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Montag, 13. Februar 2012

Der G l a u b e a n d a s G u t e i m M e n s c h e n













- In memoriam: Wim Hosenfeld - Lehrer, Reichswehr-Offizier -




Vom Glück des Glaubens an das Gute im Menschen



In Kriegszeiten:


Der polnische Pianist und der deutsche Offizier:

Wladyslaw Szpilman als verfolgter Jude und „Pianist“

Und

Wilm Hosenfeld – ein deutscher Held in Uniform

Oder

Vom Glück des Glaubens an das Gute im Menschen; auch zu Weihnachten, besonders im Krieg



Erarbeitet von


Anton Stephan Reyntjes


[Eine Fassung meines Beitrags erschien als „Literarisches Stichwort Gott“.

Folge XXXII, in der Zeitschrift „Religion heute“. Heft.60. Dezember 2004. S. 220-225.]


- Texte, Belege, Materialien und Arbeitsfragen -



Wer von der moralischen Legitimation von Widerstandskämpfern oder Gegnern der Nazis in der ganzen Welt von 1933 bis 45 in Deutschland, wer von dem Gottes- und Menschenbild solcher Frauen und Männer berichten möchte, ihrem Selbstverständnis und ihrem Zeugnis - kann sicher auf Anne Frank und ihren Vater Otto Frank hinweisen, auf die jungen Mitgliedern der Münchener Aktion „Weiße Rose“, auf den Warschauer Kinderarzt Janusz Korczak, auf den Dresdner Romanisten Victor Klemperer, auf den Industriellen Oskar Schindler und auf viele Aufzeichnungen und besonders „Letzte Briefe“ der Organisatoren und Kämpfer der Aktionen, die zum 20. Juli 1944 führten oder zu andern Widerstandshandlungen.


Im Jahre 2004 ist eine Ausnahme in der deutschen Geschichte von Krieg und Mord, Holocaust und Sondereinsatzbefehlen zu vermelden: hier Angebot vor Weihnachten, ein Hinweis auf Wladyslaw Szpilmans Lebensbericht, auf Wilm Hosenfelds Lebenswerk und Polanskis Film „Der Pianist“.


So möchte ich den Roman „Der Pianist“ von Wladyslaw Szpilman (deutsch 1998) und dessen Verfilmung durch Polanski vorstellen; und auf Wilm Hosenfeld, einen Teilnehmer des Weltkriegs I und II, aufmerksam machen, einen Katholiken, einen Volksschullehrer; insbesondere in ihm als Soldat einen Helden und Einzelgänger in Warschau während der Besatzung der Deutschen von 1939 bis 1944 dokumentieren: Szpilman und Hosenfeld sind sich in Warschau im Krieg der Nazi-Deutschen gegen Polen begegnet.

Der Pole, der überlebte, porträtierte seinen Retter. Wilhelm Hosenfeld könnte heute bei uns Namensgeber (Patron) von Schulen, Gemeindehäusern, einer Kirche oder Kaserne sein…


Die Texte sollen die einmaligen und lange unbekannten Vorgänge in Warschau vor und nach dem Aufstand der polnischen Armee vom 1. August 1944 bekannt machen.

Zur Person:

Wilm (Wilhelm) Hosenfeld

- 02.05.1895 - 13.08.1952 -

Lehrer, Soldat, Katholik, unfreiwilliger Held und heimlicher Widerstandskämpfer


Text 1:


Der Pianist Wladyslaw Szpilman lernte auf seiner Flucht im zerstörten Warschau einen deutschen Offizier kennen, der freundlich war zu Polen und Juden; er erzählte von seinem abenteuerlichen Leben im zerstörten Warschau 1944:

„Erst als (die Soldaten) mir aus den Augen waren, kehrte ich auf meinen (Dach-)Boden zurück, oder besser gesagt, in das letzte Zwischengeschoß, und begann die Gegend zu observieren. Es waren keine zehn Mi­nuten vergangen, als der Zivilist mit der Armbinde in Begleitung zweier Gendarmen zurückkam. Er zeigte ihnen die Villa, in die er mich hatte hineingehen sehen. Sie durchsuchten sie und dann noch ein paar in der Nachbarschaft. Mein Haus betraten sie überhaupt nicht. Vielleicht befürchteten sie, auf eine größere Aufständischengruppe zu stoßen, die sich noch in Warschau aufhielt. Dank der Feigheit der Deutschen, die sich nur dann gern mutig zeigten, wenn sie sich dem Gegner zahlenmäßig hoch überlegen fühlten, kam während des Krieges eine Menge Menschen mit dem Leben davon.

Nach zwei Tagen begab ich mich auf Nahrungsmittelsuche. Dies­mal wollte ich mir einen Vorrat anlegen, um mein Versteck nicht allzuoft verlassen zu müssen. Ich mußte ja bei Tage hinaus, da ich das Haus noch nicht so gut kannte, um nachts herumzustöbern. Ich geriet in eine Küche und von dort in eine Speisekammer. Et­liche Blechbüchsen gab es dort und irgendwelche Säckchen und Tüten, deren Inhalt sorgfältig geprüft werden mußte. Ich band Schnüre auf, hob Deckel. Ich war von der Suche dermaßen in Anspruch genommen, daß ich die Stimme erst hörte, als sie direkt hinter mir sagte:

„Was suchen Sie hier?“

An den Küchenschrank gelehnt, stand ein hochgewachsener, eleganter deutscher Offizier, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Was suchen Sie hier?« wiederholte er. »Wissen Sie nicht, daß in diesem Augenblick der Stab des Festungskommando Warschau in dieses Haus einzieht?«

Ich sank auf den Stuhl neben der Speisekammertür. Mit nacht­wandlerischer Sicherheit fühlte ich plötzlich, daß mir die Kräfte fehlen würden, um dieser neuen Falle zu entrinnen. Ich saß und ächzte und starrte dumpf auf den Offizier. Erst nach einer Weile stammelte ich mühsam: »Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Ich rühr' mich nicht mehr vom Fleck.«

»Ich habe nicht die Absicht, Ihnen etwas zu tun!« Der Offizier zuckte die Achseln. »Was sind Sie von Beruf?«

»Pianist.«

Er musterte mich aufmerksamer, mit sichtbarem Mißtrauen. Dann fiel sein Blick auf die Tür, die von der Küche in die Wohn­räume führte. Ihm schien etwas eingefallen zu sein.

»Würden Sie mir bitte folgen?«

Wir traten ins erste Zimmer, das sicher das Speisezimmer gewe­sen war, und dann ins nächste, wo an der Wand ein Klavier stand. Der Offizier deutete mit der Hand auf das Instrument: »Spielen Sie etwas!«

Dachte er nicht daran, daß das Klavierspiel sofort die in der Nähe befindlichen SS-Männer herbeirufen würde? Ich sah ihn fragend an und rührte mich nicht von der Stelle. Offenbar hatte er meine Befürchtungen erraten, da er beruhigend hinzufügte:

»Spielen Sie ruhig! Wenn jemand kommt, verstecken Sie sich in der Speisekammer, und ich sage, daß ich gespielt habe, um das In­strument auszuprobieren.«

Als ich die Finger auf die Klaviatur legte, zitterten sie. Diesmal hatte ich also zur Abwechslung mein Leben mit Kavierspiel zu erkaufen. Ich hatte zweieinhalb Jahre nicht geübt, meine Finger waren steif, mit einer dicken Schmutzschicht bedeckt, die Fingernägel unge­schnitten seit dem Brand des Hauses, in dem ich mich versteckt hielt. Dazu stand das Klavier in einem Zimmer ohne Fensterschei­ben, so daß der Mechanismus vor Feuchtigkeit aufgequollen war und auf den Tastendruck widerspenstig reagierte.

Ich spielte Chopins Nocturne cis-Moll. Der gläserne, klirrende Ton, den die verstimmten Saiten hervorbrachten, hallte in der leeren Wohnung und im Treppenhaus wider, flog auf die andere Straßenseite durch die Ruinen der Villa und kehrte als gedämpf­tes, wehmütiges Echo zurück. Als ich geendet hatte, schien die Stille noch dumpfer und gespenstischer. In einer Straße miaute eine Katze, ein Schuß war unten vor dem Haus zu hören ‑ rauhes deutsches Getöse.

Der Offizier sah mich schweigend an. Nach einer Weile seufzte er und knurrte:

»Dennoch sollten Sie nicht hierbleiben. Ich bringe Sie aus der Stadt heraus in ein Dorf. Dort sind Sie sicherer.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich kann nicht weg von hier!« erwiderte ich mit Nachdruck.

Erst jetzt schien er zu begreifen, was der eigentliche Grund dafür war, daß ich mich in den Trümmern versteckte. Er zuckte nervös zusammen.

»Sie sind Jude?« fragte er.

Er nahm die Arme herunter, die er bis dahin vor der Brust ver­schränkt gehalten hatte, und ließ sich im Sessel neben dem Kla­vier nieder, als bedürfte diese Entdeckung einer längeren Überle­gung.

»Nun ja!« murmelte er. »In diesem Fall können Sie in der Tat nicht weg von hier.«

Noch einmal schien er für längere Zeit in Gedanken versunken, dann wandte er sich mit einer neuen Frage an mich:

„Wo ist Ihr Versteck?“

„Auf dem Boden.“

„Zeigen Sie, wie’s dort aussieht.“ (…)

*

[Diese Passage stellt den Übergang dar zwischen Kapitel 17 („Leben gegen Sprit“) und 18 („Nocturne cis-Moll“); hier entsprechend der für den Roman effektvollen filmischen Schnitttechnik übernommenen. Darstellung] [1]


*


Wilm (recte Wilhelm) Hosenfeld hieß dieser deutsche Hauptmann; er musste heimlich zu Werke gehen und gab bei seinen Rettungsversuchen nie seinen Namen an. Er hat den verfolgten Pianisten, den zufällig aufgestöberten Überlebenden in einem Haus versteckt und versorgte ihn, so mangelhaft er es auch nur konnte, mit den nötigsten Lebensmitteln und seinem wärmenden Armeemantel.


Welche moralische Kompetenz mag ihn geleitet haben, ohne Kontakt und Information und Unterstützung durch Politikern, Philosophen, Widerstandskreisen oder Attentätern? Existenziell als Christ, als Lehrer, als Mensch, der die deutsche Klassik liebte und den Humanismus als Verpflichtung lebte. In aller Heimlichkeit, mit viel Vorsicht und phantasievollem Spürsinn half er vielen Polen und Juden.

In seiner Humanität – in seinem Charakter, in seiner Psyche – war er auch während seiner lebensgefährlichen Aktionen gesichert durch das Bewusstsein um seine Familie in Deutschland, insbesondere durch die Liebe seiner Ehefrau, der Fürsorge um seine Kinder; aber nirgendwo und nie gestützt durch seine „Kameraden“ in der Wehrmacht, auch durch keinen Geistlichen irgendeiner Konfession.

(Ein Arbeitsauftrag findet sich in Verbindung mit dem Text 2.)

*

Text 2:

In der folgenden Nacht schrieb Hosenfeld seiner Frau diesen Brief:

Warschau, 17. November 1944

Liebe Annemie -

Die Post kommt jetzt wieder spärlicher. Von Tag zu Tag warte ich auf Deine Nachricht. Aber von meinem lieben Jungen Detlev [dem gemeinsamen Sohn] bekam ich gestern einen kurzen Brief. Er meinte, sie würden schon am 13.11. entlassen und dann bald zur Wehr­macht eingezogen. Da hat ja die RAD [Reichsarbeitsdienst-]­ Zeit nicht lange gedauert […]. Was wollen sie bloß mit den klei­nen Jungen im Krieg? Sie werden wahrscheinlich eine längere Ausbildungszeit bekommen. So geht der Junge nun auch den schweren Weg. Aber ich habe immer gute Hoffnung, daß doch alles gutgeht. [...] Wir haben jetzt kein Licht; mit den Kerzen muß ich sehr sparsam sein ‑ dann ... sitze ich noch im Halbdunkel des Zimmers in den Ledersessel und bete den Rosenkranz. Nicht immer habe ich dazu Sammlung. Wie ge­ring sind eigentlich die wahren großen Bedürfnisse des Le­bens. Essen, Trinken, Schlafen, ein Dach über dem Kopf, eine warme Stube. Das sind so die äußeren Voraussetzungen. Und dann beginnt das richtige Leben, das Hinsinnen, Erinnern, die Gemeinschaft mit Gott und den lieben Menschen, die nicht mehr sind und bei ihm leben.

In dieser Nacht bin ich gegen zwei Uhr aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Da kamen sie vorbeigezogen.

Wie viele sind es schon, die mir nahestanden und nicht mehr leben. Sind es die dunkeln, langen Nächte oder ist es meine Einsamkeit, die sie rief? Es ist etwas ungemein Tröstliches, sich mit ihnen zu unterhalten. Ich fühle mich so ganz lebendig eingeschlossen in diese Gemeinschaft. Alles Kleine und Vergängliche fällt ab. Und dahinein, in diesen Kreis eingeschlossen, sehe ich meine Lieben daheim, Dich und die Kinder. Ich sehe die schlafenden Kleinen, die müden Jungen, das große Mädchen und Dich mit großen, wachen Augen in die Nacht sinnend und zu mir herkommend.

So bin ich ganz Dein Wilm.[1]


*


Nicht in diesem wie auch in keinem anderen Brief wird erwähnt, dass er an diesem Tage einen Musiker in einem Haus entdeckt hat, den er mit notwendigen Utensilien und einigen Lebensmitteln ausstattete, dass er gerettet werde - den Pianisten, der in seiner eigenen Biographie mit dem Untertitel „Mein wunderbares Überleben“ die Rettung als Wunder beschrieb.

Arbeitsauftrag:

* Vergleiche beide Texte 1 und 2; beschreibe die Handlungen übergreifend aus dem Roman Szpilmans und dem Brief Hosenfelds an seine Frau. Wo ist Übereinstimmung, wo sind Unterschiede aufzuzeigen?

* Deute psychologisch Hosenfelds Mitteilungen über seine Nacht, sein Erwachen und sein trostreiches Träumen als unbewussten, stärkenden Reflex auf die am Tag erfolgte, risikoreiche Begegnung.

*

Weitere Auskunft erhalten wir in Texten, Briefen und Aufzeichnungen, über Hosenfelds selbstgestellte, insgeheim ausgeführte Aufgaben:



Text 3:


Hosenfelds Brief an die Ehefrau; geschrieben in Warschau am 23. September 1940:

Liebste -

[...] Sonntag war ich im Wehrmachtsgottesdienst und habe auch kommuniziert. Hier ist ein sehr intelligenter Geistlicher, in seiner Art ein richtiger Soldat. Sehr viele junge Flieger waren da. Manche mit ganz feinen Gesichtern, aber wenn man bedenkt, so viel tausend Soldaten hier, und etwa nur 4-500 gehen zum Gottesdienst. Ich habe so richtig die Ge­meinschaft des Glaubens erlebt. Was ist dagegen die Phrase der »Kameradschaft«! Es gibt keine Religion ohne Konfession, das ist mir heute klar. Ich las die Lebensbeschreibung der heiligen Hildegardis (von Bingen). Was ist das für eine Frau gewesen! Ich lese auch ein anderes Buch: Arndt, »Lebenserinnerungen«. Die Zeit der napoleonischen Kriege. Auch das sind Menschen, Charaktere, Männer, eine Kraft, eine edle Gesinnung, die konnten auch Führer sein! [...]

Was Du von den Kindern der Reihe nach schreibst, ist sehr erfreulich. Fast ärgert's mich ein wenig, daß es ohne mich so gut geht. Ach, ich bin das Leben so überdrüssig hier. Man schleppt sich von einem Tag zum ändern natürlich weiter, aber wie negativ ist es. Gestern legte der Kommandant von Warschau im Beisein vieler Offiziere am Gedenkstein des Generalobersten von Fritsch einen Kranz nieder. Ich war auch mit. Der Stein steht an der Stelle, wo er gefallen ist vor einem Jahr. - Der Krieg geht weiter. Wer weiß, wie lange noch. - Ja, wann kannst Du mal wieder an die Schultüre klopfen, wenn Dein lieber Mann darin Schule hält. Je weiter ich von der Friedenstätigkeit abrücke, desto mehr sehne ich mich danach. Was habe ich doch eine Arbeit geleistet daheim, in der Schule, an den Kindern der Bauern. Jetzt wird das de­nen wohl auch mal aufgehen, den Dösköppen. Jetzt hätte ich von diesem Krieg genug abgekriegt, es reicht mir. Ich möchte dies Jahr nicht vermissen, es gehört zu mir, es ist ein Teil mei­nes und Deines Schicksals. Wir werden nie wieder vergessen, was wir an uns haben. Das Entferntsein vom Geliebten stei­gert die Liebe, die Nähe läßt sie erkalten und gleichgültig werden. Mein kleines, liebes, verliebtes Frauchen, meinst Du, Du sehnst Dich allein. Du willst mir einen verliebten Brief schreiben und bringst nichts aufs Papier. Ich weiß warum, die Worte wirken auf dem Papier so unschön und sagen das gar nicht, was man empfindet. Da läßt man’s lieber sein. Ich bin fast stets für mich. Mit den Offizieren habe ich gar keine Gemeinschaft. Sie sind mir zu tot. Ich stehe mich aber mit allen gut. Ich sitze auf meinem Zimmer und schreibe und lese, wenn die Zeit noch reicht. Heute waren wir in den umliegenden Dörfern von Warschau] und haben in einer Villen­kolonie festgestellt, wieviel Soldaten da hineingelegt werden können. Es kommen immer mehr aus Frankreich] hierher. Die Häuser stehen meist leer. Meist sind reiche Juden die Besitzer. [...][2]

(Anmerkung: Wilm Hosenfeld, S. 394f. - Die Anmerkungen zu diesem Ausschnitt aus dem Buchkapitel „Zweiter Weltkrieg. 1940“ fehlen hier; durch das Präsens „sind die reichen Juden“(des Verbs sein) drückt Hosenfeld aus, dass er die militärische Besatzungspolitik und den Antisemitismus der deutschen Wehrmacht nicht akzeptiert. Für ihn gilt noch die polnische Rechtsordnung, da die Deutschen Besatzer sind.

Arbeitsauftrag:

Beschreibe das Verhältnis Hosenfelds zu den Personen seines familiären und soldatischen Umfeldes und zu den genannten geistigen Figuren, um seine Situation, die Umstände und die Bedingungen im zerstörten Warschau zu charakterisieren.



Text 4:


Hauptmann Hosenfeld schreibt an die ihm unbekannte Familie Zieringer (Brief vom 25. Oktober 1944)


Liebe Familie Zieringer -


Vor etwa 10 Tagen besuchte ich, wie jeden Morgen, den kleinen Heldenfriedhof in dem Park des Gutes, in dem unser Stab Quartier bezogen hat. (In der vergangenen Nacht waren gefallene Kameraden aus den Kämpfen nördlich Warschau ge­bracht worden.) Wenn ich in die Nähe des Friedhofs komme, dann verlangsamt sich mein Schritt angesichts der frischen Gräber, aber besonders deshalb, weil während der Nacht die am Vortage gefallenen Soldaten gebracht werden und im Schutz der Bäume gelagert werden. Mein Auge sucht schon von der Ferne, und zögernden Schrittes gehe ich näher. Da liegt einer, die Arme hinten verschränkt, mit dem Haupt an den Baum gelehnt. Er scheint mir sehr groß. Die Zeltbahn, mit der er zugedeckt ist, reicht nicht aus. Ich stehe vor dem Toten und kann nicht weitergehen. Wenn das mein Sohn wäre? Ich knie neben ihm nieder und schlage das Tuch zurück und schaue auf ein junges, schönes Angesicht, die Augen sind ein wenig geöffnet, ebenso die Lippen. Eine Wunde ist nicht zu sehen. Die Haare hängen ihm wirr in die Stirne. Ich nehme seine kalte Hand, dann lege ich ihm die Haare zurück und streichle ihm die Wange und schaue ihn lange an und denke daran, daß ich der letzte Mensch bin, der diesen Jungen zum letzten Male sieht. Ich bin ihm Vater und Mutter, Bruder und Schwester. All das Leid, das Ihr um Euern lieben Sohn und Bruder nun tragen müßt, das kommt über mich. Und so streichle ich immer wieder sein totes Gesicht und denke, daß ich Abschied für Sie nehmen will.

Sehen Sie, liebe unbekannte Familie Zieringer, deswegen schreibe ich an Sie. Ich kenne Ihren Sohn nicht. Ich bin ihm nur dies eine Mal begegnet. Ich bin der letzte Mensch gewe­sen, der Ihr Liebstes mit Augen der Liebe angesehen hat und darf wohl glauben, daß er mir diesen letzten Gruß an Sie auf­gegeben hat. Sehen Sie, darum schreibe ich Ihnen. Ich kann sie nicht trösten, das kann Gott allein.

Ich habe ein Gebet für ihn gesprochen und habe darum gebetet, daß Gott Sie in Ihrem Schmerz trösten möge. Ich ließ mir vom Gräberoffizier den Namen des Gefallenen sagen und erfuhr somit auch Ihre Adresse.

Jeden Tag gehe ich an der Grabstätte Ihres Sohnes und der vielen andern, die hier bestattet liegen, vorbei und grüße sie und bete ein Vaterunser.

In inniger Teilnahme an Ihrem Schmerz grüße ich Sie,


W. Hosenfeld


Anmerkung:

W. H.: „Ich versuche jeden zu retten“. Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. Hrsg. v. Thomas Vogel. München 2004. DVA. S. 872. - W. H: S. 863f, hier ohne Anmerkungen wiedergeben. Ein Antwortschreiben der Familie Zieringer vom 11.11.1944, das deren Dank ausdrückt, ist belegt.

Arbeitsauftrag:

Versetze dich in die Situation des Soldaten und die Umstände und die Bedingungen im zerstörten Warschau:

· Was interessiert den Hauptmann in der Situation?

· Wie kommt er dazu, der unbekannten Familie zu schreiben und sein Beileid auszudrücken?

· Welche Überzeugungen prägen diesen Brief?

Bewerte diese Handlungen und charakterisiere den Menschen Hosenfeld in seiner soldatischen Rolle.



Text 5:


Hosenfelds Brief an seine Familie:

An Ehefrau und Kinder (Brieffragment) Anfang November 1944


(...) Auf meinem Schreibtisch steht eine wunderbare, goldene Monstranz. Ich e meinen Augen nicht, als ich heute morgen in eine benachbarte Kirche kam und diese Kostbarkeit zwischen allen möglichen Sachen auf dem Altar stehen sah.

Der Altar war verwüstet, Bilder, Leuchter, Bücher, Blumenva­sen, Meßgewänder, Kerzen, alles übereinander, das Tabernakel aufgerissen, sogar die Altarsteine weggerückt und dazwischen die Monstranz. Ich dachte erst, daß sie wohl aus einer minderwertigen Legierung hergestellt sei, anders konnte ich m nicht erklären, daß sie noch dastand. Es sind doch drei Monat her, daß der Aufstand losging und Tausende von Menschen hielten sich in der Kirche auf. Noch eine kleinere fand ich, die auch sehr kostbar ist. Ich habe noch nie eine solche Monstranz in der Nähe gesehen und kann mich jetzt nicht Sattsehen das an. Ich versuche, sie mit meiner armseligen Feder nachzubilden. Dabei entdecke ich erst die ganze Schönheit der Teile. Das Ganze ist wie eine gotische Kirche, mit einem Mittelturm und vielen kleinen Türmchen verziert mit Säulen und Türmchen und echten Edelsteinen. Ich überlege, wie ich sie und wem ich sie übergeben kann. Vielleicht kriege ich einen Wagen und bringe sie mit den vielen Gewändern, die in der Sakristei herumliegen, dem Erzbischof. Er muß in einem Vorort von Warschau leben. Die Monstranz ist fast 1 Meter hoch und so schwer, daß ich sie mit einer Hand nicht lange heben kann. Jetzt muß ich Schluß machen. Ich will noch einmal einige Posten abgehen und die Quartiere meiner Land nachsehen, dann gehe ich geschwind ins Bett. (...)



(Arbeitsauftrag s. nach Text 6)


Text 6:


Ergänzende Angaben zu diesem Fund macht Hosenfeld im Brief vom 7.11.1944 an seine Frau:

(…) Die Monstranz und die übrigen Meßgeräte sind heute abgeholt worden von einem Beauftragten des Erzbischofs. Gut, daß ich alles so schön aufgehoben hatte. Ich habe in meinem Schlafzimmer noch ein großes Bild hängen. Christus am Kreuz. Ich glaube, es ist ein altes Bild. In dem Haus wohnte früher die Polizei, die hatten es natürlich weggesteckt. Wenn es geht, schneide ich es aus dem Rahmen und nehme s mit. Ich stehe oft davor und lassen den Gekreuzigten zu mir sprechen. Jesus hat ausgelitten; ein unendliche Friede ist in seinem Antlitz; die Gewissheit seines Sieges über die Welt und ihr Gemeinheit, ein Hauch der zukünftigen Auferstehung liegt über dem Haupt. Rechts und links stehen Maria und Johannes. Maria schmerzerfüllt, doch aufrecht, Johannes in Trauer versunken, mit geneigtem Haupt. Er hat den Sinn des Kreuzestodes seines Herrn noch nicht begriffen. Es geht mit wie ihm. Und doch drängt sich mir mit starkem Gefühl der Sinn der Wort auf: Durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.“ (S. 867f.)

(Erläuterungen: Es handelte sich bei diesem Altargerät um eine Turmmonstranz in gotischem Stil; Hosenfeld fertigte ein Bild an, das erhalten blieb. Bei dem kirchlichen Würdenträger handelte es sich um den polnischen Bischof Szlagowski, den W. H. informieren konnte).


Arbeitsaufträge (zu Brief 5 und 6):

Kennzeichne die Situation, die der Offizier Hosenfeld vorfindet.

* Welche Vermutungen stellt er an?

* Welche Initiativen entfaltet er?

* Wie kennzeichnet er seinen Kreuzesglauben?

Welche humanen und christlichen Auffassungen ergeben sich für den Soldaten und Menschen Hosenfeld aus seinen Worten und Werken?


Text 7:


Wilm Hosenfelds Brief an seine Ehefrau und die Kinder; aus Warschau, vom 10. Dezember 1944; als Weihnachtsbrief, da absehbar war, dass er keinen Urlaub erhalten würde und die militärische Lage sich täglich zur Niederlage wenden könnte.

Meine Lieben daheim –

heute ist der zweite Adventssonntag. Oben in Eurer Stube hängt der Lichterkranz, an dem Ihr zwei Kerzen angebrannt habt. Du, liebe Annemie, denkst, indem Ihr die frommen Lieder singt. Die eine ist für Wilm, die andre ist dem kommenden Christkind; so nah stellst Du Deinen Mann neben das göttliche Kind, damit es ihn wieder heimführe. Ich sehe Euch in dem halbdunklen Raum eins nach dem andern; Eure Augen sind groß und rein. Sie suchen die Wunder der Weihnacht und blicken ins Zwielicht der Kerzen und in das halbdunkle Rund, ob nicht doch sich die Sinne täuschen, ob nicht doch der liebe Vater in der Nähe sei. Es ist jetzt, da ich das schreibe, die fünfte Stunde am Abend. Ich weiß, daß Ihr jetzt versammelt seid und Eure Sonntagsfeierstunde haltet, und ich bin bei Euch, so wie ich bei Euch sein will, wenn Ihr am Heiligen Abend Euer einsames Christfest feiert. Der beiden Jungen und meine Sehnsucht ist dann zwischen Euch. Ach, Eure Herzen sind so schwer, und die liebe, gewohnte Welt um Euch so leer und kalt. Aber Ihr habt doch einen Lichterbaum, wenn es auch nur wenige Kerzen daran sind. Die Lichter brennen hell wie in andern Jahren, als sie die ungetrübten Freuden glücklicher Kinder beschienen, und der dunkle Baum duftet wie früher, und die bunten Glaskugeln glänzen wie jedesmal. Und wenn Euch die Tränen in den Augen schim­mern, sie schimmern vervielfacht den Schein des Lichtes. Sie wollen Euch sagen, seid nicht traurig, seid nicht kleingläubig und verzagt. Es geschehen große Dinge in der Welt. Grauen­haftes Leid zieht über die Welt. Die Wogen des Hasses, der Lüge, der Gemeinheit wälzen sich über die Erde. In ihrem Gefolge ist das Sterben der Millionen unschuldiger Gequälter. Viele sind es, die das Leben verfluchen, die Gott hassen und sich aufbäumen gegen die Sinnlosigkeit des Elends, in das sie gestoßen wurden. Für sie gibt es keinen Ausweg, überall steht Grauen, Angst, überall lauert die Not; um sie herum steht die dunkle Nacht der Verzweiflung. Ja, es geschehen große Dinge jetzt; Gott läßt die Menschen in dem Dunkel des Verblendetseins herumirren. Sie wollten ja nichts von ihm wissen. Auch jetzt noch rufen sie ihn nicht, er ist gar nicht da für sie. Soll er sich um sie kümmern? Wir kleinen Menschen könnten so klein von ihm denken, weil wir selbst nichtige Kreaturen sind. Aber er ist gut und gewaltig, erhaben, allgütig und barmher­zig. Und wir wollen zu denen gehören, die ihm unser eigenes Leid, unsere eigenen Kümmernisse als kleine, bescheidene Opfer hinreichen, daß er uns gnädig sei und daß er die Welt erlöse von der entsetzlichen Geisel des Krieges. Sieh, da leuchtet der Stern über dem Stall von Bethlehem und weist uns den Weg wie damals in der Geburtsnacht den Hirten, und unser Singen und Loben vereinigt sich mit dem Gesang der Engel. Wir gehören ja zu den Geweihten, die an die Erlösung glauben. Und mit den frommen Königen kommen wir ge­gangen und bringen auch unsre Opfer dar. Die langen Tage unserer Trennung, die schweren Nächte unserer Sehnsüchte, die angstgequälten Stunden der Sorge, unsere Verlassenheit und die Zerrissenheit unserer Herzen. In Demut neigen wir unser Haupt und bitten, daß er unsern Gaben geneigt sei. Mit uns gehen all die Notbeladenen; aus jeder Türe des Dorfes kommen sie, aus jedem Haus der Städte schließen sie sich an. Es ist ein langer, feierlicher Zug, der da heranwallt zu der Krippe des Gotteskindes, die Toten sind in ihrem Geleite, die vielen Toten dieses Krieges. Voran schreiten die Mütter, die jenen das Leben gegeben, ihnen folgen die Väter, die Bräute, Brüder und Schwestern, und ihnen die Kinder. Alle tragen sie in ihren erhobenen Händen ein Opfer und legen es zu Füßen des Gottessohnes. Und siehe, ein Lächeln geht über das Gesichtlein des Kindes. Was kann es anders sein als Verheißung unseres Bittens. So sehe ich Dich, meine liebe Frau, diese Weihnacht begehen; so sehe ich Euch, meine Kinder, und so will auch ich mit Euch gehen. Und es wird uns dann so sein, als wenn wir früher zusammen aus der Christmette kamen und wir gingen Hand in Hand durch die Dunkelheit nach unserm Haus. In unsern Herzen noch das Singen und Jubeln des Liedes: „Auf, Christen, singt festliche Lieder“, und vor uns die Erwartung der warmen Weihnachtsstube voll der schö­nen Gaben, die das Christkind gebracht hatte. So werde ich auch dieses Jahr mit Euch feiern und mit Euch vereint sein. Und mein Herz wird überströmen vor Dankbarkeit, daß es all diese schönen, glücklichen Weihnachtsfeste erleben durfte, indem er mir diese liebe Frau zuführte und uns diese guten Kinder schenkte. Und froh will ich sagen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind; denn ich weiß, Ihr singt und betet es mit mir, Ihr, meine treuesten und liebsten Menschen, in der Hoffnung, dass Euch Gott gnädig zusammenführe mit

Euerm fernen, lieben Vater.


(W. Hosenfeld, S 179ff.)



Arbeitsauftrag:

Analysiere die Erklärungen und kennzeichne den Weihnachtsglauben des Christen Hosenfeld.

*

Abschließender Arbeitsauftrag:

des Artikels "Vom Glück des Glaubens an das Gute im Menschen"; in "Religion heute. Heft 60/2005. Friedrich Verlag. S. 225.)

Fertige für einen Weihnachtsgottesdienst und/oder für die website deiner Schule einen Gedenktext, der das Vorbild Wilm Hosenfels einbezieht.

Nutze für die abschließende Diskussion die Informationen aller Texte.

Erkunde, auch im Vergleich mit anderen historischen Zeugen und Zeugnissen zum Holocaust, diese Frage:

In Nazi-Deutschland waren zur Zeit der größten Machtentfaltung 5,6 Mill. Männer Soldat in Uniform und unter Waffen; es gab zigtausende Männer und Frauen in Ordens- und Ehrenkleidern; es gab die gezielt geförderte Elite in Wissenschaft und Politik und Kultur. Für alle Führungskräfte war die schulische Grundbedingung das deutsche Abitur mit der als unumgänglich angeordneten Lektüre der Texte des humanistischen Bildungsgutes (z.B. Goethes „Faust“).

Warum waren Widerstandsleistungen wie die von Wilm Hosenfeld im „Deutschen Reich“ Hitlers und der fanatisierten Nazi-Deutschen absolut singulär?

Weiterführende Angaben:

[Die Verwendung der hier angegebenen URL.s und der Links unterliegt einzig der Verantwortung des Benutzers.]

*

Nutze für die Analyse und Bewertung der Lebensleistung Hosenfelds noch folgende Texte aus dem Internet; dort sind fortlaufend neue Angebote als Hilfen zu diesem Thema verfügbar:


www.derpianist-derfilm.de


www.dva-buch.de/sixcms/detail.php?id


Manfred Karnetzki: Predigt am 18 Juli 2004 zum 20. Juli 1944; über Römer 6,3-11; URL.: http://www.oekumene24.de/aktuelles/20juli1944.html

Hanns-Georg Rodek: Freigeist. Der deutsche Offizier Wilm Hosenfeld rettete 1944 einen jüdischen Pianisten. Die wahre Geschichte zum Film; URL:

http://morgenpost.berlin1.de/archiv2002/021027/biz/story558113.html

Torsten Hampel: Retten, wer zu retten ist;

URL.: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/09.07.2004/1235140.asp

*

Eine Monstranz, eine gotische Kirche vorstellend; hier als Beispiel aus der Kirche „Heilig Kreuz“ in Donauwörth.

http://www.heiligkreuz-donauwörth.de/archiv/bilder_vor_1999/teil3/9_monstranz.jpg


**


Literatur:


Wilm Hosenfeld: „Ich versuche jeden zu retten“. Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. München 2004. DVA.

„Retter in Uniform“. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht. Hrsg. von Wolfram Wette. Frankfurt/M. 2002. Fitabu 15221.

W. Wette: Rezension zu: Wilm Hosenfeld: »Ich versuche jeden zu retten« (DIE ZEIT 29/2004)

Der Film Roman Polanskis: Der Pianist. DVD-Kassette. Atlas pictures [82876 50039 9]

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[1] Wladyslaw Szpilman: Der Pianist. Mein wunderbares Überleben Mit einem Essay von Wolf Biermann. (Zuerst deutsch 1998). München 2002. Ullstein-TB 36351. S. 170 -174.

[2] W. H.: „Ich versuche jeden zu retten“. Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. Hrsg. v. Thomas Vogel. München 2004. DVA. S. 872.

[3] W. H: S. 863f,.hier ohne Anmerkungen wiedergeben. Ein Antwortschreiben der Familie Zieringer vom 11.11.1944, das deren Dank ausdrückt, ist belegt.




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