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Freitag, 18. November 2011

V-Leute und Nachwächter

Alltagswörtereien - II -


Es nachtwächert!



Carl Spitzwegs Nachwächter, aktiv, aus dem Schatten

heraus, beobachtet die vom Mondschein beleuchtete Straßenseite:

... eine Art V-Leute (?), schwerlich auszumachen, bei Tag und Nacht -

Begleiten wir für eine kurze Zeit die gesamtdeutsche, schwer aufwändigen Suche nach V-Männern (oder: hübsch gentrifiziert: V-Leute; dass man auch V-Frauen benennen und erkennen kann) einmal sprachgeschichtlich, dann lesen wir bei bei Wikipedia eine einleuchtende Herleitung des Begriffs „Vigilant/Vigilanten“ von mittelalterlichen „Nachtwächtern“

http://de.wikipedia.org/wiki/V-Mann

Der Begriff Vigilanten war aber zumindest bei Polizei-, bzw. Strafprozessspezis noch allzumal bis in die 1930er Jahre bekannt.

Ein Jurist wie Carl von Ossietzky wusste Bescheid:

„Die meisten der Verbrechen Haarmanns sind nur durch den verbrecherischen Schlendrian der Hannoverschen Polizei zu erklären, die sich den Lustmörder und Menschenfresser als Vigilanten hielt.“ Carl von Ossietzky: „Gegen die Todesstrafe“. In: Sämtliche Schriften 1931-1933. Online-Beleg:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/1941/30

Noch ein früher Nachweis im Spüren nach Vigilanten, wenn sie sich denn zeigten oder sich erkennen ließen:

„Rechtsanwalt Schmielinski verwahrte sich für seine Person entschieden gegen die Behauptung des Herrn v. Tausch, daß sich auch Rechtsanwälte Vigilanten halten, v. Tausch erwiderte, daß er dabei an große Prozesse und an Dr. (…)“

(Hugo Friedländer: Prozeß Leckert-Lützow. In: ders., Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung Band 4, Berlin: Barsdorf 1911, S. 153)

Inzwischen hat die Demokratie mit diesen Vigilanten, den Staatsdienern im Hinterhalt, arge Probleme. Was diese bezahlten „Beobachter“ (ohne prozessrechtliche und parlamentarische Kontrolle) für ihre eigenen oder ihre anderweitigen kollektiven Interessen aufwenden oder ausgeben – wir wissen es nicht.

Über Vigilantismus (i.S. von Selbstjustiz) als US-Problem (eine brave Übersetzung des engl. Wikipedia-Eintrags):

http://de.wikipedia.org/wiki/Vigilantismus

Dieser Nachwächter ist eingeschlafen. Carl Spitzweg weckt ihn nicht auf. Nein, er gönnt ihm die Nachtruhe, sein Nickerchen in einier Welt, in der es keine RECHTEN gibr:

Der eingeschlafene Nachtwächter


Wenn es nachtwächtert...

„… als würde ums Morgengrauen ein Lied im Hafen gesungen... ein Nachtwächterlied, gesungen von irgendeinem verspäteten Mitglied der Sozietät, einem braven, gediegenen, blütenweißen, alten Herrn, der voll des süßen Punsches, den Wahlspruch hochhielt:

»Ich supe mich noch immer satt
In der geliebten Vaterstadt.«

Und also sang er:

»Vier Üren sein vorbei,
Wi wöns 'n üw guje Morgen.
Die Nacht, die es vor mei,
Den Dag mut gei nu sorgen.
In Vorsputh en Verdriet,
Vergeet üw Scheper niet –
Klepp klepp, klepp klepp, klepp klepp!
In Vorsputh en Verdriet,
Vergeet üw Scheper niet.
Klepp klepp!«“

(Oll, ja, sentimental aus des Kaisers Wilhelm-Zwo-Zeiten; ja, von dessen Lieblingspoeten Joseph von Lauff: „O du mein Niederrhein“. 1930; da lebte der Mannomann in den letzten Zügen.)

„Den Dag mut gej nu sorgen.“ – Wer schaut unseren Nachtwächtern auf die Spuren, auf die Pfoten, auf die Konten…?


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