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Samstag, 12. November 2011

Über "D e u t u n g s h o h e i t"

Blinde Begriffe I:

Hier eine Deutung zu der „Deutungshoheit“:

Den frühesten Wortbefund fand ich aus dem Jahre 1996:

„Das unversöhnliche Wort richtete sich nicht allein gegen die anderen im Saal, gegen die Stalinismus-Opfer und ihre Verbände. Es war auch eine Fanfare im Kampf um die Deutungshoheit am Ort. Nach dem Krieg hatten die sowjetischen Behörden das Konzentrationslager zum "Speziallager 2" umbenannt und dort die kleinen Nazifunktionäre, Mitläufer, aber auch politische Gegner interniert.“

(Klaus Hartung, Wer behält recht in Buchenwald? In: DIE ZEIT 25.10.1996, S. 4)

Ein 68er Wortgetue kann es nicht gewesen sein. Es liegt auch im Begriff der Deutungshoheit, dass man sich in der Sache nicht sicher weiß, zumindest unterlässt man eine Diskussion über Inhalte; man greift in dem Beziehungsstadel der Politik, gar der Wissenschaft, ein Regal höher: Ich nehme niemanden mehr wahr, der mit mir streiten will. BASTA!

Ein Wort, das sich im Deutschtum erst nach der „Einheit im Inneren“ eingeschlichen hat. Es ging um Materie in ihrer reinsten Form: um Kapitalien. Es ging um massive Streitereien über die richtige Vergangenheit, um in der Gegenwart mitmischen zu können, hinsichtlich der Bedeutung der Meinungen oder Geschichtsbetrachtung, ob in der eigenen biografischen oder der sozialpolitisch-gesellschaftlichen.

Ein politisches Schlagwort also. Es schlägt zwar, genauer: es keilt aus; es bemüht sich um die Kraft und die Suggestion des Tot­schlag­ar­gu­ments, dass seit 2004 im Duden steht.

Zum Nachlesen, wenn man der Totschlagfalle in der Kommunikation entgehen will:

Wikipedia erhellt Politisches und Willkürliches und Blindes:

„Ein politisches Schlagwort entsteht, wenn eine politische Situation oder ein politischer Diskurs auf ein besonders einprägsames Wort oder einen Satz zusammengefasst wird. Dieses Schlagwort findet danach in der Presse ein großes Echo und wird kurz- oder längerfristig zum zentralen Begriff für diesen Diskurs, oder als Symbol für die entsprechende politische Situation wahrgenommen. Wer einen Begriff prägt und ins Gespräch bringt, kann damit zunächst die Deutungshoheit innehaben – wobei es selbst Teil des Ringens um Deutungshoheit ist, welche Ausdrücke man als Schlagworte verbreitet. Im weiteren Verlauf des politischen Diskurses kann die Deutungshoheit jedoch auch verlorengehen und die öffentliche Wahrnehmung des Schlagwortes sich wandeln. Gezielte Versuche, politische Schlagwörter bzw. -worte bewusst zu prägen, können auch Teil einer Kampagne sein.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Schlagwort

Heute kämpft jede Partei um ihre partielle Deutungshoheit der und in der Gesellschaft; die Kirchen haben sie verloren, auch wenn ein medialer Dreitages-Zauber eines Papstbesuchs anderes anbieten könnte; bald aber schon jede Stiftung, die das in ihr eingesetzte Kapital rechtfertigen muss und Deutungshoheit erzwingen will.

Die WELT mutig klugscheißerisch (2005): „Die ärgerlichste Phrase des Jahres 2004, das beliebteste Totschlagargument zur Bekämpfung richtiger Ideen lautet: "Sie haben völlig recht. (Quelle: welt.de vom 19.01.2005)

An wieviel Sätzen sich dieses Tot-Totschlagargument tapfer schlagend geschärft hat, wer weiß es. Soviel Beziehungswirrwarr oberhalb der Informationsebene kann man nicht mehr sachlich aufzeigen.

Früher (2005): „Man buhlt um Deutungshoheit und Einfluss in einer der größten Industrieregionen. (Quelle: fr-aktuell.de vom 08.03.2005; s. wortschatz.de)

Heute: Die FDP hatte ein Jahr Zeit, sich von der Deutungshoheit zu „Steuersenkungen“ zu verabschieden. Es wird den FREI-DEMOKRATEN nicht mehr geglaubt

Ja, selbst diese langjährig sich bewährende FDP (vulgo: fast drei Prozent) als Steuersenkungs-Partei vermag sich zu einer neuen, alten Deutungshoheit zurückzuentwickeln:, als forsche Datenschutz-Partei.

Haiko Sakurai zur Zukunft der FDP.

Womit sich wieder beweist: Der Slogan Freiheit ist immer noch

http://www.sakurai-cartoons.de/images/g_liberaleeuphoriebunt.gif

„Deutungswort“ hat schon Kaspar Stieler aufgeführt in „Der teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs“ (1691).

Wer mag daran deuteln?

„Deuteln, auf gezwungene art auslegen, den sinn kleinlich verdrehen. deutelen phantasieren, imaginari (Henisch 682). es stehet auf der alchymisten deutelen ders. eines kaisers wort wil sich nicht gebühren zu trehen oder zu deutelen (Zinkgräfs Apophthegmata 1, 28). In DWG der Sprachprofessoren und Brüder Grimm belegt.

Es dürfte das Wort gar nicht im Singular geben, sondern nur im Plural: Deutungshoheiten.

Und in irgendeiner Unterschublade des blinden Denkens: die Deutelhoheit.

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