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Montag, 9. Januar 2012

D e r P r o z e s s





Anthologie

meiner Sprach-Gelüste:


- Text V -



Sigismund von Radecki:



D E R P R O Z E S S




Der Tatbestand dieses einzigen Prozesses, an dem ich in meinem Leben mitgewirkt habe, vollzog sich in Berlin während der Junitage 1934. Das war die Zeit des Röhm-Massakers, wo die Nazis ihre ersehnte «Nacht der langen Messer» zuerst einmal an sich selber ausprobierten, und wo jeder, der sie nicht vorher bereits an ihren Visagen durchschaut hatte, sie eigentlich hätte erkennen müssen.
«Ich habe von nichts gewußt», konnte schon nach dem Röhm-Massaker nicht mehr gelten. Das Entsetzliche wurde viel leicht noch dadurch gesteigert, daß es mit solcher Komik verbunden war. Ich weilte damals zum Besuche in Göttingen, und bereits am Abend des ersten Bluttages hing dort in den Messergeschäften die Tafel aus: «Hier werden SA-Dolche abgeschliffen» - weil deren Klingen nämlich einen Treueid auf Röhm eingraviert trugen. Das nenne ich planmäßige Arbeit. Und ein begeisterter Aufsatz im «Völkischen Beobachter» enthielt damals den Satz: «Wir sind des Führers mit Haut und Haaren», was man doch sonst eigentlich nur sagt, wenn man des Teufels ist. Kurzum, des Frohsinns war kein Ende. Wie mir ein Augenzeuge erzählte, waren die SA-Leute, die man in ein Berliner Parteilokal gebracht hatte, völlig ahnungslos, rauchten, sangen und lachten, bis der Lautsprecher in demselben Raume immer erschießlichere Töne redete - «da begann es ihnen», fuhr mein Gewährsmann fort, «allmählich doch mulmig zu werden ... » Kein Wunder, wurden sie doch stracks per Lastauto nach Lichterfelde geschleppt und im Hof der Kadettenschule erschossen.
Hier, auf dem Transportwege nach Lichterfelde, hatte sich der Tatbestand abgespielt, und zwar in einem Gemüsegeschäft, durch dessen Fenster man die erwähnten Lastautos immer wieder vorbeifahren sah. Dort kaufte eine Dame ein (sie erwartete übrigens ein Kind), und die sagte nun, als wieder ein Schub vorüberdonnerte, im dichtgefüllten Laden: «Man sollte doch lieber den Hitler erschießen!» Fraglos ein zweckmäßiger Vorschlag, der dem Großteil der Anwesenden ihren vorzeitigen Tod durch Krieg und Hunger erspart hätte welcher sich indessen nicht so leicht durchführen ließ. Da bekam der Gemüsehändler Angst für sein Geschäft. Statt zu sagen: «Ich bitte Sie, solche Äußerungen in meinem Laden zu unterlassen!» - womit der Form Genüge geschehen wäre -, hielt der Mann seinen offengelassenen Mund und bekam’s in der Nacht immer mehr mit der Angst: wenn jetzt einer der vielen Zeugen die Sache denunzierte ... ? Statt darauf zu warten, denunzierte er lieber gleich selbst. Das Gemüsegeschäft war gerettet.
Nach einiger Zeit kam die Vorladung zum Untersuchungsrichter, denn das ging alles seinen ordnungsgemäßen Gang. Damals hatten die Nazis ihre sogenannten Volksgerichte eingesetzt - Institutionen, die dazu bestimmt waren, mit dem inneren Feind kurzen Prozeß zu machen. Das ist schon so bei den Tyranneien. «Wir sind so einig wie noch nie!» müssen sie sagen, denn wozu sonst die ganze Führerei? Da aber Druck Zorn erregt, so müssen sie diesen von der Führung ablenken - auf wen? Nun, auf die paar Teufel, die nicht mit uns einig sind. Die muß man sich, auch wenn es sie nicht geben sollte, um jeden Preis beschaffen: bei Gewitterschwüle ist der Blitzableiter die notwendigste Installation. Kurz, wenn man so einig ist wie noch nie, muß man den einen Volksteil auf den anderen hetzen: divide et impera! Daher die Volksgerichte.
Leider hatte das junge Ehepaar (denn auch der Gatte wurde einvernommen) aus einer gewissen Anständigkeit einen Fehler begangen. Statt contre corsaire corsaire et demi zu sein, gaben sie der Wahrheit die Ehre und vor dem Untersuchungs-richter alles zu! Statt von Anfang strikte abzuleugnen, hatten sie bloß stumm genickt, so daß der Untersuchende, auch beim besten Willen, nichts hätte reparieren können. «Sie geben also zu, die fragliche Äußerung getan zu haben ... ?»
Als ich durch das Ehepaar von der Sache hörte, bot ich mich zum Entlastungszeugen an. Der Punkt, wo eine Verteidigung einhaken konnte, war die Schwangerschaft der Angeklagten. Vielleicht konnte man den Brennpunkt der Aufmerksamkeit dahin verschieben, daß werdende Mütter in ihren Handlungen und Reden nicht immer voll zurechnungsfähig sind ...

Nun blieben die beiden, zwei weltfremde und edle Menschen, die elf Monate bis zum Gerichtstag in einer etwas künstlich unbesorgten Stimmung. Die Einvernahmen hatten sich so höflich, fast human, abgespielt, daß sie das Ganze auf die leichte Achsel nahmen. «Es wird schon nicht so schlimm sein» - zudem war das Kind gekommen, und man hatte andere Sorgen. Indessen fanden sie allmählich ein Haar daran - nämlich jenes, an dem das Damoklesschwert des Volksgerichts über ihnen hing. Den Umschwung brachte die erste Besprechung mit dem Verteidiger. Aus Armut und Nonchalance waren sie um einen gerichtsbestellten Verteidiger eingekommen, und dieser hatte, statt irgendwie zu unterstützen, die Dame brutal angefahren: «Wie konnten Sie nur so etwas sagen? ... Das ist ja unerhört! ... »
Als ich, telephonisch herangerufen, in ihre Wohnung kam, fand ich eine Stätte der Verzweiflung und dumpfer Apathie vor. «Jetzt kann uns nichts mehr retten... Es ist alles zwecklos.» Diese Empörung des Verteidigers (der natürlich seinerseits Angst bekam, so einen Ausspruch entschuldigen zu müssen) hatte ihnen die Augen geöffnet. Nun sahen sie die furchtbare Gefahr.

Beim Trösten fiel mir ein, daß ich ja einen guten Rechtsanwalt kannte, der zwar als Halbjude vom Gericht abgeschafft war, aber doch vielleicht Rat wußte. Ich rief ihn an und fuhr hin. Als ich den Hergang erzählte, blickte er mich fassungslos an. «Was? - alles zugegeben statt schlankweg zu leugnen - und dazu noch einen staatlichen Verteidiger (bei dem Staate!) - ja, sind die Leute wahnsinnig geworden? Das heißt doch seinen Kopf gutwillig in die Schlinge legen! Die Dame muß sofort auf diesen Verteidiger verzichten. Ich schaffe einen neuen; rufen Sie mich morgen an.» (Es war nur noch eine Woche bis zur Verhandlung.)
Diesen ersten Hoffnungsschimmer übermittelte ich sogleich telephonisch dem Ehepaar.

Andern Tages war ich bei meinem Rechtsanwalt. Ich hatte mir unterdessen aus medizinischen Lexika alle Absonderlichkeiten, die bei schwangeren Frauen zuweilen vorkommen, säuberlich ausgeschrieben, und mit diesen Mosaiksteinchen ein recht annehmbares klinisches Bild komponiert. Den Rechtsanwalt traf ich in guter Stimmung; er war übrigens ein bedächtiger, humorvoller Mensch und verstand etwas von Kunst. «Die Sache ist vielleicht zu deichseln», sagte er. «Ich war bei Gericht, besuchte einen anständigen Kollegen, und der Zufall will es, daß der Staatsanwalt in dieser Verhandlung gerade ein früherer Büro-Untergebener von ihm ist. Die beiden sind befreundet und verstehen sich mit einem Augenblinzeln. Mein Kollege wird die Verteidigung über nehmen. Das Ehepaar soll sofort zu ihm hingehen. Sie, Herr von R., übernehmen also die Entlastung im vereinbarten Sinne. Wir beantragen natürlich medizinische Expertise. Allerdings macht mir der Experte Sorgen: an den Mann ist nicht ‘ranzukommen; zudem soll er streng sein.»

«Werde ich schwören müssen?» fragte ich.

«Tja, um den Eid werden Sie wohl kaum herumkommen.»
Jetzt bekam ich die moralischen Skrupel. Darf man vor den Nazis lügen? - Schon; aber vor... „Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen..“ So fuhr ich ebenfalls zu einem Experten, aber nicht zum medizinischen, sondern zum geistlichen, und trug ihm den Fall vor. Nun war dieser Gott beim Volksgericht ja nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, auch nicht der Gott der Philosophen, sondern der Nazi-Gott, zu dem (laut Hitler) Hindenburg nach «Walhall» hinauffuhr, kurz der mit Recht so beliebte «deutsche Herrgott» (über den Theodor Haecker gerade damals eine Monographie schrieb). Der Experte, ein freundlicher junger Priester, deutete mir vorsichtig an, daß ich mich - in diesem speziellen Fall - über den Punkt beruhigen könnte.
Den Abend vor der Verhandlung büffelte ich mein klinisches Bild auswendig und überlegte auch sonst, wie ich ein realistisches Konterfei der Unschuld ausmalen könnte. Am nächsten Tage ging ich im Zeugenkorridor auf und ab wie ein Rennpferd im Paddock, während der Gemüsehändler vernommen wurde. (Der Mann soll geschlottert haben, als er sah, was er angerichtet hatte.) Dann wurde ich hineingerufen und trat vor den Tisch des jüngsten Volksgerichts.
Dieser Tisch hatte eine gute Eigenschaft: vor ihm gab es ein halbhohes Holzpostament, an das man sich festhalten konnte. Das lieh einem Sicherheit; denn Vorbedingung für guten Eindruck ist ruhiges, bestimmtes Sprechen. «Nun wird er dich schwören lassen», dachte ich. Doch der Richter, der sich auf seinem Sessel offensichtlich nicht ganz wohl fühlte, begnügte sich bloß mit einer Vermahnung zur Wahrheit. (Nachher erfuhr ich, daß eine Clique ihn, der Katholik war, gerade zum Abbremsen ins Volksgericht geschoben hatte.)

Also log ich los. Zuerst kam der Nazipunkt. Selbstverständlich, sagte ich, war das Ehepaar zu Beginn des Umschwungs in Deutschland recht überrascht. Sie verhielten sich fast ablehnend: kein Wunder bei Menschen, die still ihrer Arbeit lebten und von Politik nichts wußten. Dann aber, als sie sahen, welch ein Zug der Einigkeit durch das Volk ging und wie alles Hoffnung schöpfte, da, sagte ich, fanden sie sich dem neuen Leben in Deutschland immer mehr verbunden ... Es war ein stiller, ich möchte sagen bedächtiger Umschwung. Über Politik wurde kaum gesprochen: man nahm mit Selbstverständlichkeit an, daß alle für die neue Ordnung seien. (Ab und zu streifte ich mit einem Blick die schweren, geheizten Holzbalken des Verhandlungsraumes - ob sie sich nicht doch zu biegen anfingen?) Was aber die betreffende Äußerung anlangt, fuhr ich fort, so fiel sie völlig aus dem Rahmen, und war doch anderseits vielleicht aus dem Zustande der werdenden Mutter erklärlich... Die Dame erwartete ein Kind, und ich nahm bei ihr bereits vorher Zeichen erhöhter Reizbarkeit, ja geradezu Absonderlichkeit wahr. Schon der geringste Umstand - etwa, daß eine Tür quietschte - konnte sie in Aufregung bringen. Oder sie bekam plötzlich Appetit auf besondere Dinge, z. B. auf Erdbeergelee. und wußte nicht, was sie sprach, wenn ihr das nicht sogleich beschafft wurde! (Die Balken hielten noch immer stand.) Diese Erregungen und Exklamationen wurden häufiger, und man gewöhnte sich - mit Rücksicht auf den Zustand der Frau - daran, sie in schonungsvoller Milde zu übersehen.
Das war so ungefähr meine Aussage. Und hier gebe ich den Menschen, die vor Gericht zu tun haben, einen kleinen Tip. So ein Richter hat zeitlebens zwei Dinge in den Ohren: man möchte ihn herumkriegen erstens mit Logik, zweitens mit Pathos. Darum betrachtet er Logik und Pathos als seine natürlichen Feinde. Also mache dem Richter ein kleines, ganz unverdächtiges Geschenk. nämlich das Geschenk seines eigenen logischen Schlüssel! Präsentiere ihm die Tatsachen, ohne Pathos, und zwar so arrangiert, daß die Folgerung daraus kinderleicht zu ziehen ist - aber ziehe sie nicht, um Gottes willen nicht! Laß ihm doch die Freude, sie selber zu ziehen: so hat er das Triumphgefühl eigenen Urteils, und daß er immer noch Richter ist.
Und nun sprach der Staatsanwalt, und dann der Verteidiger. Das sind ja die beiden Stereoskoplinsen, welche den Fall mit Licht und Schatten plastisch hervortreten lassen sollen. Hier indessen wurde die Angelegenheit völlig phantastisch. Man stelle sich vor, daß jemand redet, als ob er etwas abliest, aber nicht versteht. Die Worte sind da, doch sie kommen nicht aus dem Gehirn, sondern wie von dem Echo einer Häuserwand. Auch der simpelste Sinn wird total unverständlich: eine rhythmische Erschütterung der Luft. Genau so sprach der Staatsanwalt; und sonderbar - auch er blickte zuweilen nach den Balken an der Zimmerdecke ... Offenbar hatte das Augenblinzeln mit seinem einstigen Bürochef zu der Verständigung geführt, daß er «matt» sprechen werde. Doch nun, als sich der Verteidiger erhob, sprach dieser zu meiner Verwunderung ebenfalls «matt». Man gewann den Eindruck eines Wachsfigurenkabinetts, wo die Ausstellungsobjekte auch noch jedes einen kleinen Speech eingetrichtert bekommen hatten. Es wurde mit Absicht eine solche Atmosphäre der Ödigkeit erzeugt, daß jeder das Gefühl bekommen sollte: nur schnell hinaus, das ist ja alles Quatscht Bloß einen einzigen Satz sprach der Verteidiger lebendig - und eben das war meisterhaft: das war nämlich das einzige, was man behalten sollte. Er sagte - ganz nebenbei, langsam, bedauernd, sanft mißbilligend - «... aber wenn ich so was höre, dann lauf ich doch nicht gleich zur Polizei, sondern sag der Frau, daß sie still sein soll und sich in acht nehmen ... » Gerade aus dem Fonds von Mattigkeit heraus, war das ein wohlgezielter Pfeil, der zitternd in der Brust des Richters und der Beisitzer steckenblieb.

Und dann sprach der medizinische Experte. Nicht matt, sondern mit heiserem Schwung (denn er war nicht angeblinzelt worden): es war ein Leerlauf nicht von 5 PS, sondern von 15o PS. Wir hatten alle Angst. Aber, o Wunder, er ratterte heraus, daß eine Frau in gesegneten Umständen nach den Erfahrungen der Wissenschaft tatsächlich nicht dasselbe sei wie eine Frau in ungesegneten Umständen. Dieses Thema variierte er in dreiunddreißig Fachausdrücken und schwieg dann plötzlich, als ob seine Sanduhr abgelaufen sei.
Hierauf zogen sich Richter und Beisitzer zur Beratung zurück. Was sie wohl gesprochen haben mochten? Ich glaube, hauptsächlich, daß es bald Mittagszeit sei. Und dann etwa. Na, ja, sie erwartete ein Kind...
Dann wurde das Urteil verkündet und wir standen alle auf: «Zweihundert Mark Geldstrafe!» Gott sei Dank - kein K. Z. nicht einmal Gefängnis! Und das Geld durfte man auch noch in Raten abzahlen. Il y a des juges á Berlin.
Das war noch einmal gut gegangen.

Wird der Staat zur Lüge, so wird es sogleich auch die Rechtsprechung. Und das schlug hier, dank günstigen Zufällen, einmal zum Wohle des Angeklagten aus.

Doch ein paar Jahre später, 1942, passierte der Dame das nämliche. Sie sonnte sich im Freibad von Erfurt und sprach vor sich hin: «Dieser Krieg ist sowieso verloren.» In Berlin hätte man sie vielleicht noch herausbeißen können, in Erfurt nicht. Sie bekam neun Monate Gefängnis, die sie in den Glasschleifereien von Rathenow absolvierte. Von dort sandte sie mir ein Glasschildchen, in das sie ein Kreuz hineingeschliffen hatte.

(Aus: SvR: Was sich sagen wollte. Zuerst 1952. Hamburg 1958. rororo 271. S. 125 - 130)

- Ich habe mir erlaubt in den Text eine Information einzublenden, die nicht von SvR stammt.

http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6hm-Putsch


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