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Freitag, 11. November 2011

K o l u m b a r i e n

- K r i s t e n l e e r e VI -


Der Mensch als Staub:

pulvis aut humus oder als Geschäft für Kirchler und/oder Bestatter …


Leere Kirchen und sich füllende Sterbehäuser:

Vom Heimgehen - von der Rückkehr in die Stille, in die Natur, in das Ewige…

Im Schweiße deines Angesichts sollst du Brot essen, bis du wieder hin in das Erdreich

kommst, von welchem du genommen worden bist. Denn du bist Staub und sollst wieder zum Staube zurückkehren."

(Spruch nach dem Sündenfall der Ältern Adam und Eva; nach der Tora: Bereschit, Vierter Teil; hier in der Übersetzung von Moses Mendelssohn; nach christlicher Berechnung: Gen 3, 19)

Besuche in „Kolumbarien“

(wörtlich: „in Taubenschlägen“); ich schlage vor: … im Friedhaus; in der Friedkirche -

Mensch, tritt ein!

Still, dunkel und ernst - wenn du die Einfühlung mitbringst: ein meditativer Raum.

In bin in der ehemaligen Kirche St. Konrad in Marl-Hamm; einem Raum, der einer Fabrikhalle nachempfunden ist; der dunkle Steinboden und die hohen, roten, typisch niederdeutschen Klinker der Backsteinmauern schlucken fast das ganze Licht des Großraumes; das aber wie eine Höhengnade von oben, durch ein farbiges Fenster-Lichtband, unterhalb de Dachkonstruktion, einfällt.

Die Ecclesia ist als Haussymbol eine mittelgroße Fabrikhalle. So sollten die Kirchgänger als katholische Kumpel, Arbeiter, Angestellte und wenige sozial Privilegierte dieser Zechengemeinde in der Industriestadt Marl nacherleben, was sie tagtäglich umgab, ob unter- oder normal-irdisch, oder in ihrem Gewerke oder Handel fundierte:

Wenn die Sonne durch das oberhalb der nachfabrizierten Mauern in sechs m Höhe das farbige Fensterband, das sich rundherum über dem gesamten Baukörper bis zur Dachkonstruktion frei erhebt, durchbricht, spielen die vielfältigen - roten und blauen und grünen und goldenen Lichterstrahlen herein, aber nie bis auf die dunkelgrauen Natursteinplatten; da sie im Grau des Halbdunkels verbleiben.

So tief kann keine irdische Sonne ihre gütig güldenen Strahlenarme aus der Höhe herab bis auf den durch das Gemäuer kasernierten Innenbereich erspielen lassen.

Ein Atemholen (…, das ich mir erlaube):

(– ein Absatz, mit Aufgabenstellung für den LeserJ

Vor Vorbereitung dieses eigentlichen Artikels über Leben, Sterben und ungestörtes Ruhen humaner, normal-profaner Reliquien, die den „Exequien“ zugeführt werden sollen, biete ich folgende Überlegungen und Fragen an:

* Wann (und eventuell wie oft) hast du in den letzten zehn Jahren Krankheit/Sterben/Trauer/ Beerdigung erlebt … von einem Menschen aus deiner vertrauten Nähe(Familienangehörige, Freunde, Mitschüler, Nachbarn…)?

Welche Aufgaben wurden dir zu eigen gemacht, übertragen, verweigert? Welche Anteilnahme bei diesen Abläufen hattest du? Welche Erinnerungen sind geblieben? Welche Mahnungen oder Störungen - oder gar vermerkten Traumata?

* An welche Vorgänge des Lebens und Sterben und der Beerdigung kannst du dich erinnern, die medial oder gedanklich abgelaufen sind (im Film, im Fernsehen, in Inszenierungen, in digitalen Spielen, in Arbeitstexten der Schule)?

Welche Erlebnisse oder Eindrücke oder Erkenntnisse waren damit verbunden? Welche bleibenden Erinnerungen? - Wurden Schmerzgrenzen erreicht, überschritten?

Hier die sprachtechnischen Einzelheiten:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Kolumbarium

Und hier … der Fortgang - durch das Friedhaus:

Meine Erkundung stelle ich hier zur Kritik:

Als Kirche ist diese großräumige Halle auch schon exsakralisiert; also: profaniert, ihres Zwecks als Gotteshaus beraubt.

Und wegen dieser nüchtern-irdischen Funktion fahren Besucher, Trauer-Organisatoren und Trauernde hierher. Und wer den hohen, würdigen Raum betreten hat, dem bieten sich von hinten her im Mittelgang die Blicke durch schwarz-steinerne Verbauungen, mannshohe Kästen, die Fächer in Wandschränke anbieten.

Die ehemalige Pfarrkirche St. Konrad in Marl-Hüls (Westf.), 1954/57 errichtet, hat diese neue Funktion erhalten: als „Kolumbarium“, deutlicher und deutsch Urnenschrankwände. Es sind schwarz abweisende Hochgrab-Wände, in denen auf drei Ebenen Urnen Platz finden; sie haben die Architekten im rückwärtigen Teil des Sakralraumes aufbauen lassen, genehmigt und finanziert durch den Kirchenvorstand der neuen Seelsorgeeinheit St. Franziskus, die drei frühere Gemeinden umfasst und eine Kirche still legen wollte; in einem sich leerenden Stadtgebiet, wo vor zehn Jahre eine Moschee für die Zugewanderten Moslems gebaut wurde und heute eine katholische Pfarrkirche reicht.

Offiziell heißt das so: „Mit ihrer zurückhaltenden Formensprache fügen sich die Urnengräber harmonisch in den Raum ein, der auch weiterhin die Möglichkeit zum Gebet bietet, nicht nur für die Hinterbliebenen. In den Einbauten aus Basaltstein, wie er bereits im Boden und im Altarbereich vorhanden war, befinden sich 300 kleine Grabkammern in geschlossenen Schrankwänden.“

Die [bevölkerungs- und „Seelen“-Anzahl-mäßig überflüssige] Kirche wurde zum Kolumbarium, einer Urnenhalle, umgebaut. Als eine ergänzende Einrichtung fügen sich die zwei zueinander gestellten im Viereck als Stein Block in das Gesamtbild des Kircheninneren ein.

Sie bilden einen eigenen Bereich der Besinnung im hinteren Teil des Kirchenraums. Ein Raumkonzept, mit der Cella als Heiligstem des Raumes, das sich schon in antiken Tempeln findet. Und ein Konzept, dass den Raum tatsächlich erlebbar macht: St. Konrad ist – im Gegensatz zu vielen Kirchen, die noch als solche genutzt werden – tagsüber geöffnet, um Besuchern, ob als Trauernde oder als Neugierige, freien Zugang für den Blick auf ein Totengedenkhaus, ein Friedhaus, zu gewähren.

So informiert die St.-Franziskus Gemeinde in Marl über ihr gut kalkuliertes „Kolumbarium“, das auf ertragreiche zehn Jahre hinkonzipiert wurde::

http://www.st-franziskus-marl.de/front_content.php?idcat=87

Das kirchliche Motto:

„Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“, versprach Johannes (14,1); hier hat man eine Lösung gefunden, die, wenn sie sich finanziell nicht rentiert, wieder abgebaut wird.

*

Informationsbedürfnisse:

Eigene Schritte, die man aus aktuellen oder vorsorglichen Intentionen gehen kann, wenn man sich für individuell passende Symbole und Formen der Trauer, des Abschieds, der Bestattung interessiert :

Informationen helfen uns in den Zeiten wirtschaftlichen, familialen – und religiösen Umbruchs, besonders hinsichtlich der bedingungslos und seelenlos oktroyierten kirchlichen Lebens- und Sterbensriten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kolumbarium

Hier in dieser Kirche des Aufbruchs der 50er Jahre in der BRD wurden Kinder „exorziert“ (vgl. den „Katechismus der Katholischen Kirche. Ausgabe 2005. Artikel 1673: „In gewöhnlicher Form wird der Exorzismus im Taufritus vollzogen“); religiös vulgär gesprochen: „getauft“. Als Erinnerung an katholische Vorzeiten: „Bräutchen“ und „Ritter“ wurden gesegnet. Liebende versprachen sich in aufwändiger, häufig kurzlebiger Schau hier für ein Leben. Priester zelebrierten ihre eigenen, zölibatären Rituale.

Doch zunehmend wandte sich das Volk ab, nachdem die Zelebration zum Volk genehmigt war.

Vgl.: http://www.bestattungsplanung.de/pages/bestattungsarten/203-0.html

Eigenartiges (oder Absurdes?):

Wer sich die Diamantenbestattung, d. h. die Verpressung und den Schliff als Diamant-Ersatz wünscht, kannst dich hier umsehen (solange man noch mit den eigenen, lebendigen Augen in die Welt kuckt):

http://www.bestattungsplanung.de


Sprachlicher Aufschluss zum „Kolumbarium“:


Das „Brockhaus' Konversationslexikon. Band 59 (K bis Lebensversicherung).

F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien. 14. Aufl. 1894-1896. S. 517:

Kolumbarium (lat., "Taubenschlag", "Taubenbehältnis", von ‚columba’ = Taube), Name der kleinen Nischen, die reihenweis in den Wänden mancher römischer Grabkammern angebracht sind. Gräber dieser Art finden sich nur in Rom und der nächsten Umgebung, sie stammen fast alle aus dem 1. Jhr. n. Chr.

Die Kolumbarien, gleich den übrigen antiken Gräbern an den Landstraßen gelegen, waren bestimmt, bei möglichst sparsamer Anlage und Dekoration doch für die Asche möglichst vieler Verstorbener Raum zu gewähren; ihre Einrichtung setzt die Leichenverbrennung als allgemein üblich voraus. Sie sind halb oder ganz unterirdisch, die thönernen Aschentöpfe (oliae) in die Mauer selbst so eingebaut, daß über der Mündung die kleine (selten über 0,5 m breite und 0,3 m hohe) Nische sich öffnet, um die Beisetzung der Asche zu ermöglichen. Unter (oder über) der Nische nannte eine auf den Stuck gemalte oder in Marmor eingegrabene Inschrift den Namen des Bestatteten. Die Zahl der bekannten Kolumbarien beläuft sich auf mehr als 100; die Inschriften sind gesammelt im "Corpus …“, Bd. 6, Tl. 2 (Berlin 1882).

K. ist auch die Bezeichnung für die Halle, wo die Urnen mit der Asche der in den jetzigen Feuerbestattungsöfen verbrannten Leichen beigefetzt werden, wie z. B. in Gotha. (S. Leichenverbrennung.)

Vgl.:

http://susi.e-technik.uni-ulm.de:8080/Meyers2/seite/werk/brockhaus/band/59/seite/0517/brockhaus_b59_s0517.html

*

Eingang? … Heimgang?

Ja, sich auf den Weg machen, durch viele Möglichkeiten, die einem Entscheidungen ermöglichen für die Zeit, die ganz gedankenlos „Ewigkeit“ nennt - z.B. über das Kolumbarium der Erfurter Allerheiligenkirche

http://www.kathweb.de/port/artikel/2222.php

Überall: nützliche Hilfen bieten Meldungen zum „Kirchensterben“:

http://www.kirchenschwinden.de/2007/06/unvertrgliche-umnutzung.html

Was alles sich – bei „wandelnder Bestattungskultur“ sich entwickelt, angeboten wird – und verkauft werden will; nur Lebende können sich wundern:

http://www.kolumbarium-k2.de/referenzen.html

*

Auf ins Kolumbarium? (… in den sakralisierten Gräber-Taubenschlag..?)

Nur in Kriegszeiten und oder bei Bränden sind in alten Zeiten schneller größere Veränderungen beim Einbruch, Einriss oder Ruinierung von Kirchen oder Umwidmung erlebbar als heute, wo Kirchen abgewrackt werden, weil die Leute mit ihren Soziabilitäten, ihre Gefühle und ihre Ästhetik, ihre Lebensform und ihr Vermögen/Geld nicht mehr dem christlichen Herrgott (oder den Eingebungen, Anordnungen und Bedürfnissen ihrer irdischen Repräsentanten…?) dienstbar bleiben wollen.

Es gab und gibt in jeder Kirche die materiell und finanziell kundigen Spezialisten, die Buch und Statistik führen und rechnen und in einigen Monaten Pläne ausbrüten oder adaptieren können; zu Nutz und Frommen (so heißt eine alte Redenart)..

Geboren werden, lieben, Kinder erziehen, sterben und bestattet werden (eine Stätte oder eine Gedenkstatt erhalten…) ist das größte, nachfrage-starke Thema in den Kirchen geworden, die nicht ihre Rituale, sondern Menschen betreuen wollen. Helfen wir den Geistlichen und ihren Traktaten, indem wir sie herausfordern.

Ich werde meine Schüler (und auch meine erwachsenen Kinder) einmal dorthin, zum Kolumbarium, – als Ausflug – einladen; sie schweigend durch das Friedhaus von Kirche zu gehen bitten – und wenn sie Fragen haben nach Sinn, Aufbau, Gestaltung, Formen, Farben, Pietät und Geld – dann werde ich ihnen meine Meinung so ausdrücken:

Ich bin als “ανθροπως“ ein „peregrinus“, aber keine „columba“. Ich muss nicht auf zehn Jahre für 2.5000 € repräsentativ eingemauert werden, in diesem friedlich-freundlichen Ex-Kirche... Nein, in ein so dunkles, abgelegenes und künstlich-zurecht staffiertes Kolumbarium will ich meine Asche in einer Aufbewahrungsanlage für 50 Jahre nicht eingeschoben wissen; die gestaltet ist als steinerner Block für Safés, vornehm eingeschwärzt, kleiner als die Kofferaufbewahrungscontainer bei der Bundesbahn, größer als Depot-Fächer für Wertpapiere und Unbenanntes im Keller einer Bank.

Wenn Kinder als Erben mich in Erinnerung und mit meinen irdischen Überresten mit- oder ertragen wollen, können sie nach ihrer eigenen Überlegung die Spuren und Reste meiner materiellen Existenz in einem Freiwild, pardon: Freiwald verstreuen sollen, das er, der Staub meiner irdischen Existenz, stiebt und davonfliegt – frei als „tu es pulvis et ad pulverem reverteris“.

*

Draußen, im Schattenwald, vor der hohen Klinkerwand dieser Kirche, die Fabrik, Burg oder Friedhaus sein könnte - greife ich zu meiner Poesie-Kladde, die längst nicht gefüllt ist, deren letzte Gedichte aber schon eingetragen sind:

Eine Sammlung mit folgendem Auftrag:


Prüfe die lyrischen Texte, kläre ihre Anlässe, ihre Themen und Intentionen; schätze ihre Leistungsfähigkeit und ihren Gehalt ein (nach sprachlicher, literarischer und individuell spiritueller Auskunft für dich und deine Gruppe (ob Kurs, ob Klasse, ob für die Vorbereitung einer Abschiedsfeier von MitschülerIn oder Freundin…); und prüfe, ob diese oder andere Texte (aus Lesebüchern, aus Anthologie, aus dem Internet (zu den Stichwörtern Leben, Trauer, Sterben, Beerdigung…) – Trost, Hilfe oder Provokation bieten könnten, die du vortragen möchtest. (Möglichst immer mit persönlicher Einleitung oder Stellungnahme.)

Hier eine kleine Gedicht-Anthologie zum Thema „Letzter Abschied“, die ich zu erweitern bitte. Ich habe sie als Anregung zusammengestellt nach der Bemerkung des Pastoral-Referenten, der uns durch das „Kolumbarium“ geleitete; er saget: Es sei religiös gesehen ein Mangel, dass man für die Einstellung der Urnen in die Grabfächer keine liturgisch gesicherten oder legitimierten Texte zur Verfügung habe. – Ich halte es für eine zu begrüßende Chance, dass sich Trauernde und Beerdigungsteilnehmer, ob Familianten oder geistliches Personal, mit dem Tod und dem Toten, ob in seinem Leben oder seinem Sterben oder seinen Weiterlebensvorstellungen, persönlich auseinandersetzen können und wir uns für ihn um angemessene Worte und Rituale bemühen – zu unserer Erinnerung an ihn oder sie, die die einzige Form des irdischen Fortlebens ist.

Text 1

Heinrich Heine:

[Miserere]

Die Söhne des Glückes beneid ich nicht
Ob ihrem Leben, beneiden
Will ich sie nur ob ihrem Tod,
Dem schmerzlos raschen Verscheiden.

Im Prachtgewand, das Haupt bekränzt
Und Lachen auf der Lippe,
Sitzen sie froh beim Lebensbankett -
Da trifft sie jählings die Hippe.

Im Festkleid und mit Rosen geschmückt,
Die noch wie lebend blühten,
Gelangen in das Schattenreich
Fortunas Favoriten.

Nie hatte Siechtum sie entstellt,
Sind Tote von guter Miene,
Und huldreich empfängt sie an ihrem Hof
Zarewna Proserpine.

Wie sehr muß ich beneiden ihr Los!
Schon sieben Jahre mit herben,
Qualvollen Gebresten wälz ich mich
Am Boden und kann nicht sterben!

O Gott, verkürze meine Qual,
Damit man mich bald begrabe;
Du weißt ja, daß ich kein Talent
Zum Martyrtume habe.

Ob deiner Inkonsequenz, o Herr,
Erlaube, daß ich staune:
Du schufest den fröhlichsten Dichter, und raubst
Ihm jetzt seine gute Laune.

Der Schmerz verdumpft den heitern Sinn
Und macht mich melancholisch;
Nimmt nicht der traurige Spaß ein End,
So werd ich am Ende katholisch.

Ich heule dir dann die Ohren voll,
Wie andre gute Christen -
O Miserere! Verloren geht
Der beste der Humoristen!

(Aus Heines „Nachgelesenen Gedichte 1845 - 1856. 3. Abteilung „Lamentationen“. - Text nach: H. H.: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Klaus Briegleb. Bd. 6. Teilband I. 1975. Carl Hanser Verlag. S. 332))

Anmerkungen zum Heine-Gedicht:

„HIPPE“ (aus dem „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm; hier in der originalen Rechtschreibung dieses größten Nachschlagwerks zur deutschen Sprache):

HIPPE, f. messer von sichelartiger gestalt für gärtner und winzer: schlag an mit deiner scharfen hippen, und schneite die drauben auf erden, denn ire beer sind reif. offenb. 14, 18.

Hier spricht Heine, wie so oft, in der Bildlichkeit eines Bibelzitats; er setzt damit gleich die volkstümliche Umschreibung für den „Sensenmann“, „Gevatter Tod“.

PROSERPINA ist als Gattin von Hades/Pluto die Herrin der Unterwelt in der antiken Mythologie, Heine stellt sie sich hier als Zarin vor - vielleicht weil der Zarenhof besonders reich und prächtig war. Heines Bruder war zeitweilig als Arzt am Hof in St. Petersburg tätig war.

„…katholisch“: H. Heine als Jude ließ sich protestantisch taufen. Er betrachtete den Protestantismus als Religion Luthers und Lessings als Fortschritt und kritische Ratio (Reformation als deutscher Vorläufer der französischen Revolution!), Katholizismus mit Unvernunft und Rückständigkeit.

Text 2: 
Martin Auer:
Über die Erde
 
Über die Erde sollst du barfuß gehen.
Zieh die Schuhe aus, Schuhe machen dich blind.
Du kannst doch den Weg mit deinen Zehen sehen
Auch das Wasser und den Wind.
 
Sollst mit deinen Sohlen die Sterne berühren,
mit ganz nackter Haut.
Dann wirst du bald spüren,
daß dir die Erde vertraut.
 
Spür das nasse Gras unter deinen Füßen
und den trockenen Staub.
Laß dir vom Moos die Sohlen streicheln und küssen
und fühl das Knistern im Laub.
 
Steig hinein, steig hinein in den Bach
und lauf aufwärts dem Wasser entgegen.
Halt dein Gesicht unter den Wasserfall.
Und dann sollst du dich in die Sonne legen.
 
Leg deine Wange an die Erde, riech ihren Duft und spür,
wie aufsteigt aus ihr eine ganz große Ruh‘.
Und dann ist die Erde ganz nah bei dir,
und du weißt: Du bist ein Teil von Allem und gehörst dazu.
*

(1983; aus: Überall und neben dir. Gedichte für Kinder in sieben Abteilungen. Hg. Hans-Joachim Gelberg, Weinheim 1986: Verlag Beltz & Gelberg. S. 286)

Zur Biografie des Dichters (geb. 1951)

Bild und Informationen:

http://www.lyrikline.org/index.php?id=162&L=2&author=ma00&show=Bio&cHash=be5b9df56d


Text 3:

(Als Gegenstück zu dem klassischen Heine-Text:)

Wilhelm Lehmann:

Letzte Tage

Ausgelaufen ist der Krug.

Erde spricht, es ist genug.

Chrysanthemen hat ein Freund vors Bett gestellt,

Lockenhäupter, Würzgeruch der Welt.

Ehe meine Finger kalten,

Fühlen sie die Lust, die Stengel festzuhalten.

Halt ich so das letzte Stück der Zeit noch aus,

Bringt das große Qualenlose mich nach Haus.

*

Zur Biografie:

Wilhelm Lehmann (*1882 +1968) war ein deutscher Lehrer (mit den Fächern Deutsch, Englisch und Biologie) und Dichter der deutschen „Naturlyrik“, die einen Ausgleich zwischen Menscheninteresse, Natur-Angebote und ökologischen Anforderungen im lyrischen Poem versuchte.

Informationen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Lehmann

http://www.wilhelm-lehmann-gesellschaft.de

Foto über diese Adresse:

http://www.kn-online.de/images/meldungen/2128794_1.jpg

*

Hinweis auf ein Rilke-Gedicht zum Thema:

Vgl. Text und Interpretation zu R. M. Rilke: „Judenfriedhof“; in meinem Artikel „... vom anderen Christus in uns“; in: „Religion heute“. Heft 65. 2006. S. 58ff.

Persönliche Notiz

(… zum Abschluss des Besuchs in einer „Friedkirche“ und dieses Artikels)

Ich könnte mich von meinen Kindern, wenn sie es mittragen wollen, auch in einem Friedwald, oder unter einem Friedbaum verschütten lassen, der vielleicht Bestand hat, bis zu einem Orkan, der demnächst für einige Unordnung, aber auch eine heilsame Wirkung im Naturgestrüpp dessen sorgen könnte, was wir für möglich halten auf unserer, einen Welt: Wachsen, Blühen und Vergänglichkeit.

Im Internet gibt es höchst unterschiedliche Ansätze, sich mit Leben, Krankheit, Unfall, Sterben und Trauer auseinanderzusetzen:

Aufgaben:

Untersuche diese Adressen und die dort benannten Inhalte und teils gewerblichen Angebote nach ihren religiösen und politischen Ausrichtungen.

Z. B.:

* „Das Sterben ins Leben holen. Trauernde Kinder begleiten“:

http://www.notfallseelsorge.de/pisarski.htm

* „Spirituelle Dimensionen von Leben und Sterben“:

http://www.leben-sterben.de/institut.htm

* „OMEGA“ – Mit dem Sterben leben:

http://www.omega-ev.de/

Aufgabe:

Beziehe den OMEGA-Appell ein: „Das gesellschaftliche Tötungsverbot

darf nicht angetastet werden!“ [Zu finden unter den Downloads auf der OMEGA-Seite.]

Es gibt viele Sammlungen mit Texten zum Leben und Lieben, Werden und Vergehen des Menschen; ich füge nur diese Titel an:

Vom Tod. Ein Lesebuch für Jedermann. Hrsg. v. Werner Koch. Frankfurt/M. 1987. Insel TB 1037.

Lobet den Herrn! Gebete großer Dichter und Denker. Gesammelt von Christian Strich. Zürich 1987. Diogenes TB 21498

…. Und das Leben bekommt mich zurück. Ein Lesebuch von Gerd Laudert-Ruhm und Susanne Oberndörfer. Stuttgart 2005. Kreuz Verlag.

Zwei abschließende Lesehinweise zum Thema „Sterben und Beerdigen“:

* GABRIELE GOETTLE: Kein stiller "Abtrag". Zu Besuch bei einer leidenschaftlichen Bestatterin“

http://www.taz.de/pt/2006/03/27/a0279.1/text

* Michael Bönte: "Individuelles Durchwurschteln". Ein Interview mit Silke M. Fiedeler.

- Dr. Silke M. Fiedeler ist Rechtsanwältin und Mediatorin in Essen. Neben vielen Veröffentlichungen zum Thema "Sterben im Strafvollzug" setzt sie sich auch auf Studientagen und in Vorträgen dafür ein, dass dieses Problemfeld in der Öffentlichkeit thematisiert wird.

Dafür steht sie auch in einem intensiven Austausch mit betroffenen Vollzugsdienstbeamten und Gefangenen. "www.kirchensite.de" fragte sie nach den rechtlichen Hintergründen der Situation sterbender Häftlinge. –

URL.:

http://kirchensite.de/?myELEMENT=123087

*

Diese letzten Worte sollen einen Ausblick geben auf den nächsten Artikel in “Religion heute“ Heft, das den Arbeitstitel „Himmel, Hölle, Fegefeuer“ trägt.

Friedrich Dürrenmatt: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird. Die Verdrängung dieses Wissens ist das einzige Drama des Menschen.“

Theodor Fontane: „Die Not lehrt beten, sagt das Sprüchwort, aber sie lehrt auch denken, und wer immer satt ist, der betet nicht viel und denkt nicht viel.« (Aus „Wanderungen durch die Mark Bandenburg“)

Aufgabe:

1. Analysiere etymologisch, semantisch und für den religiös-zeremoniellen und den persönlichen Gebrauch folgende Wörter und Begriffe (mit Lexika, Wörterbüchern und den Möglichkeiten des Internets).

Friedhof, Kirchhof, Gottesacker

Sterben, die (ewige) Ruhe finden, einschlafen, verscheiden

Krematorium, Feuerbestattung, Seebestattung

Ergänzende Frage:

Wie beurteilst du das bisherige Fehlen folgender Begriffe

Friedhaus, Friedkirche, Friedwald, Friedbaum?

Welche sinnvollen Neubildungen in diesem Sprachbereich, bezogen auf die Veränderungen der Auffassungen über des Lebens Ende könntest du dir vorstellen?

2. Welche Einsichten und Lehren, Erkenntnisse und Einblicke in Handlungsmöglichkeiten hast du aus dem Thema „ Leben, Sterben, ‚Heimgehen’“ für dich und deine persönliche Beziehungseinheit gewonnen.

**

Grundlegend erbauliche Literatur über Sterben und Erben:

Fichtner, Ullrich: Bestattungskultur. Das Friedhofssterben.

http://www.puetz-roth.de/downloads/6553/6559/6755/SPIEGEL-53-09.pdf

Wiki-Artikel „Abschied und Trauer“:

http://www.pflegewiki.de/wiki/Abschied_und_Trauer


Demnächst zu erwandern der von Goethe-Zitaten bewehrte Ruheforst in Coesfeld/Westf.:

http://www.ruheforst-coesfeld.de/index.php?seite=Home&h=1


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