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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Quentchen oder Quäntchen



Ein Rückchen/ein Stückchen von meinem Quantum als Germanist und Sprachwissenschaftler


Quintchen, Quentchen, Quäntchen < Quantum oder Quent! Hier eine sinnvolle Sammlung von Synonymen. - Wie kann oder darf man diesen Winzling, den jeder leicht versteht, schreiben?


Ich begebe mich auf die Suche: Sieben Treffer in der fast unerschöpflichen Sammlung deutschen Literatur-, na sag ich’s genauer: Schriftguts, dem Gutenberg-Projekt:


Kuriose Treffer, yeah: Wieland hat so geschrieben, in seiner Übersetzung der Shakespeare-Dramen.

Und der Novalis etwas ernster, hier im „Lied beim Punsch“:


Leicht falle dein Pantoffel
Bald, Söffchen, auf den Mann,
Der in des Lebens Lotto
Dies Quintchen sich gewann.
Einst geht noch unsre Danscour
Als Sansjüpon in Klub.
Und Hannchens Kränzchen hole
Baldmöglichst Belzebub.“

Kaum verständlich, was hier ausgedrückt ist, wer angeredet wird, wer sein „Söffchen“ ist:

Und hier ein praktischeres Beispielchen:

Johann Christian Günther im „Abendlied“:

„Doch weil ein Quintchen Vaterhuld
Viel tausend Zentner meiner Schuld
Durch dein Erbarmen überwieget,
So gib Gnade vor das Recht
Und zürne nicht auf deinen Knecht,
Der sich an deinen Füßen schmieget.“
Vollständig hier ablesbar.


Vom „Quentchen finden sich sofortest 150 Beispiele:
http://gutenberg.spiegel.de/suche?q=Quentchen

Ich nehme mir bei Tucholsky am „Quentchen“ ein Beispiel:

„Die Grausamkeit schlug ihre Augen auf – sie hat schon so viele Namen gehabt, in jedem Jahrhundert einen andern. Sie atmeten hastig, der wildeste Strom war aus ihnen heraus, nun ergoß sich der Rest in lauten, lärmenden Gesprächen, in Zurufen und in Zeichen, die sie über die Köpfe hinweg einander gaben, die Daumen nach unten gesenkt; tausend Stimmen, sprechende und rufende, ertönten, und nur hier und da stieg aus der Arena ein Schrei auf wie ein Signalpfiff des Schmerzes. Hier floß ab, was an verbrecherischer Lust in den Menschen war – nun würden sie so bald keinen mehr ermorden; die Tiere hatten es für sie getan. Nachher gingen sie in die Tempel, um zu beten. Nein: um zu bitten. Unten betraten die ersten Wärter den Sand und machten sich mit heißen Eisen an die Körper, die da lagen – waren sie auch wirklich tot? Hatten sie die Massen auch nicht um ein Quentchen Schmerz betrogen? In einer Ecke kämpfte einer um seine verzuckenden Minuten, die Tiere verschwanden fauchend und aufgeregt-satt durch die kleinen Gittertüren, der Sand wurde gefegt, und oben, in den höchsten Rängen, verbrodelte die letzte Lust, die das Leben am Leiden gefunden hatte. »Was hast du?« fragte die Prinzessin. »Nichts«, sagte ich. (…)“ Entnommen aus (na? Wissen Sie’s): „Schloß Gripsholm“ (1931)

Deuten Sie mal die „Tier“-Metapher in der biologisch-animalischen, dann in der mythologischen und, ach,, in der religiösen Dimension…?

*
Vom Maß des Wissens. Zum „Quäntchen“ gibt es 743 Belege:



Vom Quentchen zur „Genade“:
Börris von Münchhausen:

1. Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm,
Der Regen durchrauschte die Straßen.
|: Und durch die Glocken und durch den Sturm,
Gellte des Urhorns blasen. :|
2. Das Büffelhorn, das so lang geruht,
Veit Stoßperg nahm's aus der Lade.
|: Das alte Horn, es brüllte nach Blut
Und wimmerte: "Gott genade!" :|

Hier, im Wiktionary, wird es klar ausgesprochen, was Duden aber nicht leugnet:
„Vor der Rechtschreibreform hieß es Quentchen und stammt vom „Quentlein“ (17. Jahrhundert), „Quintel“ (16. Jahrhundert), „quintlīn“ (15. Jahrhundert) ab. Es handelt sich um ein Diminutiv von Quent, welches sich sich [sic!] vom mittellateinischen quentinus → la „fünfter Teil, Fünftel“ ableitet[sic! Ohne Punkt]
Die neue Rechtschreibung legt Quäntchen in dieser Schreibweise fest und legt damit fälschlicherweise nahe, dass es von Quantum abstammt.“

Im Duden, in der 26. Aufl. 2013, S. 865, wird auch „Quentchen“ genannt, als „alte Schreibung für Quäntchen“.


Andreas Gryphius : Quantum est quod nescimus! (Sonett XVIII)


Und so klingt es zur ZEIT durch Deutschlands Medien. Wenn die Wortspiele von Quandt zu Quäntchen fließend sich ergeben:

"Ein Quäntchen Spendenspott"


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