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Dienstag, 10. September 2019

Mörike-Spuren bei Wilhelm Lehmann

Vor Spiele:

Mörike-Spuren ... bei Wilhelm Lehmann:


Von der Vring:

Wiederzukommen,
Neu zu erfahren,
Was uns genommen
Bei jungen Jahren.
(Aus: Die Lieder des Georg von der Vring. Albert Langen, Georg Müller Verlag, München, S.57)

Von der Nachwirkung Mörikes zeugen die Werke dieser [gemeint: jungen deutschen … der 50/60er Jahre] Dichter auch dort, wo sie (wie in der wortkargen, geheimnisvollen Lyrik Wilhelm Lehmanns) nur von ferne an die Sehweise des großen Schwaben, an sein Wissen um die Dinge erinnert.

»Mörike«, schreibt mir [S.S. Prawer] Wilhelm Lehmann, "hat mich nicht etwa in eine bestimmte (andere, von mir aus gesehen) Richtung gewiesen, sondern mich, meine Neigung bestätigt .

So warmen Fußes, Sommergeist,
Daß unter dir das Eis zerreißt -
Verheißung, und schon brenne ich,
Erfüllung, wie ertrag ich dich?
(Wilhelm Lehmann, „Ahnung im Januar“)

Das scheue und zu den Elementen hin zitternde Lebensgefühl, das sich in solchen Versen ausdrückt, ist dem Eduard Mörikes zutiefst verwandt.
In: Prawer, S[iegbert] S[alomon]: Mörike und seine Leser. Versuch einer Wirkungsgeschichte. Stuttgart 1960. S. 96. - Prawer gibt keine genauen Daten, keine Angaben zu dem Brief Lehmanns; er merkt an:

* *

Trotz mancher Anklänge hält es aber schwer, den »Einfluß« Mörikes auf die neuere Dichtung zu ermessen.
Wir wissen zum Beispiel, daß HofmannsthaI gern Mörikesche Gedichte vorlas: wieviel ist .aber von der Gefühlswelt und der Rhythmik Mörikes in seine Gedichte übergegangen? Wieweit ist etwa „Vorfrühling“ den »Wind«-Gedichten Mörikes verpflichtet? Gehen nicht Rilkes »Dinggedichte« .zuletzt auch auf die Mörikeschen Dinggedichte zurück, mit denen sie so gern verglichen werden? Und hat sich nicht selbst ein so »unMörikesches« Werk wie Trakls „Abendland“ zuletzt auch an den freien Rhythmen von Mörikes „Äolsharfe“ geschult?



- Trakl, Nossack...

#
O des Knaben Gestalt
Geformt aus kristallenen Tränen,
Nächtigen Schatten.
Zackige Blitze erhellen die Schläfe
Die immerkühle,
Wenn am grünenden Hügel
Frühlingsgewitter ertönt.
(Georg Trakl: Die Dichtungen. Otto Müller Verlag, Salzburg 1938, S. 171)

Von „Einfluß“ im gewöhnlichen Sinne ist hier nicht mehr zu reden - aber Mörikes eigentümlich schwankende Gefühlswelt und subtile Rhythmik haben soldie Dichtung gewiß mitbestimmt. Nun darf natürlich nicht geleugnet werden, daß die heutige Dichtung durch eine tiefe Kluft von Mörike getrennt ist - wie ja auch die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts Dinge er leb t haben, von denen die des neunzehnten höchstens einmal angsterfüllt träumten. Nach dem Naturalismus und der Neuromantik, nach dem Expressionismus, dem Surrealismus und der neuen Sadilldikeir, nach Rilke, Eliot, Valery, Lorca und Gottfried Benn kann der moderne Dichter kaum mehr auf Mörike zurückblicken. »Nadi meinem persönlichen Dafürhalten«, schreibt mir deshalb Klaus Demus, dessen Urteil sich audi andere Dichter unserer Zeit (darunter Günter Eich, Karl Krolow und Ilse Aichinger) anschließen, »sehe ich keine Möglichkeit einer Beziehung zwischen Mörike und der modernen Dichtung. . .. Nein, im kann nicht sehen, daß Mörikes Dichtung von ihrem Ort aus weiterwirken könnte.« Und trotzdem wirkt sie weiter! Wenn auch von unmittelbarem »Einfluß« nur wenig die Rede sein kann, so ist doch gewiß, daß, wie es Hans Erich Nossack ausdrückt, »kein Deutscher, der Verse schreibt, ohne die Mörikeschen Zeilen: -Gelassen stieg die Nacht ans Land- oder -Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen- oder ohne -Orplid- zu denken ist«.3 Unerwartet leuchten in Iosef Weinhebers -Du bist Orplid- 4 und in Gottfried Benns späten Gedichten Mörikes Visionen als ungestillte Sehnsucht auf, als verlorenes Gut, das es wieder zu erringen gilt:


Wilhelm Lehmann:
EDUARD MÖRIKE
Text zur Schallplatte: „Eduard Mörike. Eine klingende Anthologie“. Christophorus Verlag Freiburg.
(e: 1961; ED in W. L.: GW. Bd. 8, S. )

Am schnell verrauschenden Strom der Zeit bilden sich immer wieder Uferstellen, an denen der eilige Mensch entzückt stehen bleibt, in einer Zeitlosigkeit zu verweilen, die sein Leben erfrischt. Die Dichtung Eduard Mörikes bedeutet eine solche Stelle. Alle Kunst setzt uns in den Stand, über dem Schweren leicht zu werden. Im Leben Mörikes gab es viel Qual; er wurde deren Herr mit Hilfe der Dichtung. Wir nennen heute Kunst, die das Innere erschüttert, existentialistisch: ihr [sic!] steht das Dasein auf dem Spiele. Kunst als höchster Lebensernst war das Ergebnis unserer klassischen Epoche gewesen. Einer alteingesessenen schwäbischen Bürgerfamilie entstammend, 1804 in Ludwigsburg im Neckartal geboren, reicht Eduard Mörike also noch in die Klassik und erlebt die späte Romantik als Gegenwart. Der Neunundzwanzigjährige bekennt dem sechzigjährigen Ludwig Tieck »unbedingte Hingebung und immer neue Bewunderung«. Als Schüler, als Student ergeht Mörike sich, nach ungetrübter Kindheit, mit vertrauten Freunden in Märchenphantasien. erfindet Orplid, das „Land, das ferne leuchtet“, ergötzt sich an Puppenspielen und will das Klaviera] aufs freie Feld schaffen, um in der Nacht darauf zu spielen. War es Goethes Tat, in allen Dingen auf das individuelle Erlebnis auszugehen, schwelgte die Romantik vollends in der Ungehemmtheit des persönlichen Lebens. Aber wenn Goethe den Überschwang der Romantiker beklagte: »Das will alles umfassen und verliert sich darüber immer ins Elementarische«, so bewahrte vom Klassischen her die Form Mörike vor dem Zerfließen in die Naturseligkeit. Daß er dies vollendet darstellt, macht seine Bedeutung aus. Er steht „dem Eindruck naher Wunderkräfte offen, / Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft / Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft“. Er lauscht den Erscheinungen und hört: »Horch! auf der Erde feuchtem Grund gelegen, / Arbeitet schwer die Nacht der Dämmerung entgegen«, und» Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift / Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft!« Er findet das beschwörende Wort von »der Erdenkräfte flüsterndem Gedränge« und preist den Fluß, der ihn „mit Liebesschauerlust“ kühlt. Heidnisches und Christliches streiten sich um sein Wesen. Als amtierender Pfarrer ist er nie glücklich, gerade weil Lieder wie „Wo find ich Trost?“ und „Neue Liebe“, Seufzer aus gepreßter Brust, offenbaren, wie nahe ihm das christliche Mysterium ist. Er fürchtet überhaupt den Aufruhr der Gefühle, sie möchten ihn zerschmettern: »Wollest mit Freuden / Und wollest mit Leiden / Mich nicht überschütten« (wobei »vergnügt“ in der ersten Strophe den alten Sinn 'begnügt' trägt).

Der Begriff des »Biedermeiers« besagt hier gar nichts; Innigkeit, das wäre die schlüssige Bezeichnung. Nur Oberflächlichkeit glaubt, Mörikes Kunst als spielende Anmut ausreichend gekennzeichnet zu haben; es braucht nicht erst der Vertiefung durch Hugo Wolfs Kunst, das zu offenbaren. Es gibt harmlose, freundliche Naturen, denen zerstörerische Leidenschaften fernbleiben; liebenswürdige Zugänglichkeit kostet sie nicht viel. Mörikes Seelengrazie jedoch ist Sieg über das Chaos des aufgeregten Innern. Sie wird ihm zur Sprachgrazie. Das ist sein Triumph. Er hat das Jauchzen erfüllter, die Pein enttäuschter Liebe gesungen („Ein Stündlein wohl vor Tag“, „Das verlassene Mägdlein“). Ihm selbst hat die irdische Liebe mehr Leid als Glück gebracht. Den Studenten der Theologie stürzt die Begegnung mit einem noch heute rätselhaft gebliebenen Mädchen von großer Schönheit - halb verlorenes Kind, halb Nymphe - in selig-unseligen Wirrwarr. Die Peregrinalieder, voll von Mignonklängen, bezeugen es. Als Vikar eines schwäbischen Dorfes verlobt er sich mit der sanften Luise Rau, einer Pfarrrerstochter. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse, die sein Leben lang unsicher bleiben, mehr noch seine religiöse Haltung machen eine Bindung unmöglich. Er heiratet 1851 Margarethe von Speeth, zwei Töchter werden geboren, nach zweiundzwanzig Ehejahren wird eine Trennung nötig. Unentbehrlich bleibt ihm die Schwester, Klärchen, bleiben Freunde, darunter der „Urfreund“, der gleichaltrige Pfarrer Wilhelm Hartlaub. Der Siebzigjährige schreibt: „Der beste Trost, der uns noch bleibt, sind unsere Freunde.“
Mörike ist auch ein zuweilen karger, zuweilen überströmender ausgezeichneter Briefschreiber gewesen. Allein die Briefe an Wilhelm Hartlaub machen in der Handschrift fünf robuste Bände aus. Alle seine Erlebnisse legt er in dem Roman „Maler Nolten“ nieder, einem Zauberbuche, das Wirklichkeit und Traum zusammenbildet. Es erscheint im Todesjahr Goethes. Wir müssen es in der ersten Fassung lesen,wiewohl der Verfasser sie nicht wiedergedruckt wissen wollte.
Ludwig Bauer, der Jugendfreund, hat Mörike als Verkörperung der Poesie empfunden. Mörike war eine scheue, sehr zarte, viel kränkelnde, gleichwohl zähe Natur. An dem erst Einundfünfzigjährigen entdeckt Theodor Storm bereits »verfallene Züge«. Gewisse Einflüsse trotzig abwehrend und nie weichlich, spricht Mörike selbst von »dem unglaublich verzärtelten Gang meines inneren Wesens«1. Er hatte anderes zu tun, als in die politischen Vorgänge seiner Zeit einzugreifen, aber er beachtete sie wohl. Shakespeare, Goethe, Jean Paul, Lichtenberg liebend zugetan, sucht er in Zeichnen, Malen, Schnitzen, Töpfern, im Sammeln von Münzen und besonders Versteinerungen, im Hegen von Tieren und Pflanzen Erleichterung seiner schwierigen Existenz. Die Musik bedeutet ihm das größte Wunder. Mozart wahrhaft geistähnlich, schreibt er die Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“, eine Herrlichkeit unserer Prosa. Sie schildert einen sonnigen Tag im Leben des Bewunderten. Die Baßsaite des Todes durchdringt die Helle. Ergriffen hören wir zu. Wir Heutigen sind empfindlich gegen Abschilderung musikalischer Vorgänge in poetischer Weise; aber es trifft uns, wenn der Choral „Dein Lachen endet vor der Morgenröte“ aus Mozarts „Don Giovanni“ von Mörike so wiedergegeben wird: „Wie von entlegenen Sternenkreisen fallen die Töne aus silbernen Posaunen, eiskalt, Mark und Seele durchschneidend, herunter durch die blaue Nacht.“ Die Novelle endet in die todesbangen, todesgewissen Verse: „Ein Tännlein grünet wo.“
Alles Gestaltete ist heiter, und noch die betrübteste Melodie tröstet. Die Melancholie hat sowieso die Heiterkeit zur Schwester. Mörike kennt auch das Behagen Goetheschen Charakters. Die Poesie arbeitet der Flucht der Erscheinungen entgegen, hält mit liebender Hand Dinge, Situationen, Ereignisse, Wesen fest. Gegen die Überzeugung, »daß nichts bleibt und kein Moment des Genügens uns Stand halten kann«, befreundet er sich, in »sanfter Wollust seines Daseins«, mit den Menschen, Tieren, Pflanzen, der Landschaft seiner nächsten Umgebung und schreibt Idyllen wie die vom Bodensee und dem „Alten Turmhahn“.
Es ist oft, als befrage er die Dinge selbst, und sie antworten launig, vom Schweigen erlöst; auch die Menschen ergehen sich dabei in der energischen Lust des bloßen Daseins. „Erdenleben, laß dich hegen. Uns ist wohl in deinem Arm“, heißt es im Gedicht „Herbstfeier“; ein anderes feiert „das schöne Gemüt“, weil es »den heiteren Blick doch in die Welt noch behielt“. Nietzsche, dessen fanatischem Auge unsere Zivilisation fast nur Schäden aufwies, entgeht in seinen Betrachtungen über Kunst und Künstler nicht der Gefahr, beide zu sehr als sein Material anzusehen. Aber Kunst ist der Triumph und das Symbol des Lebens an sich und unterliegt nicht den Werturteilen selbst der radikalsten Philosophie. Zuweilen ahnt Nietzsche das, und wie er über Carl Maria von Weber schweigt, ist sein Angriff auf Mörike abwartender im Ton, als es sonst bei ihm zu sein pflegt. Er merkt es wohl, daß ihm eine solche harmlose Poetenseele ein Schnippchen schlagen kann. Wie wenig auch dem bitteren Philosophen ein Dichter des Idyllischen und Volksliedhaften, nach Goethe und als Zeitgenosse Schopenhauers, in sein Konzept paßt, Mörike ist mit Daseinsherrlichkeit da, und das Dasein kann man nicht bestreiten. Der wunderbare Mann hat es nicht nötig, sich zu rechtfertigen:
Am Waldessaume kann ich lange Nachmittage,
Dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen;
Er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen
Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.
Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage,
Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen,
Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
Wo ich auf eigne Weise mich behage.
Und wenn die feinen Leute nur erst dächten,
Wie schön Poeten ihre Zeit verschwenden,
Sie würden mich zuletzt noch gar beneiden.
(In: L. W.: G.S. Bd. 8. Autobiographische und Vermischte Schriften. Hrsg. v. Verena Kobel-Bänninger. Stuttgart 1999. Text S. 454 – 458. Anm. S. 770 – Dieser Essay ist auch im Internet erreichbar, in einem Schüler-Forum:
http://www.biblioforum.de/forum/read.php?35,10279

Ich füge an:
Erläuterungen der Herausgeberin Verena Kobel-Bänninger: (Ich gebe die Seiten- und Zeilenangaben nach der Abdruck an.)

Die Schallplattenreihe »Deutsche Dichtung. Eine klingende Anthologie« war nicht zuletzt für die Verwendung im Unterricht gedacht. Lutz Besch, der am Aufbau der Reihe maßgebend beteiligt war, erwartete jedoch, als er Lehmann um das Geleitwort für eine Mörike-Platte bat, keine didaktischen Hinweise. Diese wurden, von Paul Wanner verfaßt. der Platte gesondert beigegeben. Vielmehr wünschte er sich einen »besonders schönen und eindringlichen Text«, in dem ohne »journalistische Glätte« das »Betroffensein seines Autors durch die Dichtung Mörikes gespiegelt sein sollte.« (An Wilhelm Lehmann, 9.6.1961) Gesprochen bzw. gesungen wurden folgende Stücke: 1. Im Frühling 2. Nachts 3. Ein Stündlein wohl vor Tag 4. Das verlassene Mägdlein 5. Schönes Gemüt 6. Erinna an Sappho 7. Neue Liebe 8. Wo find ich Trost 9. Denk es, o Seele (ln der Vertonung von Hugo Wolf; Claus Ocker, Bariton - Walter Bohle, Klavier) 10. Idylle vom Bodensee - Dritter Gesang.
Die Auswahl stammt nicht von Lehmann, lag ihm aber vor und wurde bei der Abfassung des Textes berücksichtigt.

454,17 dem sechzigjährigen Ludwig Tieck: Brief vom 20. 2.1833.
454,27f. »Das will alles umfassen ... «:Brief von Sulpiz Boisseree an seinen Bruder, 4.5.1811. Siehe die Erläuterung zu 384,221
454,32ff. »dem Eindruck naher Wunderkräfte ... «:»An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang«, 2. Strophe.
455,2f. »Horch! auf der Erde ... «: »Nachts«,
455,3-5 »Wie süß der Nachtwind ... «: »Gesang zu zweien in der Nacht«.
455, 6 »der Erdenkräfte ... «: Ebd., von Lehmann öfters zitiert. Vgl. 227,21 und Lesart zu 171,251
455,7 »mit Liebesschauerlust«: »Mein Fluß«.
456, 91 »Der beste Trost. ..«: Brief vom 5.9. [1873} an Wilhelm Hemsen (1828-1885), in: Eduard Mörike, Unveröffentlichte Briefe. Hrsg. von Friedrich Seebaß. Zweite, umgearbeitete Auflage. Stuttgart: Cotta 1945, S.469.
456,17f. Wir müssen es in der ersten Fassung lesen: Die Umarbeitung, welche nach Mörikes Willen die frühere Fassung ersetzen sollte, blieb unvollendet. Vgl. Mörikes Brief an Wilhelm Hartlaub (10.3.1868), wo es heißt: »Sie [die Arbeit am Maler Nolten] muß aber getan sein, und falle sie aus, wie sie wolle, so weiß ich doch, daß ich mit dieser Umformung das alte Buch vertilge, d. h. den Wiederabdruck unmöglich mache.« Lehmann besaß eine Ausgabe der Erstfassung (Eduard Mörike, Maler Nolten. Ein Roman. In ursprünglicher Gestalt. Leipzig: Insel- Verlag [1913]. Vgl. 72,22-25.
456, 24 »verfallene Züge«: Vgl. »Meine Erinnerungen an Eduard Mörike«. Storm, Bd. 4, S. 480.
456,25 f. von »dem unglaublich verzärtelten Gang meines inneren Wesens«: Brief an Wilhelm Waiblinger [August 1824].

457,28 ein anderes: [Das schöne Gemüt].
Ich ergänze:
[Schoenes Gemuet. 1861]
Wieviel Herrliches auch die Natur, wie Grosses die edle
Kunst auch schaffe, was geht ueber das schoene Gemuet,
Welches die Tiefen des Lebens erkannt, viel Leides erfahren
Und den heiteren Blick doch in die Welt noch behielt? –
Ob dem dunkelen Quell, der geheimnisvoll in dem Abgrund
Schauert und rauscht, wie hold laechelt die Rose mich an!
458,12 »Am Waldessaume ... «: Das Sonett »Am Walde« wurde auf der Plattenhülle ohne Stropheneinteilung und ohne die letzten drei Zeilen abgedruckt. Der Anfang lautet bei Mörike: »Am Waldsaum kann ich ... «.


Mörike: Am Walde
*
[Es fehlt das letzte Terzett:]
Denn des Sonetts gedraengte Kraenze flechten
Sich wie von selber unter meinen Haenden,
Indes die Augen in der Ferne weiden.

Als komplettes Sonett sieht der Text so aus:

Eduard Mörike: Am Walde

Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kukuk horchend, in dem Grase liegen;
Er scheint das Tal gemaechlich einzuwiegen
Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.
Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage,
Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fuegen,
Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
Wo ich auf eigne Weise mich behage.
Und wenn die feinen Leute nur erst daechten,
Wie schoen Poeten ihre Zeit verschwenden,
Sie wuerden mich zuletzt noch gar beneiden.
Denn des Sonetts gedraengte Kraenze flechten
Sich wie von selber unter meinen Haenden,
Indes die Augen in der Ferne weiden.



Erläuterungen:
Von Nietzsche ist die schmähliche Aburteilung zu Mörike bekannt: „ganz schwach und undichterisch“ bekannt.

Im Original so: 8 [2]
Gegen die lyrische Poesie bei den Deutschen. Da lese ich, daß gar Mörike der größte deutsche Lyriker sein soll! Ist es nicht ein Verbrechen dumm zu sein, wenn man hier also Goethe nicht als den größten empfindet oder empfinden will?— Aber was muß da nur in den Köpfen spuken, welcher Begriff von Lyrik! Ich sah mir darauf diesen Mörike wieder an und fand ihn, mit Ausnahme von 4—5 Sachen in der deutschen Volkslied-Manier, ganz schwach und undichterisch. Vor allem fehlt es ganz an Klarheit der Anschauung. Und was die Leute an ihm musikalisch nennen, ist auch nicht viel: und zeigt wie wenig die Leute von der Musik wissen: die mehr ist als so ein süßliches-weichliches Schwimm-schwimm und Kling-kling!— Gedanken nun hat er gar nicht: und ich halte nur noch Dichter aus, die unter anderm auch Gedanken haben, wie Pindar und Leopardi. Aber was kann auf die Dauer einem diese Knaben-Unbestimmtheit des Gefühls sein, wie sie im deutschen Volkslied sich ausdrückt! Da lobe ich mir selbst noch eher Horaz, ob der schon recht bestimmt ist und die Wörtchen und Gedänkchen wie Mosaik setzt. (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Fragmente 1875-1879, Band 2. „Sommer 1875“. „Gegen die lyrische Poesie bei den Deutschen“)

* ~ *

DER ZITRONENVOGEL
(1949; ED; aus: W.L.: GW. Bd. 8, S. 326 - 328)

Der erste durchwinterte Zitronenfalter zickzackt über die schon lange blühenden, stäubenden Haselbüsche. In seiner Einsamkeit bannt er den Blick doppelt, dreifach. Das Schwefelgelb seiner graziös gebuchteten Flügel, die weiße Seidenmähne seines Rückens entzücken, als sähe man ihn zum erstenmal. So schönes Geschöpf braucht keine Stimme. Dem Urgrund, dem er entstieg, legten die Gnostiker das Schweigen als Gattin bei. Mag den Zarten wiedereinfallende Kälte vernichten, er leistet als Vergängliches den wundervollen Dienst des Gleichnisses. Lautlos deutet er auf die große Einheit. Stoff und Geist hat noch kein Wort gespalten. Welche Weisheit des Fleisches, welche Geistigkeit der Materie! Vertieft sein Anblick das Schweigen um die Phänomene - wenn es sich löst, spricht es mit Mythen, mit Symbolen als allein ihnen gemäßem Ausdruck. Er läßt Jules Renard vom Körper als dem klugen Hunde der blinden Seele und die alten Chemiker vom Archäus sprechen als einer jedem Bestandteil der körperlichen Welt innewohnenden plastischen Natur, deren Wesen man Denken nennen kann, wenn man nur darunter kein Bewußtes versteht. Und die Gnostiker glaubten, daß die in der (ganz platonisch gefaßten) Materie gehaltene und darin waltende Weisheit den Demiurgos, den Gott des alten Bundes,ihm selber unbewußt dahin bringe, ihren und aller Dinge Rückgang in die Fülle des Seins zu vermitteln. Wir geraten mit dem Falter in die Vorwelt, da man noch wußte, wieder Materie zumute ist, denn das Ich ist, mit Gottfried Benn zu sprechen, eine späte Stimmung der Natur. Wir sind in der Zeit, da die Wissenschaft noch nicht aufgehört hatte zu verehren. Noch wird die Schlacht nicht geschlagen, die toben wird zwischen denen, die das Allgemeine und denen die das Einzelne für das Primäre halten. In seinem Fluge preist der Falter die ungeschiedene Einhelligkeit. Das Zergliedern,wie es die neue Wissenschaft emsig trieb, heilt zum Ganzen. Goethe beklagt die Zerstückelung der zeitgenössischen Naturwissenschaft. »Indem ich Linnés scharfes, geistreiches Absondern, seine treffenden, zweckmäßigen, oft aber willkürlichen Gesetze in mich aufzunehmen versuchte, ging in meinem Innern ein Zwiespalt vor: das,was er mit Gewalt auseinander zu halten suchte, mußte, nach dem innersten Bedürfnis meines Wesens, zur Vereinigung anstreben.« Er fragte,warum die Naturforscher nicht ein so wichtiges Phänomen,wie es die Metamorphose der Insekten darstellt, auf allen Straßen predigen. Wie versagen auch noch heute die meisten Naturkundebücher! Sie geraten in ein wässeriges Salbadern, in eine nichtige Vermenschlichung, oder sie ergehen sich in unfruchtbaren Synthesen oder werden als Aufzählung harter, abrupter Details, Nekro- statt Biologie. Wer sah schärfer, redlicher als Goethe? Wer hütete sich mehr den Gegenständen die Grille, die einem durchs Gehirn läuft, aufzuheften? Er sah im Realen das Ideelle. Der wahren Naturkunde dient als Motto, was Tschuangtse sagt:Wenn man die einzelnen Glieder eines Pferdes aneinanderreihen wollte so würde man noch kein Pferd dadurch bekommen: »Das Pferd muß zuerst dasein und seinen einzelnen Teilen Zusammenhang geben, dann erst haben wir das vor uns, das wir Pferd nennen.« Die Tatsache, daß einer Eidechse der verlorene Schwanz nachwächst, rührt aus der Einheit des Tieres. Es ist die Idee der Eidechse, die das Organ wieder ersetzt. Gegenüber so lebhaft-zartem Wesen,so glücklicher Mobilität werden abstrakte Fragen gegenstandslos: Ob etwa die Sinnlichkeit mehr der Feind als der Diener der wahren Erkenntnis oder ob die Empfindung mit Fichte und Leibniz ein unreines Denken oder mit Condillac das Denken ein verfeinertes Empfinden sei. In einem zeugenden Augenblick fallen Empfindung und Denken zusammen, bilden Außen und Innen sich in eins.(»So im Anschauen wie im Begriff« glückte es Goethe 1787 in Sizilien, die Metamorphose der Pflanzen zu gewinnen.) Vielleicht hat Leibniz recht mit seiner Behauptung, wer nur deutliche Gedanken hegte wie Gott, der hätte keine Sinnesempfindungen. Kaum ins Dasein gerückt aber, unterliegt der Zitronenfalter dem Gebot der Endlichkeit. Mit unbeirrbarer Sicherheit eilt er dem auf ihn wartenden Weibchen zu und vollzieht die Verbindung. Als irdisches Wesen trifft ihn wie den Menschen jene kleine Zäsur im All, der Zwiespalt der Geschlechter. Es ist, als ob das derbe All seine Zartheit nicht entbehren könne, als ob die Idee seine Art zu perpetuieren beflissen sei, damit uns der Falter als leiser Wink ihrer Götternähe, als Gruß des reinen Seins, nicht verlorengeht.
(ED in Welt am Sonntag. Nr. 14 v. 3.4.1949; abgedruckt nach Bd. 8, S. 326 - 328; Anm. S. 729f.)
Erläuterungen nach S. 729f.:

Erdmann, Johann Eduard (1805 - 1892): Grundriß der Geschichte der Philosophie. Bd. 1,2; 2. Aufl. Berlin: Wilhelm Hertz 1870. Hier: § 123,,2; in Bd. 1. S. 195

Anm.:
Condillac, M. L. Abbé (s. S. 727: Erläuterung zu S. 322,27)
a] Die „Story“ vom ins Freie gehobene, geschobenen Klavier ist mir aus der Mörike-Biografik nicht bekannt; glaubhaft als bezeichnende Extraordinalität ist sie allerdings schon, obschon arg übertreibend.
1] Das Zitat findet sich als authentische, intime Aussage Mörikes in seinem Brief an den Jungfreund Wilhelm Waiblinger, den er derozeiten noch mit „Sie“ anredete, aus August 1824,sich selbst psychologisch zu diagnostizieren: : „unglaublich verzärtelten Gang meines inneren Wesens“.
Genauer Wortlaut des allbekannten Zitats (aus dem Brief an Wilhelm Waiblinger v. 13. oder 14. August 1824):
Als Neunzehnjähriger diagnostizierte Mörike, nicht zufällig in einem Brief an Waiblinger, seine eigene Lebensschwäche:
„Es ist überhaupt in meinem wirklichen Zustand ein besonders peinlicher Zug, dass alles, auch das Kleinste, Unbedeutendste, was von außen an mich kommt - irgendeine mir nur einigermaßen fremde Person, wenn sie sich auch nur flüchtig nähert, mich in das entsetzlichste bangste Unbehagen versetzt und ängstigt, weswegen ich entweder allein oder unter den Meinigen bleibe, wo mich nichts verletzt, mich nichts aus dem unglaublich verzärtelten Gang meines innern Wesens heraus stört u. zwingt.“ (EM: WuB. 10, S. 57 – 61; hier S. 59;6f.
– Dieser August-Brief an Waiblinger enthält noch andere poetische Hinweise: “(...) ob Du nicht in der leztern Zeit einen Traum gehabt habt, wo sich alle schönen Gestalten in Feuer und Qualm aufgelößt u. Dich zum Theil verlassen haben, zum Theil neben Dir in den Schutt versunken, vergangen seyen (...)“(S. 58) – die Gestalt und das Schicksal des Schemens vom Feuerreiter, bezogen auf den Sprecher. M. Selbst hat ja den Zeitpunkt der Entstehung der Ballade auf den Sommer 1824 bestimmt. Ich glaube, M. beschreibt hier im Brief verstörende Gefühlsmomente ob seltsamer Gestalten.

Mörikes "Begegnung" (1828)

Eduard M ö r i k e


- GOTTES BRÜNNLEIN HAT WASSERS DIE FÜLLE: Scherzhafte Bekräftigung eines Gastgebers, daß genug zum Trinken vorhanden ist; manchmal auch als Hausinschrift. In einem Dankpsalm für die Gaben Gottes heißt es:«Du suchst das Land heim und bewässerst es; Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle (Ps 65,10). -


Eduard Mörike:
Begegnung

Was doch heut’ Nacht ein Sturm gewesen,
Bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen,
Das halb verschüchtert um sich sieht;
Wie Rosen, die der Wind zerblasen,
So unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
Er will ihr voll Entzücken nahn:
Wie sehn sich freudig und verlegen
Die ungewohnten Schelme an.

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
Die Zöpfe schon zurecht gemacht,
Die heute Nacht im offnen Stübchen
Ein Sturm in Unordnung gebracht.

Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er steht, von Anmut hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht.
(1828)
**

Mörikes Vorlage:
Das Wiedersehen am Brunnen
(„Mündlich überliefert“, geben die Herausgeber des „Des Knaben Wunderhorn“ an.)

Es war einmal ein junger Knab,
Der hat gefreit schon sieben Jahr
Um ein fein Mädlein, das ist wahr,
Er konnt sie nicht erfreien.

"Ei, komm den Abend, junger Knab,
Wenn finstre Nacht und Regen ist,
Wenn niemand auf der Gasse ist,
Herein will dich lassen."

Der Tag verging, der Abend kam,
Der junge Knab geschlichen kam,
Er klopfet leise an die Tür:
"Steh auf, ich bin dafür.

Ich hab schon lang gestanden hier,
Ich stand allhier wohl sieben Jahr."
"Hast lang gestanden. Das ist nicht wahr,
Ich hab noch nicht geschlafen.

Ich hab gelegn und hab gedacht,
Wo nur mein Schatz noch bleiben mag,
Er macht mir allzulang, zu lang,
Mir wird ganz angst und bange."

"Wo ich solang geblieben bin,
Das darf dir wohl gesaget sein,
Bei Bier und Wein , wo Jungfern sein,
Da bin ich allzeit gerne."

Es war wohl um die Mitternacht,
Der Wächter fing zu läuten an:
"Steh auf, wer bei Feinsliebchen liegt,
Der Tag kommt angeschlichen."

Das Bürschlein auf die Leiter sprang
Und schaut die Stern am Himmel dicht.
Ich scheide nicht, bis Tag anbricht,
Bis alle Sterne schwanden."

Es sah das Morgensternlein nur,
Als sich der Knab von ihr gewandt;
Das Mägdlein morgens früh aufstand,
Ging an den kühlen Brunnen.

Begegnet ihr derselbig Knab,
Der nachts bei ihr geschlafen hat,
Viel guten Morgen boten hat:
"Gut Morgen, mein Feinsliebchen.

Wie hast geschlafen heute nacht?"
"Ich hab gelegn in Liebchens Arm!
Ich hab geschlafen, daß Gott erbarm,
Mein Ehr hab ich verschlafen!"


**


Interpretation von Renate von Heydebrand:

1828 schreibt Mörike ein Erzählgedicht, das zunächst als reine, wenn auch mit lebhafter Anteilnahme gestaltete Vorgangsbeschreibung anmutet:

Begegnung

Was doch heut' Nacht ein Sturm gewesen
Bis eben sich der Morgen regt!
Was hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!

(...)
Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er sieht, von Anmuth hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht.

Die Anwesenheit des Erzählers ist noch unauffälliger, zumal auch hier wieder in der Zeitform der Gegenwart erzählt wird. Mörike führt aber gleich in der ersten Strophe einen Beobachter ein, der alles Künftige wahrnimmt: jemand räsonniert erstaunt (wie die Ausrufezeichen und -sätze anzeigen) über das nächtliche Unwetter und seine Wirkungen. Erst später läßt sich darin auch der Kunstgriff des Dichters erkennen, der hier zugleich die Grundmetapher für das nächtliche Ge­schehen, das sich in der »Begegnung« nur spiegelt, einsetzt, den »Sturm«. Vom Ende her erscheint damit der Erzähler schon in der ersten Strophe als durch­triebener Schalk, der eine pikante Geschichte anspielungsreich und doch schein­bar naiv zu präsentieren weiß. Den Auftritt des Mädchens zeichnet er in der Rolle des Beobachters zunächst ganz sachlich auf; dann versucht er, den Ausdruck der schüchternen Verwirrung in ihrem Gesicht durch einen Vergleich näher zu bestimmen, wobei als Ursache schon der »Wind« ins Spiel kommt. Auch das Erscheinen des Burschen und seine anscheinend plötzlich gehemmte Bewegung (»Er will ihr voll Entzücken nahn«, kann oder darf es aber wohl nicht) wird genau registriert. Darauf folgt ein erster Versuch der Deutung, den der Erzähler schon durch den Modus der Aussage als subjektive Meinung kennzeichnet: »Wie sehn sich freudig und verlegen« - vielleicht er mehr freudig, sie mehr verlegen? - »die ungewohnten Schelme an«. die Befangenheit, die wohl auf seiten des Mädchens etwas größer ist, Überträgt sich auch auf den Burschen, verhindert die vertrauliche Annäherung und läßt den Beobachter die ersten Schlüsse ziehen. Die spinnt er denn in der nächsten Strophe weiter aus, ganz Erzählende Darstellung diskret; er formuliert seine Vermutung als vermutliche Frage des jungen Man­nes und verbirgt den Vorgang der nächtlichen Liebesbegegnung unter der Sturm-Metapher. Er fühlt sich ganz in den jungen Mann ein und kann da­durch in der letzten Strophe dessen innere Empfindungen nachzeichnen: weniger gehemmt als das Mädchen, erinnert der sich jetzt unverhüllt an die Liebesnacht und zeigt sich von neuem fasziniert, wenn seine Schöne, ihre Ver­legenheit in großer Geste überspielend, »um die Ecke rauscht«. In den beiden letzten Zeilen scheint der Erzähler aber bereits wieder Distanz zu nehmen und sich fast über die Verliebten lustig zu machen, indem er mit seinen Wendungen ein wenig zu hoch greift, ein anderes Milieu unterstellt als das, dem die beiden   dem volkstümlichen Ton des Ganzen entsprechend - angehören.
In diesem Gedicht also verrät sich der Erzähler, obgleich nicht mit dargestellt, als anwesender Zeuge des Geschehens durch entschiedene Anteilnahme, durch interpretierende und kommentierende Wendungen, ja, am Anfang und gegen Ende durch sein augenzwinkerndes Bescheidwissen. Das schafft eine „realistische“ Atmosphäre   fast möchte man schon an Spitzweg-Szenen denken -, die den Merkmalen, die auf eine volksliednahe, literarische Situation hinweisen, entgegenwirkt. Für den Volkston sprächen die Typisierung von »Mädchen« und »Bursch«, die Diminutiva von »Liebchen« und »Stübchen«, ja die charakteristi­sche Wendung vom »offnen Stübchen« als Metapher für Liebesbereitschaft, die Kargheit der Umweltbeschreibung (Kamin, Gassen, Straßen). Literarisch in anderer Weise wirken das Gleichnis von den »Rosen, die der Wind zerblasen«, das »süße Kind« und die hinreißende »Anmuth«, und manches andere in Wortschatz und -fügung. Keine dieser drei Stilschichten kann sich ganz durchsetzen, und daher ist die Realitätssuggestion des Gedichts trotz der vorgeblichen Zeugen­schaft des Erzähler-Beobachters nicht allzu stark. Der Leser empfindet das Ge­dicht darum eher als ein Modell, an dem der Dichter Mörike zwei seiner Lieb­lingsmotive darstellen kann: andeutend das Motiv »Lieb ist wie Wind« und ausführlich das Motiv »gemischte Gefühlslagen«. Wie das Gedicht Tag und Nacht lassen sich diese Verse daher auf dem Wege des Motivvergleichs innerhalb des Gesamtwerkes auf den Autor und sein Gefühlsleben beziehen, ohne daß von einem »Erlebnisgedicht« gesprochen werden sollte.
(Aus: R. v. H.: Eduard Mörikes Gedichtwerk. Stuttgart 1972: Metzler. S. 93f.; ohne Anmerkungen)

Montag, 26. August 2019

Theodor von Fontane und die Juden


"So spendet Segen noch immer die Hand " des Dichters der Balladen und Geschichten von Stadt und Land. -

                                  O lerne denken mit dem Herzen,
                                  und lerne fühlen mit dem Geist.
(Th. F.:
Glaube an die Welt)





Sonntag, 28. Juli 2019

Z w e i g :in L i c h t und S c h a t t e n




Vom Licht der Erkenntnis - ZWEIGs Verständnis von Licht und Schatten – von Erleuchtung und Finsternis:

Ein schönes, prägendes, finales Beispiel für die Licht-Metaphorik der Aufklärung findet sich als letzter Absatz von ZWEIGs AutoBiografie „Die Welt von Gestern“:
Die Sonne schien voll und stark. Wie ich heimschritt, bemerkte ich mit einemmal vor mir meinen eigenen Schatten, so wie ich den Schatten des anderen Krieges hinter dem jetzigen sah. Er ist durch all diese Zeit nicht mehr von mir gewichen, dieser Schatten, er überhing jeden meiner Gedanken bei Tag und bei Nacht; vielleicht liegt sein dunkler Umriß auch auf manchen Blättern dieses Buches. Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt. (1939/41 geschrieben; veröffentl. Stockholm 1942)



Nachträglich kann man die Andeutung seines Freitodes 1942 (in Petrópolis/Brasilien) in diesem Epilog sehen.

Aber ich sehe auch – als Aufgang jeden neuen Morgens meine Welt darin angedeutet, nach Hitlers dunkel-schwarzen Bestialitäten 1945 doch noch ihren nötigen Abschluss fanden. Und wo mich ein kanadischer Offizier und Apotheker rettete auf Pannofen bei Goch, als ich als viermonatlicher Säuglin wg. Mundfäule die Brust meiner Mutter verschmähte. Er fuhr - die Aliierten hatten den Weg schon freigeschaufelt durch den Reichswald, über Kleve, mit ihren Panzern – im Jeep mit Chauffeur, nach Arnheim, um für mich Rosenhonig mit Borax zu holen – und schon am nächsten Tag wichen meinen Schmerzen in der Mundschleimhaut – und ließen mich beruhigen. (Ja, wir waren Holländer, auf deren Hof die Kanadier ein Camp aufgeschlagen hatten, nachdem Goch/Ndrrh. am 20. 02.45 befreit war. Sonst hätte mein kindliches Problem sicherlich keine diagnostische Beachtung gefunden.)
In der Wikipedia las ich zu Mundfäule: „Rosenhonig (mel rosatum) wurde 1588 im Kräuterbuch von Tabernaemontanus (Jacob Theodor) als Mittel gegen Entzündungen im Mund- und Bauchraum beschrieben. Rosenhonig mit Borax versetzt wurde in der Volksmedizin zur Behandlung von Aphthen eingesetzt. Der Zusatz von Borax ist wegen dessen Giftigkeit heute nicht mehr erlaubt."
Meine Mutter hat zeitlebens Frühling/Sommer 45 für die schönsten ihres Jahrhunderts gehalten, aus den Kriegsnächten (im Kartoffelkeller) ins Licht; ohne dass sie je Zweig kennen lernte.

Ja – ZWEIG ist für mich ein Ast am Baum der Menschheit, seit ich 1962 auf der Gaesdonck, einer klerikalen Bude, pardon, aufgehübscht gesagt: ein bischöfliches Konvikt mit altsprachlichem Gymnasium - den „Brief einer Unbekannten“ gelesen, hatte ich ihn vergessen. (Es sei irgendwas Romanhaftes ... für Frauen; nein, es ist beste Psychoanalyse, wie er sie seit über Sigmund Freud ge- und beschreiben hatte (schon 1931), in „Die Heilung durch den Geist“... - Der Brief einer Unbekannten war mir eingebrannt, obwohl ich das ZWEIGsche Werk über Jahrzehnte nicht mehr beachtete.
https://de.wikipedia.org/wiki/Brief_einer_Unbekannten

Lateinisch läßt sich hier ergänzen:
„Cedant tenebrae lumini et nox diurno sideri.
„Der Schatten soll dem Licht weichen und die Nacht dem Tagesgestirn.“ – Inschrift auf Sonnenuhren
*
Weitere, frühere Exempla:
(Aus Buchmendel“ (1929)
Der Erzähler beschreibt die völlig isolierte, aber weitläufige Existenz Jakob Mendels im Café Gluck (in Wien):
Zu den andern Gästen sprach er nie, er las keine Zeitung, bemerkte keine Veränderung, und als der Herr Standhartner ihn einmal höflich fragte, ob er bei dem elektrischen Licht nicht besser lese als früher bei dem fahlen, zuckenden Schein der Auerlampen, starrte er verwundert zu den Glühbirnen auf: Diese Veränderung war trotz dem Lärm und Gehämmer einer mehrtägigen Installation vollkommen an ihm vorbeigegangen. Nur durch die zwei runden Löcher der Brille, durch diese beiden blitzenden und saugenden Linsen filterten sich die Milliarden schwarzer Infusorien der Lettern in sein Gehirn, alles andere Geschehen strömte als leerer Lärm an ihm vorbei. Eigentlich hatte er mehr als dreißig Jahre, als den ganzen wachen Teil seines Lebens, einzig hier an diesem viereckigen Tisch lesend, vergleichend, kalkulierend verbracht, in einem unablässig fortgesetzten, nur vom Schlaf unterbrochenen Dauertraum.

Der BuchMensch Mendel hält sich im Café Gluck auf, um seine Kataloge zu lesen, Buchbestellungen aufzugeben im internationalen Raum, Auskünfte zu geben gegenüber Bücherfreunden oder Wissenschaftlern. Er ist im materiellen Verständnis auch von der Beleuchtung im Hinterraum des Cafés abhängig, wiewohl er im Geistigen völlig von seiner Bibliophilie gespeist ist. Dass Zweig als Erzähler die Raumausstattung mit benutzt – Wände, Tisch und Suhl (pardon: Stuhl), Beleuchtung – ist Markenzeichen seiner klassischen Erzählverständnisses. Er beschreibt die Welt in allen Zuständen, in ihren Gegebenheiten, Personen, Strukturen und Zeiten – in Historien und Zukünften – aber immer gebunden an Orte, Zeiten und Realien.

Er – also: Stefan Zweig, der Lichtgeber in poeticis (solange es ihm möglich war in seiner Lebensgeschichte …) - und wenn ich an Suizid, als literarisches Thema denke, mir mein (manchmal un-lichter) Geist auch an den klugen, so temperamentvollen Neil Perry denke (ja, von Club der toten Dichter) und ich ihn als Freitod denke innerhalb des tragischen Schauspiels – und ich ihn im Unterricht immerzu verkaufte ad vehiculum non erat demonstradum – oder ad experimentum ignotum. - Bis ich vom Suizid Robin Williams hörte, also der Schauspielers selbst, von dem ich dachte, er könnte (oder müsste) immum sei, von seiner Person und seinem Rollenrepertoire (als Lehrer, als Arzt, als Tausendsassa) - und nachforschte: Ja, er gibt eine Tragik, einen pathologischen Zustand, der alle Rollen des Ichs, des Selbsts, der Kognition ... zunichte macht … - jenseits von Licht&Schatten.
Schlag nach bei Zweig... - et alicui!

Cave canem Melancholiae. Aut: Cave tibi a cane muto et aqua silenti.
Wisse: „Der Weltschmerz ist verwandt mit der Schwermut, auch Melancholie genannt.“[Asfa-Wossen Asserate: Deutsche Tugenden. Von Anmut bis Weltschmerz. München 2013, S. 213
 Oder: Winston Churchill, der seine Depression als "schwarzen Hunde" bezeichnete.

Oder:

Bis  hin zur  M  ö r g e n r ö t e, die Stefnn  Z w e i g  in se inem Testament  versprach:

 



 

Dienstag, 9. Juli 2019

Ex t e m p o r e von einem Buchhandels-Besuch



...  als ich - ohne dass ... - und dass ich meine Schritte dahihn gelenkt Irgendwo in RE hatte

 - abseits meiner Stammbuchhanldung:










Ein 'Ex tempore' :

vom Montagmittag, als ich aus einer Buchhandlun hinaus-complimentiert wurde:

- Oder :
Wenn ich aus einer Buchhandlung hinaus-complimentiert werden möchte ...

Gratismut-

Einen Essay von Sigismund von Radecki „Wie werde ich Stammkunde?“ in Wie kommt das zu dem? (1942, S. 289) - hätte ich besser umsestzen müssen:

* Mit, so empfindet es SVR, mit mit „Dummheit“,
* oder mit „Schmeichelei“,
* oder mit „Liebe“ („Bist du eine Frau, so flüstere mit Augenaufschlag: 'Aber Herr Schanderl, ein Mann wie Sie...'“),
* gar „mit gemeinsamen Interessen“ (Alpenvereinsmitglied?),
* mit mit Kindereien („Der Sand wird in die Tüte geschüttet und mit drei Kieselsteinen bezahlt.“) –

* also mit Gratismut - Ja -... : „Gratismut hat Hans Magnus Enzensberger ein Verhalten genannt, das couragiert tut, aber nichts kostet." -

Vgl: https://www.freitag.de/autoren/nils-markwardt/mut-oder-gratismut - Abruf 09.07.2019 -

Zum Text zurück, die SchlussEtüde:

"Aber du, der möglichst schnell Stammkunde werden will – du denke daran!“ -


Ja,  w o r a n – ach, bitte nachlesen! (Es ist vielleicht etwa umständlich, - bis 1942 zurückzugehen, zu einem Buch des Rowohlts Verlags,  mit einem Titelbild von Rudolf Wilke - aber  n a h r h a f t!)

Also – sich frisch entschuldigen und dann meine Stammbuchhandlung anrufen, weil ich Tierreich bestellen möchte – aber - ob Sie es auch nicht da hat?

... wohin ich meine Schritte gelenkt hatte:

Zu   e i n e  m  Herrn "MUSIAL!" 
- so ausgedrückt auf einem Kärtchen - quasi... zur Visite!

Mein Begehr - mein Wunsch: Er sollte einen Titel im PC suchen, da er nicht in der Buchhandlung zu finden war:


"Tierreich"  

 

- und ich gab noch drei Einstiege zum Buch; Herr  Musil!  aber konnte es nicht finden. Nur der Verlag - Matthes & Seitz - fiel mir nicht ein.

  Und - da tat ich einem verhängnisvollen Griff zu einem "LeseExemplar" - die der Herr MUSIAL!  in einem Regal neben der Kasse hütet (was ich nicht ahnte): 

Dann: Ich hätte  h i n t e r  der Kasse ... nach ... etwas ... gebriffen. - Also, ergo: als Angriff:

"Sie haben hinter die Kasse ..." - Ja, wann denn ...?

Ich habe daa abgestritten, im direkten Dialog, ohne Streit zu suchen.

Aber - der würdige Herr MUSIAL! : forderte mich auf, die Buchhanldung zu verlassen. "Und sie nicht mehr zu betreten."

Ich fragte. ob, er denn die Polizei rufen wolle. - Nein, er beleitete sich zum Tür seines schmalen Buch-Reiches:  diese m e i s t e n   Regale waren halb leer -

MUSIAL! - als Beamter, als Herrscher - als Sach-Unkundiger der Bücher  ...

- Er wollte mir noch nachrufen: "... einen schönen Tag noch!" - was ich mir verbat. 

 (Hätte ich den ein Buch gekauft - ich hätte es ihm zurückgeschmissen!

Ach, ich habe den MUSIL! wohl beleidigt, indem ich ihn fragte - als  FRAGE!  - ob er den Arsch offen habe  (im Konujunktiv I).

Also - ich war noch im Essay von SvR:

Die SchlussEtüde, wörtlich: "Aber du, der möglichst schnell Stammkunde weden will – du denke daran!“ -

Ja, w o r a n  – bitte nachlesen! (Es ist vielleicht etwa umständlich - bis 1942 zurückzugehen - aber nahrhaft! - Der Rssay ist später nicht mehr erschienen.)

Also – sich frisch entschuldigen und dann meine Stammbuchhandlung anrufen, weil ich Tierreich bestellen möchte – aber - ob Sie es auch nicht da hat?


 
Von Radecki:

So sind mir seine Werke geblieben:


 

 

 

 

H e r r   MUSIAL!

-  ist ein würdige Direktor seiner Zoo-BuchHandlung 
-  der  D i r e k t o r!  seines Gefängnises für Leseexmplare - die ich weder kaufen noch geschenkt haben möchte - es war blödisnnige Exemplare. Titel von Hallotria oder Unnötig:

Ich habe dem  Herrn  MUSIL! vesichert, das ich nur auch Bücher von Mörike oder Stefan Zweig - sind "die Heiligen meiner letzten Tage" - kaufe - ja, und dieses eine Buch von der französischen Schweinefarm - eben dem "Tierreich".
 
Von Radecki schilderte (1952) seine Erlbenisse mit  Else Schüler-Schüler:
Einen genialen Menschen gekannt zu haben, ist ein Glück für das ganze Leben.“
Aus: S.v.R.: Was ich sagen wollte. (Zuerst 1952, in der Ausgabe im Kösel Verlag. Köln und Olten. S. 80-86) Zuletzt in der Taschenbuchausgabe bei Rororo 271. Reinbek 1958: Rowohlt Verlag. S. 61-65)


Ja, man muss ein Genie-Versteher sein, wenn man Herrn Musial! begegnet.

 Ja, hier gibt es noch Essays von Sigismund von Radecki - leider nur antiquarisch:




Ein Missgeschick, ein Mr. DeStück: also ein Miss., padon: Mrs.-Geschick: Ich muss eine Berichtiung schreiben: Es war nicht Herr MUSIAL! - sondern derselbige Herr: musial.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Märchen vom Huhn als mein Hahn

Von Hühnchens Religion:

Aut:

Gallus gallus domesticus (in religionswiss. Bedeutung)


Wir geben vor:

… zur Zeit der Aufklärung aus der Theologie hervorgegangene Geisteswissenschaft, die die Erforschung des gesellschaftlichen Phänomens der Religion aus einer (soweit möglich) neutralen Perspektive zum Gegenstand hat, insbesondere (in Abgrenzung zur Theologie) ohne dabei bestimmte Grundannahmen beziehungsweise Glaubenswahrheiten/Dogmen der jeweils untersuchten Religion vorauszusetzen .

Hans-mein-Igel - der sich in Huhn-mein Hahn verwandelt hat.

Letzter Brief von Irmahuhn Klein-Fürger
Lieber Uli Wickert-Detzner!
(Teil EINS einer Gegenoffensive; ausgearbeitet von der Gewerkschaft Huhn-mich-mal www.gudrun_huhn_hui.de)
                                                  Hühnerbatterie © Wikipedia-Foto


Auf die Frage:

»Warum überquerte das letzte Huhn der Art Weiße Legehorn (ars popilli flodder) die Straße?« antwortete: Ernest Hemingway: »Um zu sterben. Allein. Im Nebel. Ohne Schrotflinte.«

Saddam Hussein darüber: »Dies war ein unprovozierter Akt der Rebellion, und wir hatten jedes Recht, Nervengas auf dieses Huhn zu feuern.«

Ex-Präsident Bill Clinton: »Ich war zu keiner Zeit mit dem Huhn allein.«
Moses: »Und Gott kam vom Himmel herunter, und Er sprach zu dem Huhn: "Du sollst die Straße überqueren. Elftes Gesetz vom Sinai!"
Das Huhn überquerte die Straße, und Israel frohlockte.«

Sigmund Freud: »Die Tatsache, dass Sie sich überhaupt mit der Frage beschäftigen, offenbart Ihre unterschwellige sexuelle Unsicherheit.«

Aristoteles: »Es ist die Natur von Hühnern, die Straße zu überqueren. «

Karl Marx: »Es war historisch unvermeidlich, das Huhn zu erfinden.«

Martin Luther King: »Ich sehe eine Welt, in der alle Hühner frei sein werden, Straßen zu überqueren, ohne dass ihre Federfarbe Diskriminierung auslöst. Alle Männer, äh, Hähne....«
Bill Gates: »Ich habe gerade das neue Huhn Office 2002 herausgebracht, das nicht nur die Straße überqueren, sondern auch goldne Eier legen wird. Und huhnnachteilige e-mails am firewall "porcus-et-gallina" empfängt.«

Albert Einstein: »Ob das Huhn die Straße überquert hat oder die Straße sich unter dem Huhn bewegte, hängt von Ihrem Referenzrahmen ab.«

Gautama Buddha: »Mit dieser Frage verleugnest du deine eigene Hühnernatur.- Tue Buße. Nimm Handcreme Vanille aus der gelben Eulengefäß«

Johannes Paul II.: »Die göttliche Vorsehung hat das Huhn auserkoren, die Last seiner Geschichte zu tragen, indem es unter Gefahren Straßen überquert. Darin offenbart sich das Mysterium des Kreuzes. Die Enzyklika 'In horas Gallinarum...' steht kurz vor der Legung..."

Kardinal Ratzinger: »Man darf nicht vergessen, dass täglich ungezählte Hühner die Straße nicht überqueren. Tag für Tag hält sich eine Milliarde Hühner brav im Stall auf. Ihnen gilt unsere ganze Hirtensorge. Warum wird immer nur von dem Huhn gesprochen, das Straße überquert?«

Bischof Kurt Krenn, gemütlich, gottesinnig-verklärt, weinselig-vergüngt: »In Wahrheit aus Unglauben; wer auf den Papst hört, überquert keine Straße.

Kardinal Karl Lehmann auf Nachfrage der Reporterin von der WG G&P&MG der Gallinae: »Unsere Arbeitsgruppe hat sich eingehend mit dieser Frage be-schäftigt. Es muss aber noch intensiver darüber weiter dis-kutiert werden, ob ein Huhn überhaupt eine Straße überqueren darf.«
Christian Weisner, Sprecher der Kirchenreformer: »Wir fordern volle Entscheidungsfreiheit für Hühner, ob sie die Straße überqueren wolle oder nicht.« Das Huhn - im Duett G&P samt MeinungsG - selbst: »Wei iches e-fach e-mal probieren willt.«












  
                                                                                    Das Ober-Huhn, äh: H A H N  im Ohrensessel


Zu derselben Zeit war es auch, daß ich Gockel den Großen zum ersten Male erlebte.

Natürlich sprach ich schon lange in meiner Glucke gefaltete Hände hinein mein Abendgebet, auch sonst hatte ich mancherlei vom lieben Gockel erfahren, doch ohne mir etwas Rechtes dabei denken zu können. Über Papas Macht im Weiße-Legehorn-Hühnerhof bei Jansens (im nördlikchen Niersbogen auf dem Huckschen Hof) ging nichts, und wie der Obergockel beschaffen war, der immer da war und den man doch nie zu sehen bekam, ließ sich mir nicht vorstellen.

Furcht hatte ich nicht vor ihm, aber neugierig war ich. (Ich war also schon der kognitiven Phase der konkreten Operationen, nach "Antonio" berechnet und bezeichnet; recte, Magister librorum?).

Eines Sonnabendabends   es war WOHL ein Sabbat, das weiß ich ganz genau   da saß ich am Fenster über einem Hefte »Essen und Trinken« (Sonderheft "Ostern: grillen und tafeln") und besah mir die scheußlichen Bilder, die nackten, die gerupften, die gegen das Menschenrecht der Hühner verstoßen.

Da blieb mein Blick an einem mit Glycol auflackierten Foto hängen, das   wenn ich nicht irre, von Po-Pilli HÜHNCHEN   hängen, ein Hühnerengelsgärtchen dar­stellend, und in mir erwachte eine nicht zu bändigende Sehnsucht, mit unter den spielenden Engelchen zu sein. Und da sah ich zum Him­mel hinauf, über den das hahnenschwanzbuntes Abendrot einen lichtdurchwirkten Vorhang breitete.

Der Vorhang tat sich auseinander, und auf den Strahlen, die bis zur Erde herabreichten, kletterten leibhaftig die kleinen Hühneren­gelchen auf ihren Leiterchen lustig hernieder. Daß sie in Wirklichkeit kämen, mit mir zu spielen, das glaubte ich nicht, dazu war ich schon zu groß, aber daß ich sie schauen durfte, war Wonne genug. Und plötzlich streckte sich eine Krallenhand aus dem Himmelsfenster, nicht drohend, nur mahnend   und dann war es auch keine Hand mehr, sondern war ein großlinsiges Auge, das Auge eines Gockels, und paßte auf, daß den Hühnerchen unten kein Leid geschah.

Und nun wußte ich mit einem Male, wie es zugehen konnte, daß Gockel iste da war und daß ich immer unter seiner Obhut stand.
Und in mich zog ein tiefer Friede, wie wenn ich auf der Ammenglucke Schoße saß und an ihrer Brust, unter ihren Federn, einschlafen durfte.

An jenem Abend bin ich FROH-fromm geworden und blieb es lange.
 

Irgendwie un-poetisch, quasi flatterhaft seien meine Träume vom Hühnerchen, meine Metapher vom Vogelhaften ? Gar nicht so edel wie Mörikes Vogel als Glücksmöglichkeit...:

... also ... original wie ...


Eduard Mörikes Distichon:

Auf dem Krankenbette

Gleichwie ein Vogel am Fenster vorbei mit sonnebeglaenztem
Fluegel den blitzenden Schein wirft in ein schattig Gemach,
Also, mitten im Gram um verlorene Jahre des Siechbetts,
Ueberraschet und weckt leuchtende Hoffnung mich oft.



Montag, 17. Juni 2019

Aus meinen Tagebüchern Teil I

    Quetschungen – Erinnerungen 

    - in Beispielen - 



    Meine trüben Grillen ob fünf Jahren in der Einsamkeit, die mir die G A E S D O N C K bedeutete. -

Abgang ist überall, bei Geistlichen am stärksten!

Hat sich bei keinem Lehrer verabschiedet. Und weg mit Vollgas!
Sie konnten ihn nicht mehr bewundern wegen seiner nächtlichen Fernfahrt. Keiner wagte, ihm zu schreiben. Seine Antwortbriefe wären gefilzt worden. Ist doch sicher! Wußten wir! So Angst hatten wir.
                                         - in  den  Weiten  des  Niederrheins.  - 


Ein Präfekt (anders als andere)

Der Herr Martin de Weijer, immer freundlich-nobel, immer intelligenter als andere, immer witziger, aber nie arroganter als die anderen Pflaumen, Präfekt und Aushilfslehrer, lud mich mal wieder auf seinen Roller, eine silbern brausende Vespa. Sie flog weg von G. Mußte mich bei ihm festhalten. Ab in die Kleinstadt, ins Café Martens. Tee trinken. Und ein Paar Plätzchen. Unsicher kucke er alles ab, wie hält er den Kaffeelöffel, wie oft rührt er, wie friemelt er das leere Zuckerpapierchen, wo legt er es ab. Geraucht wird nicht. Ah, in den unbenutzten Aschenbecher. Haben wir über etwas geredet? Was interessierte ihn - an ihm?
In die Buchhandlung fuhr er nie.


Carl-Jürgen - requiescat in Papapace!

Er war in den großen Ferien in England gewesen, warum und wo - wir erfuhren es von ihm nicht mehr. Nach dreitägiger Krankheit auf der Krankenstation - er kann mich nicht mehr erinnern, ob wir ihn besuchen durften - wurde er in das Krankenhaus der nächsten Kleinstation verlegt. Wieviel Tage er doch im Koma lag, er weiß es nicht mehr.
Er kam zur Gaesdonck zurück im schaukelnden Leichenwagen, nach einer Totenmesse, die abends angesetzt wurde, versahen wir, jeweils zu zweit, aus unserer Klasse die Totenwache.
Er war, glaubt er von 11 bis 13 Uhr dran. Sie lasen in Gebetbüchern, phantasierten ein wenig in die Vergangenheit zurück: Carl-J. war häufig veräppelt worden; er war nur wenig anders gewesen, aber er ließ sich furchtbar und gut ärgern; er hatte einen schmalen Teppich von etwa 1 m Länge quer an der Wand aufgehängt; wenn der Übermut mal wieder zuschlug, holte ihn irgendeiner herunter, legte ihn auf den Fußboden und er wurde zu einem Gebetsteppich umfunktioniert; Carl-Jürgens Aufstand bei solchem Happening war ein Erlebnis. Seine kreischenden Proteste, seine Verkloppversuche führten zu weiteren Aktionen. Der soll aufhören zu schreien!
Ob wir, zu zweit allein gelassen, auch ein Lied sangen? Und wie wechselten wir ab bei unserem Knien und Sitzen und Stehen? Versuche seinerseits, irgend etwas Banales oder Nicht-Totenwürdiges auszudrücken mit Zeichen oder einem Gesichtszug wurden von N. nicht beantwortet. Nein, ich bin so traurig und so stolz, ich halte die Ehrfurcht und die Trauer ein wie ein priesterliches Versprechen, Amen! Himmel, wie wurdest du mit Andacht und Gebeten bestürmt! So antwortet der mit Nichtbeachtung, der seine Ruhe herstellt in seinem Seelchen, Jessesmaryorapronobis!


Eine Schülermutter

Seine Mutter - eine Kriegerwitwe! Welche Hoffnungen setzte sie auf ihren Sohn? Bei der Beerdigung in Neuß sahen wir, einer aus der Klasse lernte sie kennen und besuchte sie später regelmäßig. Die Witwe von Naim - dieses biblische Stichwort ist ihm erhalten geblieben in der Erinnerung, sonst: schlechtes, ja mieses Wetter, langweilige Fahrt im VW-Bus. Und Carl-Jürgens lachendes Gesicht, fotografiert aus einer interessanten Perspektive.
Er sah die Porträt-Aufnahme noch oft im Zimmer des Präses, neben zwei anderen Totenbildern: einem jungen Franzosen, Pierre, und einem Kamp-Lintforter Obersekundaner, der in der Schweiz, während einer Wanderung in die Vispa gestürzt war und nur tot in einem Wehr weit unterhalb wiedergefunden wurde.


Nachtwache

Was ihm nie mehr aus der Nase gehen wird, ist der süßlich-morbide Geruch, den sie in den Nachwache in der Seitenkapelle vor dem offenen Sarg einatmeten; nur einmal noch in seinem späteren Leben hat er ähnliches gerochen. Ganz unvermittelt war die Totenerinnerung wieder da!
C.-J. war in den großen Ferien gewesen in England gewesen, mit einer schweren Infektion wiedergekommen, in den ersten Schultagen erkrankt, zu spät ins nächste Hospital geliefert - nach drei Tagen wurde sein Leichnam, die Haut gelbversetzt zur Lederartigkeit, zur Gaesdonck zurückgefahren.
Die Nachtwache als einsame Ehrung, allein vor dem Körper im offenen Sarg, eine Zu-Mutung, die er nicht missen möchte als ein Eintrag in seine kleine Welt.
In nachmitternächtlicher Stunde: Die Betroffenheit wurde hinweggebetet, ratzeputz, weg ist der Schmerz, weil das Gehirn so schön routiniert abspult und dankbar signalisiert: ist in Ordnung, ist immer in Ordnung, war zu allen Zeiten in der Ordnung der Wiederholung und Gewöhnung. Riesennelken. Weiße. Atmende. Die den Tod still verkrümmeln. Drr Tod ist .. ewig.


Memoria

Es gibt noch andere Toten-Gedenken! Über die abgewetzten, nie mehr erwähnten Steinplatten im Kreuzgang geht das neue Leben hinweg. Die Inschriften alt er Wappen und früherer Äbte sind nicht mehr lesbar. Sie sind Geschichte, die nicht mehr weh tut. Auch im Quadrum sind Gräber, die kein einziges mal in all den Jahren erwähnt, der Toten gedacht oder deren Leistungen irgendwie, theologisch oder geschichtlich gedacht wurde.
Auch die verehrten Alt-Gaesdoncker, die es zu Bischofs-, aber keiner zu Kardinalswürden gebracht haben, braucht man nicht zu gedenken. Gut, Adolf Jansen, der Bettler, der schlechte Prediger, der Weltverbesserer und Mehrer kirchlichen Besitzes - von Goch her weiß er besser bescheid; wem hat er nicht Geld aus den dicken, unversteuerten Taschen unter den von schlechtem Gewissen geplagten und vor der Ewigkeit scheuenden Herzen herausgeschwatzt: Eine Schrift von ihm - eine Predigt - ein Satz seines Missionsverständnisses? Fehlanzeige.


Klassenausflug nach Steyl

Über die Grenze! Mit einem wackligen Bus! Einmal war er dort, in Steyl, mit seiner Klasse, im Missionsmuseum, auf einer Fähre hin über die Maas und zurück über die Maas; dann noch ein Blick in den Klostergarten.
Verwirrendm, maximal, der de un-heilige Plunder, die wilden Masken, die Klamotten aus den hundert Erdgebieten, wohin die Steyler und die Steylerinnen gelaufen sind, um Christus, als Geleitgott der kolonialen Fürsorge oder auch Ausbeutung hinauszutragen. Warum gab es eigentlich hunderte von Orden, von Neugründungen? Immerzu wurde der Welthandel ausgeweitet und als seelischer Notgroschen die Erlösung im Jenseits verkündet.
Betet, ihr Schafe und Lämmer, insbesondere, solange ihr so mies gebettet seid.


Die kleinen, feinen Eigenheiten: Gottes Wille.

Auch solche Vorstellungen von individueller Bußfertigkeit und großem Expansionsbedürfnis? Und eilfertigem Betteln -
So verschieden die Gemüter, gemeinhin Geister genannt, so exaltiert, so verrückt die individuellen Vorstellungen von Ordensregeln, von Exerzitien, von Buß- und Leidensvorstellungen; immer wieder, wenn ein kluger Kopf aus einem bestehenden, in allen Regeln der Ordenskunst geweihten, Konvent hervorging, weil der Neuermeister, der vom Herren Gesegnete, glaubte, er müssen den lieben Gott und die Jungfrau Maria schon um halb fünf oder gar Viertel nach vier (jedweden Verbs voll und heilig); und ungesättigt, irdisch ungestillt oder nur mit einem in Milch geschlagenen Ei verköstigt - ja, und erst - wie die Kutte und wie die Ausstattung der seligen Profession? Und wie die Gebets-, Essenzen- und Rekreationsregeln - und wie wichtig sind sie nicht, die Innovatoren in laudibus et honoribus dei et sui aut eorum? Soo zieht ein neuer Ablaß, ein unentdecktes Missionsfeld! Übermorgen wallfahre ich zum Herrn Papam papaverem. Der genehmigt wir meine Fisimatenten: besucht mein Zelt, meine Burg, meine Klausur nicht, ihre Beter! Wie die Haltung bei und nach und zwischen und für und gegen? Immer wieder brach sich jemand Raum, suchte und scharte die Idealisten, die fast ebenso so. Aber immer galt, als Signum wahrer Erwähltheit: sich Rom unterordnen! Gegenüber den Klerikalbischöfen keinerlei Wörtchen der Kritik, keine Andeutung von warum man sich denn schon um halb sechs auf nackten Sohlen, zu dem Gebet in die Kirche schleichen muß. Ordnung, Unterordnung; Armut (damit der Orden der reichste und schönste und erfolgreichste werden kann. Von all den Klöstern am Niederrhein oder in der Provinz Holland - keines, das sich einen eigenen Kunstgeschmack, einen Künstler, einen Literaten, einen Musiker geleistet hätte, mit dem sich die Beschäftigung lohnen könnte. Abgeschaut, geist- und ideenlos wurde nachgebaut, kopiert, in Demut und Keuschheit und materieller und geistiger Armut ein Ritual herabgeholt aus den Himmeln der eigenen zukünftigen Wohnung und immerdar währenden Belohnung.


Auch doch dort:

Die Gaesdoncker Chorherren selber waren inspiriert von einer himmelstürmenden Idee; der schlicht-freiatmende Kirchenraum ist einer der schönsten am Niederrhein, in seinem Gesichte, seinen Geschäfte & Ordensregeldingsbums für Weihrauch, Goldgeschenke und der holländischen Meister Holzmalereien.


Geschichte des Klosters, der Gaesdocker Chorherren?

Aber von der Geschichte, der Bibliothek, der Historie eines Ordens - nicht wurde ihnen vermittelt. Wie lebten sie in einer gesichts- und geschichtslosen Insel, trotz der Schätze, die in de Bibliothek vergammelten: die geistige Blässe, die Ideenlosigkeit bei gleichzeitigem Ordnungsvollzug. Interessen - die gab es bei Lehreren und den farblosen Präfekten und Durchläufern nicht. Sie konnten nicht singen, sie mußten fortwährend beten, mit Brevieren rumlaufen; von Psychologie keine Ahnung. Es hätte ja bedeutet, sich auf ein Individuum einzulassen. Zu glauben, daß es Sinn hat, daß ein Gerd unterscheidbar wäre von einem Johannes. Quatsch - die Schelle am nächsten Morgen schnarrte herzzersplitternd um 6,15 Uhr.


Der Baumeister

Herrlichweitoberherrschend, einzog der neue Herr, der von Münster kam, im Segen seines Bischofs, der drauflos baute. Der Meister, der Baumeister. Abgerissen wurden: das Museum, das Küchenhaus. Erbaut wurden Fassaden, kleinbackig, Räume, praktikabel. Alles hell und aufrichtig gemeint.


Eine Theaterfahrt

Weit in Land hinaus fuhren sie: nach Mönchengladbach, um die klassische Iphigenie auf Tauris auf den Bühnenbrettern zu erleben.
Goethe, er habe Erbarmen!
Was er noch heute im Ohr hat, wass sich sos dröhend zutrug.: Immer wieder fällt jemand, am häufigsten die selig-heilige Iffi, auf den poltrigen Bühenboden. Da, plups! So donnert es ihm in den Ohren: Dazu Staub, aufsteigend aus alten Plüschportalen.



Der Säufer

Der Lehrer, der nachts herumschlich und leise, ganz leise die Klinken herunterdrückten zu den Schülerzimmern. Jeder kennt sein heimliches Laster, hört A. erklären. Als Oberstudienrat tritt er nicht mehr in Erscheinung, nur als lauernder Schleicher, als Lehrer-Kritiker (Glanznummer: Oppa-Kritik), als Rezitator von vermeintlichem Humor, immer wieder Heinz Ehrhart oder Ringelnatz, mit beschränktem Repertoire. Clevere Schüler halten ihn hin mit ihren Imitationes discipulorum benignorum.
Ein doonerndes Bravo der Gemein-Schaft.


Der Märtyrer

Ein Geistlicher, der seine Gesundheit für sein Engagement, für seine Überzeugung im KZ Dachau gelassen hatte.
Nichts erführen wir von ihm; keine Beziehung hatte er zu einem Schüler; er rechnete und schrieb als Verwalter wohl Bücher voll. Sie bekamen ihn als Persönlichkeit, als Ideenträger nie zu Gesicht. Als er mich ab Unterprima mit den damals als Taschenbuch erscheinenden ersten in großen Umrissen über den Faschismus informierte und den deutschen Widerstand als mündliches Abiturthema in Geschichte angab, er erhielt keinen Hinweis, keine Betreuung, keine Literatur angegeben.
Er müsse heute noch verfluchen, daß er damals nicht den Mut hatte, dem auf der G. wohnenden Rektor auf die Zimmer zu rücken? Nein; Irrtum: Sie mußten damals nichts von der heldenhaften Vergangenheit des Matthias Mertens. Wahrscheinlich wollte er es so - würde man heute rückblickend ihn verherrlichen. Ja, man wollte nichts mit der Vergangenheit zu tun haben.


Gespinne
Die schwarze Spinne! - Oh Gott, wie wir es 1960, in der Untertertia überstanden zu haben geschafft zu vermeinen – Gotthelf sei der Spinnen gnädig!

Lesen! Auslesen! Auch wenn es einschläfert.

Gotthelfs Erzählung liegt ihm heute noch als Hamburger Leseheftchen vor: vergilbt, zerlesen, an den Rändern mit Bleistiftanmerkungen versehen. wir hatten es in den Untertertia selber angeschaffen müssen; bei den jährlichen Verkaufsaktionen, bei denen man den Schülern jüngerer Klassen die Schulbücher, hauptsächlich Lesebücher und Lektüreheftchen verkauften, gab es diesen Titel nicht; es war eine Orchidee unseres Deutschlehrers: ob er hatte den Ordnungsfaktor dieser Novelle verstanden hatte, wie er nicht - aber, ja, er hatte es sich aufgeschrieben: es dick auf die Rückseite des Schmutztitels geschrieben:


Absichten, wohldiktiert, des Dichters, notiert für alle Tage:

A.1. Erziehen zum Glauben
2. Erziehen zur Ehrfurcht vor dem Alten
3. Erziehen zur Kritik am Neuen
4. " " zur Liebe zur Heimat (mit Kommafehler)

B.1. Warnen vor Hoffahrt und Verzweiflung, Warnen vor
Fremdem
2. Erinnerung an vergangene Zeiten

C. 1. Schilderung der Landschaft
2. Menschliches Regen in der Natur
3. Liebes- und Familienglück


Ja, es war so abgelegen, wie die Plümblümchen - äh, so sieht er den roten Klee in seiner Blüte Pracht - Vollender-Gestalter, die der Geistliche Gotthelf beschrieb; es war aber auch die Indienstnahme des Glaubens zu Pestzeiten: Warnung von Abweichung, Individualismus; wer die Pestzeichen trug, mußte Gottes Bestrafter sein.
Statt sich um die Übertragungswege für Behandlungs- und Vorsorgemöglichkeiten zu kümmern, wird hier noch schon mittelalterlich, unaufgeklärt der oder die einzelne Böse zum Sündenbock gemacht; daß er umkommt, verhungert, verreckt an Trostlosigkeit, weil keiner ihn an sich, zu den Seinen, zu seiner Hütte heranläßt; es hat als Angst- und Abwehrschrecken natürlich so etwas wie einen Isolierzweck. Aber als Christlichkeit oder gar als medizinisches Verständnis - purer Unsinn! Aber er schreibt fleißig mit, am knappen Rand auf das vergilbende Papier:
Aufgeregter Satzbau: Aber man brachte uns im Deutschunterricht keine Grammatik bei; er konnte sie vom Lateinischen her - und eine anständige Formbeschreibung von syntaktischen Figuren, gar rhetorischen Tropen - nein, danke!
"Ein wiehernd Gelächter wollten die einen gehört haben von ferne her; die andern aber meinte, es seien nur die Käuzlein gewesen an des Waldes Saum." (S. 30)
Ein beispielhafter Satz: Von der Wortwahl und der Betulichkeit her, der gestochenen, aufgesetzten Dialektik her; der Grundüberzeugung her, daß natürlich die Gottvollen Recht hatten!
Angst als Kennzeichen, als Kainsmerkmal; er wurde verfügbar gemacht: Köpfchen senken - (nein, Pardon: nicht Hitler etc.) - des Bischofs gedenken, was der Hohepriester für uns bezahlt - und glaubten, daß man erkannt wird, in fernsten breiten und Sümpfen: Kain, der Nicht-zu-Erschlagende: Der neue Schulbau, das neue Kesselhaus, der neu hergerichtete Sportplatz, die via apia neu gestreut, das neue, das neue... Kein Wort, daß der Schuleneubau wie jeder Bau eines freien Schulträgers vom Kultuministerium gebaut und ausgestattet wurde - bis auf einige Prozenten.
Warum bezahlte er für uns so Herrliches, immerzu Neues? Ist das nicht der unermeßlichen Vermögen Zinssatz? Der Kirchensteuer Prächtigleben? Gerissen aus den Blutenden?
Daß Otto-Normal-Christ ein Leben lang die Klappe hält; und fein säuberlich trennt: Die Wissenschaften und die Politik - gut hat der Herr es eingerichtet; wir wollen ihn loben! Und die Glaubenskiste ist unberührt von unserem Denken, von Gewissenszweifeln, sie ist die ewige Schatztruhe Gottes mit den Menschen. Dort (bei dem erhabenen Gesang, bei der hehren Musik, bei der vortrefflichen Liturgie - so sagte er es, wenn keiner zuhörte, nur der Herr: beim Summt der Unterordnung und des Verzichts auf Verantwortung) erholen wir uns - muß das religiöse Leben anstrengend sein!


Schlitzohren

Am besten gediehen die Schlitzohren, das Füchschen und zwei seiner Freunde. Da redeten sie und dachten an anderes, und wußten ihren Vorteil, bei der Schwester Koch, beim Präfekten A., bei Bediensteten.

                           Ein anderes Bild von der Gaesdonck - eine Epoche später -

Blasiert

Da betrat der Präses den Klassenraum, holte zu einer kurzen Betrachtung aus und zückte das Ergebnis (einer geistlichen Lektüre, einer Tagung, eines in der Hierarchie versattelten Gesprächs?): blasiert. Ich schreibe es an: B L A S I E R T! Solche Jungen gibt es, blasierte: Sie sind blasiert. Sie sind nicht echt, sie sind so gar nicht - Jungs! - Es blieb unklar. Wer war gemeint? Was war gemeint? Eitelkeit? Ein fahler Charakter, ein fehlender, ein verpfuschter?
  • Bei wem taucht der Begriff noch heute auf? Ja, in der Sendung „Wort des Tages“, vom WDR; ich höre sie in „MOSAI K“, täglich, außer sonntags, um 1,70 H – mit etwas gesuchter Mucke.
  • Fast immer, wenn ein Theologe, kakakatholisch: Prälat, Professor, Weihbischof, (legitimerweise darunter nie!) – wenn sie über etwas seiern, was ihnen am Halse liegt: Psychologisches. Dann kommt, wie das olle Amen in de Kerk: „blasiert“! Meistens „blasierte Jünglinge!“
Blasiert – beim Kater..? Nein: Beispiele gab es nicht: Keine Erzählung, keine Anekdote, kein Literatur, kein Erlebnis! War Bölls Hans Schnier, der Clown, war der „blasiert“? Nein, darüber konnte man nicht mitreden - nur weitertratschen! Was als offizielle Verurteilung rüberkam, ex monasterio. Aber das konnte man nicht wiedergeben. Da war man, äh, nicht gebildet!
Und wir, wer war blasiert von uns? Unser Füchschen? Hatte Kater den durchschaut...? Konnte das sein?
Und die all daseienden Füchse? Unser Füchschen? Kannte er sie? Konnte er sie unterscheiden? Von den Nichtblasierten?
A. befragte A.? Wie konnte er sich ändern - so verunsicherte er sich. (Der Duden half ihm später weiter:


Das wichtigste Gedicht

Ja, natürlich: Prometheus. (Nein! - Hätte keiner mehr gewusst!) Und ich hatte falsch gelernt. Noch Jahre später - erst im Germanistik-Studium korrigiert. In seinem Köpfchen steckten seitdem Knabenmorgenblütenträume.
Die Götterkritik dieses Gedichts wurde übersprungen. Geistige Rückkehr hinter den Text. Goethe als Zeuskritiker, gut, akzeptabel; da brachte jemand das Licht auf die Erde. Daß es Aufklärung hieß - oweia!
Wo saßen die Titanen, vor deren Übermut Prometheus sich retten muß? Im Klosterkeller. Wo die leckeren Äpfel schlafen. Sich runzeln.


Die Gaesdoncker Vergangenheit:

Da gab es Affären, die keine Affären waren; und Affären, die keine sein durften. Silentium! Strictissime! Ihr sollte nicht merken, was los ist in der Erwachsenenwelt. Was Ihr wissen müßte, wird euch früh genug beigebracht!

                    Gut behütet? Dort verbrachte ich im Schlafsaal unterm Dach ein Jahr -


Was du?

Wie schreibst du, was schreibst? Ist dir alles bewußt? Es sammelt sich Sand an, ein winziges Baustöffchen, ein Inselchen im Meer: als Sätzchen aus dem Volksmaul: der Erinnerung. Es wird sichtbar. Hörbar, es sammelt sich Stoff an, wenn ich es klingen lasse. Da rauscht das Meer, immer dasselbe, in Sankt Peter-Ording, mein erster Blick auf die Sommernordnordsee!
Der Wind streicht darüber. Trägt alte Gewißheiten fort, läßt neue anschwemmen. So gerinnt ein Sandhügel, wird umgegraben mit dem Schüppchen und dem Kindereimerchen Barmherzigkeit und Hilflosigkeit. Da fegt der Wind, zerkratzt die Haut, besonders mild der Lippen, läßt Strukturen erkennen, erahnen, deckt Verhöhltes zu, überspielt Nichtigkeiten, rüttelt an den Festen, zerzaust das Leichte zu neuen Formen. Ich baggere. Oder, heute meine Kinder. Und auch schon die nicht mehr. Da grabe ich allein. Die Schaufel, der Eimer, das Verrinnern ...


Thomas Mann im Schlußsatz seines Essays "Versuch über Anton Tschechow": „Und man arbeitet dennoch, erzählt Geschichten, formt die Wahrheit und ergötzt damit eine bedürftige Welt, in der dunklen Hoffnung, fast in der Zuversicht, daß Wahrheit und heitere Form wohl seelisch befreiend wirken und die Welt auf ein besseres, schöneres, dem Geiste gerechteres Leben vorbereiten können." (Schriften über Literatur. Bd. 3, S. 297.)
Ja, sicher, wohlwoll! Und Tschechow selber, heute auch vornehm Chechov, mir egal, geschrieben: "Ein bewußtes Leben ohne eine bestimmte Weltanschauung", schrieb er an einen Freund, "ist kein Leben, sondern eine Last und ein Schrecken."
Er hat Tsch. Zu spät kennengelernt, seine Kinder- und Lehrerstudien, seine Einsamkeitsutopien. Ob er sich (oder wen?) ergötzen konnte, ob es heiter wirkte - ob es heute heiter wirkt? Der Held, passiv genug, lebt, hat überlebt, stellt sich Fragen des Überlebens - ist das schon genug?


Und noch ein - wie sag' ich's mir, ohne seine stilistische Selbstachtung zu verlieren - Statement? Kleine Sätzchen über Grundsätzliches? Eine Grundform das Notat, was bemerkte er schon, als sie vorbeisegneten, über seinen Schopf hinweg, als alles für die Ewigkeit geschoren, geschält, geschlitzt wurde für den Stromkreis der Gnade, den keiner an- und ausschalten kann, wie er will!
Wer das denkt, Jungs, der hat schon ausgeschaltet,
Für immer, Herr Präses?
Darf ich Ihnen die Hand küssen (ohne Fragezeichen) -
Für immer, das kann keiner sagen. Woher nimmt einer die Gewißheit. Und, Jungs, die Determination, sie ein ganz schwieriges Kapitel. Laßt euch nicht aufs Glatteis führen.


Vom Arbeiterkind

Johannes Urzidil, armer Leute Stiefkind im alten Prag, Schilderer der Armen und Angestellten Lebenswelt (detaillierter als Ewigkeitsbrummer Kafka):
Zu meiner Zeit wohnten in jener Gegend Beamte mit geringem Ein- und Auskommen-kommen und tampfer-dumpfe Arbeiter. Arm sein und Arbeiter sein war dazumal so gut wie identisch." (Aus J. U.: "Dienstmann Kunat")
Unwichtig? Ihm nicht mehr! Ich hatte einmal fürs Klassenbuch der Volksschule als Beruf des Vaters "Landwirt" angegeben. Zu Hause erzählte ich davon: Mutter aber sorgte für die Wahrheit: "Vater ist Landarbeiter. Landwirte sind dicke Bauern, so wie Jansen, Littjes, Kattelans und so! Und wieviel sie gepachtet haben oder ihr Eigentum ist, wer weiß das schon? - Und beim Jansen, aus dem Haus stammt der Pater Arnold Jansen. Der konnten schojen. Schojen - was heißt das? Betteln, überall hat er gebettelt, beim Bettler und beim dicken Bauern, der seine Seelen aus dem Feuerchen auslöhnen wollte."

Dort auf dem Bauernhof – Farm Weiße Legehorn – sah er shcon 1950, wie Öhnchen verschrottet worden. Mann sollte lieber nicht zukucken: In zwei Säcken wurde die Hähnchen, ja, ja, die Küken, gepackt. Wann zugebunden. Und die Säcke in einer Zinkbadewann ersäuft. Durch handsündiges Zupacken und Niederstoßen der Säcke. Dann würden die Ersäuften im Schweinekoben zugefüttert.

                                                 Gaesdonck - verziert und gezinkt -
                                  

Ein Wundermotto:

Die kleine Frühlingsnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell. Der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir, die Nachtviolen unter dir, einige Nachtgedanken in dir. Und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen als etwa ein Regenbogen im Mondschein braucht!
Wenn ihm einer diesen Text anvertraut hätte - aber er lernte nur uninspirierte Arschpauker (mundus ani germanici et padägaogici et perpauci) kennen, die den Deutschunterricht betrieben wie am Strick das Glöckchen Schulbucheintopf (Aus: Jean Pauls Das Leben und Sterben des Quintus Fixlein. Vorrede. Zitiert nach Siegfried von Vegesacks Roman "Die baltische Tragödie") - Sehnsuchtsbild!


Die Gaesdoncker Blätter:

Eine Fundgrube, für Hymnen, für Predigten und Rechtfertigungen, für geschöpfte Kellen aus den Tiefen des Fraßes. Rechtfertigt euch nicht über euren Scheitel hinaus, und den eurer Kindeskinder - Spruch aus den Logien des Kastendenkens!


Siggi

Er war einer von den vielen, die verschwanden, die in ein Auto stiegen, denen man, wenn's wehtat, nachwinkte, und die man vergaß oder in sich begrub! Von denen nur die Akten, der Präses und vielleicht einige Lehrer wußten, warum sie den Gaesdoncker Idealen und Ansprüchen nicht mehr genügten. Manchmal gab es böse Gerüchte, wenn einer verschwand; manchmal waren es Leistungsdefizite. Nachhilfe, um Teilschwächen auszugleichen, hat es nie gegeben! Ausgelöscht aus dem Gedächtnis sind sie - nicht berufen zu höheren Qualifikationen!
Aber einen gibt es, den muß er suchen: Siegfried! Von dem weiß er, warum er verschwand: Die Eltern zogen nach Holland rein, er glaubt, in die Utrechter Gegend, um dort eine neue Gaststätte aufzumachen, nachdem ihr Betrieb ("Grenzlandcafé") am Elterner Schlagbaum aufgegeben wegen der Grenzverschiebung werden mußte nach einer Abstimmung im Bereich Hochelten. Aber er hätte doch trotz dieses Umzugs dableiben können im Internat! An Leistungsschwierigkeiten erinnere er mich aber nicht - oder will es nicht!
Mein bester Freund, nur für kurze Zeit, aber einen besseren fand er später nicht mehr. Erst haben wir immer zusammen gequatscht: über die Streber, über den Fuchs F., die Sportcracks gelästert. Gott weiß, über welch einsame Phantasien! Dann, wohl nach zehn Minuten spätestens hatten wir Streit. Sie haben uns getreten, gekloppt und gefetzt. Teils lachend, aber auch, daß es ernster wurde. Komisch herrliche Freundschaft! Und Streitschaft! War er schwul; wer von beiden? Beideineinander. Betrachtete er ihn als Bruderersatz, mit dem man seine puberalen Kräfte mißt? Wußten wir es noch nicht? Seine Baskenmütze hat er mal im hohen Bogen vom Weg am Tennisplatz aus in die Gärtnerei schwirren lassen, über Zaun und Hecke. Da konnte er zu dem Gärtner und den Spritzen rüber, die da Erdbeeren pflückten für ins Nachtischeis.
Er hat dich nicht verraten! - Und wenn du jetzt Ärger kriegst? - Weshalb? er hab nur um zwei Erdbeeren gefragt. Bittebitte gemacht. Und eine Handvoll geschenkt gekriegt. - Und wo ist deine Mütze jetzt? - Liegt im Wasserbassin. Er konnte zuerst nicht drankommen, mit einer langen Bohnenstange reichte es dann, aber da ging sie unter. - Mußt abwarten, bis sie ausgerufen wird! Wie denn? Na, als Baskenfisch! Oder bis sie vor dem Winter an den Knüngelshaken kommt. - Du hast Nerven! Freundchen! - Nur für dich! Hier noch drei Erdbeeren, die größten, grad mal so als ein Extra für dich, mit besten Grüßen vom Bischof? - Garantiert!

Einer, den muß er suchen. Der beste Freund, einen besseren fand er später nicht mehr. Erst haben wir zusammen gekluckt. nach zehn Minuten spätestens hatten wir Streit. Sie haben uns getreten und gekloppt. Teils lachend, aber auch, daß es ernster wurde. Komische Freundschaft. War er schwul? Oder er? Wußten wir es noch nicht? Seine Baskenmütze hat er mal im hohen Bogen in die Gärtnerei schwirren lassen, über Zaun und Hecke. Da konnte er zu den Spritzen rüber, die da Erdbeeren pflückten für ins Eis.
Er hat dich nicht verraten! - Und wenn du jetzt Ärger kriegst? - Weshalb? er hab nur um zwei Erdbeeren gefragt. Bittebitte gemacht. Und eine Handvoll gekriegt. - Und wo ist deine Mütze jetzt? - Liegt im Wasserbassin. Er konnte nicht drankommen. Abwarten, bis sie ausgerufen wird. Oder an den Knüngelshaken kommt. - Du hast Nerven! Freundchen! - Nur für dich! Hier noch drei Erdbeerbomben, grad mal so als ein Extra für dich, garantiert vom Bischof! Geweiht und gesegnet! Und was ist der Unterschied? Lern du erst mal Latein, bevor du mir Deutsch beibiegen kannst!


Erzähldochdammich!

In einer Gruppe stehen wir; er hat wenig Erinnerungen an Grüppchen, die sich informell bildeten: Freundschaften und Wispereien bestanden immer. Sonst nur Fähnlein oder die entsprechende Gruppen bei den Pfadfindern. Einer sagte es zu einem Älteren: Chef! Du! - Da fühlte sich einer aus seiner Klasse angesprochen und antwortet mit einem laut-frohen "Ja!" Noch lange ging diese seine Anrede "Chef!", wenn er irgendwo hinzutrat.


Vom Listigsein

Infolge einiger, sozusagen individueller Anlässe hat er eigenartige Erinnerungen. Was man untereinander gesagt hatte, gelästert oder offen kritsiert; es passierte da nicht selten, daß der Meister, der Kater, wie K., die Capra ihn mal getauft hatte, offensichtlich von der Bemerkung erfahren hatte. Irgendwas wurde angeordnet, neu durchgegeben - es war nur denkbar als ziemlich schnelle Reaktion auf eindeutigs Petzen, Tratschen, verquatschen. - Ob nur er diese Erinnerungen hat? Er jedenfalls verbindet die Rückmeldungen mit zwei Mitschülerin: Fuchs und H.!
So - immer auf den Pfoten, immer der Suchende, der Kater. Und um ihn und um ihn herum noch mehr: Mäuschen.


Tutoren. Da ging es los! Da herrschte Pädagogik!

Tutoren sollten in den Häusern das Leben der Mitschüler - ja, was Behüten, überwachen? Anordnungen leichter durchsetzen! Sie hatten es gut mit unserem Lothar. Er verlangte nichts Unsinniges; aber im Ernst, er weiß auch nicht, was er in seiner Position getan hat. Er war ein Leisetreter und den Mund hat er nie aufgemacht. ABer, zugegeben, er hate auch ein, zwei Tage darauf gehofft, daß nach der großen Ankündigung des Präses, er wolle nach englischem Vorbild das Internat in Häuser aufteilen und als Unterpräfekten Tutoren ernennen, daß die Wahl auf mich fallen würde. Aber, nein, er wußte auch schon während dieser Tage des geheimnisvollen Abwartens, daß er nicht die Interessen aller berücksichtigen könnte. Schon allein die Petzereien, das In-den-Arsch-Kriechen, das Fuchs-Spielen einiger zu lasten anderer, die mutig und einigermaßen gerecht bleiben wollten; maximal hatte er drei in einem solchen Verdacht.


Lebensweg

Hölderlin? Borchert? Böll?
Geht er immer glatt - am Abgrund entlang, vorbei? Und wer entscheidet, wenn Schnee fällt, den Weg und die Gräber übertünchend?


Ja, der B. (der Fähnleinfüher)

Den kennt er fast nur den Nach-, der doch Georg mit Vornamen hieß. Der versuchte mich häufig wegen etlicher Vorteile die er hatte, anzuekeln, mießzumachen; richtig, ein kleiner Machtkampf war es, den er fortwährend aufzäumte. Er glaubt nicht, daß er ihn je herausgefordert hat zu solchem, sosagenwirmal Gerangeleiherbeiherbei. Er der Ältere mußte jedoch ihn, den Jüngeren, oft sein Besseren Leistungen, sein nützliches Allgemeinwissen für Quiz, fürs Stadt-Land-Fluß-Ratespiel herabsetzen, um vor sich selbst bestehen zu können. Allein im Stadt-Land-Fluß-Spiel und bei Quizfragen war er den meisten andern, und eben ihm überlegen; vielleicht hat er deshalb auch schon mal den eitlen Gockel gespielt. Wenn man siegt, warum soll man sich nicht freuen? Da merkte er, daß er, der sein Fähnleinführer war, ihm das mißgönnte,, nur so! Häufig gingen so wenig intelligente Attacken gegen seine bessere Leistungen los. Er glaubt, er hat auch gar nicht Abitur gemacht. Er war sicherlich drei/vier Jahre älter als er; aber geistig war er ein Verlierer.


Die Allgäufahrt (von Konstanz nach München)

Allein, um ein Telefongespräch zu führen. Da war er ihm überlegen. Er hatte vorgeschlagen, die Fahrräder mindestens einen Tag früher auf die Bahn zu bringen, als unsere Abfahrt. Das war nach seiner Meinung nicht nötig. Später mußte er Telefonnummern raussuchen, um alle zu informieren: Bitte gebt eure Räder vorher auf. Sonst können wir in Konstanz eine Pleite erleben, wenn wir die Räder nicht da haben. Aber das gehörte schon zu unserem kleinen Machtspielchen. Nein, um ihm Niederlagen beizubringen - so intelligent war es nicht. Der ist übrigens die einzige Socke, von dem er so etwas wie Verhaltensstörungen in der Rückerinnerung festmachen kann.


Ja, Erinnerungen

An den Bodensee, herrliche blaue Horizontlinien! Der See wie ein gewölbter Spiegel zwischen den hohen Bergen im Süden und dem flachen im Norden. Aber, wo bauten sie ihr Zelt auf? Wo kochten sie ihre obligatorischen Nudeln mit Würstchen, ansonsten Brot mit Leberwurst oder Salami.
Die Radtour war ein heißer Reifen. Übersetzen. Flicken. Den Arsch reiben. Das Alles vergessen.


Hiob, du Retter seines Sohnes

Der Hiob stand als Taschenbuch im Schriftenstand, ein frühes Herderbändchen. Ob es je einer gelesen hat? Er mochte das Bändchen nicht, es gab sich alttestamentarisch, altmodisch vermarktet. Sollten wir sollen denn auch noch den geduldigen Hiob spielen, kurz und neu formuliert: Job, du Schaf! Warum hast du dich scheren lassen, bis auf die blutigen Schnitte in der Fetthaut. Nein, so wollte er nie werden, am Boden zerknirscht, gottergeben bis in das Elend hinein! Verlassen! Spielball eines Gottes, der ihn erprobt? - Erst spät hat er den Roth-Roman gelesen: Ein, ein wunderbar geschichtlich sachliches Märchen. Eine realistische Märchenerzählung. Die Verwandlung eines jungen Träumers, Epileptikers, eines abgeschriebenen Krüppels - zum einem Musiker, der sich später dem Vater eröffnet - der ihm die Rückkehr in die Religion seiner Väter ermöglicht. Und das ganz Unmögliche im saumäßig versauten Amerika! Pfui! Darüber regen sich noch heute Interpretatoren für den Deutschunterricht auf; Rot war ja nachweisbar nicht in den USA! Denn den kleine Sohn, den unnützen Krüppel konnte der Vater nicht mit nach Amerika nehmen. Da mußte - mit der Logik der Erzählweisheit der Weltkunde Märchen - der Sohn gesund werden und ihm nachreisen. Eine Karriere, ein Wunder, ein Märchen - ein Kunstwerk des Fürwahrhaltens.


                                                         ... abgesägt! ...

Theaterspielen!

Ein  k l e i n e r Star - ein selbsternannter Schauspieler! Gut, er hatte alle beeindruckt in Wilders Spielchen "Die kleine Stadt". Und kam aus der katholischen Vorzeigestadt Kevelaer, die schon immer geschäftstüchtig war und devotionaliter extrovertiert ihre Gnaden und Wunder übers Land verkündete, ob mit Krüppelarmaturen, die dann in der Kerzenkapelle abgelegt wurden. Der Betrieb lief in den Sommermonaten. Für hysterische Ab- und Anwandlungen eignen sich Kälte und Nässe leider nicht. Damals aber auch noch nicht mit St.-Johannes-Lollis aufgerüstet. Aber mit Heiltümern, dem Blau der Schutzmantelmadonna-Unter- und Obergrenze des Hoffens, dem Heil züngelnder Flammen, auf daß Pfingsten sei - und hör mal zu, wenn der Rektor der Wallfahrt seine Stimme erhebt und der Bischof aus Luxemburg die ihm hingereichten Kinder küßt..
Die wundervolle "Kleinstadt", wo Bübi und Mädli darußen sitzen und sinnieren. Das einzige moderne Stückchen, das man ungestraft, ungeniert in einem Internat spielen durfte. Es war so weit weg. Ein Junge spielte, mit einem Nickytüchlein das Mädchen, nur so ein Tüchkein am Hälslein, da schau mal. Das ist Kunst des Minimal-Maximalen! Und er, der Richard der Neunte, der Profi, der Unbedarften die Show beibringen wollte. Zweimal unterbrach er mich, ließ ihn nicht spielen, wollte es ihm besser vormachen! Irgendwie, er weiß es nicht mehr! Irgendeiner dieser vermaledeiten Sketche, die zur Unterkehrhaltung so nötig gebraucht wurden in diesem wirklichkeitsfremden Innenleben einer Kastenwelt! er brauche das nicht! er kann so durch! Spiel du, wie du die Figur willst! Wieso muß er das spielen,
Angeber, du!


Der erste Film über die Gaesdonck

Ein Schüler hatte von zu Hause eine Filmausrüstung mitgebracht und in liebevoller Kleinarbeit Details der Gaesdonck gefilmt. Er schnitt sie zu einem Film zusammen. Wir erkannten alles wieder: unsere kleine bescheidene Welt, ohne Erzieher oder Lehrer.
Ein Detail: der rostig-krause Stacheldraht über dem Tor auf der Brücke nach Paukershausen. Hervorragend ausgeschnitten, erschreckend, gut als Kontrast einmontiert.



Stacheldraht

Nach ein paar Tagen war er verschwunden - fiel ihnen auf - der Stacheldraht auf der kleinen Eisenbrücke nach Paukershausen, die an der östlichen Seite des Geländes über den Klostergraben führte. Das Törchen inmitten der Brücke, die eher einem Laufsteg für kommende Märtyrer glich, blieb aber verschlossen und nur mit einem Schlüssel zu öffnen. Das war so ein Privileg derer von Gnaden und Schlüssel zu Paukershausen.
Ein Bild sehe ich: den Übergang übee den grünzugewucherten Graben – das ist das Paradies, die man nie mehr erreichet bei der Regression.!
Da fischen – nach Nixchens Töchterchen, das baden geht und einen Stammbaum verführen will , nach Freiheit –
Dort habe ich folgende, kurze Erinnerung eingestellt:
Über den Graben - der Weg nach Paukershausen...
 
                                        

Vor 1965 - als ich die Gaesdonck verließ, gab es im Osten, über den Graben führend, einen eisernen Steg, mit einem Mitteltor; das so gut gesichert war, dass keiner über das Hindernis hinüberklettern konnte: insbesondere durch Eisenhaken und Stacheln als der rahmenartigen Umführung des Steges und der Tür, handbreit mit Stacheldraht umwunden, bis über die obere Leiste hinweg...
Alle Lehrer und die damals vielfältigen Präfekten hatten einen Schlüssel.

Ein Schüler, na, ich nenne ihn zur Ehre des Andenkens mal für die Ur-Alten hier: W. Claus (er hat kein Abi zwischen diesen Gräben gemacht...!) machte den ersten Film mit einer Kamera auf Stativ, schnitt das Material zu Hause und brachte ihn nach den Sommerferien mit; wir sahen ihn in dem alten Dachraum oben im Ostflügel, der Ersatz für die fehlende Aula war.

Der stärkste Zoom des Filmes (damals kannte ich den Begriff noch nicht...) war gezogen auf die Brücke, den Laufsteg, das umgitterte Tor in der Mitte - und brachte in Großaufnahme den verwickelten Stacheldraht mit seinen verrosteten Spitzen auf die Leinwand.
Ich erschrak: So hatte ich das Hindernis noch nie gesehen. Es war ein Detail - das symbolisch wurde für die Grabeninsel, für den Zustand eines Kastens, der geistig ein Gefängnis mit einem wenigen Fluchtweg bildete!

*

Zwei Tage später war der Stacheldraht entfernt. Dafür gab es einen Arbeiter, der "Anton" oder "Töneken" hieß; Anton Rühl, einen fleißigen, alten Diener, der nie ein Wort mit Schülern sprach. (In den Gaesdoncker Blättern gibt es einen Nachruf auf ihn.)
Aber das Törchen auf der Brücke blieb natürlich immer noch verriegelt.
*
Der aufregend filmende Schüler war innerhalb eines halben Jahres "weg" vom Fenster.... Man erfuhr als Schüler nix von seinem Schicksal!
Auch sein Bruder, der Theo, in meiner Klasse - wurde dann nach den nächsten Sommerferien nicht mehr gesehen. Dass er Leistungsprobleme bis UIII gehabt hätte, daran kann ich mich nicht erinnern.
*
Trotzdem noch diese Erinnerung an die Brüder Claus (die "Clus-schen"):
Theo war noch bei uns in der UIII:
Auf einer Rückfahrt mit den Rädern an einem Fahrtenwochenende von Duisburg zurück, im Fähnlein der NDer, machten wir mittags, als Eingeladene, Pause in der Gaststätte des Vaters der beiden "Clus-schen", in Walsum.
Und hallo...: Es gab so viel zu trinken und zu essen (Püree mit Kotelett und Gemüse; ich glaube: Blumenkohl) - dass wir einige Pausen mehr unterwegs machen mussten, über Rheinberg, Xanten, Goch....

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Ja, der Film; er ist mir noch im Gedächtnis...
Ich werd mal den "Clus-schen-Brüdern" nachforschen.
* Nachtrag:
Bis heute - 9.06.05 - habe ich im Internet keine Hinweise auf "Claus/Walsum/Gaststätte..." gefunden.
Da muss ich es über die Telefonauskunft mal versuchen; und meinen Mitschülern berichten, von denen es anscheinend niemandem aufgefallen ist, dass wir OSTERN 2005 vierzigjähriges Abi hatten.
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Schüler, die verloren gehen

Dafür war aber bei nächster Gelegenheit der stille Filmer, der sorgfältig arbeitende, gut die Perspektive gestaltende Junge weg. Verschwunden: irgendwas war's wohl: Leistung, Verhalten, Zukunft, Familie - solche Knöllchen bis zur roten Karte konnten sie aus der Tasche ziehen wie andere ein Schnupftuch. Abgang ist überall! In einer Selektionsmaschine besonders häufig. Eine Kneipe hatte des Filmemachers Vater, in W. am Rhein! Da gab es gut zu spachteln und zu saufen. Wäre einen Besuch wert, schauen, hören, wie der Kasten als Kleid oder als Innenreich bei einem ganz anderen Typen haften geblieben ist. Wie würde er den Film heute sehen? Sich erkennen?



Nochmals Georg!

Dann, die Kostenabrechnung der Allgäufahrt!
Zweimal hatte er den Führer schon danach gefragt, dann angemahnt: Die Kostenabrechnung von unserer Allgäufahrt. A. hatte einen einigermaßen realistischen Überblick gehabt, über die Kosten der Fahrkarten, der Übernachtungen und der Einkäufe; und Kopfrechnen war nie schlecht bei ihm, der sich seine Ausgaben dreimal überlegte!
Doch der Herr Jungführer kümmerte sich nicht darum. Da ging A. zum Präses und beschwerte sich. Eine Kostenabrechnung, fand A., gehöre sich für jeden, der Kosten und Gelder verwaltete.


Beim Präses

A. fand sich als Angeklagter in der Runde des Fähnleins im Zimmer des Präses. Es sei doch alles gerecht zugegangen in der Planung der Fahrt! Doch endlich gab es eine Aufstellung. Angeblich seien knapp zehn DM übriggeblieben, die irgendwie aufgeteilt werden sollten. Oder wurde eine Kerze für den Marienaltar in der Kirche gekauft.
Es war ihm nicht um Geld gegangen. Er wollte Offenheit und Nachprüfbarkeit. Und die hatte dieser Idiot von Führer nicht von sich aus als Pflicht angesehen.
Keiner vom Fähnlein bedankte sich bei A. Sie kuschten und fanden es - ja, wie nur? Ungehörig, über Geld zu reden? Er sprach nie mehr darüber.



Das Dritte Reich

Ein große Serie: zehn Folgen, im Fernsehen. A. glaubt, sie hätten alle Filme sehen dürfen - aber keiner war zum Gespräch da für sie! Kein Lehrer, der am nächsten Tag darauf zurückkam!
Angsthasen? Meinungsmuffel? Leisetreter? Was hätten sie gewählt, wenn der Januar 33 wieder vor der Türe stünde? Oder die Reinigung der Verwaltung, der Schulen, der Verbände, des öffentlichen politischen Lebens? Die Bereinigung des Beamtenstandes, des auserwählten Volkes aufgrund von Rassegesetzen?
A. erfuhr zum erstenmal von dem Begriff Gleichschaltung und war überrascht von der psychologischen und verwaltungsmäßigen Steuerungsfähigkeit (fast) aller Mitglieder in einer modernen Gesellschaft: eine unerhörte Anstrengung mittels Propaganda, Verfolgung, Terror, Diskriminierung, Aussonderung, gar Tötung. Der Schrecken der Verwaltung und Einsargung der Individualität, der sozialen Bindungsfähigkeit und Gerechtigkeit. So sah er zum erstenmal Bilder von der Reichkristallnacht, einen Bericht über die Tötungen durch Autoabgase, die industriell perfektionierte Massenmorde. Die schlimmsten Bilder bis dahin - und noch nicht einmal die bizarren Spezialitäten, die sich ein NS-Machkartell, bestehend aus einer Elite von Verbrechern und Neurotikern zur Gunst und Lust ausgedacht und inszeniert hatten. Einige Stunde Geschichtsunterricht, einige Minuten möchte er gern noch mal daran teilnehmen.
Für das Abitur wird er später, als einziger seiner Klasse, das Thema Widerstand im Fach Geschichte vorbereiten. Er hat sich Taschenbücher über die Vorgänge um den 20. Juli 44 gekauft. Von anderen Widerstandsformen und -aktionen wird er bis zum Abitur nichts erfahren.


Taschenbuchkauf

Jede Woche mindestens einmal - da suchte er in den zwei relevanten Gocher Buchhandlungen nach Lesestoff, vergriff mich wohl schon mal, Habe auch einige Titel nie verstanden: Johnson: Mutmaßungen über Jakob. Nich zu kapieren! Was schreibt de denn? Wer erklärt ihm das? Zeit, die im Spuk des Nichtsprechenkönnen verloren ging. Für die Gocher Kirmes hatte ihm die Mutter einmal fünf Mark gegeben. Er setzte sie in zwei Taschenbücher um.

                                                                                                             Ein Arcimboldo - ein Ideal -
                         

Lehrplan

Da standen also Bücher, die auf das Etikett Herder hin eingekauft waren, keiner kümmerte sich darum, Keiner konnte darüber ein Gespräch anknüpfen. Sie waren alle abgeschottet. Die Lehrplane aus den Anfängen dieses Jahrhundertes; na, klar, die Nazi-Sachen hatte man rausgeschmissen. Aber, die Formel Konservatismus und Kapitalismus und Demokratiefeindlichkeit minus Hitler gleich Katholizismus der 50er und 60er Jahre stimmte. So z.B. mal der Präses, er hielt es für eine politische Sauerei, Dummheit, hat er wohl gesagt, daß ein Hochgebildeter, ein Intellektueller z. B. und ein dummer Bauernknecht die selbe, nämlich eine Stimme hatte! Aber eine politische oder geistige Ausbildung, die diesen Namen verdiente, mit beschreibender Darstellung de Alernative, der Interessen, der Zielsetzungen - wäre ein Schlag in die Maske der Hochanständigkeit und Einzigartigkeit gewesen.


Was sahen und hörten wir denn von der Welt!

Nullkommanixkommanix - nur das Vorsortierte, das Erlaubte, das aus Lesebüchern der Geschwind-verdängen-wir-mal-alles-Zeit!
Da wucherten aber die Phantasien! Wie wir mal mit den Mädchen aus dem Internat Haus Aspel in Haldern bei Rees einen Tanzkurs absolvieren dürften. Wahnsinn, Tanz als Zukunftsidee für verschüchterte Internatler, die nur eins wollten: natürlichen Umgang mit Personen jensseits der Vorstellungswelt der Priester: Mädchen, Frauen.


Deutschprüfung: Abitur, mündlich:

Einer mußte Huchel, Peter Huchel, interpretieren:

Der Rückzug I

Ich sah des Krieges Ruhm.
Als wärs des Todes Säbelkorb,
durchklirrt von Schnee, am Straßenrand
lag eines Pferds Gerippe.
Nur eine Krähe scharrte dort im Schnee nach Aas,
wo Wind die Knochen nagte, Rost das Eisen fraß.


A. hätte gerne ein Gedicht bearbeitet, ob im Schriftlichen oder Mündlichen. Aber dieses? Er war nicht vorbereitet auf moderne Metaphorik? Keine Personifikation, eine Materialisation sozusagen; ja, gibt es den Begriff überhaupt. Oder: Geschützmaul bellt! Ja,da klingt es tierisch und böse. Und die Männer an den Geschützten: Sie fütterten Überhunde! Er weiß nicht, wie der Kumpel die Prüfung bestand. Konnte er pazifistisch argumentieren? oder in allgemeiner Kriegsscheu - ja, das war wohl möglich. Aber unpolitisch, ja so mußte es sein.


Mitabiturient
So seine Meinung über die Gaesdonck: Wie das Leben wirklich läuft, was da so los ist, hat er erst in den Jahren als Soldat beim Bund gelernt! Es reichte für dein juristischen Studium und die Rechtsprechung, ein Leben lang.

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Ein Nikolausabend:

So hat ein Gemisshandelter mir nach mehr als 30 Jahren erzählt:
Den Weg würde ich gern vermessen.
Aus dem Schlafsaal holten sich verkleidete Niklaus mit drei schwarzen Männern, den Ruprechten, einen kleinen Quitaner heraus. Der sollt Mores gelehrt bekommen. Er wude ein-gesckt. Dnn wurde er rumpeldipumpel weg-gschleift, über die Fußsböden und Treppenstufen.
Dann in den Waschraum gezerrt, mit den runden, großen Becken. Dort wurde er unter getaucht, fast bis zum Ertrinken. Die Schwester war anwesend! Verhindierte das Ersäufen

Die
Puttirollitobisaufiknaller I

Es sei ihm erlaubt, an diesem Spitznamen nicht vorbeizugehen, auch wenn die Anonymität nicht gewahrt ist; Putti war eben Putti, und jeder erinnnert nur an ihn, wenn der Name eben Putti ist. Keine Ahnung, woher der Name stammte. Er gehörte als Oberstud-Faktotum und böse Zunge zu dem Inventar des Primanerbaues. Dort sah man nicht viel von ihm. Einmal jedoch, ob er da seine leise Selbstbefriedigungsgeräusche gehört hat (Unruhe? Knarrendes Bett?)? Er öffnete leise, leise die Zimmertür - und beobachtete mich lange, sehr lange, fand er, im Bett. Er hatte Angst, er würde ihm die Bettdecke abziehen...


Nur Putti? Ach, und der Pötti!

Sein Gegenstück, den Hern Pötti, auch eine unförmige Gestalt, hatte er in Münster kennen gelernt. Der verpaßte ihm für einen Täuschungsversuch, zu seiner großen Verwunderung ein Gut in Klammern, so [2], ein Gut in Klammern gesetzt! Er hatte sich schuselig benommen - und es sollte sein erster und einziger Täuschungsversuch in der Schule bleiben. Eine dumme Vokabel, ein einziges Verb, fehlte ihm in der Lateinarbeit. Den Satz hatte er nur vom Subjekt und Objekt her übersetzt; und wußte, daß er eventuelle den Kasus noch ändern mußte, je nachdem das Verb den Akkusativ oder Dativ regierte. Er schrieb das lateinische Wort auf ein Löschblatt, setzt ein Fragezeichnen hinzu - und schob das Blättchen über den Rand seines Pultes zum linken Nebenmann hinüber. Das fiel auf. Der Meisterpädagoge konfiszierte Blatt und Arbeitsheft und fällt dieses erstaunlich differenzierte Urteil. Er werde ihm ewig dankbar sein; er ist sein Vorbild für Beurteilungsschwierigkeiten bei Pfuschversuchen von Schülern. Unterscheiden, so weit man Beweise hat, was ist shcon geleistet worden; was ist auf Schiebung zurückzuführen. Und dann die morlaische Fuchterl einsetzen, aber dosiert - vielleicht unterbliebt dann, wie bei ihm , fortan jeglicher Versuch, auf Kosten anderer zu schummeln.


Besuch

Schick, wir sind doch alle Christen. Alle aus Adams Leib geschnitten. Ach, unser Bruder! Eine tolle Präses-Idee: Aus allen Internaten kamen Busse angezockelt. Großer Internen-Treffen! er verbrachte den Tag mit Hans St., seinem Münsteraner Freund! er hätte mich doch um anderen kümmern müssen - wollte der Präses ihm vorwerfen. Wahrscheinlich war nix organisiert, außer Kirche, Fußballplatz und Limo-Ausschank. Woher sollten denn auch Ideen zur Auseinandersetzung kommen. Es gab keine Bewegtheit, keine Bewegung, kein Fortschreiten. Beten, Demütigsein und beim Fußball johlen! Bravo!


Putti II

Der fand ihn, irgendwo, lange Wege machte der Putti ja nicht; überhaupt, auf den Spaziergängen ist ihm nie ein Pauker begegnet; sie hatten den Schülern nichts zu sagen; durften keine persönliche Frage stellen; es galt Berührungsverbot; aber, ach, ja, Putti erzählt ihm, geradezu verschwörerisch, wie es denn wohl bei ihnen im Lateinunterricht zugehe.
Wörtliches, geheimnisvolles Geschwafel, wohl mitverursacht durch Weingenuß: Da sitzen alle Schülerchen im Kreise; und der liebe Oppa sitzt in der Mitte und alles spielen Ball mit de Frage: Herr Dr. V., wo waren Sie denn, als die Alliierten in der Normandie landeten.
Kichernd verschwand er; er hat nie verstanden, was und wie er nur gegen einen Kollegen im Amt so mies und fies loslegte; er hatte ihn dazu nicht provoziert. Er kannte solche linken Touren nicht. Er war nicht in der Lage, die Auslassung des (immerhin) Geistlichen einzuordnen. Vielleicht war er auch nur gerade das Ersatzohr für irgendeinen nicht vorhandenen Erwachsenen, der zum Mülleimer einer verunglückten Satire-Versuchs wurde.


                                                      ... nicht verbunden.

Gespräche?

Du bist ja schon wieder gewachsen! Und schon war das Gespräch zuende. Nichts sonst. Keine Frage zur Meßdienerei. Kein Versuch, nach Gefühlen zu fragen. Es hätte auch ein Be-Griff ins Chaos sein können. Nein - sich mit Jungen zu unterhalten, hielt man für unmöglich. Sie hatten auswendig zu lernen und zuzuhören: in der Kirche, in den Klassenräumen. Er fühlte mich allein; andere zu mißbrauchen, andere für seine Vor- oder Urteile einzusetzen, ist ihm , glaube er, nie eingefallen. Wer sich so präsentiert, um die biologische Variante des Herrschens und Unterordnens weiterzureichen, tut dies auch nicht aus dem Kopf heraus, außer, wenn er ein Gesinnungslump, ein Lügner, ein Schweinchen.

                                                   In extenso  -  2002 -