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Montag, 14. Oktober 2013

Unser C h a r l o t t c h en






Bildautor: Wolf M e u s e l






Stephan Drissen-Reyntjes


Unser Charlottchen

- Story 14 -


Lass' mich von einem Stück Erde erzählen, das in den dichten hohen Wäldern des Nordens einer Großstadt liegt, das selbst Wald war, als ich es zuerst betrat, und sich jetzt in einen jungen, lebendigen Garten verwandelt hat.
Garten und Wald legen sich eng um ein kleines gelb-niddenblau gestrichenes Haus; darin wohnen zwei Freunde und ihre Familien.

Berichtet hat mir von diesen Vorgängen eine freundliche, betagte Frau und Mutter, die ich nicht lieblos „ältere Dame“ nennen mag; sondern ihr – auch mit dieser Erzählung - zurufen mag: „Erzählen Sie noch mehr von diesen Erlebnissen, von vor und in Ihrer Schulzeit, Frau Lottchen Jaswig! Ich höre Ihnen gerne zu; und, wenn Sie wollen, kann ich alle Ihre Geschichten aufschreiben; die Personen Ihrer Erzählungen sind lebendig; ihre Farben bunt und leuchtend, ihr Leben eigenartig schön. - Ja, danke, den Tee nehme ich gerne. - Ich werde Ihnen auch noch zuhören, wenn Sie nur noch ganz leise und wie ein wenig endgültig sprechen und wir wohl beide wissen, das Ende des Weges ist erreicht; und du, liebe Charlotte, musst für die letzte Reise aufbrechen.“

Ja, ich sage es jedem, der lesen oder zuhören mag: Sie – Lotte oder Lottchen - Sie haben mir nicht aufgetragen, die Geschichte aus den Augenwinkeln eines freundlichen, in der Blüte seines Lebens und seines Berufes stehenden Mannes Friedrich Loermann zu berichten, der für Sie Onkel Jan oder Jan-Friedrich hieß – aber ihn lasse ich hier erzählen.
Und hoffe, dass ich mein eigenen Gefühle und Wünsche und Urteile hier zurückzustellen vermag.

„Ja!“, sagte Frau Jaswig mir, „ja, okay, für meinen Oheim, der so früh verstarb. Und ich werde dem Oheim Jan diese Erzählung noch selber aufs Grab tragen und dem Frieder ein Gebet - Ja, ich werde alles unter seiner Graberde verstecken.“
„Wie das…?
„Je, nu, in einer Flasche. Oder so gut wie für immer in Ölpapier und Plastiksäckchen verpackt. Wie heißt das wasserdichte Zeug...? Das weißt du mir doch! Und dann das Paket ihm in die Erde geben. – Hilfst du mir? – Mal abends, wenn’s eingedunkelt ist auf dem Friedhof? - Und, der Oheim erzählt selber? Damit zu nicht so schwatzt..!"

*

Der Südhimmel unseres Talkessels empfängt nachts den letzten Feuerschein der Großstadt, wir treiben die Arbeit der geliebten Großwelt weiter nach ihrem rauen Willen und Gesetz. Wir sind nicht aus der Welt der Mühsal und Verantwortung in eine Hinterwelt des romantischen Traums geflüchtet, wir wissen, die gleiche unteilbare Natur schaltet drüben mit ihren Elementen, Elektronen, Salzen, Gasen, elektrischen Zeichen, Medien, wie hüben, aber wir merken hüben auf die besonderen Formen und Wesen, zu den sie hier erwächst – auf die Riesen und Zwerge: Bäume und Gräser mit ihrem Getier. Zeichen und Sprachen unzähliger Leben umdrängen uns, und wenn wir auf den auf den Hochmut verzichten, sie menschlich zu deuten, so vermehren sie ihre Vernehmlichkeit. Sie stehen im Schicksal, das im Schnee, Regen, Wind oder Licht auf sie fällt, dass keinen Anfang und Abschluss hat, dem sie sich hingeben mit voller Lust und ganzer Angst, ohne zu geizen und zu verschwenden.
Wir Menschen dagegen verschwenden gern das, was wir Seele nennen, aber noch öfter geizen wir damit.

An der Grenze unseres Fleckes Erde krümmt sich ein Wanderweg durch den Wald, den sich Arbeiter, Schulkinder, Kirchgänger, Ausflügler als abkürzende Querverbindung zweier rechtwinklig aufeinander stoßender Straßen gebahnt haben. Die vielen Füße haben Kräuter, Blaubeerstauden, Farne einfach niedergetreten, und der Pfad war fertig. Unter den vorüberkommenden Zeitsparern, Gewohnheitsrechtlern und Naturneugierigen fiel uns schon im vorigen Sommer, wenn wir unseren noch gerüstmäßig verkleideten Neubau besuchten, ein langer, älterer Mann in grünem Anzug und grauem Mantel mit Pelzkragen auf. Immer führte er ein ungefähr fünfjähriges Mädchen an der Hand, es möchte seine Enkelin sein. Zwischen den Kiefern tauchten sie auf, näherten sich - zwei Schritte des Kindes immer auf genau einen des Mannes -, zwischen den Kiefern verschwanden sie, nichts weiter. Das sagte ich einmal nach beobachtsamem Schweigen: „Wie geizige Bewegungen er macht!“ Meine Hausgenossen stimmten mir sofort zu.
Unsere Vorstellungen hatten ihn längst als Groß-Manneken, als Egoisten, als sauren Knauser, entlarvt. Wir wussten, andere Fußgänger kürzten über den Querpfad ihren Weg, dieser jedoch sparte nur Weg, freudlos und unnütz. Schob er die Enkelin durch den Wald, so begleitete er sie dennoch nicht, und sie begleitete nicht ihn. Er gewährte ihr Spaziergänge, die er sich zu versagen schien. Vielleicht tat er eine Pflicht an ihr. Gewiss war er nicht arm genug an Zeit, um ihr Zeit schuldig zu bleiben: Die Herzensbelastung durch das Gefühl einer Nachlässigkeit war unvermeidlich. Er billigte also der Kleinen die frische Luft zu, damit sie nicht später seinem Gedenken Vorwürfe machen könnte, Unehre, Unrast.

Das Mädchen hing an seinem Arm wie an einer Kette. Zerrte es daran, so gab er sogleich nach, aber nur so viel und so lange, wie unbedingt nötig war, um nicht von seiner inneren Stimme ungültig und unverständig gescholten zu werden. Federten Eichhörnchen im Geäst oder huschte gar eine Ratte einem Hofe zu, so bliebe er alsbald stehen und spendete, um rechtzeitig ein Dutzend Kinderfragen zu ersticken, saure Belehrungen. Er schien der Kleinen sogar willig Kleider und Haarschleifen zu kaufen – Geldausgaben behüten vor Gemütsausgaben.
Beim Lachen verzerrte sich sein sonst von ausdruckslosen Schrumpflinien überknüpftes Gesicht zu einer grässlichen Grimasse, als erschräke er über die unwillkürliche Völlerei in menschlicher Leidenschaft. Er schluckte dann heftig mehrmals, wie jählings ins Wasser geworfen. Zuweilen rief er das Mädchen bei seinem Namen Charlotte, und er unterdrückte die erste Silbe niemals.
Absicht? Die peinliche Form schuf Abstand; Fremde würden seltener zu Zärtlichkeiten an dem Kinder verführt werden. War es das?

Charlotte litt offenbar nicht an der Sprödigkeit und Verkümmerung ihres Großvaters. Ihre kindliche begriffslose Klugheit witterte wohl in diesem heimlich und listig erworbenen selbstgefälligen Eintrockenen Familie und Erziehung.
Sie nannte den Alten nur Jan, sie sprach das Wort nicht bang und nicht frech, sie sprach gleichsam mit übersehender Stimme. Gewiss hieß der Mann gar nicht Jan-Pitter, gewiss war er auch nie Bürodiener gewesen, Jan-Pitter war nur eine Gott-weiß-wie zustandegekommene Gabe. Solche Geschenke nahm der Alte, sie versteckten ein Stück der nackten Wirklichkeit. Schauten beispielsweise wir beim Klange des Namens Jan-Pitter auf ihn, so gafften wir auf ein Phantom.

Das Phantom kam zu uns an dem Tage kurz vor Weihnachten, an dem wir das neue Haus bezogen. Gegen Abend waren die Möbel eingeräumt, die Geschirrkästen, die Koffer und Körbe standen vor den Schränken, die ihren Inhalt aufnehmen sollten. Aber in heilloser Unordnung waren meine dreißig Bücherkisten an falschen Stellen niedergewuchtet worden, obwohl ich sorgfältig mit Buntstiften bezeichnet hatte, was in mein Arbeitszimmer und was nach dem Keller und Boden zu bringen war. Voll steigender Verstimmung begann der Umzug im Umzug. Die Transportarbeiter hatten es eilig, sie mussten die leihweise gelieferten Bücherkisten wieder heimfahren. Zyklopemäßig fleißig und pfuschend überhasteten sie das Auspacken, sie ächzten beim Hinwerfen, Umkippen, Hin- und Herschurren der Kisten und Kartons auf den glatten Fußböden, sie mussten beim Wiedereinpacken und Schleppen der Lasten treppauf, treppab. Über die Böden und Stufen ergoss sich kaskadenhaft das zerknitterte Einwickelpapier, es rauschte um die Beine der sich begegnenden, behutsam einander ausweichenden Männer. Das sah in der Dämmerung aus wie die Vorführung einer Bärendressur, bei der es auf Klimmen, Waten, Stemmen, Balancieren ankam. Ich allein wusste in meinen Büchern bescheid und sollte die acht Bären gleichzeitig lenken. Sie waren in der Übermacht; die Unbeachteten machten immer wieder etwas verkehrt, ihre und meine Geduld ging zu Ende. Als meine schwitzenden Helfer daran waren, meine teilweise sehr mühselig erworbenen Bücher auf einen großen Haufen zu schmettern, rettete die Hausfrau den Frieden. Sie hatte trotz Enge und Wirrwarr umsichtig und unbemerkt eine Mahlzeit für alle vorbereitet, lud auf das heiterste dazu ein, drehte das Licht in allen Räumen an, und plötzlich hatte der Notfleiß Muße zu einer ergiebigen Pause. Gesättigt und getränkt traten wir nachher, Äpfel und Bananen in den Händen, vor die Tür.

Da sahen wir Jan-Pitter am Zaune stehen, wie gewöhnlich Charlotte an der Hand. Sie bewunderten wohl, wie der bis dahin dunkle Bau nun zum ersten Male aus allen Fenstern leuchtete. Jan-Pitter, unser ansichtig, unterdrückte ein Zusammenzucken, zerrte das Mädchen grob weiter und sagte dabei: „Anständig sein!“ Das überraschte Kind stolperte, fiel auf ein Knie und rief, kurz und eigensinnig aufweinend: „Jaaan!“ Dieser ließ die Hand des Mädchens fahren und floh. Ganz langsam zwar schritt er aus, die Augen wie in gestörten Gedanken gesenkt, aber wir merkten, er floh dennoch Hals über Kopf, er ließ seine ärmliche Schuld im Stich. Er sah sich nicht um, denn musste das Kind nicht gleich wieder seine Hand suchen? Tat es das, so war der Zwischenfall so gut wie nicht geschehen, dann war das Tröpfchen Ereignis ins Meer des Nichts gesunken.
Aber die Hausfrau, die ungerechte Behandlung von Kindern nicht erträgt und die überdies glücklich war, dass sie, obschon selbst noch keine Nacht unter dem unbekannten Dach, einen Gast bewirte durfte, hatte mit der einfachen Ermutigung: „Charlotte, komm, mein Kind!“ einen Trost begonnen und mit Äpfeln und Schokolade bereits vollendet.
Nicht lange, so kam Jan-Pitter seine Enkelin suchen. Bleiern gleichmütig fragte er: „Wo bleibst du?“, ohne der Hausfrau guten Abend zu wünschen, geschweige zu danken. Auf Anreden hatte er zuweilen ein höfliches Kopfnicken, sonst nichts. Plötzlich begann er sich an den Lastträgerarbeiten zu beteiligen. Er hatte etwas Bedrückendes abzuwälzen und tat es nun handgreiflich. Auf unsere verblüffte Vorhaltung, es ginge doch nicht, dass ein Mann in seinem Alter, in guter, geschonter Kleidung, im Pelzkragen, so bemühte, antwortete er unter seinem entsetzlichen Lachen: „Es geht schon!“ War es nicht grotesk und furchtbar? Er wog ein paar Gramm Süßigkeiten in Zentnern von Büchern zurück, er löschte eine Regung der Güte durch Anspannung der Muskeln aus. Nur ja nicht unter etwas Unabgeschlossenem leiden, nur! ja nicht eine eingebildete Verpflichtung bis morgen besehen lassen! Nach einer Viertelstunde glaubte er die innere Freiheit teuer genug erkauft zu haben. Er blieb folgerichtig und unwandelbar wie ein Anzug aus Filz, der er war. Er erfand einen Vorwand, die Arbeiten abzubrechen, indem er tat, als hätte er nur auf Charlotte gewartet. „Bist du fertig?“ fragte er. Charlotte spielte mit eben ausgepackten Messinggegenständen, Schalen, Aschenbechern, Zündholzhaltern. Sie hielt gerade eine chinesische Arbeit, einen kleinen Hasen, der zum Ausdrücken qualmender Zigarettenreste diente, in Händen. Jan-Pitter nahm ihr den Messinghasen, legte ihn hin, und die beiden gingen.

Wir haben sie dann eine Zeit lang nur von ferne gesehen. Sie pirschten sich eine Strecke östlich vom Grundstück durch das hohe Gestrüpp. Jan-Pitter wollte ohne Frage eine neue Begegnung meiden und nicht womöglich wieder in Umstände und Beschwernisse des Gefühls geraten. Allmählich wurden die Bogen um unser Haus flacher. Wir ließen den Narren gewähren und beobachteten ihn nicht weiter. Wir hatten unser Tagewerk, und außerdem lebte die gesunde Natur ringsum uns ihre Geschichte vor.
Wochenlang schneite es, und in den weißen Fahnen verborgen, glitt unsichtbar die grüne Gartenzukunft von oben herab. Die schnee- und eisig überharschten Kiefernkronen sahen aus wie ein schwebendes, zerklüftetes Gebirgsland. Dann schüttelte der Tauwind die arktische Vision ab, und unten wurde tief umgegraben.
Nun glichen die scharfzackigen Nadelwipfel einer dunklen ostasiatischen Schrift auf der Seide des Himmels. In klaren Winternächten war hinter dem sechsteiligen Eckfenster meines Arbeitszimmers die Schreibmaschine von Sternen umringt. Die elektrische Uhr auf dem Treppenabsatz summte leise, man ahnte überall das Rinnen von Zeiten, die von ihr nicht gemessen wurden. Einer anderen Zeit als der menschlich empfundenen folgte der Gummibau, der immer nach ungefähr eine Dekade ein neues, blankes Blatt entrollte, eine anderen folgten die Baumsäulen, die vor uns schweigend ihren vierzigsten oder sechzigsten Ring vollendeten, einer anderen der Rasen, der zehn Tage nach der Aussaat des Samens seine rötlichen Spitzen zeigte. Unser Zahlen weissagten so viele, wie der quacksalbernde Wetterprophet aus den Hälften einer zerschnittenen Zwiebel erkennt.

Inzwischen war unser kleiner Dachshund Rückert zu uns gekommen. Als die ersten Gewitter dieses Jahres krachten, war er fünf Monate alt. Sein junges Leben kannte noch keine Blitze, seine kindlichen, pfiffig wohlwollenden Augen verdunkelten sich beim Vorüberfluge der ungeheuren Feuerdämonen, er schmiegte sich warm an, dreht sich langsam und traurig den gerunzelten Kopf fort und verbarg ihn in einer Decke. So wartete er, hingestreckt wie ein schicksalsfrommer Büßer, und bei der Wiederkehr des Gewitters am nächsten Abend hatte er dem unbegreiflich mächtigen Schein standzuhalten gelernt.

Und er war es, der an dem Unwetterabend des 31. Mai Jan-Pitter wieder entdeckte. In den Zeitungen haben alle von dem Orkan gelesen, wie ihn die jetzt ältesten Leute unserer Breiten niemals erlebten. Allein in unserem Orte sind ihm mindestens fünfhundert turmhohe Kiefern und dicke Birken zum Opfer gefallen. Entwurzelt oder in der Mitte abgedreht lagen sie im Grabfeld oder Strombett der verrauschten Sintflut.
Um sechseinhalb Uhr nachmittags stand am südlichen Horizont plötzlich eine hohe, eitergelbe Dunstwand. Sie quoll von innen her schmutzig und schwammig an, verdunkelte sich im Nu zu völliger Schwärze, presste schwüle Erstickung in die Poren alles Lebendigen, überklomm ihre Schwaden mit immer neuen Nebeln, neigte sich über, rollte und kollerte wie Geschwüre platzende Finsternis, wälzte sie voll fiebrig wesenloser Unrast in den Weg ihres meerhaft breiten Anwogens und hatte schon alles verschlungen, was vor Augen lag. Fahle Blitze hackten ohne Aufhören wie geschwinde Messer herunter, als wollten sie ein unter ihnen liegendes Ungetüm töten, das den meckernden Donner ausstieß.
In dem wirbelnden Geisterlicht sahen wir noch, wie der Zyklon mitten in unseren Talkessel sprang. Es war, als würfe er ein Bündel Lassos um die Bäume, als hätte er im gleichen Augenblick jeden einzelnen gefangen und als schnellte er sie alle an den Schlingen wütend um sich herum. Der ganze Wald warf sich nieder wie gekappt, gegen unser Haus zu, und an vielen Stellen richtete er sich nicht mehr auf. Fast der gesamt Boden unseres Gartens war unter den gemähten Wipfeln verschwunden. Vier Kiefern lagen waagerecht, drei weitere schief wie gerichtete Geschützrohre. Dies hatte sich in wenigen Sekunden ereignet. Was dann draußen geschah, geschah im Rabenschwarzen. Denn den donnernd schüttenden Wolkenbruch durchdrangen selbst Blitze nicht. Wir saßen wie in einem verschlossenen, vom flutenden Tosen erfüllten Riesenbottich. In schweigendem Entsetzen forschten wir vom Keller zum Boden nach, ob Fenster oder Türen eingedrückt wären. Plötzlich brach das Wasser in die ebenerdigen Räume und stand schon handhoch. Gefäße klirrten, wir bückten uns und schöpften.

Da hörte ich aus dem Windfang im Hochparterre das Bellen Rückerts und gleich darauf die zornige Stimme der Hausfrau. Unter dem breiten Zementdach der Eingangstreppe hatte Jan-Pitter mit Charlotte gestanden. Unser Unwetter hatte sie unterwegs überfallen. Wollten sie nicht erschlagen oder vom Orkan wer weiß wohin geschleudert werden, so mussten sie das nächste Obdach aufsuchen.
Wir kennen Jan-Pitter, ich brauche nichts mehr zu erklären. Ich berichte nur kurz, was ich gesehen und was ich später erfahren habe. Als der Zyklon geflogen kam, war Jan-Pitter geschlichen gekommen. Er hatte sich mit dem Mädchen hinter unsere Treppenrampe an die Mauer gedrückt, und sobald er den rechten Augenblick um die Bitte um den Einlass versäumt hatte, gewann er es nicht mehr über sich, sie nachzuholen und dass schreckstarre Kind aus der tobenden Hölle zu lassen. - Er wollte aus seine magre Weise stärker sein als der Orkan. Tyrannisch und immer verstockter quetschte er das Mädchen mit seinem Rücken in den Winkel, bis es mit einmal krampfhaft aufschrie. Das hatte der nun schon geräuscherfahrene Hund gehört.

Nachdem Jan-Pitter derb und kurz empfangen war, wurde mit ihm nicht viel Federlesens gemacht. Eine komische Pein hatte seine verknorpelte Seele endlich erreicht und zwickte sie wie mit entflammenden Streichhölzern, während er Wachzuber und Wannen unter Dach buckeln half, in welchem ausser vielen Löchern eine türgroße Öffnung klaffte. Hatte er hier nicht fast das gleiche bei unserm Einzug erlebt? Äffte ihn ein periodischer Traum? Spielte da nicht sogar wieder Charlotte mit dem kleinen Messinghasen, im unteren Geschoss auf dem Sofa hockend, auf einer Insel in dem Schöpfen und Fegen? Rückert hatte sich unter den Küchenherd verkrochen und lag bis zur halben Körperhöhe im Wasser. Er und das Mädchen wurden aufgenommen, abgerieben und in ein Bett gesteckt. Am Pfosten hing die Spielschürze, und in der Tasche steckte das Messinghäschen. Es blieb beim Aufbruch der Fremdlinge versehentlich darin stecken. Und es blieb fort, wie die beiden Fremdlinge fortblieben.
Die Wege und der Garten sind längst aufgeräumt, und die vielfarbigen Augustblumen, Schmuckkörbchen eine kleine Hecke, wissen von dem Maisturm nichts.

Aber neulich erschien Charlotte allein am Zaune. Sie wanderte zaudernd daran hin und her und mit ihr auf der inneren Seite Rückert, nur dass der Hund vor Freude sprang und das Kind trauerte. Die Hausfrau nötigte Charlotte in den Garten und befragte sie. Charlotte ließ den Kopf hängen und wehrte nicht einmal die wilden Zärtlichkeiten des Teckels ab. Bald strebte sie mit schnellen Trippelschritten hinaus, und erst, als der Zaun wieder zwischen ihr und uns lag, drehte sie sich um und sagte: „Er hat mich Dieb genannt und geschlagen. Weil er mich geschlagen hat, durfte ich nicht kommen. Der alte Jan ist nun gestorben! Das Häschen steht auf der Treppe. Bitte! - Da!“

Dann lief sie, dass der Sand ihr nachstob, in den Wald.
Stolperte beinah und verhielt im Schritt, nahm die rechte Sandale hoch, prüfte die Riemchen; warf den Schuh in die Luft, fing ihn auf; nahm auch die andere Sandale in die Hand.
Winkte mit beiden hoch zum Haus zurück und lief los und schlenkerte das Schuhzeugs über dem Kopf hinundher und schaute sich nicht mehr um.

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Diese Kurzgeschichte ist in wenig veränderten Worten unter meinem Pseudonym St. Drissen zeitweilig bei www.e-Stories.de im Internet eingestellt gewesen.

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