Follow by Email

Freitag, 13. Januar 2012

Tucholsky: K l e i n e B e g e b e n h e i t

Tucholskys berühmteste pazifistische Provokation, die noch heute nachwirkt:







Kurt Tucholsky:


Kleine Begebenheit






Der Strumpfwirker und der Bauerssohn waren in der Nacht von einem Ackergraben in den andern geklettert – warum sie es getan hatten, wußten sie nicht. Man hatte ihnen gesagt, sie sollten es tun. Herren, die lesen und schreiben konnten, hatten es ihnen gesagt. Im andern Ackergraben hatte man sie gleich angehalten, in derselben Nacht noch, und, weil sie fremdgefärbte Kleider anhatten, sie sehr geschlagen und in ein Haus gesperrt. Nachher saß ein Advokat hinter einem Tisch – er war so froh, hinter diesem Tisch sitzen zu dürfen! – und schrieb auf, was der Strumpfwirker und der junge Bauer zu sagen wußten. Da war noch ein Gastwirt, der schlug sie, wenn sie nicht genug sagten. Ein Besucher kam zu ihnen und sagte, man würde sie töten – und zwei Leute, ein Steinklopfer und ein junger Mensch, der noch keinen Beruf hatte und bei den Eltern lebte, bewachten sie von Stund an.
Vierundzwanzig Menschen wurden benötigt, um die beiden totzuschießen. Es meldeten sich, freiwillig, achtzig. Achtzig – darunter waren Verheiratete und Ledige, Stille und Freche, Kräftige und Schlappe – sonst brave Leute, die keinem etwas zuleide taten, und die nur so gern einmal dabei sein wollten, um zu sehen, wie das wäre, wenn einer totgeschossen würde. Mehr: die ihn selbst totschießen wollten. Denn es war erlaubt ... Befehligt wurden sie von einem Kohlenhändler.
Am Morgen dieses Tages erschien der traurige Zug auf dem ungeheuern Schneefeld südlich des Dorfes. Voran der Bauer und der Strumpfwirker, zwischen zwei Leuten von denen, die man aus den achtzig ausgesucht hatte; ein Arzt aus einer großen Stadt, der dergleichen noch nicht gesehen hatte und gleichfalls begierig war, es zu sehen; und der Kohlenhändler mit seinen Leuten. Die beiden in dünnen Jacken zitterten vor Kälte und Todesfurcht. Der Zug machte hinter den Scheunen halt. Der Advokat, der mitgegangen war, zeigte den beiden ein Papier; aber sie froren und konnten auch nicht lesen. Man stellte sie an kleine schwarze Pfähle. Der Kohlenhändler sagte zu seinen Leuten, sie sollten ihre Gewehre laden. Er sagte es sehr laut, obgleich er nahe bei ihnen stand. Er hätte gewünscht, dass ihn seine Frau so sähe, wie er, der sonst Kohlen verkaufte, hier zwei Leute totschießen durfte. Die Schüsse knallten. Die beiden fielen um wie leere Säcke. Der Arzt aus der großen Stadt ging hin und sah sich genau ihre Wunden an. Dann verscharrte man sie.
Ich habe vergessen zu erzählen, dass alle verkleidet waren: die Gerichteten als serbische, die Henker als deutsche Soldaten.*

* ~ *

(Veröffentlicht unter dem Ps.:) "Peter Panter". In: Die Weltbühne, 07.07.1921, Nr. 27, S. 20.

*

Tucholsky war als Jurist im Kriegsdienset verpflichtet, an solchen Erschießungen nach Standrecht teilzunehmen, als Protokollant:

In seinem Brief an Hans Erich Blaich vom 20.02.1917 berichtet KT von einer Erschießung, bei der er assistiert habe, "natürlich nur mit den Gerichtsakten [...] es war jämmerlich." (AB, 47)

Der Chefredakteur der WB, Siegfried Jacobsohn, schrieb am 17.7.1921 an KT: "Als ich 'Kleine Begenbeheit' im Umbruch las (...) empfand ichs als unerträglich, den Deuschen was aufzubürden, was alle Nationen getan haben. Rausnehmen [aus dem Heft der WB 17, Nr. 27, 7.7.1921] konnte ich den Beitrag nicht, also machte ich wenigstens aus Rechtsanwalt Advokat und aus dem Deutsche Österreichische, aus Russen Serben". (Jacobsohn 1989, 104f.) - Die Veränderungen hat Tucholsky später wieder rückgängig gemacht. Vgl. die erste Buchausgabe des Textes in "Mit 5 PS". 1928. S. 105f.

Vgl. den Text und den Kommentar in der Gesamtausgabe der "Texte und Briefe" Tucholskys, im Band 5, S. 79f; 681f.

* ~ *
Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel schrieb KT:

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“

Kurt Tucholsky: "Der bewachte Kriegsschauplatz" (erstmalig publiziert in Die Weltbühne am 4. August 1931)

Wer sich über die bundesdeutsche Debatte zu Tucholskys Aussage „Soldaten sind Mörder“, in der Glosse „Der bewachte Kriegsschauplatz“(1931), findet in dieser Adresse Informationen.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen