern auch wahrer Titel.

 

Brief … an Papst Franziskus:


Diesen Brief möchte ich nach Rom, in den Vatikan senden – und auf den bedeutendsten Roman von Heinrich Böll aufmerksam zu machen, der auch mehr als 50 Jahre nach seinem Erscheinen ein bedeutsames Leseerlebnis sein kann. Insbesondere in den Tagen der global sprechenden Bischofssynode.



Heinrich Böll schreibt im Jahre 1963 auf mehreren Ebenen, geprägt von seiner Barmherzigkeit:

  • auf der sozialen Ebne der Nachkriegszeit,
  • und vieler volkssprachlicher, ja auch märchenhafter Elemente.
  • auf der ethischen Grundlage eines Ur-Christentums.

Ich bitte den Heilgen Vater, diesen Roman zu lesen oder lesen zu lassen – oder um auf Heinrich Bölls Anliegen des sog. Rheinischen Katholizismus aufmerksam zu machen, deren Liebespaar Hans und Marie die beispielhafte Intention eines Liebespaares der 60er Jahre vertreten: … gescheitert vor mehr als eine Generation – an Lieblosigkeiten in Familie und Geistlichkeit.


Böll gibt dem Roman ein Motto: „Die werden es sehen, denen von Ihm noch nichts verkündet ward, und die verstehen, die noch nichts vernommen haben.“

Böll zitiert hier nach Jesaja 52,15 (AT) und Römer 15,21 (NT). In der Einheitsübersetzung der Bibel lautet der Text des Römerbriefs: »Sehen werden die, denen nichts über ihn verkündet wurde, / und die werden verstehen, die nichts gehört haben.« (Heilige Schrift. Stuttgart 1980.) Das Motto ist, wie Böll in seinem Nachwort zum Roman von 1985 ausdrücklich bemerkt, als »Schlüssel« zu verstehen. Jesaja, der judäische Prophet, spricht in diesem Bibelwort von der Bekehrung der Ungläubigen, der »Heiden«. »Jesaias wie Paulus werten die 'Heiden' (die heute gerne blank und ehrlich „Völker“ genannt werden) gegenüber der Geringschätzung, mit der sie zu ihrer Zeit betrachtet wurden, bewußt auf.“ (In der Neuausgabe des Romans. Köln 1985 (oder in der KA. Bd. 13. 2004), S. 411)


So wie Böll im Jahre 1963 den Bruder Papst Johannes XXIII. im Roman zitierte – so könnte er heute den Barmherzigen Papst Franciscus zitieren ... mit jedem Wort aus seinem Munde …

Die Botschaft an die Hirten, in „Amoris Laetitia“ (2016;): „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in 'irregulären' Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. ...“ Oder:

„Einer pastoralen Zugehensweise entsprechend ist es Aufgabe der Kirche, jenen, die nur zivil verheiratet oder geschieden und wieder verheiratet sind oder einfach so zusammenleben, die göttliche Pädagogik der Gnade in ihrem Leben offen zu legen und ihnen zu helfen, für sich die Fülle des göttlichen Planes zu erreichen, was mit der Kraft des Heiligen Geistes immer möglich ist.“ (* 297. In: „Amoris Laetititae“. Buchausgabe. 2016, S. 248)

*

An solchen Sätzen hätte Böll in seinem Stil - lat. stilus – mit seiner Schreibhand sicherlich Korrekturen vorgenommen: „Irreguläre Situationen“ … - für ihn war sein gesamtes Personal real und wahrhaftig; er war persönlich für die Figuren in Freud und Leid verantwortlich. „Amor sit ...“ - Böll hätte sicherlich das „Miserando atque Eligendo“ („durch Erbarmen erwählt“) des Papstes Franciscus auch für seine humane Poesie beanspruchen können.

Böll 1959: „Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später.“ - Priestern, Bischöfen, Päpsten sind immer alle Worte schon vorweg-gegeben. Franciscus Apostolat der Barmherzigkeit … ist der erste Casus misericordiae clericalis. Böll hätte sich der fraternitas als Nomen femininum, nicht verschließen mögen. Es ziert ein Wahlspruch das Wappen des Papstes: „miserando atque eligendo“ - „durch Erbarmen erwählt“.


Böll leistet auch eine Anknüpfung an die deutsche Märchentradition: „Sternthaler“. Hier stehen die Märchen der Brüder Grimm volkskundlich Pate. Das Märchen heißt in der ersten Fassung „Das arme Mädchen“; spätere Ausgaben tragen die Überschrift „Die Sternthaler“, so dass die Beglückung des Kindes als eine gläubige Erfüllung gesehen werden kann, nicht nur durch die Erscheinungen des Nachthimmels, sondern auch als Gnade und Barmherzigkeit einer höheren Macht. Wir wissen heute, dass zwar der Glaube an solche Erscheinungen wichtig ist, die Erfüllung als Veränderung einer erbärmlichen Not aber durch menschliche Barmherzigkeit bedarf, um seelische und leibliche Nöte zu beheben.

So summiert Böll (S. 418) als Forderung seiner Geliebten die „Diagonale zwischen Gesetz und Barmherzigkeit“:

Wer die persönlichen und intimen Sorgen zwischen der Geliebten Marie und dem Clown Hans Schnier liest und nacherlebt, erfährt nicht nur die katholisch seelsorgerischen Querelen der 60er Jahre im Roman, sondern noch heute die Kerndifferenzen der heutigen Gesandten, die in Rom über die Fragen und Ewigkeiten familiärer Seelsorge beraten wollen, eine Bischofssynode derer, sich sich als Gottes-Künde anmaßen, statt barmherzig-liebesvoller sich den Menschen zu öffnen, um deren Heil zu erfahren. Bölls liebevollem Verständnis für Menschen, ob Laien, ob Priester, sollten sich die RatSchlagenden in der Familiensynode vergewissern. Er, der Autor und Prophet, würde an sie aber auch die Forderung stellen: Verständnis, Vertrauen und Verbot von Dogmen. 

 

Auch für Menschen, die sich egal, wann und wie und wo „grün .. und emanzipiert .. nannten – eine kleine Lehrstunde aus den Jahren 196263


Ein besonderer Moment bietet die Erinnerung an seine Schwester, die von der Mutter in der Endkriegszeit an die Front geschickt wurde:



Hans erinnert sich häufiger an sie, als die Mutter sich schon lange die Erinnerung verbeten hat:

Henriette mit blauem Hut und Rucksack. Sie kam nie mehr zurück, und wir wissen bis heute nicht

, wo sie beerdigt ist. Irgendjemand kam nach Kriegsende zu uns und meldete, daß sie »bei Leverkusen gefallen« sei.

Diese Besorgnis um die heilige deutsche Erde ist auf eine interessante Weise komisch, wenn ich mir vorstelle, daß ein hübscher Teil der Braunkohlenaktien sich seit zwei Generationen in den Händen unserer Familie befindet. Seit siebzig Jahren verdienen die Schniers an den Wühlarbeiten, die die heilige deutsche Erde erdulden muß: Dörfer, Wälder, Schlösser fallen vor den Baggern wie die Mauern Jerichos. (Kapitel 4)



In den Erinnerungen und Gesprächen Schniers wechseln häufig die Ebenen; wo gerade vom Bergbau – dem Aktien-Reichtum der Schniers - gesprochen wird – geraten wir in biblische Kontexte... - und umgekehrt ...



Der gesamte Roman als pdf-Datei:




Und der sehenswerte Film, der auf einige Besonderheiten des Clowns verzichtet (z. B. seine telepathische Geruchsfähigkeit bei seinen Telefonaten):

 Hans Schnier (Helmut Griem) trifft seinen Bruder auf dem allen Bonner Friedhof:

 

  http://www.cinema.de/film/ansichten-eines-clowns,1309893.html

Ein echtes, bewegendes Dokument!