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Dienstag, 22. November 2011

G e s u n d h e i t s l i e b e

Alt- und Neu-Wort - II-


Gesundheitsliebe

und

Steeple race or Steeplechace


Ein Altwort - ein Neuwort?

unergiebig-luschig wird es bei Google (ungefähr 1.340 nachles- und löschbaren Ergebnisse) rausgeschmissen. Irgendwas Gesundes, Gesundiges, Gesundheiten von der Fußsohle (vom Podologinnen garantiert) bis in die Haarspitzen (von den Haircuttern gewährleistet), was prima Wellnessiges -

Aber hier habe ich die „Gesundheitsliebe“ gefunden, liebevoll syntaktiert. Und noch einen kräftigen, gut platzierten Anglizismus: „Steeplechase“ (statt des kräftigeren Heineschen "steeple race"). Was das genau ist, muss ich sogar nachkucken.

Wiki bietet ein altes Bildchen (1830): „Die Jungs aus dem Dorf“ - ein Steeplechase-Rennen 1830.

Bei uns hieß es wohl „Querfeldein-“ oder Jagdrennen. (Ich habe da nie mitgemacht; alles zu grünlodig-recht- und arzt-anwältlich) :

"Gesundheitsliebe" steht nicht im Duden. "Fein! - Basta!", lärmt es in meinem Sprachgefühl).

Denn (oder: aber) in den Annalen der Poesie fand ich es:


Heinrich Heine:

Worte! Worte!

Worte! Worte! keine Taten!
Niemals Fleisch, geliebte Puppe,
Immer Geist und keinen Braten,

Keine Knödel in der Suppe!

Doch vielleicht ist dir zuträglich
Nicht die wilde Lendenkraft,
Welche galoppieret täglich
Auf dem Roß der Leidenschaft.

Ja, ich fürchte fast, es riebe,
Zartes Kind, dich endlich auf
Jene wilde Jagd der Liebe,
Amors Steeple-race-Wettlauf.

Viel gesünder, glaub ich schier,
Ist für dich ein kranker Mann
Als Liebhaber, der gleich mir
Kaum ein Glied bewegen kann.

Deshalb unsrem Herzensbund,
Liebste, widme deine Triebe;
Solches ist dir sehr gesund,
Eine Art Gesundheitsliebe.

- Entstanden 1855; zu Lebezeiten Heines ungedruckt. Eines der fünf Elise Krinitz, der geheiemnisvollen "Mouche" (1828 - 96), gewidmeten gloriosen Gedichte.)


Heine (aus den Jahren 1842/43) ; zur Zeit seiner Deutschlandsreise:


Ich habe bei Duden einen Wortvorschlag gemacht: "Gesundheitsliebe“.

Sie, die Liebe gilt der Gesundheit; sie ist ein ein deutiges, literarisches Kompositum, das nur noch nicht gemein-sprachlich sozialisiert wurde. Ich möchte auch nicht, das es kommerzialiesert wird. Aber irgendwann wird es von einer Werbeagentur für den glamourösen Aufputz eines Wellnessschuppens entdeckt, samt Heine-Flair.

Nu - er wird abgelehnt werden, wenn wir (wirr wimmer, pardon: wer immer das sein kann) uns nicht in Gesundheitsliebe bekennen zu... kalten Wasserspielen oder… zum Sex, oder metrisch-rhythmischen … zum Beispiel.

Aber wenn Liebe zum Steeple, wie heißt dat, wird? Sollte MANN auf ein anderes Pferd umsatteln; und FRAU könnte zur Feuerreiterin werden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Steeplechase_%28Rennen%29

. . . o d e r: Was mensch sich da an Übersetzungen und Neuläufen in Sachen Venus aut Amor zutraut; es ist alles übersetzbar; aber wer sich für den Anglizismus steeple… entscheidet, hat einen poetischen Patron seine Gesundheitsliebe“, die viel mehr ist als jede kamillkrautige, honigseimende Wellness, mir am liebsten als unsinnige Well- Ness:

http://www.dict.cc/?s=steeplechase+[horse+race]


Ein holpernd-geländegängiger,irgendwie erratbarer Anglizismus (an der richtigen, rhythmischen und reimgerechten Stelle einkomponiert); und ein urdeutsches, stimm- und fühlfähiges Liebeswort - das macht - bei Heine - schon ein ganzundgar turbulentes Gedicht aus.


Volkessprache, Poetenwort und -gedicht (und eines Sprachforschers Wortgefühl) . . . machen lustvolle Sprachgewalt aus.





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