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Donnerstag, 6. Dezember 2012

"O trübe diese T a g e nicht"



Mir schwai-schwa-schwante was.

Im Garten. Die kleine Akazie hat nur noch fünf Blätter, von aller Farbe verlassen, vom Wind zersaut, gehalten am Stiel mit Übermut. „Fünf und ein halb Blatts“, meint der Enkel, der das „halbe“ (Teil eines sechsten) mit eine Handbewegung andeutete: gestisch „abgeschnitten“.
Ich zähle bis zum Abend. Wer ha zu diesem Wehen und dieser Wehmut das schönste Herbstgedicht geschrieben? Mörike? Nein! – Uhland; ach der hat sich die Herbstluft um die Nase in natura et pluvia wehen lasen; ein Gedicht dazu kenn ich nicht von ihm. – Tucholsky mit „der fünften“ Jahresheit, pardon: „Jahreszeit“; oh, das ist ein anderes Kaliber…
Herbst, als letzte Schön-Tages-Einheit.. – abends mit, pardon: ohne Eintrag ins Tagebuch.
Ich greife zu einer kleinen Fontane-Ausgabe[1].

Theodor Fontane:
O trübe diese Tage nicht

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein;
Wie lange, und es lischt das Licht,
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz –
O sorge, dass uns keine fehlt
Und gönn' uns jede Stunde ganz.  


 
*~ ~ *


Entstanden ist das Gedicht im November 1870. Fontane veröffentlichte es zuerst in: Th. F.: Kriegsgefangen. Erlebtes. 1870. Berlin 11871. (im Kapitel 4); später in den „Gedichten“ von 1875. Dort schrieb Fontane: „So saß ich im Gefängnis zu Guéret, schwere Tage hinter mir, schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.“ [Das Notizbuch blieb erhalten. – Logo!]
Anm.: „Und unser Winter“ (I, 4) korrigierte Th. F. aus „Der trübe…“ (Er erzielte also mit der Personifizierung „unser Winter“ eine viel persönlichere Summe der Aussage.)



Zu Fontanes Gefangenschaft auf der Insel Oléron [Île d’Oléron], die er als privilegiert gefangen gesetzter preußischer Spion dort verbrachte, gehört eine wunderschöne Tiererzählung:


Vgl.:
Theodor Fontanes schönstes Feuilleton: „ B l a n c h e “.



[1] Theodor Fontane: Gedichte. Hrsg. von Kai Richter. Stuttgart: Reclam. RUB 6956. – Das  Büchlein in jede Zigarettenschlach-, pardon: -schachtel, wenn man das Stinkig-Pafige weglässt. [Oder neben jede Schachtel; wenn nciht das Portefeuille [gehobenen Deutsches] zu viel Platz wegnimmt.

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