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Mittwoch, 16. Oktober 2013

V o m K l e e b l a t t




DasWeiß-Klee-Blatt (normaliter) [Author: Frank Vincentz. Per Wikipedia]




Ich weiß nicht, wer diese Geschichte geschrieben hat; mein morgendlicher Traum gebar sie mir:


Das davongeschickte Kleeblatt


Eine arme, alleinstehende Pflanzenmutter hatte ein feinskleins Kleeblättchen, ein Söhnle, ein „chlê“ (ahd.), das religionslike kein großes Licht, aber eine Glülichkeit war; und auch an seiner Gestalt fehlte ihm einiges, strukturmäßig und phyllokratisch Angenehm-zu-Vermerkendes.

Sie – mütterlich-urpflanzenmäßig - hatte nur zwei spillerige Blättchen, die ihrem magern Nackenstengel entsprossen waren. Die Verwandtschaft derer von Gras zu Lauch und Wiesenthalgrund, aber auch die Nachbarskinder und die Schulkameraden im Wiesendorf selbst, einem Flecken mit Bahnhof, Kirche, Telefonhäuschen und Schulfernsehen hänselten den Kleinen oft seiner sichtbaren Unvollständigkeit wegen.

[Hier eine Überfülle Glück: Hunderte Glückskleeblätter!)

Eines Tages kam er schon um zehn Uhr weinend aus der Schule heim und erzählte, der Lehrer habe ihm in seiner Lernzielkontrolle so schwere Fragen gestellt, da habe er wohl keine einzige richtige Antwort geben können. Und auf dem Schulhof hinter dem Fahrradhäuschen hätten die Wohl- und Edelkräuter im Verein mit den Blattläusen ihm aufgelauert, und die Disteln gar hätten das ärmliches Netzhemdchen zerrissen; da ward die Mutter auch traurig, setzte sich zu ihm und schmiegte sich an ihn. Sie versuchte, die Tränen ihres einzigen Kindes zu trocknen, nahm ihn in den Arm uns zitterte gar: "Ach, mein Herzensblättchen! Was machen wir nur! Was wird nur aus uns!"

Aber es nützte nichts; der Sohnemann ließ sich nicht trösten. "Nie, nie gehe ich wieder in diese Schule der Reichen und Stinker, der Edlen und Guten, all diese Gräser und Kräuter sind gehässig und stinkig! Sie wollen mich immer in die Ecke drängen und beleidigen."
Und er weinte so jämmerlich, daß die Mutter erschrak und keinen Rat mehr wußte.
Als sie aber beide Hunger hatten und während die Mutter die Kartoffelschalensuppe umrührte, kam ihr eine Idee und da sagte sie zu ihrem Söhnchen: "Paß gut auf, auch du kannst andere reinlegen. Da werden sie staunen und dich nicht mehr Dummköpfchen und Leder- & Luderjenny schimpfen! Geh mal zu dem reichen Rebenstock Gerhard Primstiel, der will sich am Sonntag zum Wald und Wiesen-Fürsten unserer Reichswald-Provinz wählen lassen. Und vor dem Wahltag hält er eine Super-Super-Game-Show im TV-Gloriabromboria ab und behauptet, alle Fragen beantworten zu können, und sag ihm: 'Ratet mal, was ich bin?' Und laß ihn raten, was immer er will, auch wenn es beleidigend ist oder weh tut oder vollkommen unsinnig, auch wenn es noch cool und oberschlau ist; du weißt, sie nennen so etwas Bildung und Kultur. Sag immer, egal was der Politiker antwortet: 'Das bin ich nicht!' Zum Schluß aber, wenn er nicht mehr weiter weiß, sag ihm: .... -" und sie flüsterte ihm was ins Ohr, so daß er nur noch einmal aufschluchzte, sich reckte und streckte und die Tränchen abwischen ließ, und er tapfer zum Löffelchen griff und sich die schale Suppe ließ und wieder froh in die Welt blickte. Und die Mutter sprach ihm zu und sagte: "Vergiß es nicht! Dann werden sie sagen, wie schlau du bist und dich fortan gut behandeln."
Der Junge ging sofort nach dem Mittagessen los, machte sich auf in die große Stadt und ließ sich nicht von Wegelagerern und von Polizisten und auch nicht von der Sekretärinnen im Großen Haus des Deutschen Fernsehens einschüchtern, so daß er schließlich abends kurz vor 18 Uhr vor einen der Herren Unterredakteur gelassen wurde.

Unser kleiner Kerl bot dem Herrscher der Unterhaltung eine Wette an, in die der Große TV-Star im Bewußtsein seiner Macht und seiner Bildung gerne und nach den Ratschlägen seiner Medien-Designer einschlug.
Da ließ das Kleeblatt ihn raten: "Was bin ich?"
"Du bist nur ein Kleeblatt! Ein Strunz! Ein armkleines Kraut du! Ein Mädchen! Ein Schwächling! Ein - " Nichts entrann mehr dem zornigen Mund.

Das Kind konnte, wie die Mutter es ihr vorausgesagt hatte, bei allen Antworten, die der Politgewaltige herausposaunte, sagen: "Nein, das bin ich nicht!"
"Ein Dummkopf? Ein Hänfling? Ein Irgendetwas?"
"Nein, nein, auch kein Irgendetwas! Aber jetzt haben Sie nur noch eine Antwort, mein Herr!"
"Bist du eine Geisterpflanze? Haha! Ein Wiesenpolterkrebs? -Nein? Ein Bitter-Äonenwildwüchslein...? Nein...? Ein Narrenfidi-Büschchen"
Schließlich, als dem residierenden Provinzchef keine neuen Gedanken kamen und er unwillig wurde und schon zum Chauffeur schicken ließ, um vor der ersten Wahlhochrechnung in die Landesvertretung am Godesberger Ring 45 zu fahren, um sich von seinem Meisterkoch verwöhnen zu lassen, sagte das Kleeblatt: "Ich bin hungrig!"

Da, als er es kapiert hatte, nach etwa zehn Sekunden schon, brüllte der Groß-Herr aber auf, er schrie wie zuletzt auf dem Festival von Verona, wo das Zölibat für Polterbischöfe, Kanzel-Großschreier und Vielweiberpriester eingeführt worden war: "Schiebung!" und ließ den Winzling rauswerfen: "Das hat dir deine Mutter, das dumme Gras, eingeredet! Verschwinde, bevor ich meine privatherrschaftlichen Dummschafe loslasse - und dich auffressen! Und die haben Hunger nach ihrer fünfundzwanzigsten Kur, der sogenannten Spargel-Diät, gesponsert von Glücksklee!"
Die Mutter aber, die hinter einer Kulisse stand und sich nicht sicher gewesen war, wie die Situation ausgehen würde, nahm ihr Kind auf den Arm und sprach zornerfüllt einen Satz in eine Kamera, die daraufhin aber schnell abgeschaltet wurde, weil der Großmeister der Regie mit dem Daumen nach unten zeigte. Und ein Redakteur von der MAZ war noch nicht so besoffen, daß er es nicht richtig gedeutet hätte.

*

Ton- und Bildstööööörung. Wir bitten um Entzeihung, äh, vielmals um Entschuldigung, auch für meinen Vorsprächer [das kommt doch von ‚Sprache’?], äh Ver-sprocher, äh - (und das Bild wird dunkel.)

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