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Donnerstag, 8. Dezember 2011

Gottfried Keller: Tod eines Mädchens im Pfarrhaus



Literatur und Religion - II -

Tod eines Mädchens im Pfarrhaus

Die Geschichte des durch religiöse Zwangsvorstellungen verschuldeten Todes des Mädchens Meret ("Emerentia")[in Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“. Erster Band (um 1850)]



Als Literarisches Stichwort Gott Folge 44.
Essay für „Religion heute“ (E. Friedrich Verlag)


Gottfried Keller. Gedenktafel an Kellers Münchner Wohnsitz in der Kaufingerstraße



Textpassagen sollen das Milieu und das Verhalten des Mädchens erhellen:

Textpassage 1:

Als ich
[so eröffnet der Erzähler Keller diese Meret-Episode] in späteren Jahren im Heimatdorfe auf Besuch war, wurde ich an das Ereignis lebhaft erinnert durch eine Geschichte, welche sich vor mehr als hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen hatte und einen tiefen Eindruck auf mich machte. In einer Ecke der Kirchhofmauer war eine kleine, steinerne Tafel eingelassen, welche nichts als ein halb verwittertes Wappen und die Jahreszahl 1713 trug. Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzählten allerlei abenteuerliche und fabelhafte Geschichten von demselben, wie es ein vornehmes Kind aus der Stadt, aber in das Pfarrhaus, in welchem dazumal ein gottesfürchtiger und strenger Mann wohnte, verbannt gewesen sei, um von seiner Gottlosigkeit und begreiflich frühzeitigen Hexerei geheilt zu werden. Dieses sei aber nicht gelungen; vorzüglich habe es nie dazu gebracht werden können, die drei Namen der höchsten Dreieinigkeit auszusprechen, und sie in dieser gottlosen Halsstarrigkeit verblieben und elendiglich verstorben. [...] (S. 33f.)

Keller zitiert dann aus der fiktiven Rechtfertigungsschrift des Geistlichen die gefühllose Mutter der Meret, die sich großsprecherisch-pathetisch in Selbstmitleid ergeht:

Was das Kind leidet, das leiden auch wir, und ist uns in seinem Leiden selbst Gelegenheit zur Buße gegeben, so wir für ihn‘s thun können; derohalb brechen Ew. Wohlehrwürden in Nichts ab, Euere Fürsorge und Education betreffend. Wenn das Töchterlein dereinst, wie ich zum allmächtigen und barmherzigen Gott verhoffe, hier oder dort erleuchtet und gerettet seyn wird (man beachte, wie fein und klar die Mutter mit diesem »hier oder dort« das Todesurteil über ihr Kind ausspricht. P v. M.), so wird es unzweifelhaft sich höchlich erfreuen, ein gutes Theil seiner Buße schon mit seiner Verstocktheit abgethan zu haben, welche über ihn‘s zu verhängen der unerforschliche Meister beliebt hat!

Literarisch spannend ist nun die Frage, wie Keller das andere Heilige, das hohe Gegen-Gesetz, in einem Text zur Erscheinung bringen kann, der durchweg vom Vertreter der steinernen Orthodoxie gesprochen wird.

Es wird manifest im sprachlosen Verhalten des Kindes, das eine Bedeutung gewinnt, von welcher der Schreiber selbst keine Ahnung hat. Hier zeigt sich auch die künstlerische Notwendigkeit der artifiziellen Sprache. jenes Verhalten nämlich ist der Leserschaft um 1850 (der „Grüne Heinrich“ entstand zwischen 1845 und 1855) bekannt aus dem Erfinden und Dichten der deutschen Romantik.
Die Szenen lassen sich lesen wie Zeichen, die dem fiktiven Verfasser selbst völlig fremd sind. So wird berichtet, wie das Kind immer wieder in die Natur hinaus flieht, wo es mit den Tieren vertrauten Umgang hält. Vögel kommen zu ihm, giftige Schlangen auch, und tagelang kann es am Wasser sitzen bei den Forellen, die, wie in den franziskanischen Legenden, seine Nähe suchen und aufblitzend um seine Füße spielen. Ebenso liebevoll zugetan sind ihm die Bauernkinder. Sie werden, wie übrigens auch die unverbildeten Erwachsenen, von ihm angezogen, hergebannt von seiner erotisch lockenden Anmut. Dafür hat der Pfarrer nun sehr wohl ein Sensorium: er wittert sogleich die Verführungskünste des Teufels und sieht sich bestärkt, wenn Meret wieder einmal irgendwo in der grünen Natur ihre jämmerlichen Kleider abwirft.


Textpassage 2:
(S. 37)

"Jeden Falls steckt der Teufel in ihr und habe ich ein schlimmes Stück Arbeit übernommen."

Und seine Aufgabe beschreibt zwanghaft agierende Geistliche:

"Vielmehr soll ich sie fortan als ein einfaches Pflegekind tractiern und allein fürsorgen, dass sie kein öffentlich Aergerniß gebe. (...)

Vorgestern ist uns die kleine Meret desertiret und haben wir große Angst empfunden, bis dass sie heute Mittag um 12 Uhr zu obrist auf dem Buchenloo ausgespüret wurde, wo sie entkleidet auf ihrem Bußhabit an der Sonne saß und sich baß wärmete. Sie hatt' ihr Haar ganz aufgeflochten und ein Kränzlein von Buchenlaub darauff gesetzet, so wie ein dito Scherpen um den Leib gehenkt, auch ein Quantum schöner Erdbeeren vor sich liegen gehabt, von denen sie ganz voll und rundlich gegessen war. Als sie unser ansichtig ward, wollte sie wiederum Reißaus nemen, schämete sich aber ihrer Blöße und wollte ihr Habitlein überziehen, dahero wir sie glücklich attrapiret. Sie ist nun krank und scheinet confuse zu seyn, da sie keine vernünftige Antwort giebet. (...)

... Mit dem Meretlein gehet es wiederum besser, jedoch ist sie mehr und mehr verändert und wird des Gänzlichen dumm und stumm. Die Consultation des herbeygeruffenen Medici verlautet dahin, dass sie irr und blödsinnig werde und nunmehr der medicinischen Behandlung anheim zu stellen sey; er offerirte sich auch zu derselbigen und hat verheißen, das Kind wieder auf die Beine zu bringen, wenn es in seinem Hause placiret würde. Ich merke aber schon, dass es dem Monsieur Chirurgo nur um die gute Pension benebst denen Präsenten von Madame zu thun seye, und berichtete derohalb, was ich für gut befunden, nemlich dass der Herr seinen Plan nunmehr an ein Ende zu führen scheine mit seiner Creatur und dass Menschenhände hieran Nichts changiren möchten und dürften, wie es in Wirklichkeit auch ist."


Nach Überschlagung von fünf bis sechs Monaten heißt es weiter:

"Es scheinet dieses Kind in seinem blöden Zustande einer trefflichen Gesundheit zu genießen und hat ganz muntere rothe Backen bekommen. Hält sich nun den ganzen Tag in den Bohnen auf, wo man sie nicht siehet und weiter nicht um sie bekümbert, zumalen sie weiter kein Aergernuß giebet. (...)

Das Meretlein hat sich in Mitten des Bohnenplatz einen kleinen Saion arrangiret, so man entdecket, und hat dorten artliche Visites acceptiret von denen Bauernkindern, welche ihme Obst und andere Victualia zugeschleppet, so sie gar zierlich vergraben und in Vorrath gehalten hat. Daselbst hat man auch jenen kleinen Kindsschedel begraben gefun
den, welcher längst abhanden gekommen und dahero dem Küster nicht restituiret werden konnte. Dergleichen auch die Spatzen und andere Vögel herbeygezogen und zahm gemacht, dass die den Bohnen viel Abbruch gethan und ich jedoch nicht mehr in die Bohnenstauden schießen können, von wegen der kleinen Insaß. Item hat sie mit einer giftigen Schlangen ihr Spiel gehabt, welche durch den Hag gebrochen und sich bei ihr eingenistet; in summa, man hat sie wieder ins Haus nernen und inne behalten müssen. (...)

Die rothen Backen sind wiederum von ihr gewichen und behauptet der Chirurgus, sie werde es nicht mehr lang prästiren. Habe auch schon an die Eltern geschrieben. (...)

Heut vor Tag muß das arme Meretlein aus seinem Bettlein entkommen, in die Bohnen hinauß geschlichen und dort verschieden seyn; denn wir haben sie alldort für todt gefunden in einem Grüblein, so sie in den Erdboden hinein gewühlet, als ob sie hineinschlüpfen wollen. Sie ist ganz gestabet gewesen und ihr Haar so wie ihr Hemdlein feucht und schwer vom Thau, als welcher auch in lauteren Trop fen auf ihren fast röthlichen Wänglein gelegen, nicht anders, denn auf einem Abpfelblust. Und haben wir einen heftigen Schrecken bekommen und bin ich in große Verlegenheit und Confusion gerathen den heutigen Tag, dieweill die Herrschaft aus der Stadt angelanget, just wie meine Ehefrau verreiset ist nach K., um allda einiges Confect und Provision einzukaufen, damit die Herrschaften höflichst zu traairen. Wußte derohalb nicht, wo mir der Kopf gestanden und war ein großes Rennen und Laufen, und sollten die Mägde das Leichlein waschen und ankleiden, und zugleich für ein guten Imbiß sorgen. Endlich habe ich den grünen Schinken braten lassen, so meine Frau vor acht Tagen in Essig geleget, und hat der Jakob drei Stück von denen zahmen Forellen gefangen, welche noch hin und wieder an den Garten kommen, obgleich man die selige (1) Meret nicht mehr zum Wasser hinauß gelassen. Habe zum Glück mit diesen Speißen noch ziemliche Ehre eingeleget und haben dieselbigen der Madame wohl geschmecket. Ist eine große Traurigkeit gewesen und haben wir mehr denn zwei Stunden in Gebeth und Todesbetrachtungen verbracht, desgleichen in melankolighen Reden von der unglückseligen Krankhaftigkeit des verstorbenen Mägdleins, da wir nun annemen müssen zu unserem vermehrten Trost, dass selbe in einerfatalen Disposition des Blutes und Gehirns ihren Ursprung gehabt. Daneben haben wir auch von den sonstigen großen Gaben des Kindes geredet und von seinen oftmaligen klugen und anmuthigen Einfällen und Impromptus und Alles nicht zusammenreimen können in unserer irdischen Kurzsichtigkeit. Morgens am Vormittag wird man dem Kind ein Christlich Begräbniß geben und ist die Präsenz der fürnehmen Eltern dazu kommlich, ansonsten die Pauren sich widersatzen mögten. (...)

Dieses ist der allerwunderbarste und schreckhafteste Tag gewesen, nicht nur allein, seit wir mit dieser unseligen Creatur zu schaffen, sondern der mit überhaupt in meiner ruhsamen Existenz aufgestoßen ist. Denn als die Stunde gekommen und es zehn Uhr geschlagen, haben wir uns hinter dem Leichlein her in Bewegung gesetzet und nach dem Gottesacker begeben, indessen der Sigrist die kleine Glocken geläutet, was er aber nicht mit sehrem Fleiße gethan, dieweil es fast erbärmlich geklungen und das Ge . läute zu Halbpart vom starken Winde verschlungen worden, der unwirsch gewehet hat. Und war auch der Himmel ganz dunkel und schwül, sowie der Kirchhof von Menschen entblößet außer unserer kleinen Compagnie, hergege außerhalb denen Mauren die ganze Baursame vereiniget und hat neugierig die Köpfe herüber gerecket. Wie man aber so eben das Todtenbäumlein in das Grab hinunter senken wollen, hat man ein seltsamen Schrei gehört aus dem Todtenbäumlein hervor, so dass Wir auf das Heftigste erschrocken sind und der Todtengräber auf und davon gesprungen ist. Der Chirurgus aber, welcher auch herzugeloffen, hat schleunigst den Deckel losgemacht und abgehebt, und hat sich das Tödlein als lebendig aufgerichtet und ist ganz behende aus dem Gräblein gekrochen und hat uns angeblicket. Und wie im selbigen Moment die Strahlen Phöbi seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen, so hat es in seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzrigen Krönlein ausgesehen, wie ein Feyen oder Koboltskind. Die Frau Mama ist alsobald in eine starke Ohnmacht verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestürzet. Ich selbst habe mich vor Verwunderung und Schrecken nicht gerühret und in diesem Moment steif an ein Hexenthum geglaubt. Das Mägdlein aber hat sich bald ermannt und ist über den Kirchhof davon und zum Dorf hinaus gezwirbelt, wie eine Katz, dass alle Leute voll Entsetzen heimgeflohen sind und ihre Thüren verriegelt haben. Zu selbiger Zeit ist just die Schulzeit aus gewesen und ist der Kinderhaufen auf die Gaß gekommen, und als das kleine Zeugs die Sache gesehen, hat man die Kinder nicht halten können, sondern ist eine große Schaar dem Leichlein nachgelaufen und hat es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit dem Bakel gesprungen. Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und nicht eher Halt gemacht, als bis es auf dem Buchenloo angekommen und leblos umgefallen ist, worauf die Kinder um dasselbige herumgekrabbelt und es vergeblich gestreichelt und caressiret haben. Dieses Alles haben wir nach der Hand erfahren, weil wir mit großer Noth in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer desolation verharret sind, bis man das Leichlein wiederum gebracht hat. Man hat es auf ein Matraz gelegt und ist die Herrschaft darauf verreiset mit Hinterlassung einer kleinen Steintafell, worein Nichts als das Familienwappen und Jahrzahl gehauen ist. Nunmehr liegt das Kind wieder für todt und getrauen wir uns nicht, zu Bett zu gehen aus Furcht. Der Medicus sitzet aber bei ihm und meint nun, es sei endlich zur Ruh gekommen."
„Heute hat der Medicus nach unterschiedlichen Experimenten erklärt, dass das Kind wirklich todt seye und ist es nun in der Stille beigesetzt worden und nichts Weiteres arrivirt u. s. f." (S. 40-44)


Dazu schreibt Peter von Matt in einer literaturwissenschaftlichen Analyse:
"Für die Leserinnen und Leser um 185o wird Meret in diesen Szenen sofort erkennbar als verwandt mit den naturmythischen Wesen, den Undinen und Sylphen, die im romantischen Erzählen eine so bedeutende Rolle spielen und die ja auch dort schon in Konflikt geraten mit der christlichen Orthodoxie und einer puritanischen Gesellschaft. Aber während ein Eichendorff in seinen Hexen, Waldfrauen und reitenden Loreleis durchaus das gefährliche Heidnische sieht ein objektiv Widerchristliches, dem er das bannende Kreuz entgegenstreckt, verkörpert das Mädchen Meret in Kellers Roman die diesseitige Göttlichkeit der Welt. Sie ist die leibhaftige Erscheinung einer verbotenen Wahrheit, und in der Handlung wird sie zu deren rührender Märtyrerin. Ihr Mißraten, wofür ihr die Eltern auf scheinheiligem Umweg den Tod antun, ist ein mirakelhaftes Glücken und Gelingen. Um dies zu vermitteln, arbeitet Keller planvoll mit Elementen der christlichen Legende, die er in ihr Gegenteil wendet. So verknüpft er das Wunder aus den alten frommen Erzählungen mit dem Naturglauben seiner neuen Frömmigkeit. Dies geschieht bei Merets Umgang mit den Tieren, geschieht aber insbesondere am Schluß, wo das tote Kind bei der Bestattung aus dem Sarg heraus aufschreit und sich wieder aufrichtet: »Und wie im selbigen Moment die Sonne seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen, so hat es in seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzernden Krönlein ausgesehen wie ein Feyen- oder Kobolts-Kind. Die Frau Mama ist alsobald in eine starke Ohnmacht verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestürzet.“ Eine kleine irdische Auferstehung wird da vollzogen, in provokanter Analogie zu den Legenden-Wundern, eine Auferstehung, die nicht zum ewigen Leben im Jenseits führt, sondern zur friedensreichen Vereinigung mit der lebendigen Erde. Das Mädchen springt blitzschnell „über den Kirchhof davon und zum Dorf hinaus", auf jenen Berg, wo es einst laubbekränzt seine Geborgenheit in der Natur gefeiert hat, und da stirbt sie nun zum zweiten Mal, von den Kindern umgeben, von ihnen "gestreichelt und caressiret."

Es ist also nicht zuletzt die literarische Form, wodurch die Erzählung das Gegengesetz, ihr eigenes Sacrosanctum, zum Vorschein bringt und die
radikale Verkommenheit einer Tochter in die Verklärung einer kleinen Prophetin verwandelt. Und gemäß dieser Doppelstruktur verläuft auch der moralische Pakt. Das Reden und Schildern des Pfarrers unterstellt eine selbstverständliche Übereinstimmung mit dem Leser, aber diese tritt sogleich in einen schreienden Kontrast mit der Übereinkunft, welche die Bilder- und Zeichenrede des gleichen Textes in die Wege leitet. Es laufen also zwei Strategien gleichzeitig ab, wobei die ungestüme Weigerung, dem Pfarrer zuzustimmen, den Leser dazu bringt, zur gegenteiligen Haltung und damit zur sittlich-metaphysischen Position des Romanganzen vorbehaltlos ja zu sagen. Die in die Anfangskapitel des weitläufigen Werks eingefügte Geschichte von einem heillos verkommenen Kind wird so zu einem literarisch-moralischen Labor, wo das heiligste Gesetz des ganzen Romans entwickelt und erprobt und im Gefühlsverkehr mit Leserinnen und Lesern besiegelt wird. In der Empörung über den starr orthodoxen Pfarrer, der wir uns nicht entziehen können und die sich mit dem Entzücken über das magische Naturwesen immer noch steigert, treten wir begeistert in eine Koalition mit dem Romanerzähler - der nichts anderes will - und erklären uns im voraus schon einverstanden mit allen Folgerungen, die sich daraus im weiteren Erzählverlauf ergeben mögen. Deine Feinde sind auch meine Feinde, und deine Freunde sind auch meine Freunde: diese Erklärung geben wir im Zorn und in der Erschütterung über Merets Schicksal ab. Das moralische Gesetz des Ganzen steht auf festen Säulen, steht, wie seit je, als hätte es sich nicht eben erst aus der Gegenwirkung von Erzählerlist und Leserlust herausgebildet.
Wer in Kellers Text die Symptome der Verhaltensstörungen, die durch elterliches und erzieherisches Fehlverhalten neurotischen Entwicklung eines Kindes in der Latenzzeit, als Deprivation dargestellt sieht, erschrickt ob dieser Verwahrlosung und Kindesmißhandlung unter der Aufsicht und in der Verantwortung eines Patrons kirchlicher Obrigkeit - auch G. Keller, der in der Darstellung seiner eigenen kindlichen und religiösen Sozialisation dieses Kinderschicksal eingeschoben hat - hat sich selber als Opfer religiösen Zwanges und elterlicher, hier mütterlicher Lieblosigkeit und religiöser Strafsucht gesehen.

Zum Autor:

Gottfried Keller (1819-1890), den größten Schweizer Dichter deutscher Zunge, zu loben ist keine langweilige Pflicht und trotzdem eine kulturelle Notwendigkeit; im Religionsunterricht wird er gar nicht gelesen, in Religionsbüchern nicht erwähnt; er hat den Status eines würdigen Klassikers, der allen Deutschlehrern gut - und den Schülern und interessierten Interpreten nicht weh tut. Schon seine große Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe" (1856) enthält so viel gesellschafts- und religionskritische Motive (im Sinne des Feuerbachschen "positiven Atheismus"), dass man sich wundert, dass sie noch immer als moralisches Lehrstück gegen Individualität, Emanzipation und selbstbestimmten Eros zweier Liebenden gelesen wird - nämlich als Beispiel für den moralischen Zerfall, heute bedenkenlos und häufig zynisch "Werteverlust" genannt (weil man sich mit den Ursachen dieses heute global inszenierten Kultur- und Religionswandels und wirtschaftlich bedingten Zerstörung von Familienstrukturen nicht befassen will).

Der Roman "Der grüne Heinrich" zählt zu den großen künstlerischen Bekenntniswerken deutscher Sprache.

Er habe, sagte Keller, die Jugendgeschichte Heinrichs gestaltet in "Anlehnung an Selbsterfahrenes und Selbstempfundenes".
Sein Studium des Werks "Wesen des Christentums" von Ludwig Feuerbach (nach 1848) und sein Teilnahme an den Vorlesungen bei diesem Philosophen erschütterten sein Leben und sein danach revidiertes Werk.
Fortan suchte er nach Ursachen, nach Bedingungen von Moral-Diktaten und zwanghaften Familien- und Gesellschaftszuständen. Schon die Lektüre und das Verständnis der kritischen Naturballade "Nachtfalter" - vgl. Religion heute. Heft 35/1998, S. 187; dort auch ein Auszug aus Feuerbachs - kann Kellers neues, modernes Religionsverständnis in freier Christlichkeit ausweisen: Er akzeptiert nicht länger christliche Praxis gegen Freiheit und Liebe (als erotische und sexuelle Entfaltung), Mitmenschlichkeit (als sozial verpflichtete und demokratische Ein-Übung) und religiöse Freiheit (als undogmatische Erkenntnis Gottes). Keller kannte Feuerbachs Verdikt gegen herrschende Christen seiner Zeit: "Es gehört kein Mut, kein Charakter, keine Anstrengung, kein Opfer dazu, Christ zu sein. Christentum und weltlicher Vorteil sind identisch."

Dazu gibt es heutige Parallelen:

In den Friedensaufrufen (z.B. gegen den Irak-Krieg der Kirchen, des UNO-Generalsekretärs und einiger Regierungen in der NATO) sehe ich solche neuen Aspekte einer Weltordnung, die den Menschenrechtserklärungen verpflichtet ist, und nicht den Macht- und Wirtschaftsvorteilen einiger, weniger militärisch und kolonial sich ausbreitender Großmächte.

Arbeitsaufträge (aus der Zeitschriftenfassung des Aufsatzes):

Beschreiben Sie - auch über den Text hinaus gehend - Fehlformen religiöser Erziehung, die die Individual-Menschenrechte verletzen.

Worin sehen Sie Intentionen und Motive für solche Übergriffe oder Verbrechen?


Textausgabe:

Die Geschichte der religiös inszenierten Erziehung und des pastoral verursachten Todes des Mädchens Meret findet sich in Gottfried Kellers Romanbiografie „Der grüne Heinrich“ (Erster Band, fünftes Kapitel: "Das Meretlein"); verfasst um 1850. Taschenbuchausgabe: Zürich 1978. detebe S. 35ff.

Literatur:
Peter von Matt: Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur. München 1995. S. 40ff. (hier ohne Anmerkungen wiedergegeben.)

Auf einer Internet-Seite wird das Schicksal des Mädchens als „Hexenkind“ herausgestellt.

Dass ist ein dumme Verschiebung der Perspektive Nicht Gottfried Keller behandelt hier das Schicksal eines Hexenkindes, sondern er stellt die Sicht der Leute dar, der Leute: „Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzählten allerlei …“

Aus: Gottfried Keller: Der grüne Heinrich. (1879/80; Das Meretlein)

http://sterneck.net/literatur/keller-hexenkind/index.php

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Mögliche Zuordnungsstichworte:

Seelsorge, priesterliche Verfehlungen, unmittelbare Menschenrechte, religiöse Zwangserziehung, ecclesiogene Neurotik, "schwarze Pädagogik, Missbrauch und frühe Fehlformen der Psychologie und Religion.

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