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Mittwoch, 23. November 2011

B r i c k e n, R i p s und W i c k e n ...

Alt- und Neu-Wort - III-

Bricken, Rips, Raps ... Wicken – Wörter, die, wenn man sie nicht kennt, kinderleicht einzusehen und zu speichern sind, wenn Google es findet:

Ein Fund: Eine Bricke ist ein Neunauge. Ein Fisch. Auch Bricke, Pricke oder Prigge genannt; ein Flussneunauge.


Wicken: Wir vermuten (nicht ein altes deutsches Wort für ein Dorf in der Nähe von Königsberg, also Klimowka (russisch Климовка) [Wikipedia.de]

Sondern, ich schlage nach: „Die Wicken (Vicia) sind eine Pflanzengattung in der Unterfamilie Schmetterlingsblütler (Faboideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Die etwa 160 Arten kommen hauptsächlich in den nördlichen gemäßigten Gebieten vor.“ [Wikipedia.de]

Was bleibt noch fremde, gemessen an meinem normal-gemein-sprachlichen Wortschatz?

Rips? ich schlage lieber nach, bw. tippse:

Rips, (Ripsgewebe): „Unter der Ripsbindung versteht man in der Bindungslehre der Weberei eine Ableitung der Leinwandbindung, bei der eine längs- oder querlaufende, gerippte Oberflächenstruktur erzeugt wird.“


Heinrich Hoffmann von Fallersleben:

Der deutsche Zollverein

24. Februar, 1840

Schwefelhölzer, Fenchel, Bricken,
Kühe, Käse, Krapp, Papier,
Schinken, Scheren, Stiefel, Wicken,
Wolle, Seife, Garn und Bier;
Pfefferkuchen, Lumpen, Trichter,
Nüsse, Tabak, Gläser, Flachs,
|: Leder, Salz, Schmalz, Puppen, Lichter,
Rettig, Rips, Raps, Schnaps, Lachs, Wachs! :|

Und ihr anderen deutschen Sachen,
Tausend Dank sei euch gebracht!
Was kein Geist je konnte machen,
Ei, das habet ihr gemacht:
Denn ihr habt ein Band gewunden
Um das deutsche Vaterland,
|: Und die Herzen hat verbunden
Mehr als unser Bund dies Band. :|

(Aus: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder von Hoffmann von Fallersleben, 2. Teile. Hamburg 1841. Bd. 1., S. 45-46.)

*

Welchen Bund meinte Hoffmann von Fallersleben, den er durch das Band des freien Handels ersetzt sieht? In dem hier angespielten Deutschen Bund waren nach dem Wiener Kongress 38 Mitgliedsstaaten (nicht alle deutschsprachig; 34 Fürstentümer und vier freie Reichsstädte) von 1815 und 1866 zusammengefasst.

Nicht zum Gefallen der deutschen Demokraten.


Ad libitum, auch für Handels-Unerfahrene: eine Interpretation:


VOLKER NEUHAUS

AM ANFANG WAR DIE PARODIE

August Heinrich Hoffmann, der sich nach seinem Geburtsort von Fallersleben nannte, schrieb dieses Gedicht der eigenen Datumsangabe zufolge ziemlich genau eineinhalb Jahre vor seinem »Lied der Deutschen«, das seit 1922 unsere Nationalhymne ist. Er veröffentlichte es noch im selben Jahr in Hamburg bei Hoffmann & Campe, dem politisch engagiertesten Verlag der Zeit, in seinen »Unpolitischen Liedern«. Die Sammlung mit dem natürlich ironisch gemeinten Titel, die Hoffmann wenig später seine Breslauer Professur kosten sollte, ist in sieben »Sitzungen « unterteilt, bei denen offensichtlich Gleichgesinnte- »unser Bund« - jeweils diese Lieder singen. Hoffmann hat zeitlebens an dem bis zur Goethezeit herrschenden Verständnis von »Lied« als einer zum Gesang bestimmten Dichtform festgehalten: »Das wahre lyrische Dichten erscheint mir wie ein musikalisches Komponieren mit Worten; wir schreiben statt der Töne Worte auf; ich habe mich so daran gewöhnt, daß ich beinahe nie dichte, ohne zugleich zu singen.«

Julius Fröbel hat in seinen Lebenserinnerungen berichtet, wie sein Gast Hoffmann zu dichten pflegte - »nicht selten singend, immer aber laut«:

Er stimmte eine bekannte Melodie an und unterlegte sie nach und nach mit einem neuen Text. Dies hatte den Vorteil, daß auch seine neuesten Lieder sogleich von Hoffmann, wie er es liebte, in geselliger Runde zur Gitarre vor- getragen und von den Anwesenden mitgesungen werden konnten.

So dichtete Hoffmann auf die bekannte Haydnsche Kaiserhymne am 26. August 1841 in Helgoland das sogenannte »Deutschlandlied« - auch zunächst ein Trinklied, das in seiner zweiten Strophe gattungsgemäß Weib, Wein und Gesang hochleben läßt und für das Hoffmann als Schlußvariante der letzten Strophe statt »Blüh' im Glanze dieses Glückes/ Blühe, deutsches Vaterland!- notierte:

»Stoßet an und ruft einstimmig:

Hoch das deutsche Vaterland. «

Aber nicht nur unserer späteren Nationalhymne, auch dem Zollvereinslied ist Haydns Melodie unterlegt. Lebt »Deutschland, Deutschland über alles« vom Zusammenklang eines hymnischen Textes mit einer feierlich getragenen Melodie von höchster Weihe, so gewinnt unser Gedicht seinen Reiz aus dem bewußt gesuchten Kontrast zwischen den kaiserlichen Tönen und der kakophonen Reihung banalster Alltagsdinge in der ersten Strophe.

Dieses Mißverhältnis von hohem Ton und niederem Inhalt - und genauso wird seit der Antike die Parodie definiert - nimmt die zweite Strophe dann im Text selbst auf, wenn das ganze Gerumpel und Gerumpel der ersten feierlich als die »deutschen Sachen« apostrophiert werden, denen »tausend Dank- gebühre, da sie ein »Band ... Um das deutsche Vaterland« »gewunden- und »die Herzen... verbunden- haben. Mit dieser ironischen Hymne für den deutschen Zollverein von 1834 liegt der ziemlich einmalige Fall vor, daß ein Dichter die Parodie dem eigenen Original voranschickt, selbst das Lächerliche bewußt vor das Erhabene stellt und erst auf das heute vergessene Satyrspiel das Werk folgen läßt, das neben einigen zu Volksgut gewordenen Kinderliedern seinen Namen bis heute bewahrt hat.

Sein Spott gilt darin einem Entwicklungsstand der deutschen Einigungsbestrebungen, der in etwa dem der heutigen Europäischen Gemeinschaft entspricht: wirtschaftlich auf dem Weg, ein Riese zu werden, politisch zum Zwerg verkümmert, die Europa-Erbse normierend, aber zu einer gemeinsamen Politik unfähig. Denselben Stand der deutschen Einigung hat auch Heine in »Caput 2« von »Deutschland. Ein Wintermärchen« verspottet. Für Hoffmann als letztlich wirklich »unpolitischen« Dichter waren ganz andere Dinge »deutsche Sachen«: Nicht »Schwefelhölzer, Fenchel, Bricken / ... «, sondern »Deutsche Frauen, deutsche Treue, / Deutscher Wein und deutscher Sang- sollten uns »zu edler That begeistern / Unser ganzes Leben lang«, sollten Deutschland einigen und es so »über alles in der Welt« stellen. Selbst diese zum Slogan gewordene Zeile klingt bei unserer vorgezogenen Selbstparodie schon im Motto aus der Ilias an, das den Zollverein preist. Es lautet (in Voßens Übersetzung): »denn er ist mächtig vor allen«.

(Zuerst in der Frankfurter Anthologie. Aus: 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Hg. v. Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt/M. Bd. 4. 1994. S. 144ff.)

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