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Freitag, 28. Oktober 2011

Von der S p r a c h - G e w a l t

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1d/Jean_Paul_by_Friedrich_Meier_1810.jpg/220px-Jean_Paul_by_Friedrich_Meier_1810.jpg

- Ihm zu Ehren: Jean Paul 1810 -

Es gibt sie - die :


Sprachgewalt!


Sprach-Gewalt-Schatz?

http://www.diakonie-portal.de/presse/sprachegewalt-in-bildung-und-erziehung-fachtagung-7.-oktober-2010/image_mini



Also zum Vor-Thema:

Von der Sprache als einer Volksgewalt

Oder

Ein Sprachregal (e) … - geschenkt von Jean Paul!


Wie denn? Alles Sprachgewirr geht vom Volke aus?

Jein!

Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus.

Das ist ein Sprachvolk ein Volk ohne Land? Aber ein Land mit Wörterbüchern?


Ja, die Sprachgewalt ist eine Idee, von der jeder überzeugt ist, der über Sprache nachdenkt oder so ... rumdenkt oder gar ... drumrumschreibt.

Ich lese regelmäßig das interessanteste Sprachlog (oder –blog), das es im deutschen Netz gibt:

Dort vermeldet der schreibende und antwortende Professor als Motto: „Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus“, ohne eine Quelle anzuzeigen:

www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog


Und auch die Texte mit den untersuchten Wörtern zu Sprachgewalt künden von dieser Sprachgewalt, ohne eine Quell, ohne einen Quell-Grund anzugeben:

Jedesmal ein Versprecher:

"Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus."

http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog

Dann weiter:

Gegoogelt, nienieniemalsnicht selber anerkannt (nach vielen vergeblichen Bemühungen um den Altpoeten) :

„Peter Handke ist einer der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg von internationalem, bleibendem Rang, ein Dichter mit einem großen Oêuvre, ein Schriftsteller von großer Wahrhaftigkeit, Akribie und Sprachgewalt.“ (Quelle: sueddeutsche.de vom 01.06.2006)

Nein, aus dem spinnigen Quellchen eines Postpoeten - da möchte ich keine Sprachgewalt des Volkes ableiten.

Nun denn – voran – die Quellen sprudeln, sie können das Wasser nicht halten - sie wässern einen Wörter- oder Daten-Grund.

*

Der große Sprach- und Kulturpfleger (nicht im Sinne eines Blockwarts!) Egon Friedell bietet über Goethe folgende Nachdenklichkeit an:

„Was die »Xenien« anlangt, so ist vielleicht in jenem Zimmer in Jena, worin die meisten von ihnen durch Kollaboration entstanden sein dürften, das größte Quantum an Weisheit, Wissen, Geschmack, Zeitgeist, Sprachgewalt, Seelenkunde versammelt gewesen, das das damalige Deutschland aufzubringen vermochte; das Resultat ist bekannt. Es wurde von den Zeitgenossen nahezu einstimmig abgelehnt; die führenden Blätter: die »Erlanger gelehrten Zeitungen«, die »Neue allgemeine deutsche Bibliothek«, die »Oberdeutsche allgemeine Literaturzeitung«, Reichardts »Deutschland«, Wielands »Teutscher Merkur« und fast alle übrigen erklärten es in mehr oder minder schroffer Form für gänzlich mißlungen. Das allgemeine Urteil brachte am klarsten der »Kosmopolit«, herausgegeben von Voß, zum Ausdruck, indem er an eine Verlegeranzeige, die die Xenien »eine in ihrer Art ganz neue Erscheinung« genannt hatte, die Frage knüpfte: »Wer kann einen Augenblick anstehen, gegen vierhundert kleine Gedichte ... welche, dem Publikum als eine Auslese feinen und attischen Witzes, als Geschenke von Werth zu einer würdigen und wohltuenden Ergötzung vorgesetzt, gleichwohl großen Teils entweder plump oder hämisch oder flach und sinnlos, fast sämtlich aber ohne eigentlichen poetischen Wert sind - für eine in ihrer Art neue und merkwürdige Erscheinung zu erklären?« und dreiviertel Jahre später, das Ganze noch einmal zusammenfassend, hervorhob, es bleibe immerhin die Befriedigung, »daß von allen Stimmen, welche sich über die Xenien haben hören lassen, auch nicht eine für sie gesprochen hat«.

Aus: E. F.: Kulturgeschichte der Neuzeit. (Zuerst 1927 – 1931). München 1989. S. 888.

Solange es mir nicht vergönnt ist, die Quelle oder das Sumpfgebiet, aus dem sich die gewaltige oder gewaltig tätige Sprachgewalt eines Volkes ableiten lässt, soll Werner Finck das letzte Wort behalten; er spricht von des „Zwerchfells Grundgewalt“.

Ich nehme es enpassant:

Werner Finck:

Kampflied

Es weht ein frischer Wind, zwei, drei,
Wir wollen wieder lachen.
Gebt dem Humor die Straße frei,
Jetzt muss auch er erwachen.

Der Löwe ist das Tier der Zeit,
Der Mars regiert die Stunde;
Doch die geliebte Heiterkeit
Geht langsam vor die Hunde.

Das aber soll dem Teufel nicht
Und keiner Macht gelingen,
Uns um das inn're Gleichgewicht
Und um den Spaß zu bringen.

Drum laßt des Zwerchfells Grundgewalt
Am Trommelfell erklingen.
Wem das nicht paßt, der soll uns halt
Am Götz von Berlichingen.

*

Zitiert ohne Quellenangabe by:

http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20110402071830AAZIFrw

*

Da gibt und gilt es zu lesen, aber ich finde beim ersten Male nicht durch:

Jean Paul Vorschule der Ästhetik:

Aber sie geht noch klassisch aus … die Suche:

Jean Paul Friedrich Richters "Vorschule der Ästhetik" bietet einen

§ 22: Sprachautorität:

„Weder der Sprachforscher, noch der Genius, noch das Volk allein besitzen das Sprachregale und können aus eigner Machtvollkommenheit ein neues Wort oder gar eine Wortfügung einsetzen zur Regierung. Der erste nicht, weil dieser Sprachgesetzgeber beinahe nur andern Gesetzgebern befiehlt, die wieder ihm befehlen, und weil überhaupt ihre grammatischen Pandekten der Menge so verborgen und unzugänglich sind als die florentinischen; – der zweite, der Genius, nicht, weil es nur eine päpstliche und keine geniale Unfehlbarkeit und Wahrheit-Statthalterei gibt; – und das dritte nicht, das Volk, das ebensooft den beiden vorigen gehorcht als befiehlt und mehr pflanzt als säet.“

Hoch lebe die Sprachgewalt!

Und fortgesetzt:

„Aber worauf ruht denn endlich die Sprachherrschaft der neuen Wörter und Wortfolgen? Auf allen dreien auf einmal, wie jede Regier- und Staatgewalt, d.h. auf dem Dreifuße von Gesetz, Macht und leidendem oder tätigem Gehorsam. Auf diesem legitimen Dreifuße – woran freilich oft ein Bein länger ist als das andere – stehen die Reiche erträglich, wenn nur nicht der Fuß gerade einen gekrönten Zerberus-Dreikopf trägt; ein Teil Macht oder Eroberung, ein Teil Gesetz oder Herkommen, ein Teil Einwilligen oder Mitstimmen der Menge. So kommt denn wie ein Napoleon ein Wort auf den Thron durch die Macht eines erobernden Dichters und die Einstimmung der von ihm regierten Menge und durch den Beitritt der Sprachanalogie. Man muß aber nicht zu genau und in zu ähnliche Teile absondern wollen, weder bei regierenden Wörtern, noch regierenden Häuptern. (….)“

(J. P.: Kleine Nachschule zur ästhetischen Vorschule. XV. Programm: Fragment über die deutsche Sprache. § 22: Sprachautorität. In: J. P.: Werke. Hrsg. v. Norbert Miller. Fünfter Band. München 1963. 1967. S. 487f.)

Hier ist die Sprachgewalt klassisch definiert, auch wenn als Wort nicht geprägt.

Und sie wird genannt ein Sprachregal oder ein Sprachregale – ein Hochwert, ein hochwichtiges Wort, das Jean Paul sich und allen Sprachlern vorhält:

Ge-horchen wir mal?

XV. Programm - Fragment über die deutsche Sprache

§ 22: Sprachautorität

Ein Regal oder ein Regale oder (eindeutiger, weil nicht missverständlich): Reagalien, knapp formuliert als (ursprnglich) königlicheVorrechte.

In den (aussersprachlichen) Fachwissenschaften:

Als Regalien (von lat. iura regalia ‚königliche Rechte‘) bezeichnete man die Hoheits- und Sonderrechte eines Königs oder eines anderen Souveräns.


Wer sauber googelt, mit den Begriffen Sprache Volk, Gewalt... findet auch:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Jean+Paul/Schriften/Vorschule+der+%C3%84sthetik/Kleine+Nachschule+zur+%C3%A4sthetischen+Vorschule/15.+Programm.+Fragment+%C3%BCber+die+deutsche+Sprache/%C2%A7+22.+Sprachautorit%C3%A4t

Es gab viele Regale oder Regalien, die je nach Etat- oder sonstigen Umständen oder Ursachen geschaffen und durchgeführt wurden, um sich, den Königen, oder anderen durch Vergabe von Nutzungen, Vorteile zu verschaffen.

Bei Wiki finden sich Beispiele; ich will sie hier zitieren, weil sie ganz umfassende, häufig nicht bekannte Rechtsgüter sind::

Zollregal - Münzregal - Bergregal - Marktregal - Salzregal - Fodrum

(Leistungen zum Unterhalt des kaiserlichen Hofes) - Schatzregal (Recht auf

gefundene Schätze) - Befestigungsrecht - Geleitrecht - Judenregal

(Judenschutzrecht) Wasserregal - Jagd- und Fischereiregal (Forstregal) -

Recht auf erbloses Gut (darunter das Spolienrecht) und auch so niedlich-

schmucke Bernsteinregal.

Click & nutze:

http://de.wikipedia.org/wiki/Regalien


Also, allgemein und zum Nutzen aller versprachlicht:

Ein Regal ist „dem König, später dem Staat zustehendes, meist wirtschaftlich nutzbares Hoheitsrecht“ (formuliert im Duden und bei Duden.online).

Und ein Sprachregal(e) : im Deutschen, in der Literatur, in den Wissenschaften? Im Selbstverständnis von Fachlern oder Fachtuern?

Nein, nur bei Jean Paul

Es kann weder in den Werken der Genii noch in den Opera, Tafeln, Tabellen und Statistiken der Sprachforscher… ein Sprachregal(e) geben.

Man nimmt es sich eilig und eigens und einfach. Man fragt nicht das Volk, nicht die Genii, noch alle Sprachler – was denn das Wort und die Worte und die Wörter seien, über die das Deutsche verfügt.

  • Man nimmt sich eine Frage, (und sei sie noch so explizit), formuliert eine syntaktisch akzeptabeln Fragestellung.
  • Ergreift sich eine Sammlung von Formen, Wörtern und Texten.
  • Und erfreut sich das Fazit.

  • Man biegt sich eine Frage, eine Methode, ein Korpus zu Recht?
  • Und schon ist man ein Sprachgewaltiger…?

  • Oh, ja, in vielen Fällen ein Sprachgewalttätiger.


Jean Paul – ein genius linguae ersten Ranges - schenkte uns das Sprachregal; und kein Schriftsteller, kein Wort- oder Sprachforscher hat je diese allseitige Kompetenz aufgegriffen.

Jeder müsste sich wahrlich und wahrhaft bescheiden.

Ebenso im Wörter-Netz leicht zu finden, wenn man (respektive: ich beim dritten Versuch) Die Vokabel „Sprachgewalt“ nach den Wortteilen genauer eingegeben hätte: Sprach-Gewalt“:

Aus: Jean Paul Friedrich Richter: Geist- und kraftvollste stellen aus dessen sämmtlichen werken ... Hrsg. V. Franz Xaver Wißhofer. Band 9. S. 179f.

http://books.google.de/books?id=yGfiAAAAMAAJ&pg=PA179&lpg=PA179&dq=Sprachgewalt+Volk&source=bl&ots=5yTPeSE8Zo&sig=IDADjNc-XPP42t-M5Ar3bidoUA0&hl=de&ei=EnSpTrbIL8iZOqe5nf4P&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=7&ved=0CEgQ6AEwBjgU#v=onepage&q&f=false


In Gedanken bereist: Jean Paul als Denkmal in Wunsiedel

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/77/Jean-Paul-Denkmal_Wunsiedel.jpg/170px-Jean-Paul-Denkmal_Wunsiedel.jpg


Jean Paul zu Ehren:

http://www.eigenewege.net/wordpress/wp-content/uploads/2011/03/Jean_paul-163x300.jpg


Nachzutragen:

Nur oberflächliche Kunde erfährt man, wenn man einen „Dr. Bopp“ nach der griffigen eile fragt „Alle Sprache geht vom Volke aus“.

Genannt und zitiert werden:

„Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus" ist die Überschrift des ersten Kapitels eines Buches des Rechtswissenschaftlers Uwe Wesel: - Uwe Wesel, Fast alles, was Recht ist: Jura für Nichtjuristen, Eichborn, Frankfurt am Main, 1992

Und:

„Der Satz ist auch der Untertitel oder das Motto des Sprachlogs des Linguisten Anatol Stefanowitsch:- http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog

Und weiter:

Der Satz sei durch Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland inspiriert: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus."

(Mit meinem Dank für die Antwort, die Dr. Bopp nach meiner Anfrage mir schickte mit seiner e-mail vom 27.10.2011)


So vollzieht sich Sprache als Gewalt des Volkes aber nicht. Sie wird nur behauptet, nicht erschlossen, nicht einmal sichtbar.


Sie, die Sprach-Gewalt, kann sich nur zeigen, erforscht oder ausgewiesen ... werden im Vertrag der Dreiergemeinschaft:

* das V o l k - zu Laut, zu Wort, zu Wortschatz oder Date geworden in Wörterbüchern oder Dateien,

* die S p r a c h g e n i e n - die jedes Volk gebiet inihren namhaft gewrodenen Werken

* die S p r a c h f o r s c h er - die Sammler und Analytiker

Sie repräsentieren die Sprachgewalt eines Volkes als einer


S p r a c h g e m e i n s c h a f t:


Wer sich alleine - als statistischer Worte-Sammler -, der Sprachgewalt bedienen und verdingen will, dem fehlen die zwei grundlegenden Komponenten:

* der Sammlung der genialen oder trivilen, fiktionalen und fachspezifischen Textzeugnissen der Literatursprache

* des Vergleichs mit den (bisher zumeist schriftlich agierenden) Sprachforscher.



Anton Stephan Reyntjes, Recklinghausen

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