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Sonntag, 12. Februar 2012

In Parabeln: G o t t e s b i l d e r


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- Gotthold Ephrain Lessing. Poeta primus der deutschen Aufklärung -



Unsere vorläufigen Gottesbilder

- Parabeln von den Gottes-Bildern der Menschen -

(Veröffentlicht als Literarisches Stichwort Gott. Folge XXXV;

in der Zeitschrift „Religion heute“; im Erhard Friedrich Verlag Seelze. - Heft 64. Dezember 2005. S. 258-265}

Vorspruch:

Gotthold Ephraim Lessing: „Suche nach der Wahrheit“

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung des Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet.

Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: „Wähle!“

Ich fiel ihm mit Demut in seine Linke und sagte: "Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" (1778)


Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781), der bedeutdendste deutsche, literarische Vorbildner geistesgeschichtlicher Aufklärung, formuliertd seine Intention als eine glückliche Versöhnung für ein allen Menschen dieser Erde eingeborenes Gottesgefühl, als Gebot der sprachlich-kritischen Vernunft und der historischen Ethik der Humanität und Toleranz.

Ich halte die kleine, vorangestellte Parabel nicht nur für geistreich, sondern auch humorvoll, gerade auch in seiner impliziten Kritik der dogmatischen Wahrheitsvertreter, seiner Zeit - und unserer.

In dieser kleinen Sammlung sind keine biblischen Gleichnisse vorgestellt; sondern komplexere, literarische Parabeln, die in ihrem grundlegenden, symbolischen Gehalt nicht eindimensional, nicht eindeutig interpretierbar sind; sie gehen über hergebrachte, rein religiöse Strukturen hinaus, sie thematisieren Erkenntnis und Wahrheit, nicht konfessionell gebunden.

Es gibt – nach der kulturellen Überlieferung - keinen all-einzigen Gott, es gibt nicht den einen Gott; es gab und gibt nur menschliche, häufig furchtbare Gottesbilder: historische und aktuelle, rote und weiße oder schwarze Bilder, allerliebst geschönte und verdunkelte, gewalttätige und friedvolle, klerikal-zwanghafte und liberale, zölibatär-selektive und liebend-gewährende Archetypen; vom zornig tötenden Gott bis zum „Abba“ („lieber Vater“, „Väterchen“).

Die Erfahrungen von 4000 Jahren Patriarchat in unserer abendländischen, seit 2000 Jahren christlichen Kultur, verglichen mit der außerchristlichen, weitaus friedlicheren, nichtexpansionistischen Religionen in Nordamerika (Indianerreligionen) oder in Asien (Buddhismus, Hinduismus), zeichnen eine nichtindustrielle, meist naturnahe Alternative, ein disparates Gegenbild für unsere gegenwärtige Übergangsphase mit vielen konkurrierenden Gottesbildern (vom „weiblichen“ oder „schwarzen“ Gott z.B.); sie beweisen bei verstehend-unvoreingenommener, historisch-kritischer, literarischer und sprachpsychologischer Betrachtung, dass es nicht nur nicht den, ja sogar nicht nur den einen Gott, sondern "lediglich" Gottesbilder gibt, über die wir verlässlich und wahrhaftig sprechen können - individuelle, multiple, polyglotte, archetypische imagines - eingebrannt in die psychischen Instanzen (Es, Ich, Überich) des gesellschaftlichen Individuums als eines sprachbewußten, selbst verantwortlichen Mitglieds der Menschheit und Angehöriger der jeweiligen als göttlich imaginierten oder gottfernen Kultur.

Aus dem „Gott“ (genus hyper-maskulinum; singularis majestatis) vermag mensch, also man und frau, mit eigener Phantasie und gehöriger Berechtigung einen weiblichen (weißen oder schwarzen oder homophilen oder sonstwie funktionalen) auf jeden Einzelfall hin gelobten und gerechten und wirkungsmächtigen Gott versprachlichen.

Was allein unveränderlich scheint, ist das Fundament solchen viel-, gar alles ver- und vor-sprechenden, macht- und lustvollen Imaginierens: des „Gottenden“, des Göttlichen (das Neutrum als kein Weibliches und kein Männliches) als des kleinsten gemeinsamen transzendentalen Nenners der Rasse des homo sapiens sapiens.

Die schönsten, inhaltlich und sprachlich überzeugendsten Parabeln der Literatur aus Ost und West, Nord und Süd künden von dieser religiösen als einer geistigen und psychischen Sehnsucht, dieser kognitiven Gewissheit als eines sozial und psychisch gerechten Auftrages. Personifizierungen und Attribuierungen nach geschlechts-, rassen- und institutions-spezifischen oder personalen Bedürfnissen sind von der nächsten Generation immer wieder in Frage gestellt worden; häufig mit den geistlosen-gewalttätigen Mitteln der sich im Göttlichen legitimierenden Vor- und Machtgänger, der Kriegs-, Kreuzzugs-, Inquisitions-, Kolonialismus- oder menschenrechtsfeindlichen globalen Wirtschaftsstrategen.

Wir als Beter und Leser erkennen die parabolische Grundstruktur vieler poetischer Texte; wir interpretieren sie in ihrer literarischen Form, ihrem Aufbau, den Figuren, ihren Funktionen im Ablauf der Handlungen, den zentralen Möglichkeiten der tradierten, menschheitsalten Symbole, die wir existenziell, historisch, ökologisch und religiös deuten können, ohne sie für eine absolut richtige Machtfrage zu determinieren.

Lessing, Heine, Kafka, Borchert, van Veen – ihre literarischen Lebensaussagen und Beschreibungen – sind Ausdruck von Schriftstellern in ihrem gesellschaftlichen Engagement für ein gewandeltes Selbstverständnis in geschichtlichem Auftrag und als Geschichte(n) von Gottbildern.

In der jungen deutschen Literatur nach 1945 war die Verantwortung eines Künstlers entscheidendes Kriterium für einen sprachlichen und moralischen Neuanfang der neuen deutschen Kultur; die Sch. können diese Intention einschätzen. Die Sch. können Beziehungen zu anderen poetologischen Parabeln erkennen und im Unterschied zu anderen Dichtern (Lessing, Brecht, Kafka) verschiedene Dichtungsauffassungen benennen und Erörterungen in der Spannbreite von l’art pour l’art bis zu kritisch engagierter Literatur. Borchert akzentuiert im Text sehr stark die kritisch bewussten und gesellschaftlich vernehmbaren Leistungen des Dichters, insbesondere die Verpflichtung in der präzis realistischen Benennung der Umstände eines Hauses (als Bild für Heim, Heimat und Gesellschaft) und in den dialogischen, vorbildlichen Aufgaben der Person als Ausübung seiner beschreibend-erklärenden und warnenden Funktion gegenüber seinen Mitmenschen, die nicht über seine Perspektive und Kunstmöglichkeit (präzise Nomen, dynamische Verben). Der Dichter ist ein der psychologisch-philosophischen Aufklärung verpflichteter, poetologisch reflektierender Realist in einer politischen Grenzsituation des Neuanfangs nach 45, im Rückgriff auf die bisher unerfüllten Ideen der humanistischen Aufklärung.

Das „caelum“, als himmlischer Palast, als „Wohn-“ und Herrschaftsort der Göttlichkeit ist als alte, allgemein-mittelmeerländische Verhimmelung abgelöst, literarisch vergessen; bis in die Moderne hinein wird auch der fürstlich-patriarchale Palast, das „palatium“, destruiert – aufgehoben zur Behausung des Poeten (s. Borchert). Die Kirche als Residenz, als „residentia“ (mlat. Wohnsitz) und bischöfliches Palais, wird literarisch nicht mehr realisiert.

Die Geistlichen aller Kirchen und die durch sie Privilegierten haben das Sonderrecht, in großer Harmonie, ohne Hetze, gemäß ihren inneren und liturgisch-historischen Bedingungen, zu leben und ihre klerikale Gefühlswelt als Glaubenpraxis zu realisieren. Gewöhnliche Gläubige haben diese Chancen nie gehabt; sie werden auch nicht darauf warten können, dass sie unter friedlichen, dem eigenen, inneren Zeitgefühl entsprechend leben, lieben und arbeiten zu können. Sie müssen ihre Christenrechte als Menschenrechte einklagen. Wer hier nicht eine der wesentlichsten Zeit-Erscheinungen der verlorenen Kirchennähe, der angeblichen „Gottlosigkeit“ des Modernen-Zeiten-Menschen - unter dem Diktat des angeblich unabänderlich globalistischen Ausbeutung - erkennt, hat noch nicht begonnen nachzudenken - über Zeit und Ewigkeit, über Gott und Menschlichkeit im einander zugeordneten, jesuanischen Auftrag.

*

Text 1:

Gotthold Ephraim Lessing:

Eine Parabel

quae facilem ori paret bolum.

(Etymologista vetus)[1]

Nebst einer kleinen Bitte, und einem eventualen Absagungsschreiben an den Herrn Pastor Goeze, in Hamburg

„Ehrwürdiger Mann!

Ich würde ehrwürdiger Freund sagen, wenn ich der Mensch wäre, der durch öffentliche Berufung auf seine Freund­schaften ein günstiges Vorurteil für sich zu erschleichen gedächte. Ich bin aber vielmehr der, der durchaus auf keinen seiner Nächsten dadurch ein nachteiliges Licht möchte fallen lassen, dass er der Welt erzählet, er stehe, oder habe mit ihm in einer von den genauem Verbindungen gestanden, welche die Welt Freundschaft zu nennen gewohnt ist. - Denn berechtiget wäre ich es allerdings, einen Mann Freund zu nennen, der mir mit Verbindlichkeit zuvor gekommen ist; den ich auf einer Seite habe kennen lernen, von welcher ihn viele nicht kennen wollen; dem ich noch Verbindlichkeit habe, wenn es auch nur die wäre, dass seine Wächterstimme noch meines Namens schonen wollen. Doch, wie gesagt, ich suche, bloß durch meine Freunde, eben so wenig zu gewinnen, als ich möchte, dass sie durch mich verlieren sollten.

Also nur, Ehrwürdiger Mann! Ich ersuche Sie, die Güte zu haben, nachstehende Kleinigkeit in einige Überlegung zu ziehen. Besonders aber dringe ich darauf, sich über die beigefügte Bitte nicht bloß als Polemiker, sondern als rechtschaffner Mann und Christ, auf das baldigste zu er­klären.“

Die Parabel

Ein weiser, tätiger König eines großen, großen Reiches hatte in seiner Hauptstadt einen Palast von ganz unermeßlichem Umfange, von ganz besonderer Architektur.

Unermeßlich war der Umfang, weil er in selbem alle um sich versammelt hatte, die er als Gehilfen oder Werkzeuge seiner Regierung brauchte.

Sonderbar war die Architektur; denn sie stritt so ziemlich mit allen angenommenen Regeln; aber sie gefiel doch und entsprach doch.

Sie gefiel vornehmlich durch die Bewunderung, welche Ein­falt und Größe erregen, wenn sie Reichtum und Schmuck mehr zu verachten als zu entbehren scheinen.

Sie entsprach durch Dauer und Bequemlichkeit. Der ganze Palast stand nach vielen, vielen Jahren noch in eben der Reinlichkeit und Vollständigkeit da, mit welcher die Bau­meister die letzte Hand angelegt hatten; von außen ein wenig unverständlich, von innen überall Licht und Zusammenhang.

Was Kenner von Architektur sein wollte, ward besonders durch die Außenseiten beleidiget, welche mit wenig hin und her zerstreuten, großen und kleinen, runden und viereckten Fenstern unterbrochen waren, dafür aber desto mehr Türen und Tore von mancherlei Form und Größe hatten.

Man begriff nicht, wie durch so wenige Fenster in so viele Gemächer genugsames Licht kommen könne. Denn daß die vornehmsten derselben ihr Licht von oben empfingen, wollte den wenigsten zu Sinne.

Man begriff nicht, wozu so viele und vielerlei Eingänge nötig wären, da ein großes Portal auf jeder Seite ja wohl schicklicher wäre und eben die Dienste tun würde. Denn daß durch die mehrern kleinen Eingänge ein jeder, der in den Palast gerufen würde, auf dem kürzesten und unfehlbarsten Wege gerade dahin gelangen solle, wo man seiner bedürfe, wollte den wenigsten zu Sinne.

Und so entstand unter den vermeinten Kennern mancherlei Streit, den gemeiniglich diejenigen am hitzigsten führten, die von dem Innern des Palastes viel zu sehen die wenigste Gelegenheit gehabt hatten.

Auch war da etwas, wovon man bei dem ersten Anblicke geglaubt hätte, daß es den Streit notwendig sehr leicht und kurz machen müsse, was ihn aber gerade am meisten ver­wickelte, was ihm gerade zur hartnäckigsten Fortsetzung die reichste Nahrung verschaffte. Man glaubte nämlich verschiedne alte Grundrisse zu haben, die sich von den ersten Baumeistern des Palastes herschreiben sollten, und diese Grundrisse fanden sich mit Worten und Zeichen bemerkt, deren Sprache und Charakteristik so gut als verloren war.

Ein jeder erklärte sich daher diese Worte und Zeichen nach eignem Gefallen. Ein jeder setzte sich daher aus diesen alten Grundrissen einen beliebigen neuen zusammen, für welchen neuen nicht selten dieser und jener sich so hinreißen ließ, daß er nicht allein selbst darauf schwor, sondern auch andere darauf zu schwören bald beredte, bald zwang.

Nur wenige sagten: „Was gehen uns eure Grundrisse an? Dieser oder ein andrer, sie sind uns alle gleich. Genug, daß wir jeden Augenblick erfahren, daß die gütigste Weisheit den ganzen Palast erfüllet, und daß sich aus ihm nichts als Schönheit und Ordnung und Wohlstand auf das ganze Land verbreitet.“

Sie kamen oft schlecht an, diese wenigen! Denn wenn sie lachenden Muts manchmal einen von den besondern Grund­rissen ein wenig näher beleuchteten, so wurden sie von denen, welche auf diesen Grundriß geschworen hatten, für Mordbrenner des Palastes selbst ausgeschrien.

Aber sie kehrten sich daran nicht und wurden gerade dadurch am geschicktesten, denjenigen zugesellet zu wer­den, die innerhalb des Palastes arbeiteten und weder Zeit noch Lust hatten, sich in Streitigkeiten zu mengen, die für sie keine waren.

Einstmals, als der Streit über die Grundrisse nicht sowohl beigelegt als eingeschlummert war, - einstmals um Mitternacht erscholl plötzlich die Stimme der Wächter: „Feuer! Feuer in dem Palaste!“

Und was geschah? Da fuhr jeder von seinem Lager auf, und jeder, als wäre das Feuer nicht in dem Palaste, sondern in seinem eignen Hause, lief nach dem Kostbarsten, was er zu haben glaubte - nach seinem Grundrisse. »Laßt uns den nur retten!« dachte jeder; »der Palast kann dort nicht eigentlicher verbrennen, als er hier stehet!«

Und so lief ein jeder mit seinem Grundrisse auf die Straße, wo, anstatt dem Palaste zu Hilfe zu eilen, einer dem andern es vorher in seinem Grundrisse zeigen wollte, wo der Palast vermutlich brenne. »Sieh, Nachbar! hier brennt er! Hier ist dem Feuer am besten beizukommen.« - »Oder hier vielmehr, Nachbar, hier! « - »Wo denkt ihr beide hin? Er brennt hier!« - »Was hätt’es für Not, wenn er da brennte? Aber er brennt gewiß hier!« - »Lösch' ihn hier, wer da will. Ich lösch' ihn hier nicht.« - »Und ich hier nicht!« - »Und ich hier nicht!«

Über diese geschäftigen Zänker hätte er denn auch wirklich abbrennen können, der Palast, wenn er gebrannt hätte. - Aber die erschrocknen Wächter hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten.

(Aus. E.G. L.: Werke. Bd. 8. Werke 1774-1778. Frankfurt/M. S. 117-120)

. . .

Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781)

Informationen:

Wie für das Drama ‚Nathan’ fasst Lessing in diese Form der Parabel, was in der philosophisch-reflektierenden Schreibform entweder zu provokativ für seine Zeitgenossen und –diktatoren geraten müsste oder gar nicht argumentativ erklärbar wäre.

Im Gleichnis vom scheinbar unvernünftig gebauten Palast wertet Lessing den historischen Aspekt der Religion nicht gegen den ihrer gegenwärtigen Wirksamkeit.

Die Berichte über die Anfänge des Christentums sind nicht falsch oder lügenhaft; aber aus sich selbst heraus sind die historischen Argumente der Urtexte für die Wahrheit des sich entwickelnden Christentums nicht beweiskräftig, nicht unbefragt-dogmatisch perpetuierbar.

Gerade dadurch, dass Lessing die historischen Zeugnisse in einem gewissen Umfang in ihr Recht setzt, sie nicht zugun­sten des rein rationalistischen Ansatzes beiseite schiebt, versucht er, notwendige Vernunfteinsicht und gegenwärtig-gültige Erfahrung, Ratio und Empirie, zusammenzubringen. Zwar bleibt die Vernunft der Geschichte vorgeordnet, sie zwingt dazu, die Wahrheit des Christentums von innen her zu argumentieren (das meint der erste Teil der Parabel). Die Berufung auf die gegenwärtige Erfahrung von der Wirkung der Religion im zweiten Parabelteil bringt andererseits die geschichtliche Perspektive in neuer Weise ein: nämlich als Legitimation der christlichen Geschichte durch und für die Gegenwart. Innere Vernunftswahrheit und praktischer Gegenwartsaspekt können eine Verbindung eingehen. Der erste Parabelteil zeigt, dass eine rein rationalistische Betrachtung, die auf Vernunftsregeln abhebt, nichts Lebendiges erbringt; sie soll ersetzt werden durch die Einsicht in die Eigenart der religiösen, d. h. geoffenbarten, geschichtlichen Wahrheit. Im Bild der Parabel heisst das: Die innere Betrachtung trifft auf ein Licht von oben, das die eigenartig-beängstigende Struktur des Palasts erst verstehen lässt. Vernunft und Offenbarung sind zwei Seiten des gleichen Glaubens, des aufgeklärten, von der Sonne der Wahrheit abendlich erhellten Christentums.

(Die letzten Texte Lessings zu diesem Wahrheits- und Toleranz-Thema sind „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ von 1777/80 und das Drama „Nathan der Weise“ von 1779; Dichtungen, deren Relevanz erst noch umgesetzt werden müssen im „Abendland“, das sich erkennbar und chancenhaft „entchristianisiert“ und öffnet auf Lessingsche Humanität und Menschenrechtsvorstellungen hin.)

Aufgabenstellung:

* Beschreibe die Personen und die Vorgänge der Handlung in dem Palast.

* Bewerte die Funktionen und Leistungen der Wärter als Umgang im Dienst vor Gott und der Wahrheitssuche in diesem beispielhaften Bewährungsfalle.


Text 2:

Heinrich Heine:[Als Ausschnitt, s. u., ohne Titel dem Leser überantwortet.]

So verwerflich aber jede Diskussion über das Dasein Gottes ist, desto preislicher ist das Nachdenken über die Natur Gottes. Dieses Nachdenken ist ein wahrhafter Gottesdienst, unser Gemüt wird dadurch abgezogen vom Vergänglichen und Endlichen, und gelangt zum Bewußtsein der Urgüte und der ewigen Harmonie. Dieses Bewußtsein durchschau­ert den Gefühlsmenschen im Gebet oder bei der Betrachtung kirchlicher Symbole; der Denker findet diese heilige Stimmung in der Ausübung jener erhabenen Geisteskraft, welche wir Vernunft nennen, und deren höchste Aufgabe es ist die Natur Gottes zu erforschen. Ganz besonders religiöse Menschen beschäftigen sich mit dieser Aufgabe von Kind auf, geheimnisvoll sind sie davon schon bedrängt, durch die erste Regung der Vernunft. Der Verfasser dieser Blätter[2] ist sich einer solchen frühen, ursprünglichen Religiosität aufs Freudigste bewußt, und sie hat ihn nie verlassen. Gott war immer der Anfang und das Ende aller meiner Gedanken. Wenn ich jetzt frage: was ist Gott? was ist seine Natur? so frug ich schon als kleines Kind: wie ist Gott? wie sieht er aus? Und damals konnte ich ganze Tage in den Himmel hin­aufsehen, und war des Abends sehr betrübt, daß ich niemals das allerheiligste Angesicht Gottes, sondern immer nur graue, blöde Wolkenfratzen erblickt hatte. Ganz konfus machten mich die Mitteilungen aus der Astronomie, womit man damals, in der Aufklärungsperiode, sogar die kleinsten Kinder nicht verschonte, und ich konnte mich nicht genug wundern, daß alle diese tausendmillionen Sterne ebenso gro­ße, schöne Erdkugeln seien wie die unsrige, und über all dieses leuchtende Weltengewimmel ein einziger Gott waltete.

Einst im Traume, erinnere ich mich, sah ich Gott, ganz oben in der weitesten Ferne. Er schaute vergnüglich zu einem kleinen Himmelsfenster hinaus, ein frommes Greisengesicht mit einem kleinen Judenbärtchen, und er streute eine Menge Saatkörner herab, die, während sie vom Himmel niederfie­len, im unendlichen Raume gleichsam aufgingen, eine unge­heure Ausdehnung gewannen, bis sie lauter strahlende, blü­hende, bevölkerte Welten wurden, jede so groß wie unsere eigne Erdkugel. Ich habe dieses Gesicht nie vergessen kön­nen, noch oft im Traume sah ich den heiteren Alten aus sei­nem kleinen Himmelfenster die Weltensaat herabschütten; ich sah ihn einst sogar mit den Lippen schnalzen, wie unsere Magd, wenn sie den Hühnern ihr Gerstenfutter zuwarf. Ich konnte nur sehen wie die fallenden Saatkörner sich immer zu großen leuchtenden Weltkugeln ausdehnten: aber die etwanigen großen Hühner, die vielleicht irgendwo mit auf­gesperrten Schnäbeln lauerten, um mit den hingestreuten Weltkugeln gefüttert zu werden, konnte ich nicht sehen.

Du lächelst, lieber Leser, über die großen Hühner. Diese kindische Ansicht ist aber nicht allzusehr entfernt von der Ansicht der reifsten Deisten. Um von dem außerweltlichen Gott einen Begriff zu geben, haben sich der Orient und der Okzident in kindischen Hyperbeln erschöpft. Mit der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit hat sich aber die Phantasie der Deisten[3] vergeblich abgequält. Hier zeigt sich ganz ihre Ohnmacht, die Haltlosigkeit ihrer Weltansicht, ihrer Idee von der Natur Gottes. Es betrübt uns daher wenig, wenn diese Idee zugrunde gerichtet wird. Dieses Leid aber hat ihnen Kant wirklich angetan, indem er ihre Beweisführungen von der Existenz Gottes zerstörte.

(Aus: H. H.: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Stuttgart 1997: RUB 2254. S. 102f.)


Heinrich Heine (1797 -1856)

Erläuterungen:

H.H.s Schrift ist die erste kritische Philosophiegeschichte in deutschen Landen gewesen; auf dem Boden der Kantschen Philosophie als der Unmöglichkeit, naturwissenschaftliche oder philosophische Gottesbeweise herzuleiten.

Aufgabenstellung:

* Erfasse, benenne und diskutiere Heines Gottes-Darstellung.

* Nenne Beispiele für die „kindischen Hyperbeln“, die Heine kritisch heranzieht.

* Wie redet H.H. über Gottes „Dasein“ und die den Menschen erkenntnismäßig zugängliche Natur?

* Setze dich mit H.H.s Totalkritik auseinander: Welche Möglichkeiten verbleiben, ja, sind geboten den von Gott und ihrem Glauben an ihn sprechenden oder zu Gott betenden Menschen?

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Text 3:

Franz Kafka: Eine kaiserliche Botschaft

Der Kaiser - so heißt es - hat Dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sie sich noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs - vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den anderen Arm vorstreckend, schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest Du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an Deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder, Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor - aber niemals, niemals kann es geschehen - liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. - Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.

(E.: 1917; gedruckt 1919; aus: F.K.: Sämtliche Erzählungen. Hrsg. v. Paul Raabe. Frankfurt/M. 1969. S. 138f.)

- Als neuere Interpretation empfehle ich Ulrich Greiners Versuch:


Franz Kafka (1883 - 1924)

Informationen:

Diese Parabel ist so häufig als Lesebuch- und/oder Prüfungsaufgabe gestellt, d.h. auch missbraucht worden, dass ich sie nur zögernd hierher setze. Ich schlage vor, sie als Kontrafaktur zu Lessings „Palast-Parabel“ zu interpretieren.

F.K. ist sowohl im jüdischen Sinne, den er als Autor persönlich final repräsentiert, als auch für den christlich-jesuanischen Sinn von Religionsvermittlung eine provokativ-kommunikativer Erzähler; er ersetzt den Herrscher durch den sterbenden Kaiser; die Wächter durch die eine zentrale Ich-Figur des Boten. Welche Konsequenzen zieht er damit religiös und existenziell? Können wir ihn als eine humanistische, „nachkonfessionelle“ Autorität zitieren und diskutieren?

Kafka wird literarhistorisch als erster und wichtigster Dichter der sog. „verrätselten“ oder „absurden Parabel“ eingeordnet, d.h. er verfasste existenziell-anthropologische Gleichnisse, denen die tradierten strukturellen Elemente provozierend fehlten: der „Sitz im Leben“, die geordnet verlaufende, wieder erkennbare, bildliche Handlung und die als Intention ausformulierte Deutung. Durch erkennbare historische Motive (aus dem Kontext klassisch-christlicher und jüdischer Themen) und ihre Variation oder Negation sind die meisten Kafka-Texte nicht „kafkaesk“-irrational, sondern beispielhafte parabolische Kontrafakturen mit provozierenden Intentionen.

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Aufgabenvorschlag:

* Stelle die Beziehungen zwischen den Texten und Personen und Orten her und deute die Intention, die Kafka im Rückgriff auf Ort, Geschehen und Figuren der Lessingschen „Parabel“ aufnimmt.

* Welche religiöse oder poetische Erkenntnis „gewährt“ uns Kafka als jüdischer Denker, der die christliche Fortsetzung des alttestamentl. Glaubens mit einbezog in diese Parabel?

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Text 4:

Bertolt Brecht: Die Frage, ob es einen Gott gibt

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte. „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“


Bertolt Brecht (1898 – 1956).

Neben Thomas Mann und Franz Kafka der wichtigste deutschsprachige Dichter im 20. Jh.: Lyriker, Dramatiker und Theoretiker.

Informationen:

Eine der bekanntesten Keuner-Geschichten ist dieses kleine, umfassende Frage-Antwort-Spiel. (In einer neuen Ausgabe sind unbekannt gebliebene Keuner-Texte ediert: Entnommen aus der neuen Ausgabe der „Keuner-Parabeln“, die um einige neu aufgefundene Parabeln ergänzt, von Erdmut Wizisla herausgegeben, erschien: B. B.: Geschichten von Herrn Keuner. Zürcher Fassung. Frankfurt/M. 2004. S. 19.)

Aufgabenstellung:

* Gib eine Inhaltsangabe; und setze dich reflexiv und persönlich kritisch mit der Provokation auseinander:

* Diskussion: Ist „Gottesglaube“ eine nützliche Ausrede, ein privates „Brauchtum“, ein menschliches Bedürfnis (wie Essen, Trinken, Kommunikation, Liebe….)?

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Text 5:

Wolfgang Borchert: Gottes Auge

Gottes Auge lag rund und rotgerändert mitten in einem weißen Suppenteller. Der Suppenteller stand auf unserem Küchentisch. Blutfleckige Eingeweide und das milchbleiche Skelett eines größe­ren Fisches ließen den Küchentisch aussehen wie ein Schlachtfeld. Das Auge in dem weißen Teller gehörte einem Kabeljau. Der lag in großen weißfleischigen Stücken in unserem Topf und ließ sich kochen. Das Auge war ganz allein. Es war Gottes Auge.

Du mußt nicht immer mit der Gabel das Auge auf dem Teller hin- und herrutschen lassen, sagte meine Mutter.

Ich ließ das glatte runde Auge durch die Kurven des Suppentellers sausen und fragte: Warum denn nicht? Er merkt es doch nicht mehr. Er kocht doch.

Man spielt nicht mit einem Auge. Das Auge hat der liebe Gott genau so gemacht wie deins, sagte meine Mutter.

Während ich die sausende Rundfahrt des Kabeljauauges plötzlich abbrach, fragte ich: Das soll vom lieben Gott sein?

Natürlich, antwortete meine Mutter, das Auge gehört dem lieben Gott.

Nicht dem Kabeljau, bohrte ich weiter.

Dem auch. Aber in der Hauptsache dem lieben Gott.

Als ich von dem Teller aufsah, merkte ich, daß meine Mutter weinte. An diesem Tag, wo es bei uns Kabeljau gab, war mein Großvater gestorben. Meine Mutter weinte und ging hinaus. Da zog ich den Teller mit dem einsamen Auge mittendrin, mit dem rotgeränderten Auge, das Gott gehören sollte, ganz dicht an mich heran. Ganz dicht brachte ich meinen Mund über den Teller.

Du bist das Auge vom lieben Gott? flüsterte ich, dann kannst du wohl auch sagen, warum Großvater heute mit einmal tot ist. Sag das, du!

Das Auge sagte es nicht.

Das weißt du nicht mal, wisperte ich triumphierend, und du willst das Auge vom lieben Gott sein, und weißt nicht mal, warum Großvater tot ist. Kommt er denn auch nicht wieder, Groß­vater, fragte ich dicht über dem Teller, weißt du denn, ob er noch mal wiederkommt, du, sag das doch. Du mußt das doch wissen. Kommt er nun nie wieder?

Das Auge sagte es nicht.

Ganz dicht hielt ich meinen Mund an das Auge und fragte noch einmal eindringlich und ernst: Du, sehen wir Großvater denn nicht wieder, du? Sag das doch. Sehen wir ihn noch mal wieder? Wir können ihn doch noch mal irgendwo treffen, nicht? Du, sag doch, treffen wir ihn wieder? Du, sag das, du bist doch vom lieben Gott, sag das!

Das Auge sagte es nicht.

Da stieß ich den Teller wütend von mir weg. Das Auge glitschte hoch über den Rand auf den Fußboden. Da blieb es liegen. Gespannt sah ich hin. Das Auge lag auf der Erde. Und es war Gottes Auge. Gottes Auge lag auf der Erde. Aber es sagte nichts. Ich sah noch einmal hin. Nein, Nichts. ich stand auf. ich stand langsam auf, um Gott Zeit zu lassen. Ganz langsam ging ich zur Küchentür. Ich faßte nach dem Türgriff. ich drückte ihn langsam herunter. Mit dem Rücken zu dem Auge hin wartete ich noch einen langen langen Augenblick an der Küchentür. Es kam keine Antwort. Gott sagte nichts. Da ging ich, ohne mich nach dem Auge umzusehen, laut aus der Tür.

(Aus: W. B.: Das Gesamtwerk. Reinbek: Rowohlt 1989. S. 306ff.)

*

Text 6:

Wolfgang Borchert: Schriftsteller

Der Schriftsteller muß dem Haus, an dem alle bauen, den Namen geben. Auch den verschiedenen Räumen. Er muß das Krankenzimmer «Das traurige Zimmer» nennen, die Dachkammer «Das windige» und den Keller «Das düstere». Er darf den Keller nicht «Das schöne Zimmer» nennen.

Wenn man ihm keinen Bleistift gibt, muß er verzweifeln vor Qual. Er muß versuchen, mit dem Löffelstiel an die Wand zu ritzen. Wie im Gefängnis: Dies ist ein häßliches Loch. Wenn er das nicht tut in seiner Not, ist er nicht echt. Man sollte ihn zu den Straßenkehrern schicken.

Wenn man seine Briefe in anderen Häusern liest, muß man wissen. Aha. Ja. So also sind sie in jenem Haus. Es ist egal, ob er groß oder klein schreibt. Aber er muß leserlich schreiben. Er darf in dem Haus die Dachkammer bewohnen. Dort hat man die toll­sten Aussichten. Toll, das ist schön und grausig. Es ist einsam da oben. Und es ist da am kältesten und am heißesten.

Wenn der Steinhauer Wilhelm Schröder den Schriftsteller in der Dachkammer besucht, kann ihm womöglich schwindelig werden.

Darauf darf der Schriftsteller keine Rücksicht nehmen. Herr Schröder muß sich an die Höhe gewöhnen. Sie wird ihm gut tun.

Nachts darf der Schriftsteller die Sterne begucken. Aber wehe ihm, wenn er nicht fühlt, daß sein Haus in Gefahr ist. Dann muß er posaunen, bis ihm die Lungen platzen!

(Aus: W. B.: Das Gesamtwerk. Reinbek: Rowohlt 1989. S. 285)

….

Wolfgang Borchert (1921-1947) war der wichtigste innovative, junge Dichter im Nachkriegsdeutschland.

(Neben den bekannten Werksausgaben ist hinzuweisen auf: W. B.: Allein mit meinem Schatten und dem Mond. Briefe, Gedichte und Dokumente. 1996. rororo 13983.)

Informationen:

Die Analyse einer Parabel zu beherrschen nach unterschiedlichen methodischen Zugängen, bedeutet, den Autor und sein literarisches Selbstverständnis als wichtiges Zeugnis und als Repräsentanten (neben Schnurre, Böll, Bender) der jungen, unbelasteten Literatur nach 1945 in Berichten, Briefen und Kurzgeschichten zu akzeptieren, nach dem deutschen Desaster mit Krieg, Holocaust und Inhumanität. - Weiterhin sind Bezüge möglich zu Borcherts poetologischem und gesellschaftskritischem Programm “Das ist unser Manifest“ (In: “Gesamtwerk“. S. 308ff.)

*

Aufgabenstellung:

* Erfasse die Personen, ihre Aussagen und ihre Konsequenzen mit dem alten bildnerischen, hier aktualisierten Symbol des „Auges Gottes“ umzugehen.

* Wodurch unterscheidet sich der neue Prototyp des Hausherrn (des Hausverwalters…)? Erkläre den „Schriftsteller“, den W. B. als konsequenten Neugestalter des „menschlichen Hauses“: als Dichter und Verantwortlichen für Heim, Heimat und Gesellschaft auftreten lässt, als Benenner und Verkünder, als Propheten und Politiker.

**

Text 7:

Herman van Veen: von Gott I

Als Gott nach langem Zögern wieder mal

nach Hause ging, war es schön; sagenhaftes Wetter!

Und das erste, was Gott tat, war: die Fenster

sperrangelweit zu öffnen, um sein Häuschen

gut zu lüften.

Und Gott dachte: Vor dem Essen wird ich

mir noch kurz die Beine vertreten

Und er lief den Hügel hinab zu jenem Dorf

von dem er genau wusste, dass es da lag.

Und das erste, was Gott auffiel, war

dass da mitten im Dorf während seiner

Abwesenheit etwas geschehn war,

was er nicht erkannte.

Mitten auf dem Platz stand eine Masse

mit einer Kuppel und einem Pfeil

der pedantisch nach oben wies.

Und Gott rannte mit Riesenschritten

den Hügel hinab, stürmte die monumentale Treppe

hinauf und befand sich in einem

unheimlichen, nasskalten, halbdunklen

muffigen Raum.

Und dieser Raum hing voll mit allerlei

merkwürdigen Bildern: viele Mütter mit

Kindern mit Reifen überm Kopf und ein fast

sadistisches Standbild von einem Mann

an einem Lattengerüst.

Und der Raum wurde erleuchtet von einer

Anzahl fettiger, gelblichweißer,

triefender Substanzen, aus denen Licht leckte.

Er sah auch eine höchst unwahrscheinliche

Menge kleiner Kerle herumlaufen mit

dunkelbraunen und schwarzen Kleidern

und dicken Büchern unter müden Achseln

die selbst aus einiger Entfernung

leicht moderig rochen.

„Komm mal her! Was ist das hier?“

"Was das ist? Das ist eine Kirche

mein Freund,

das ist das Haus Gottes, Freund.“

„Aha… wenn das hier das Haus Gottes

ist, Junge, warum blühen hier dann

keine Blumen, warum strömt dann hier

kein Wasser und warum scheint dann

hier die Sonne nicht, Bürschchen?!“

"… Das weiß ich nicht."

„Kommen hier viele Menschen her, Knabe?“

„Es geht in letzter Zeit ein bisschen zurück.“

„Und woher kommt das deiner Meinung

nach, oder hast du keine?“

„Der Teufel…’s ist der Teufel

der Teufel ist in die Menschen

gefahren. Die Menschen denken

heutzutage, dass sie selbst Gott sind

und sitzen lieber auf ihrem Hintern

in der Sonne."

Und Gott lief fröhlich pfeifend aus

der Kirche auf den Platz, da sah er

auf einer Bank einen kleinen Kerl

in der Sonne sitzen und Gott schob

sich neben das Männlein, schlug

die Beine übereinander und sagte:

„… Kollege!“

*

(H. van Veen: Worauf warten wir? Lieder, Notizen und Geschichten. 1981: rororo 4933. S.70f.; Herman van Veen: "Eine Geschichte von Gott" (1974). Polydor 835385-2 LC 00309, 3'01. - Im Internet auch als Prosatext, als URL.:

http://www.koerperharmonie.de/geschichtegott.htm


Hermann van Veen

Geboren am 14. März 1944; in Utrecht, Holland. Er studierte Musik, Geige und Gesang. 1967 präsentierte er in Utrecht sein erstes Soloprogramm. 1969 trat er das erste Mal in der Bundesrepublik auf. Dann folgten mehrere Europa-Tourneen. Er machte einen Kinofilm, inszenierte verschiedene Theaterproduktionen, komponierte Ballettmusik und schrieb viele Bücher mit Songs, Texten und Geschichte, die vor allem Thomas Wotkewitsch ins Deutsche übersetzte.

*

«Van Veen? - Er ist ein Unterhalter, wie ihn als so komplexe Figur sonst nur ein Lexikon zu montieren wagt: Er ist Sänger und Geiger, er hat etwas von einem Schauspieler und einem sprunggewandten Tänzer, er ist Pantomime, Parodist, Imitattor, Geschichtenerzähler, kurzum: ein Spaßmacher und ein Erzieher, ein Clown, wie die Zeit ihn braucht und ihn sich ja auch hervorgebracht hat: Weiser, Moralist und Rotznase» (Aus „DIE ZEIT.“).

*

Text-Ergänzung:

Hermann van Veen:

Auf dem Sofa

Geschichte von Gott II

O ja

ich erzählte von Gott

wie er nach langem Zögern

wieder mal nach Hause ging.

Gestern habe ich das Haus gesehen

genauso wie ich es erfunden hab

mit roten Dachpfannen

Butzenscheiben

und grünen Fensterläden

unmittelbar hinter den sechzehn Pappeln am Deich.

Mein Herz stand still

und ich ertrank beinah

in Gänsehaut.

Schrecklich nervös

ging ich zur Tür

auf dem Namenschild stand: g punkt ott

das war die Chance

meines Lebens.

Gott vor dem Himmel zu sprechen

ich hatte tausend Fragen

und nahm mir vor, mit etwas ganz Einfachem zu beginnen

nicht sofort mein Pulver zu verschießen

mit

einer Frage

warum sind in deinem Namen

und dem des Vaterlandes soviel Kriege

geführt und soviel Menschen geopfert worden

das könnte ihn vielleicht abschrecken.

Ich überlegte eine ganz ganz höfliche Frage

mit der ich beginnen würde:

Grüß Gott

haben sie auch was mit dem Lotto zu tun?

Ich stellte mir vor, daß er dann lachen

und sagen würde:

Nein, Hermannus Jantinus

dein Schicksal liegt in deiner Hand

oder so was Ähnliches

in jedem Fall etwas sehr Tiefsinniges.

Ich blieb nervös

holte tief Luft

und klopfte an die Tür.

ein kleines

liebes

altes Frauchen öffnete.

«Guten Tag

ist Gott zu Hause?»

«Du sprichst mit ihm, junger Mann!»

*

(Aus: H. van Veen: Worauf warten wir? Lieder, Notizen und Geschichten. 1981: rororo 4933. S.77f.)

Hermann van Veen, privat und als Künstler auf seiner website:

URL.: http://www.hermanvanveen.com

*

Aufgabenstellung:

* Setze dich mit van Veens Darstellung von Gott, Mensch und Teufel - mit seinen Aufforderungen, Begründungen und Zumutungen zur Gottes-Frage - auseinander.

* Worin liegt das Mitmenschliche; worin das Provozierende; worin das Beispielhafte?

* Welches sind die Kriterien, mit denen „Gott“ sich den Menschen zeigt und sein „Haus Gottes“ überprüft?

*

Als abschließend-vorläufiges, weiterreichendes Motto füge ich eine außer-europäische Parabel an, von dem US-amerikanischen, indigenen Autor

Noble Red Man:

Das Große Geheimnis des Wakan-Tanka

Man kann Wakan-Tanka nennen, wie man möchte. In der Sprache der Weißen nenne ich Ihn Gott oder Großer Geist.

Er ist das Große Mysterium, das Große Geheimnis. Das ist es, was Wakan-Tanka wirklich bedeutet: das Große Geheimnis.

Man kann Ihn nicht definieren. Er ist eigentlich kein »Er« und keine »Sie«. Wir müssen diese Worte verwenden, weil wir nicht einfach »Es« sagen können. Gott ist nie ein »Es«.

Also nennt Wakan-Tanka, wie ihr wollt.

Aber vergesst nie, ihn anzusprechen.

Er möchte mit euch reden.

*

Der Autor Noble Red Man (1902-1989) war Lehrer und Sprecher der Lakota-Indianer/USA. Der Text ist entnommen „Hüter der Weisheit“. Die spirituelle Welt des Lakota-Häuptlings Noble Red Man. Übersetzt von Bettina Lemke. München 20001: dtv 36244. S. 22f.

*

Abschließende Hinweise:

In einem empfehlenswerten, kleinen, schmucken Bändchen finden sich zur religiös- gottzentrierten Sinnfrage viele alltägliche oder Lehrer-Schüler-Gleichnis-Texte aus unserer Zeit:

Behrendt, Joachim-Ernst: Geschichten wie Edelsteine. Parabeln, Legenden, Erfahrungen aus alter und neuer Zeit. München 1996. Kösel Verlag.

*

P.S.: Vorgesehen für dieses Auswahl-Angebot war auch als Text Martin Bubers wichtigste Parabel “Die fünfzigste Pforte“, in der ein Schüler Rabbi Baruchs der „Wesenheit Gottes“ nachforscht. (Sie ist u. a. enthalten in dem Reclam-Band „Deutsche Parabeln, herausgegeben von Josef Billen. Stuttgart 1982. RUB 7761).

Aber Martin Buber, der bekannteste jüdische Theologe und Dichter des 20. Jh.s, ist mit dieser einen Parabel natürlich nicht zu charakterisieren; man müsste sich mit seinem Werk nach Vorgabe und Hilfe der Theologen und Philosophen umfassender beschäftigen. Deshalb ist sein beispielhaft existenzieller Text zum Motiv des „Zugangs eines Gottsuchers zum Haus Gottes und zum Gesetz“ für einen nächsten Artikel in dieser Zeitschriften-Serie vorgesehen - im Vergleich und im Zusammenhang mit anderen motivähnlichen Parabeln vom „Gesetz-Zugang“ vorgesehen - mit den Texten Kafkas „Vor dem Gesetz“ und Joseph Roths „Tür-Gleichnis“ aus dem Roman „Hiob“.

„Wovon träumt Gott?“, diese recht intelligente Frage lässt sich versuchsweise so beantworten: „… von intelligenten Menschen“?

Ich glaube aber, dass diese Frage eine Verletzung des ursprünglichsten Gebotes des Anstandes gegen Gott oder Gottesvorstellungen darstellt:

„Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“ (Nach Dtn 5,8)

http://www.bibleserver.com/text/EU/5.Mose5

Dass auch Mose sich hilfsweise menschlicher Vergleiche bediente, um seine Gottes-Idee in anthropomorpher Vermittlung zu formulieren, sei ihm geschuldet; und uns in anthropologischer Verpflichtung vermittelt.

So lange wir als Menschheitsaufgabe keine irgendwie gleichartige Gottesvorstellungen formulieren können, sei es uns verboten, ihn als Mensch - außer als Abbild von Mann und Frau – funktionalisieren.

Für lange, lange Übergangszeiten seien uns die Be- und Erkenntnisse der Menschenrechtserklärung(en) eine globale Verpflichtung, ohne Sonderrechte für irgendein Individuum, Gruppe oder kollektive Institution.


* „Wovon Gott träumen mag“ – in menschlichen Vorstellungen formuliert?

* Dass wir uns nicht an ihm und gegen uns oder andere versündigen.

* Außer in transitorisch-parabolischer Redeweise.




[1] Wörtliche Übersetzung: die einen leichten Bissen dem Mund bieten soll. Ein alter Sprachforscher.[Gemeint ist das alte, humorvolle Wortspiel für den Begriff‚Parabel’.]

[2] Der Text war zuerst französisch 1834 erschienen; in „Revue des deux mondes, unter dem Titel “De l’Allemagne depuis Luther“.

[3] Deisten: Im Gegensatz zu den Theisten versteht H.H. hier die Deisten in ihrer Grundhaltung zu Gott nicht als dem Weltlenker; das Weltgeschehen folgt den inhärenten Gesetzen und bedarf keiner übernatürlichen Ordnungen. Deismus ist als natürliche Religion dem Vernunftglauben der Aufklärung verpflichtet.

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