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Donnerstag, 26. Januar 2012

Gaesdonck II









GAESDONCK II

- ... vor fünfzig und mehr Jahren erlebt -


Abgang ist überall ...

... bei Geistlichen und Geistlichkeiten am stärksten (... auch wenn sie sich dem Zeitlichen trotzig entgegen stemmen).




Hat sich bei keinem Lehrer verabschiedet. Und weg mit Vollgas!
Sie konnten ihn nicht mehr bewundern wegen seiner nächtlichen Fernfahrt. Keiner wagte, ihm zu schreiben. Seine Antwortbriefe wären gefilzt worden. Ist doch sicher! Wußten wir! So Angst hatten wir.


Ein Präfekt (anders als andere)

Der Herr Martin de Weijer, immer freundlich-nobel, immer intelligenter als andere, immer witziger, aber nie arroganter als die anderen Pflaumen, Präfekt und Aushilfslehrer, lud mich mal wieder auf seinen Roller, eine silbern brausende Vespa. Sie flog weg von G. Mußte mich bei ihm festhalten. Ab in die Kleinstadt, ins Café Martens. Tee trinken. Und ein Paar Plätzchen. Unsicher kucke er alles ab, wie hält er den Kaffeelöffel, wie oft rührt er, wie friemelt er das leere Zuckerpapierchen, wo legt er es ab. Geraucht wird nicht. Ah, in den unbenutzten Aschenbecher. Haben wir über etwas geredet? Was interessierte ihn - an ihm?
In die Buchhandlung fuhr er nie.


Carl-Jürgen - requiescat in Papapace!

Er war in den großen Ferien in England gewesen, warum und wo - wir erfuhren es von ihm nicht mehr. Nach dreitägiger Krankheit auf der Krankenstation - er kann mich nicht mehr erinnern, ob wir ihn besuchen durften - wurde er in das Krankenhaus der nächsten Kleinstation verlegt. Wieviel Tage er doch im Koma lag, er weiß es nicht mehr.
Er kam zur Gaesdonck zurück im schaukelnden Leichenwagen, nach einer Totenmesse, die abends angesetzt wurde, versahen wir, jeweils zu zweit, aus unserer Klasse die Totenwache.
Er war, glaubt er von 11 bis 13 Uhr dran. Sie lasen in Gebetbüchern, phantasierten ein wenig in die Vergangenheit zurück: Carl-J. war häufig veräppelt worden; er war nur wenig anders gewesen, aber er ließ sich furchtbar und gut ärgern; er hatte einen schmalen Teppich von etwa 1 m Länge quer an der Wand aufgehängt; wenn der Übermut mal wieder zuschlug, holte ihn irgendeiner herunter, legte ihn auf den Fußboden und er wurde zu einem Gebetsteppich umfunktioniert; Carl-Jürgens Aufstand bei solchem Happening war ein Erlebnis. Seine kreischenden Proteste, seine Verkloppversuche führten zu weiteren Aktionen. Der soll aufhören zu schreien!
Ob wir, zu zweit allein gelassen, auch ein Lied sangen? Und wie wechselten wir ab bei unserem Knien und Sitzen und Stehen? Versuche seinerseits, irgend etwas Banales oder Nicht-Totenwürdiges auszudrücken mit Zeichen oder einem Gesichtszug wurden von N. nicht beantwortet. Nein, ich bin so traurig und so stolz, ich halte die Ehrfurcht und die Trauer ein wie ein priesterliches Versprechen, Amen! Himmel, wie wurdest du mit Andacht und Gebeten bestürmt! So antwortet der mit Nichtbeachtung, der seine Ruhe herstellt in seinem Seelchen, Jessesmaryorapronobis!


Schülermutter

Seine Mutter - eine Kriegerwitwe! Welche Hoffnungen setzte sie auf ihren Sohn? Bei der Beerdigung in Neuß sahen wir, einer aus der Klasse lernte sie kennen und besuchte sie später regelmäßig. Die Witwe von Naim - dieses biblische Stichwort ist ihm erhalten geblieben in der Erinnerung, sonst: schlechtes, ja mieses Wetter, langweilige Fahrt im VW-Bus. Und Carl-Jürgens lachendes Gesicht, fotografiert aus einer interessanten Perspektive.
Er sah die Porträt-Aufnahme noch oft im Zimmer des Präses, neben zwei anderen Totenbildern: einem jungen Franzosen, Pierre, und einem Kamp-Lintforter Obersekundaner, der in der Schweiz, während einer Wanderung in die Vispa gestürzt war und nur tot in einem Wehr weit unterhalb wiedergefunden wurde.


Nachtwache

Was ihm nie mehr aus der Nase gehen wird, ist der süßlich-morbide Geruch, den sie in den Nachwache in der Seitenkapelle vor dem offenen Sarg einatmeten; nur einmal noch in seinem späteren Leben hat er ähnliches gerochen. Ganz unvermittelt war die Totenerinnerung wieder da!
Carl-Jürgen war in den großen Ferien gewesen in England gewesen, mit einer schweren Infektion wiedergekommen, in den ersten Schultagen erkrankt, zu spät ins nächste Hospital geliefert - nach drei Tagen wurde sein Leichnam, die Haut gelbversetzt zur Lederartigkeit, zur Gaesdonck zurückgefahren.
Die Nachtwache als einsame Ehrung, allein vor dem Körper im offenen Sarg, eine Zu-Mutung, die er nicht missen möchte.
In nachmitternächtlicher Stunde: Die Betroffenheit wurde hinweggebetet, ratzeputz, weg ist der Schmerz, weil das Gehirn so schön routiniert abspult und dankbar signalisiert: ist in Ordnung, ist immer in Ordnung, war zu allen Zeiten in der Ordnung der Wiederholung und Gewöhnung. Riesennelken. Weiße. Atmende. Die den Tod still verkrümmeln.


Memoria -memoriae

Es gibt noch andere Toten-Gedenken! Über die abgewetzten, nie mehr erwähnten Steinplatten im Kreuzgang geht das neue Leben hinweg. Die Inschriften alt er Wappen und früherer Äbte sind nicht mehr lesbar. Sie sind Geschichte, die nicht mehr weh tut. Auch im Quadrum sind Gräber, die kein einziges mal in all den Jahren erwähnt, der Toten gedacht oder deren Leistungen irgendwie, theologisch oder geschichtlich gedacht wurde.
Auch die verehrten Alt-Gaesdoncker, die es zu Bischofs-, aber keiner zu Kardinalswürden gebracht haben, braucht man nicht zu gedenken. Gut, Adolf Jansen, der Bettler, der schlechte Prediger, der Weltverbesserer und Mehrer kirchlichen Besitzes - von Goch her weiß er besser bescheid; wem hat er nicht Geld aus den dicken, unversteuerten Taschen unter den von schlechtem Gewissen geplagten und vor der Ewigkeit scheuenden Herzen herausgeschwatzt: Eine Schrift von ihm - eine Predigt - ein Satz seines Missionsverständnisses? Fehlanzeige.


Klassenausflug nach Steyl/NL

Über die Grenze! Mit einem wackligen Bus! Einmal war er dort, in Steyl, mit seiner Klasse, im Missionsmuseum, auf einer Fähre hin über die Maas und zurück über die Maas; dann noch ein Blick in den Klostergarten.
Verwirrend der Plunder, die Masken, die Klamotten aus den hundert Erdgebieten, wohin die Steyler und die Steylerinnen gelaufen sind, um Christus, als Geleitgott der kolonialen Fürsorge oder auch Ausbeutung hinauszutragen. Warum gab es eigentlich hunderte von Orden, von Neugründungen? Immerzu wurde der Welthandel ausgeweitet und als seelischer Notgroschen die Erlösung im Jenseits verkündet. Betet, ihr Schafe und Lämmer, insbesondere, solange ihr so mies gebettet seid.


Die kleinen, feinen Eigenheiten. Gottes Wille.

Auch solche Vorstellungen von individueller Bußfertigkeit und großem Expansionsbedürfnis? Und eilfertigem Betteln -
So verschieden die Gemüter, gemeinhin Geister genannt, so exaltiert, so verrückt die individuellen Vorstellungen von Ordensregeln, von Exerzitien, von Buß- und Leidensvorstellungen; immer wieder, wenn ein kluger Kopf aus einem bestehenden, in allen Regeln der Ordenskunst geweihten, Konvent hervorging, weil der Neuermeister, der vom Herren Gesegnete, glaubte, er müssen den lieben Gott und die Jungfrau Maria schon um halb fünf oder gar Viertel nach vier (jedweden Verbs voll und heilig); und ungesättigt, irdisch ungestillt oder nur mit einem in Milch geschlagenen Ei verköstigt - ja, und erst - wie die Kutte und wie die Ausstattung der seligen Profession? Und wie die Gebets-, Essenzen- und Rekreationsregeln - und wie wichtig sind sie nicht, die Innovatoren in laudibus et honoribus dei et sui aut eorum? Soo zieht ein neuer Ablaß, ein unentdecktes Missionsfeld! Übermorgen wallfahre ich zum Herrn Papam papaverem. Der genehmigt wir meine Fisimatenten: besucht mein Zelt, meine Burg, meine Klausur nicht, ihre Beter! Wie die Haltung bei und nach und zwischen und für und gegen? Immer wieder brach sich jemand Raum, suchte und scharte die Idealisten, die fast ebenso so. Aber immer galt, als Signum wahrer Erwähltheit: sich Rom unterordnen! Gegenüber den Klerikalbischöfen keinerlei Wörtchen der Kritik, keine Andeutung von warum man sich denn schon um halb sechs auf nackten Sohlen, zu dem Gebet in die Kirche schleichen muß. Ordnung, Unterordnung; Armut (damit der Orden der reichste und schönste und erfolgreichste werden kann. Von all den Klöstern am Niederrhein oder in der Provinz Holland - keines, das sich einen eigenen Kunstgeschmack, einen Künstler, einen Literaten, einen Musiker geleistet hätte, mit dem sich die Beschäftigung lohnen könnte. Abgeschaut, geist- und ideenlos wurde nachgebaut, kopiert, in Demut und Keuschheit und materieller und geistiger Armut ein Ritual herabgeholt aus den Himmeln der eigenen zukünftigen Wohnung und immerdar währenden Belohnung.


Auch doch dort:

Die Gaesdoncker Chorherren selber waren inspiriert von einer himmelstürmenden Idee; der schlicht-freiatmende Kirchenraum ist einer der schönsten am Niederrhein, in seinem Gesichte, seinen Geschäfte & Ordensregeldingsbums für Weihrauch, Goldgeschenke und der holländischen Meister Holzmalereien.


Geschichte des Klosters, der Gaesdocker Chorherren?


Aber von der Geschichte, der Bibliothek, der Historie eines Ordens - nicht wurde ihnen vermittelt. Wie lebten sie in einer gesichts- und geschichtslosen Insel, trotz der Schätze, die in de Bibliothek vergammelten: die geistige Blässe, die Ideenlosigkeit bei gleichzeitigem Ordnungsvollzug. Interessen - die gab es bei Lehreren und den farblosen Präfekten und Durchläufern nicht. Sie konnten nicht singen, sie mußten fortwährend beten, mit Brevieren rumlaufen; von Psychologie keine Ahnung. Es hätte ja bedeutet, sich auf ein Individuum einzulassen. Zu glauben, daß es Sinn hat, daß ein Gerd unterscheidbar wäre von einem Johannes. Quatsch - die Schelle am nächsten Morgen schnarrte herzzersplitternd um 6,15 Uhr.


Der Baumeister

Herrlichweitoberherrschend, einzog der neue Herr, der von Münster kam, im Segen seines Bischofs, der drauflos baute. Der Meister, der Baumeister. Abgerissen wurden: das Museum, das Küchenhaus. Erbaut wurden Fassaden, kleinbackig, Räume, praktikabel. Alles hell und aufrichtig gemeint.


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