R e c k -linghausen - < Stadtansicht(en),
< mit Lassenfahrrad, Bier-Flasche & Stöcklein >
Recklinghausen
- eine Heimat für Nachsichtige und mobil Anpassungsfähige -
In
einem Fernsehstudio tritt ein Wähler auf, der von den
Programmgewaltigen die tolle, einmalige Chance erhalten hat,
Politiker aller Parteien persönlich, direkt und unverblümt zu
befragen. Und da legt er los und fragt als ersten den CDU-Kandidaten
Herrn Dr. Ziesemann: "Was ist der Unterschied ... zwischen einem
... Eichhörnchen und einem Klavier?"
In
Klammern: Sie wissen es? Der passionierte Fernsehteilnehmer heißt
Hoppenstedt, sehr wohl: Wilhelm
Hoppenstedt. Klammer zu!
Und
als TV-Normalo ausgewählt, präsentiert er sich jetzt als
Fernseh-Desperado und stellt sich und seinen soziokulturellen
Hintergrund genial-ungewollt prostituierend zur Schau: Nach vielen
dümmlich-unsinnigen (chaotisch insistierenden und despektierlich
entlarvenden) Fragen wird ihm dann doch von der Moderatorin das Wort
entzogen durch eine geschwind formulierte Absage. Doch schnell noch
bringt Medien-Meister Hoppenstedt sich vor der abschwenkenden Kamera
ein als geübter, spontan reaktionsfähiger TV-Konsument: "Ich
grüße auch meine Schwester und meinen Schwager aus Recklinghausen."
So können wir es (und
Sie
haben richtig vermutet) für immer bei dem kundigen Medienschlingel
Loriot, auch bürgeradelig Vico von Bülow geheißen) nachschlagen
].
In
dem Sketch "Der Wähler fragt", wie in jedem Wahljahr so
auch 1998 wieder hoffnungsgesättigt aktuell und permanent lehrreich,
auch für zu erwartende Hochrechnungen mit DVU-Highlights
[DauerVerUnsichert],
befragt ein naiver Wähler die Parteiprominenz und erreicht durch
schön dümmliche Fragen nicht seine eigene
Bloßstellung, sondern die der Parteigrößen, ja des
Informationsmediums überhaupt, ob in RE oder nach RE hinein, eben
zweibuchstabig-mehrwertig zwischen R (dem großstädtischen
Regensburg) und REG (dem ländlichen Regen, am niederbayrischen
Flüßchen Regen).
Diese
Antinomie von familiärer Nähe und medialer Öffentlichkeit und
Diskrepanz von alltäglicher Gewohnheit und einer einmaligen Funktion
und Wirkung charakterisiert viele Loriotsche Typen in prägnanter und
subtil entlarvender Weise, in ihrer rollenmäßigen Dummheit.
Stellvertretend für die lieben Bundesbürger, der Politikern Fragen
zu Wahl stellt, wählte er als Satire-Loriot auf Leistung
verpflichtet, den Kleingeist aus der Provinz, der sich auch an
Recklinghausen vergreift, um seine verwandtschaftlichen und
kleingeistigen Beziehungen aufzuzeigen begehrt. Aber es gibt
natürlich aller Orten einen Schwager bzw. eine Schwester, ein Onkel
oder eine liebe Omi, die gegrüßt werden wollen; in diesem
Augenblick erfüllt sich das Medium selbst, das für so viele
Menschen kultisch gültige Erwartung und Befriedigung geworden, und
spiegelt das von der Unterhaltungselektronik veränderte
Wahrnehmungsempfinden, das die Farb- und Lichtpunkte in rasanter
Geschwindigkeit erleben und Ersatzwirklichkeiten vortäuschen will,
wo keine Verwandtschaft und keine Nachbarschaft mehr funktionieren,
wo direkte Kommunikation bis auf ein überflüssiges "Guten Tag"
reduziert ist. Die damit verbundene Pluralisierung und
Proletarisierung der Kultur, die kampagnenmäßig sich steigernde
Idiotie der Politik für, durch und in Medien, die Dreistigkeit der
telegenen Selbstüberschätzung - Loriot bedient sich dieses Stoffes,
auch gerade in den Medien Rundfunk und TV, um die Vergötzung der
Wahrnehmungsgeschwindigkeit für die illusions- und
erlösungsbedürftigen Konsumenten, in reziproker Abhängigkeit von
rationaler Vernünftigkeit. Die genannte Lokalität, die
Recklinghäuser mögen mir verzeichen, ist da nicht umsonst oder auch
vergeblich gewählt; er löst Lacher aus: auch im Kohlenpott - einen
Ausdruck, den man, so die hohe Politik nicht mehr gebrauchen soll
(außer in vom Kommunalverband Ruhrgebiet subventionierten Kampagnen
zur benachbarten Fußball-Hysterie: auf Schalke oder beim BVB: der
Pott, so die Harakiri-Werbung, soll da kochen, wo Millionen
Werbegelder für Drecksreklame rausgeschmissen werden und die
Verantwortlichen schon wieder die nächste Kampagne in Auftrag
geben).
Loriots
Satire als eine Form von Bildstörung der individuell
ausbeuterischen, aber sozial akzeptierten und wirtschaftlich überaus
erfolgreichen Medien, die der Politik; ein Lindenblatt-Treffer für
mittelständische Politjongleure und Angeber - egal wie christ-,
liberal- oder sozialdemokratisch sie sich benennt, aber nicht
besteuern will, z.B. um für den Bildungssektor etliche Millionen
umverteilen zu können. Die Eltern der Sonder- oder Hauptschüler
gehen eh kaum wählen, sie sind in Parteigremien nicht vertreten; die
Lehrer/innen an Gesamtschulen (im bewährten, soziosexuellen Clinch
miteinander) wählen notorisch grün, bis Joschka Fischer im nächsten
Jahrhundert Bundespräsident werden darf und sie ihre
Bildungsattrappen aufstocken dürfen werden.
Und
noch einmal: In dieser Wahlkampf-Satire, eben der von Loriot, nicht
der Rau-Clementschen des Jahres 98, einem verluderten Possenspiel von
anarchistischem Charme, in dem auch die Schein-Fragekultur und die
Dummheit der Politiker in Talk-Runden entlarvt werden, finden wir
auch noch im Wahljahr 98 ähnliche Blödigkeiten; das Fernsehen
könnte den Spot-Spott heute genau so laufen lassen wie vor; selbst
das Uralte der Verkleidung, des Outfits des Studios und der
töppischen Personen, steigert das tölpelhaft Spießbürgerliche der
Karikierten und der parodierten Heimat.
Aber
ich habe bisher den treudeutschen, doofen, nicht unmutigen,
distanzlos ungenierten Hauptakteur Herrn Wilhelm Hoppenstedt nicht
ausreden lassen. Im weiteren Text verschieben sich die provinziellen
Pointen nur in Details, nicht in der klein- und mittelstädtischen
Substanz. Sexistisch bekloppt fragt er weiter wie am Stammtisch (ob
in der "Weißen Brust", die heißt hier wirklich so heißt,
oder im unterirdisch gastlichen Ratskeller oder in der
"gastronomischen Ruine" (Zitat, aus dem
Exbürgergmeister-Mund) des "Saalbaus": "Und die
Mädels... was is mit die Mädels?" Such sie, Opa, such und faß
sie, leb dich aus als Voyeur, nutze deine Chance! Verlauf dich aber
nicht ins Frauenhaus! Da skalpieren Sie alle Männlein!
Und
in die Herkunftsregion, das Gebiet verwandtschaftlicher und geistiger
Nähe ruft er, bevor er abserviert wird vom Bildschirm, hinein in die
vertraut wartende TV-Gemeinde: "Ich grüße... meine Nichte
Susi, Hilde und Ingeborg, meinen Cousin in Hannover und Tante Erika
in der DDR. Wir wünschen uns die Melodie 'Alte Kameraden'!"
1981
wurde der Sketch inszeniert, bzw. als Text gedruckt und die so
wehmütig liebevoll apostrophierte DDR gibt es neun Jahre später
nicht mehr; das nur exemplarisch gemeinte Recklinghausen, ihm gaben
vor Zeiten wackere Recken den Stadtnamen, existiert noch in seiner
lokalen und historischen Verfaßtheit noch heute, und einstweilen
noch lange sich deutsche Provinz als großstädtisch geriert. Die
Umfragen zu Kultur-, Sozial oder kinderfreundlichen Werten liegen auf
den vertrauten Tiefe der kohlentechnischen Abtäufungen in Abgrenzung
zu Trümmerbergen mit dem Schutt des zweiten Weltkriegs, dutzenden
anderen Städten gleich zwischen Ruhr und Lippe. Doch gibt es hier
einen schreibenden Bürgermeister, prägnant Jochen Welt genannt;
Sozialreportagen verfaßte er, die den Leser wundern lassen, daß der
Meister der Feder in der SPD sein soll; und einen gut gemeinten Krimi
legte er auf, dessen Titel und Lektüre ich Ihnen ersparen möchte -
Sie können ihn jeder sparsam eingerichteten Stadtbücherei erfahren,
wenn Sie solcherlei interessiert.
Auch
hieran zeigen sich - als Kritik oder Denunziation - Satire oder
Realität: Die Lieben daheim und im Rathause lassen sich nicht aus
der Perspektive von Betroffenen markieren, es bedarf des Abstandes,
der Entwicklung von Unterschieden, um ihre Berechtigung und ihren
Marktwert zu akzeptieren oder zu widerlegen!
Schluß
der Farce! Wir sind nicht mehr im TV-Spott, wir müssen aushalten in
der Realität, spannender als eine Heyme-Inszenierung im
"Europäischen Festival", früher auch Ruhrfestspiele
genannt (von denen es drei gleichen Namens alleine in Deutschland
gibt, alles Produkte diverser Gutachten, die ein Berliner Professor
der Kulturwissenschaften gegen teures Geld in den gesamtdeutschen
Provinzen verkloppt, so daß die sich eine eigene Kulturpolitik
mangels Geld nicht mehr können): Die Moderatorin und auch mit ihr
der verschreckte Recklinghäuser Zuschauer "winken entsetzt ab":
Doch, wie genial und proletarisch echt! Und, als Beispiel, der Marler
und die angetraute oder als Lebensabschnittspartnerin dauergewöhnte
Marlerin könnten über den Recklinghäuser lachen - da und wenn sie
verdrängt haben, daß sie genauso gemeint sind: die sich auf die
Schenkel klopfen und über andere gackern, statt nach dem Lachen zu
suchen, das im eigenen Hals stecken geblieben ist, zu tief dem Magen
und der gesunden Verdauung entgegen, als daß eine Erkenntnis
provoziert werden könnte.
Was
darf Satire? Sie darf (nicht nur nach Kurt Tucholsky) alles:
erschrecken, überzeichnen; ja, sie zeichnet das Negative aus, will
sie ihrer Intention gerecht werden: Sie
zielt ex negativo auf das Menschliche - die Wirklichkeit, die
positive Aussage, sie muß hergestellt werden im wachen Kopf des
Lesers oder Zuschauers, sie
will die Realität verändern. Sie ist die Klopfmethode, pardon, die
Textsorte, die die einen zum Lachen bringt und die anderen zum
Grummeln, und die dritten, häufig humorlose, rachsüchtige
Politiker, etwa im Stil der Amigos, zu Wut und Gegenmaßnahmen. Im
nächsten Spott/Spot ist es umgekehrt: Die einen werden in die
Starrheit der Empörung, der fast tödlichen Beleidigung getrieben,
den anderen treibt es die Tränen der Schadenfreude in die Augen.
So
die Stadtverwaltung über die Gelenkfunktion der Henry-Moore-Skulptur
"Die Liegende Nr. 48/2." Oder ist er die 6 1/2? Jedenfalls
stehen jedem Kunstfreund die Wege nach Hannover oder Konstanz offen
(oder gar bis Australien), um sich von den Vorzügen und den
glänzenden Buckeln, den Hohlformen und den Rundungen, den Löchern
und Segmenten vieler Bronzeausbeulungen zu überzeugen und sie
interpretatorisch in verbal-künstlicher Unverständlichkeit zu
verstecken, daß keiner merken sollte, daß hier Blödsinn übertüncht
wird:
"Sie
hat die sehr zentralistische Komposition des Gebäudes durch die
eigene azentrische Position neutralisiert und mit der Natur
versöhnt."
Und
legen sie sich in realiter mal vor die Große Liegende. Sie wird
ihnen zuflüstern: ich, Henry Moore, habe durch ein paar ungeschickte
Umformungen und Pressungen in Bronzeblech ein Vermögen verdient.
Aber wer sich kunstästhetisch bescheißen läßt, verdient es nicht
anders: Er soll zahlen und von seiner Mißetat schwärmen in alle
Ewigkeit.
Fordern
Sie einmal einen Politiker oder andern kulturgewieften Deuter in
dieser Stadt auf, in ungeheucheltem, ungekünsteltem Deutsch über
diese Platik aller Plastiken zwei, drei Sätze zu formulieren.
Ob
er kluge Kopf sich an die Aufgabe macht, diesem geräumigen
Frauenbild eine Entsprechung in der sozialen Realität zuzuordnen?
Oder würde er mit der akutellen Frauenrechtsvariante operieren: So
sehen die politischen Versuche mit der Frauenquote aus? - Er kann
höchstens sagen: Kinder turnen gerne an dem Monstrum herum, basta!
Alles andere wäre schwafliger Quark! Aber jedes Kind scheitert beim
Klettern am Haupte dieser Dame; da gibt es nichts, wo man sich
festhalten kann. Da bleibt nix als klbige Künstlichkeit
Begeben
sie sich auf die weitere Suche, nach Plastiken und künstlerischen
Höhepunkten dieser Stadt. Da können Sie einen verschnarchten Hirten
an der Gustav-Adolf-Kirche anstaunen. Da grüßt ein
Pinkelbrunnen-Bruder im Geiste, sofort am benachbarten Viehtor. Da
erspüren Sie die Symbolik der drei halb-modernistischen, muskulär
brekerhaften Figuren: Diese Bürger ertragen ihre Stadt.
Tappen
sie sich vor zum Lohtor. Dort finden Sie eine Mißgeburt aus
Triumbogen und Aquädukt, in klassischen Klinker gemauert. Warum? Es
soll eine "ästhetische Akkordanz in vielperspektivischer
Wandlung" (oder ähnlich phrasiert) zum gegenüber liegenden
Heldengedenkmal seinoder werden, das man mit ca. 37-ein-halb
Inschriften aufgerüstet hat zum Friedensmal.
Weitere
Genüsse?
Von
RE aus können Sie sich radial-radikal perspektivisch orientieren
(und vergessen hierhin wiederzukehren): Nach Duisburg zu den
Theatertagen; nach Herne zu den Tagen alter Musik; adventsmäßig
nach Dortmund zum standgemäß größten Weihnachtsbaum der Republik;
nach Münster zu den Lyriktagen; nach Marl zum
Adolf-Grimme-Wettbewerb (wer Grimme war? Fragen sie mal in Marl!);
nach Geldern, irgendwo am Niederrhein, zum Fest der Straßenmaler,
nach Herten - mit dem Fahrrad ereichbar - zum Folk-Festival; nach
Schloß Moyland, nahe Kalkar, um dort nachzuforschen, wie Beuys sich
freundesmäßig durch die van der Grintens verewigen ließ:
handwerklich ungenügend, intentional chaotisch-sinnlos.
Doch
der lokalen Realität sei hoher Tribut gezollt, eine Fortsetzung des
quasi literarischen Topos Recklinghausen:
Theodor
Weißenborns Kurzgeschichte "Eine unbefleckte Empfängnis"
ist eine Story, die sich in der Hauptpost an der Martinistraße in
Recklinghausen abspielt. In Anthologien ist sie vielfach gedruckt
worden ].
"Geoffenbart
am 18. Juli 1965, mittags, 12 Uhr, auf dem Hauptpostamt
Recklinghausen, Schalterhalle, vorn, Fernsprechaltar."
So
ist die leitmotivische Orts- und Geistesangabe in Th. Weißenborns
Erzählung "Eine unbefleckte Empfängnis" beschrieben.
An
diesen Ort der Teilnahme, Öffentlichkeit der technischen
Kommunikation vollzieht sich der letzte Akt eines Dramas eines
Mädchens, das man mit dem Etikett "irre", oder
psychiatrisch formuliert: "neurotisch-schizoid" oder
"psychotisch" (jeder Nervenarzt ist da variabel und
tablettenspendierfreudig).
Heinrich
Böll nahm Stellung zur Story, als sie einen exemplarischen
Meinungsstreit über das Noch-Erlaubte, über das Häßliche und
Kranke, über Sinn und Wahnsinn in der Literatur auslöste:
"Ich
finde die Geschichte gut, finde Ort, Personen und Handlung genau
richtig plaziert und im übrigen einen tiefen religiösen Sinn in
dieser Leidensgeschichte einer Magd!"
Über
die vordergründige Provokation hinaus stellt dieser Fall einer
religiösen Neurose einen christlichen Hilfsappell dar. Gäbe es
heute noch jesuanische Menschen, Th. W. wäre der letzte, der nicht
auch diesen Heiler, den Erlöser, den Angerufenen (wie sie in Jesu
Sendungsauftrag benannt und ausgestattet werden: Missionare der
Seele) einbezogen hätte in seine Geschichte.
"...Fürchte
dich nicht!"
Wer
sich, ob realiter oder imaginiert, d.h. auch eingebildet, ständig
beobachtet und kontrolliert fühlt, für ewig, solange das Leben
währt, überwacht und vorherbestimmt fühlt, entwickelt Obsessionen,
kann nicht mehr unterscheiden zwischen Realität und Gefühlen,
Äußerem und Inneren. Es hat "den Heiland auf den Lippen, den
bösen Feind im Herzen".
Ein
Kritiker schrieb über die religiösen und psychiatrischen
Fallbeispiele des Autors:
"Einige
dieser Texte beschäftigen sich mit Menschen, deren Wahnvorstellungen
auf sexuelle und religiöse Konflikte zurückgehen. Der Stoff zu
dieser Prosa des Abnormen ist nicht der vermeintlich schmutzigen
Phantasie des Autors entsprungen, denn Weißenborn hörte ... an der
Universität Köln Psychiatrie und Medizinische Psychologie."
"Er selbst ist in streng katholischer Umgebung groß geworden
und kennt darum die Sorgen und Nöte der römisch-katholischen
Christen aus eigener Erfahrung. Der sprachlich heilkundige Weißenborn
ist nicht traurig darüber, selbt der geistigen Unterordnung unter
die vom Papst ausgehende Hierarchie entronnen zu sein. Und kaum einen
wird es verwundern, daß er angesichts seiner Erkenntnisse seine
Kinder der Welt des Weihwassers und der Rosenkränze entzogen hat."
"Er maßt sich mitunter an, bestehende Machtverhältnisse in
Zweifel zu ziehen, und er fordert zu deren Veränderung auf."
Ein
bloße Nennung von Örtlichkeiten ist nie Anlaß und Ziel eines
poetischen (ob erzählerischen oder satirischen) Vorgangs - den Kern
von Verletzungen (ob Arroganz oder Machtanspruch oder der bloßen
Dummheit) - zufällig in der betroffenen Örtlichkeit Wohnende müssen
sich der Kritik a posteriori stellen, ansonsten könnte der Nachweis
ihrer Berechtigung a priori schon gegeben sein.
In
einer ganz eigenen Art des Feuilletons schreibt ein Autor Essays und
Reiseberichte, lange bevor er durch Romane zur österreichischen
Geschichte weltberühmt wurde und, wie hunderte andere auch,
Deutschland verlassen mußte, weil seine humanistische Auffassung von
Menschlichkeit, Frieden und Freiheit nicht akzeptabel waren für ein
Regime, in dem (wie heutigentags wiederum) Großmäuler, Verbrecher
und Neurotiker das Deutscheste vom Deutschen für absolut setzen -
und sich so benehmen möchten, wie sie es als Gewalttäter gelernt
haben: durch Mißhandlung.
Noch'n
Beispiel:
Josef
Roth schrieb im Jahre 1926 als Korrespondent für die "Frankfurter
Zeitung" eine Reihe von Essays, die sich mit der Situation im
Ruhrgebiet beschäftigten.
Die
schönsten: "Trübsal einer Staßenbahn im Ruhrgebiet" (vom
9.3.1926) und "Der Rauch verbindet Städte" (vom
18.3.1926). Literarhistorisch bieten sie eigenartig stimmige
Facetten, die in ihnen aufgezeichnete Landschaft ist heute
Industriegeschichte, sie ist überholt - weil diese (in der
Ruhrgebietsgeschichte) seltene Reportagen ein prinzipielles Moment
von Literatur darstellen, das nie gefährdet werden darf, sich die
Themen und die Personen nach den Erkenntnisprinzipien von
individueller Freiheit und sozialer Notwendigkeit auszusuchen - auf
daß die Welt und die Menschen in ihr ein Stückchen schöner,
attraktiver und friedlicher werden können.
Sicherlich:
Recklinghausen als Topos einer modernen Industriestadt, die in der
Nach-Eisen-und-Kohlen-Zeit sich strukturell wandeln muß, ist
auswechselbar. Die hier aufgezeigten Nennungen in der deutschen
Literatur liegen auch schon zurück.
Und
noch'n Beispiel?
Recklinghausen
als Städtchen, dann Stadt der Püttrologen, die erwachende
Industriestadt zwischen Kanal und Lippe: Vor 102 Jahren, genauer am
19.11.1896, ereignete sich auf der Recklinghäuser Zeche "General
Blumenthal" eine schwere Schlagwetterexplosion, die 26
Todesopfer forderte, ein Synonym für die vielen Gruben-Katastrophen,
als die Profitgeier noch größer als die unternehmerischen und die
technischen Sicherungsmöglichkeiten:
"Zu
den Massengräbern im Ruhrgebiet,
Sie
wir soviel schon haben -
Eine
neues Grab, ein Massengrab,
Man
hat es wieder gegraben." (...)
Heinrich
Kämpchen, ein heute fast unbekannter Bergmann, Gewerkschaftler und
Dichter, hat diese Katastrophe in einem wichtigen, künstlerisch
wirkungsvollen Gedicht fetgehalten.
Weitere
Literatur, die den Kontext, den Lebenszusammenhang mit dem schwarzen
Gold, das so furchtbar und nachhaltig in das Leben der früher
westfälischen Menschen und der zugezogenen Arbeiter, hauptsächlich
aus dem Osten Deutschland, bzw. dem damaligen Königreich Polen.
Lieb
(als Aufgabe) sollte uns dieser Bezirk schon sein, wenn auch nicht so
teuer, wie sich das Ruhrgebiet ausstellt, einer verschmähten Braut
gleich, in deutscher und internationaler Werbegrafik. Die neue
Kampagne "The Ruhr", im Ausland entfacht, demonstriert und
eskaliert, wie man Geld aus der öffentliche Hand in die privaten
Taschen der Werbefrizzis lenkt: aus dem bis ins ferne China
weltbekannten "Welbepaladies des Bludels Johannes Lau, dem
wundelschönen Luhlgebiet in NLW, dem teuelsten Welbe-Landstlich del
Welt, ehllich; auch als nächstel Blundespläsident."
Es
gibt auch nur noch eine Steigerung, um eine Stelle in Deutschland zu
finden, für die die folgende Assoziation zutrifft: Ruhrpott,
vermieft, kleinbürgerlich, proletenhaft-spießig, Schmelztiegel der
Temperamente, Sprechweisen und Ethnien. Name des absoluten, aber
nicht bergbaumäßig tiefsten Punktes im Ruhrpott ist Castrop-Rauxel
oder Oer (nicht: Ör!)-Erkenschwick. Doch darüber zu reflektieren,
sei Aufgabe anderer, befand ein kriminalitisch kundiger Deutschlehrer
].
Und
die Realität? gibt es da nicht aus etwas, was real passiert und in
Berichten oder Reportagen aufgezeichnet wird?
Derweil
schmückt sich Recklinghausen mit dem weisen gewordenen Hansjürgen
Heyme (vom Europäischen
Festival
statt den dröge, kumpelhaft und verschwitzt klingenden
Ruhrfestspielen),
mit einem Bürgermeister, der vermitteln wollte zwischen einer
Gesamtschule (irrigerweise nach dem Pazifisten
Wolfgang Borchert
nachbenannt) und einem Marie-Curie-Gymnasium, deren Schüler sich
schlachtenmäßig aufgerüstet prügeln wollten.
Im
Ausländeramt bei der Kreisverwaltung wird eine
Panzerglassicherheitsscheibe eingezogen, und die Petenten, die Asyl
Suchenden aus allen Regionen der Welt, müssen über ein Telefon ihre
Bitten an die in securitate residierend lauschenden Sachbearbeitern
in ihren Pupsersesseln richten.
Und
was sonst? Hier, wo die Polizei Wunder vollbringt: Einen sensiblen
Jungen bringen sie einmal durch zielgerichtete Wangentätschelei
dazu, sich als Messer stechenden Rathausparkmörder zu outen; als
Kindermörder haben sie ein andermal einen dekorativen,
stadtteilnahen Alkoholkranken ausgesucht, den der Richter wieder
laufen lassen muß.
Und
sonst alles Provinz, die noch auf ein Drehbuch von Loriot wartet?
Es
gibt dort, zum gefälligen Exempel buchstabiert, bundesweit bekannte
Personenpersönlichkeiten: ihrer dreie seien hier verzeichnet:
Z.B.
den bundesweit notorisch tätigen Entertainer hape (aus dem Hause
Kerkeling), der so ungeniert wie bedenkenlos Menschen anzusprechen
und zu unterhalten vorgibt, so hautnah, kunterbunt, distanzlos und
sprachverwirrt angeht, wie man es als klassisches Symptom für das
auffällige Verhalten eines sexuell mißbrauchten Kindes in den
Begriffen der spezifischen Fachliteratur klassizifiert findet. (Aber
vielleicht ist hapes
pubertäre Technik des alles-ist-fun
die perfekteste Satire: sie entlarvt den Komiker als Blödmann
selber.)
Und
da ist noch ein junger Mensch schon in die Stadtchronik eingegangen,
der in internationalen Sportwettbewerben schon etliches Metall, ich
glaube einmal Silber und einmal Bronze, gewonnen hat, ein Sportler
des Jahres, Busenmeier, Bunsenmeier oder Busemann oder so ähnlich.
Und
noch eine imposante Kulturnovität: Ein Muskelmann zog von einem
städtischen Hallenbad im Ortsteil Süd aus weit fort ins ferne,
filmisch vorbildlich und festlich illuminierte Hollywood zu erobern;
nun kam er in Gestalt eines tapfer und lachend dreinschlagenden
Barbaren (Conan oder so) in die heimischen Wohnzimmer zurück, als
ein muskulär gedopter Fantasy-Held: Möller sein brav germanischer
Name. Aber den Drehbuchautoren und Muskelbildern sei Dank / Schnitt
ins Muskel- und Honorarfleisch / die Serie wurde vom ZDF abgesetzt
wegen zu intelligenter Fantasy-Diktion.
Nächstens,
bei medialen, theatralischen oder prozessualen Peinlichkeiten, mehr
aus diesem Holly-Florida des Ruhrpotts, versprochen! Das Klima ist
ein angeheiztes und der TV-Onkel Hoppenstedt steht allezeit bereit:
Was ist mit die Recklinghäuser?
Das
kulturell Neueste aus heurigen Mai? Der Stadtdirektor entriß dem
versponnenen Speicher einer alten Lady eine Bretterlade für 70.000
DM: angeblich das Sterbebett der Droste: Was Kultur ist, bestimmt der
Sponsor, hier die Strombarone von der VEW. Die Schüler, die
ergriffen und ehrwürdig durchs Rüschhaus bei Münster geschleust
werden, wird's freuen: Leg
dich mal rein, ins teuer gemachte Nest! Was? Größer als 1,41 m war
die Droste nicht? So'n Kalten!
In
Grundschulen (Schüler in Tarnanzügen und, vorerst, mit
Soft-Air-Pistolen) und Gesamtschulen (Schulschlacht, wenn die Lehrer
um halb zwei weg sind), in dem neuen Riesen-Gewächsterrarium des
Festspielhauses (Strindberg, Stindberg über alles, jedenfalls über
jeden deutschen Gegewartsautor) und in dem erprobt
ereignisgesättigten Stadtteil Süd ("Britta" - das
traurigste Mädchen Deutschlands, so weiß es BILD, wohnt dort) wird
manch Erklecklich- und Erfreuliches inszeniert werden, was die
Scheinwerfer der Studios und das Licht der fernsehgeilen
Öffentlichtkeit nicht zu scheuen brauchen wird: die neueste
Flachbildschirmtechnik, mit, wenn möglich, drei Millionen
Lichtpunkten - ich traue ihr alles zu, ja, mehr, als ich
wi(e)dergeben konnte.
*
RECKLINGHAUSEN
- ein Ort in der deutschen Literatur
1.
Beispiel für den literarischen Topos Recklinghausen:
Loriots
satirische Figur des "Wählerbefragers"
In
einem Fernsehstudio tritt ein Wähler auf, der die Chance erhält,
Politiker zu befragen, statt dessen aber sich und seinen sozialen und
kulturellen Hintergrund zur Schau stellt: Nach vielen unsinnigen
Fragen soll ihm das Wort entzogen werden durch eine Absage; schnell
noch bringt er sich ein: "Ich grüße auch meine Schwester und
meinen Schwager aus Recklinghausen." So können wir es für
immer bei Loriot nachschlagen: In Vico von Bülows buchmäßigen
Meisterwerk, den "Dramatischen Werken", Ausgabe des
Diogenes-Verlages, Zürich 1972; auf Seite 182-185 finden Sie Loriot:
Der Wähler fragt.
In
diesem Sketch, in jedem Wahljahr wie auch 1994 noch aktuell, befragt
ein Wähler die Parteiprominenz und erreicht durch dümmlichste
Fragen nicht nur seine eigene Bloßstellung, sondern die der
Parteigrößen, des Mediums überhaupt.
Diese
Antinomie von familiärer Nähe und medialer Öffentlichkeit, diese
Dummheit und Diskrepanz von alltäglicher Gewohnheit und einer
einmaligen Funktion und Wirkung charakterisiert viel Typen von
Loriot. Für seinen Bundesbürger, der Politikern fragn zu Wahl
stellt, wählte er den Kleingeist aus der Provinz, der sich nach
Recklinghausen vergreift, um seine sozialen Beziehungen aufzuzeigen.
Aber er ist natürlich nicht ein Schwager bzw. Bruder in diesem
Augenblick in dem Medium, das für so viele Menschen in der modernen
Welt Erfüllung und Befriedigung geworden ist für das von der
Technik veränderte Wahrnehmungsempfinden, das die Farb- und
Lichtpunkte in rasanter Geschwindigkeit erleben und viel
Ersatzwirklichkeiten vortäuscht. Die damit verbundene Pluralisierung
und Proletarisierung der Kultur, die Idiotie der Politik für, durch
und in Medien, die Dreistigkeit der Selbstüberschätzung - Loriot
bedient sich dieses Stoffes, auch gerade in den Medien Rundfunk und
TV, um die Vergötzung der Wahrnehmungsgeschwindigkeit für die
Konsumenten in reziproker Abhängigkeit von rationaler Vernünftigkeit
zu zeigen. Loriots Satire als eine Form von Bildstörung der
individuell ausbeuterischen, aber sozial akzeptierten und
wirtschaftlich überaus erfolgreichen Medien.
In
dieser Wahlkampf-Satire, einem verluderten Possenspiel von
anarchistischem Charme, in dem auch die Schein-Fragekultur und die
Dummheit der Politiker in talk-Runden entlarvt werden, finden wir
auch noch im Super-Wahljahr 94 ähnliche Blödigkeiten; das Fernsehen
könnte den Spott heute genau so laufen lassen; selbst das Uralte der
Verkleidung, des Outfits des Studios und der Personen, steigert das
tölpelhafte Spießbürgerliche der und des Karikierten.
Aber
ich habe bisher den treudeutschen, doofen, nicht unmutigen,
distanzlos ungenierten Werrn Wilhelm Hoppenstedt nicht ausreden
lassen. Im weiteren Text verschieben sich die provinziellen Pointen
nur in Details, nicht in der Substanz. Sexistisch fragt er weiter wie
am Stammtisch: "Und die Mädels... was is mit die Mädels?"
Und
in die Herkunftsregion (oder das Gebiet verwandtschaftlicher und
geistiger Nähe ruft er noch): "Ich grüße... meine Nichte
Susi, Hilde und Ingeborg, meinen Cousin in Hannover und Tante Erika
in der DDR. Wir wünschen uns die Melodie 'Alte Kameraden'!"
(Die
so wehmütig liebevoll apostrophierte DDR gab es - 1981 wurde der
Sketch inszeniert, bzw. als Text gedruckt - keine zehn Jahre später
nicht mehr; das nur exemplarisch gemeinte Recklinghausen gibt es in
seiner lokalen und historischen Verfaßtheit noch heute, und
einstweilen noch lange. Auch hieran zeigt sich, Kritik oder
Denunziation, Satire oder Realität: Sie lassen sich nicht aus der
Perspektive von Betroffenen markieren, es bedarf des Abstandes, der
Entwicklung von Unterschieden, um ihre Berechtigung - zu widerlegen!)
Schluß
der Farce: Die Moderatorin (und auch mit ihr der verschreckte
Recklinghäuser) "winken entsetzt ab": Doch, wie platt, wie
proletarisch! Und, als Beispiel, der Marler könnte über den
Recklinghäuser lachen - da oder wenn er verdrängt hätte, daß er
genauso gemeint war: der auf die Schenkel klopft und über andere
lacht, statt nach dem Lachen zu suchen, das im eigenen Hals stecken
geblieben ist.
Was
darf Satire? Sie darf (nicht nur nach Kurt Tucholsky) alles:
erschrecken, überzeichnen; ja, sie zeichnet das Negative aus, will
sie ihrer Intention gerecht werden: Sie
zielt ex negativo auf das Menschliche - die Wirklichkeit, die
positive Aussage, sie muß hergestellt werden im Kopf des Lesers oder
Zuschauers, sie
will die Realität verändern. Sie ist die Textsorte, die die einen
zum Lachen bringt und die anderen zum Grummeln, und die dritten,
häufig humorlose, rachsüchtige Politiker, etwa im Stil der Amigos,
zu Wut und Gegenmaßnahmen. Im nächsten Spott/Spot ist es umgekehrt:
Die einen werden in die Starrheit der Empörung, der fast tödlichen
Beleidigung getrieben, den anderen treibt es die Tränen der
Schadenfreude in die Augen.
2.
für den literarischen Topos Recklinghausen:
Eine
Story, die sich in der Hauptpost in Recklinghausen abspielt: Theodor
Weißenborn: Eine unbefleckte Empfängnis
Diese
Kurzgeschichte ist vielfach gedruckt worden. Hier wird sie zitiert
nach dem Erzähl-Sammelband von Weißenborn nit dem gleichen Titel,
1969 erschienen im Diogenes-Verlag in Zürich.
"Geoffenbart
am 18. Juli 1965, mittags, 12 Uhr, auf dem Hauptpostamt
Recklinghausen, Schalterhalle, vorn, Fernsprechaltar."
So
ist die leitmotivische Orts- und Geistesangabe in Th. Weißenborns
Erzählung "Eine unbefleckte Empfängnis" beschrieben.
An
diesen Ort der Teilnahme, Öffentlichkeit der technischen
Kommunikation vollzieht sich der letzte Akt eines Dramas eines
Mädchens, das man mit dem Etikett "irre", oder
psychiatrisch formuliert: "neurotisch-schizoid" oder
"psychotisch" (als Nervenarzt ist man da variabel).
Heinrich
Böll nahm Stellung zur Story, als sie einen exemplarischen
Meinungsstreit über das Noch-Erlaubte, über das Häßliche und
Kranke, über Sinn und Wahnsinn in der Literatur auslöste:
"Ich
finde die Geschichte gut, finde Ort, Personen und Handlung genau
richtig plaziert und im übrigen einen tiefen religiösen Sinn in
dieser Leidensgeschichte einer Magd!"
Über
die vordergründige Provokation hinaus stellt dieser Fall einer
religiösen Neurose ein Hilfsappell dar. Gäbe es heute noch
jesuanaische Menschen, Th. W. wäre der letzte, der nicht auch diesen
Heiler, den Erlöser, den Angerufenen (wie sie in Jesu
Sendungsauftrag benannt und ausgestattet werden: Missionare der
Seele) einbezogen hätte in seine Geschichte.
"...Fürchte
dich nicht!"
Wer
sich, ob realiter oder imgainiert, d.h. auch eingebildet, ständig
beobachtet und kontrolliert fühlt, für ewig, solange das Leen
währt, überwacht und vorherbestimmt fühlt, entwickelt Obsessionen,
kann nicht mehr unterscheiden zwischen Realität und Gefühlen,
Äußerem und Inneren. Es hat "den Heiland auf den Lippen, den
bösen Feind im Herzen".
Ein
Kritiker schrieb über die religiösen und psychiatrischen
Fallbeispiele des Autors:
"Einige
dieser Texte beschäftigen sich mit Menschen, deren Wahnvorstellungen
auf sexuelle und religiöse Konflikte zurückgehen. Der Stoff zu
dieser Prosa des Abnormen ist nicht der vermeintlich schmutzigen
Phantasie des Autors entsprungen, denn Weißenborn hörte ... an der
Universität Köln Psychiatrie und Medizinische Psychologie."
"Er
selbst ist in streng katholischer Umgebung groß geworden und kennt
darum die Sorgen und Nöte der römisch-katholischen Christen aus
eigener Erfahrung. Der sprachlich heilkundige Weißenborn ist nicht
traurig darüber, selbt der geistigen Unterordnung unter die vom
Papst ausgehende Hierarchie entronnen zu sein. Und kaum einen wird es
verwundern, daß er angesichts seiner Erkenntnisse seine Kinder der
Welt des Weihwassers und der Rosenkränze entzogen hat."
"Er
maßt sich mitunter an, bestehende Machtverhältnisse in Zweifel zu
ziehen, und er fordert zu deren Veränderung auf."
Ein
bloße Nennung von Örtlichkeit ist nie Anlaß und Ziel eines
poetischen (ob erzählerischen oder satirischen) Vorgangs - den Kern
von Verletzungen (ob Arroganz oder Machtanspruch oder der bloßen
Dummheit) - zufällig in der betroffenen Örtlichkeit Wohnende müssen
sich der Kritik a posteriori stellen, ansonsten könnte der Nachweis
ihrer Berechtigung a priori schon gegeben sein.
Die
letzte Veröffentlichung, die diese Geschichte enthält, hat den
Titel "Opfer einer Verschwörung"; sie ist enthalten in
seiner Sammlung von Erzählungen für Religionsunterricht und
Jugendgruppen.
In
einer religionspädagogischen Einführung formuliert Friedrich Munzel
folgendes:
"Ein
junger Mensch, allein gelassen, unverstanden, der aufwachsen muß mit
diffusen Vorstellungen über Sexualität und Religion, die eine
groteske Vermischung beider Bereiche zur Folgen haben - er kann nur
Schaden nehmen.
W.
erhebt hier Anklage gegen das Verhalten einer Gesellschaft, wie es
sich in Vaariaationen immer wiederholt. Das Mädchen wird in seiner
Naivität ausgenutzt, entehrt, entwürdigt; es ist dem Zugriff
'Erfahrener' preisgegeben."
(In:
Th.W.: Der Kaiser hat einen Vogel. Erzählungen für
Religionsunterricht und Jugendgruppe. Pfeiffer-Verlag: München
1992.)
In
einer ganz eigenen Art des Feuilletons schreibt ein Autor Essays und
Reiseberichte, lange bevor er durch Romane zur österreichischen
Geschichte weltberühmt wurde und, wie hunderte andere auch,
Deutschland verlassen mußte, weil seine humanistische Auffassung von
Menschlichkeit, Frieden und Freiheit nicht akzeptabel waren für ein
Regime, in dem (wie heutigentags wiederum) Großmäuler, Verbrecher
und Neurotiker das Deutscheste vom Deutschen für absolut setzen -
und sich so benehmen möchten, wie sie es als Gewalttäter gelernt
haben: durch Mißhandlung.
2.Teil
der Reihe als Fortsetzung:
3.
Beispiel:
Josef
Roth schrieb im Jahre 1926 als Korrespondent für die "Frankfurter
Zeitung" eine Reihe von Essays, die sich mit der Situation im
Ruhrgebiet beschäftigten.
Die
schönsten: "Trübsal einer Staßenbahn im Ruhrgebiet" (vom
9.3.1926) und "Der Rauch verbindet Städte" (vom
18.3.1926). Literarhistorisch bieten sie eigenartig stimmige
Facetten, die in ihnen aufgezeichnete Landschaft ist heute
Industriegeschichte, sie ist überholt - weil diese (in der
Ruhrgebietsgeschichte) seltene Reportagen ein prinzipielles Moment
von Literatur darstellen, das nie gefährdet werden darf, sich die
Themen und die Personen nach den Erkenntnisprinzipien von
individueller Freiheit und sozialer Notwendigkeit auszusuchen - auf
daß die Welt und die Menschen in ihr ein Stückchen schöner,
attraktiver und friedlicher werden können.
Sicherlich:
Recklinghausen als Topos einer modernen Industriestadt, die in der
Nach-Eisen-und-Kohlen-Zeit sich strukturell wandeln muß, ist
auswechselbar. Die hier aufgezeigten Nennungen in der
Gegenwartsliteratur liegen auch schon zurück.
-
Texte der Reportagen liegen bei; eine
sollte wenigstens abgedruckt werden, um dem Vergessen vorzubeugen und
den literarischen Kanon (für Schule oder Privatlektüre) anzuregen!
-
Ankündigung:
Weitere Ausätze zum Topos Recklinghausen sind als Fortsetzungen
geplant
3.
Teil der Reihe:
4.
Beispiel:
Recklinghausen
als Städtchen, dann Stadt der Püttrologen, die erwachende
Industriestadt zwischen Kanal und lippe:
Am
19.11.1896 ereignete sich auf der Recklinghäuser Zeche "General
Blumentahl" eine schwere Schlagwetterexplosion, die 26
Todesopfer forderte.
Heinrich
Kämpchen, ein heute fast unbekannter Bergmann, Gewerkschaftler und
Dichter, hat diese Katastrophe in einem wichtigen, künstlerisch
wirkungsvollen Gedicht fetgehalten:
Er
nannte es schlicht "Blumentahl", für jeden, der es am
28.11.1896 oder später in der "Bergarbeiterzeitung" las,
war das Stichwort ein Synonym für die Katastrophe.
Weitere
Literatur, die den Kontext, den Lebenszusammenhang mit dem schwarzen
Gold, das so furchtbar und nachhaltig in das Leben der früher
westfälischen Menschen und der zugezogenen Arbeiter, hauptsächlich
aus dem Osten Deutschland, bzw. dem damaligen Königreich Polen.
Heinrich
Schirmbecks Erzählung "
Heinrich
Schirmbeck
5.
Serie
Der
Ort Recklinghausen in Kriminalromanen von Reinhard Junge und Leo P.
Ard (Pseudonym für Jürgen Pomorin):
(Einleitung
zu diesem Kapitel:)
Ein
gewichtiges Stück der gegenwärtigen Kriminalliteratur findet heute
in mehreren Regionen statt, auch in Ruhrkrimis. Auch hier spielen
Recklinghausen und Umgebung mit Straßen und Gebäuden und
Dienstpersonal eine Rolle in den drei sogenannten
"Roggenkemper"-Krimis von Reinhard Junge und Leo P. Ard
(Pseudonym für Jürgen Pomorin):
"Das
Ekel von Datteln", und die Fortsetzungen Hier zeigte sich, daß
der fiktive Roman auch in die reale, politische Wirklichkeit
reinzuspielen vermag, wenn er es schafft, bei den Lesern und in der
Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu erregen: in diesem Fall den
Machtmißbrauch auf regionaler Ebene aufzuzeigen. Aber es wird
sicherlich noch mehr gereinigtes Wasser die Emscher runterfließen
und die Luft über der Ruhr noch sauberer werden, bis neue
Landschaftspoesie über Industriebrachen und Kumpelsiedlungen sich
entwickeln. Lieb (als Aufgabe) sollte uns dieser Bezirk schon sein,
wenn auch nicht so teuer, wie sich das Ruhrgebiet ausstellt, einer
verschmähten Braut gleich, in deutscher und internationaler
Werbegrafik. Die neue Kampagne "The Ruhr", im Ausland
entfacht, demonstriert und eskaliert, wie man Geld aus der
öffentliche Hand in die privaten Taschen der Werbefrizzis lenkt: aus
dem bis ins ferne China weltbekannten "Welbepaladies des Bludels
Johannes Lau, dem wundelschönen Luhlgebiet in NLW, dem teuelsten
Landstlich del Welt".
Es
gibt auch nur noch eine Steigerung, um eine Stelle in Deutschland zu
finden, für die die folgende Assoziation zutrifft: Ruhrpott,
vermieft, kleinbürgerlich, spießig, Schmelztiegel der Temperamente
und Ethnien. Name des absoluten, aber nicht bergbaumäßig tiefsten
Punktes im Ruhrpott ist Castrop-Rauxel. Doch über den zu
reflektieren, sei Aufgabe anderer.
3.
Teil: Fortgesetzt wird die Serie mit Beiträgen zu Werken von Norbert
Erich Dolezich, Hans Christian Sarrazin, Hape Kerkeling
Bernhard
Doerdelmann:
Aus
seinen Erinnerungen "So war es damals" ist ein wichtiger
Auszug in einem Sammelband erschienen.
Von
gegenwärtigen Autoren, die in Texten Name und Ort Recklinghausen
anklingen lassen, seien noch zwei aufgeführt:
Günter
Kunert:
Nachrichten
aus der Provinz
Die ganz tiefen Zerstörungen reichen bis unter die Oberfläche und bleiben vorerst unsichtbar.
Eingesunken die Orte mancher Begegnung.
Inmitten der Ebenen stufige Brüche
unausgelotet. Hügelig wächst das Gras
aber es sind darunter eben Gräber.
Fassaden stehen noch doch
hinter den Gardinen schon nichts. Und
das Furnier klebt spekulativ
auf abwesendem Holz.
Wahr ist gar nichts mehr:
sobald du die Tür öffnest
befindest du dich nirgendwo. Schlag ein Buch auf
es enthält leere Worte.
Dein bruder ist eine Hülle geworden
und geht so leicht umher
wie bestimmtes Papier....
(Aus:
Unterwegs nach Utopia. S. 12.)
Günter
Kunert:
1974
Ein
Gedicht mit dem Titel
"Neunzehnhundertvierundsiebzig"
wäre
kein langes Gedicht...
und
später im Kalender zwischen Kiel
und
München und Recklinghausen
zwischen
Orten ..."
* *
André
Kaminski: In: Schalom allerseits. Tagebuch einer Deutschlandreise.
Frankfurt/M. zuerst 1987; jetzt als Insel-TB Nr. 1637, 1989.
In
der folgenden Passagen verarbeitet deutsch-polnische, jüdische
Dichter und Journalist André Kaminski (1923 - 1991) Eindrücke einer
Lesereise, die ihn 1986 auch nach Recklinghausen führte: