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Dienstag, 10. Januar 2012

"Traumgemut" - "kapellenlos" - "lichterheilig"












Worterkundungen

- Folge III -




Paula Modersohn-Becker:

Rainer Maria Rilke (1906)



Meine Weihnachts-Dreieinigkeit im Wort

Drei Wörter – einmalige Adjektive:

Drei Wörter – eine Welt des sprachlichen Wunders!



"Traumgemut" - . - "kapellenlos" - . - "lichterheilig"


Lichterhell“ lässt sich nicht in einem Wörterbuch finden (außer dass es bei Rilke vorkommt. Ebenso „traumgemut“ und „kapellenlos“.
Im Deutschen Wörter-Buch (der Gebrüder Grimm) finden sie bespielsweise folgende Wortbildungen mit „Kapelle“-:
kapelle, kapellelein, n., kapellenberg, m., kapellenbild, n., kapellenfutter, kapellenkläre, n. f., kapellenklar, n. f., kapellenruine, f., kapellenthurm, m.



Rainer Maria Rilke:
Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin - bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.



Rainer Maria Rilke
Es gibt so wunderweiße Nächte


Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge silbern sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.


Eine englische Übersetzung fand ich:
Crowned in dreams

At times we do behold those wondrous nights
when all is glistening in silv’ry whites.
Many a star with its mild gleaming
might charm a pious shepherd into dreaming
that he is led to Jesus, newborn child.

Wide and luxuriantly strewn appear to be
with diamond’s dust all lea and sea,
and into hearts that are in dreaming mood
a faith that needs not chapels nor a rood
ascends, in silence doing wonders.
*
(© der Übersetzung von Ingrid; vgl.:

**

Rilke jetzt: scheint alles zu können als junger Mann, alles jedenfalls über die lyrikgängigen Themen, soweit sie hierzulande interessieren:
Heimat, Liebe, ein bisschen Tod, Einsamkeit, Melancholie und Verwandtes - nichts Ernstes also im Grund für einen solchen Könner.

Weihnachten ist vorbei, aber die Erinnerung an diese metaphorische Fügung der Einheit von Hirt und Herde bleibt:

"Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird;
und lauscht hinaus. (…)"

Da haben wir alle Sprachgewalt als –Wohltat, und die Zugabe des Könners ist dies nachgestellte "und lauscht hinaus".


Eine dreeinige Wortgewalt, eine Dreifaltigkeit...

Aber, was allein ein "kapellenloser Glaube" ausmacht, einer, der keine Kirchen mehr braucht, keine Kathedralen, keine Opferstätten, kein kapitalgestützten Bischöfs- und Kardinalstempel; wo das Wort Jesu Christi gilt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen..." - ach was für Wunder tun sich da auf als wahrer Glaube ...

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