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Mittwoch, 28. Dezember 2011

Das Jesuskind von O s t r o w i c e












Weihnachtsgeschichten allerorten - Folge IV -






Friedrich H o f f m a n n:


Das Jesuskind von Ostrowice



Ich bin ein Deutscher, der dir das erzählt, mußt du wissen. Trink noch einen. Und der es erschossen hat, vor unseren Augen hochgehoben und erschossen, das war ein Deutscher. Aber der geschrieen hat und es retten wollte und selber umkam, das war auch ein Deutscher, das mußt du mir glauben. Und das Kind war ein Judenkind. Na, trink schon. Es war in Polen. Wir waren eingesetzt als Säube­rungskommando. Nur zum Zusammentreiben. Das Erledigen machten andere. Es gab da Sammeldörfer mit Juden. Komm, trink doch. Das ist noch angenehmer als Zigeuner. Juden schreien nicht so. Die sterben ruhiger. Die glauben an was. Ist doch auch ein Vorteil ‑, sagte der Alte immer. Sie wurden in Lastwagen verladen, ge­trennt, Männer, Frauen, Kinder. Mitzunehmen brauchten sie ja nichts.

Wir hatten einen dabei, der war dagegen. Häschen nannten wir den. Er sagte nichts, aber er war dagegen. Man merkt ja sowieso, was einer denkt. Pech, daß er in unserer Einheit war. Und der Alte verstand keinen Spaß. ich war ja auch dabei und wußte nicht, was ich von dem Ganzen halten sollte. Bis zu dem Tag. Es muß Advent gewesen sein. Im Januar darauf kam ich dann weg. Damals hab ich nicht daran gedacht, daß Advent war.

Wir hatten ein Dorf verladen. Das ganze Dorf leer: alles auf den Lastwagen, die im großen Viereck standen. Viel Jammern war gar nicht zu hören. Ich seh das noch: die weißen Lehmmauem, die Strohdächer, die breiten, zerfahrenen Straßen. Schnee lag auch, aber nicht viel. Der Spieß machte mit zwei Mann die Runde durch die Hütten. Da krabbelt ihm aus dem Ofenstroh ein Kind entgegen. Vergessen oder versteckt, was weiß ich, so in oder zwei Jahre alt. Er bringt’s raus, und der Alte, der schon ungeduldig war zur Abfahrt. macht ihm ein Zeichen, daß er's hinters Haus bringen soll. Da stürzt Häschen vor und schreit: "Nein! Nein!" und reißt ihm das Kind aus der Hand. „Das ist doch das Jesus­kind!' schreit er. Das Jesuskind! Verrückt, wie? Und wir lachen noch. Aber nicht alle, das mußt du mir glauben.

Und er läuft davon, wie irre, ringsum war ja abgesperrt, und drückt das Kind an die Brust und knöpft es sich in den Mantel ein, alles im Laufen. Na, weißt schon, Frontkoller.

Und die von den Wagen und wir gucken zu. Es verliert ja manchmal einer die Nerven. Aber den hatt’ es gepackt. Schließlich stürzte er sich an die nächstbeste Hauswand. Er zitterte und hielt das Kind im Mantel fest und schrie immer, ohne hinzusehen: „Das ist doch das Jesuskind! Das ist doch das Jesuskind!" Ich sag dir, sie mußten ihn umlegen, er gab das Kind nicht her. Saß da wie eine Madonna. Ostrowice hieß das Dorf. Mit stieren Augen an der weißen Hauswand. Wie eine Madonna, sag ich dir. Mir hat's noch niemand geglaubt, dem ich's erzählt habe.

So klein war's, wie er's hochhob. Ich kann kein Weihnachts­bild mehr ansehen seit der Zeit.

Und die sagen, er ist auch für uns Deutsche gestorben. Der Richtige, mein ich, den sie an den ausgerenkten Armen aufgenagelt haben. Na, komm. "Das Jesuskind", hat er immer geschrien, "das Jesuskind."

Na, komm, trink noch einen.

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Zum Autor:

Friedrich Hoffmanns Text „Das Jesuskind von Ostrowice“ ist öfter gedruckt.


Ich führe an:

"Die heilige Zeit. Christnachtgeschichten deutscher Dichter". Hrsg. v. Bernt von Heiseler. Stuttgart 1958: J. F. Steinkopf Verlag S. 292f. - Der Herausgeber B. v. H. mochte oder konnte nichts Persönliches über den Autor mitteilen. In seinem Vorwort führte er aus: "Und die Beiträge von Hoffmann, (Karl) Roland, (Heinrich) Zillich und (Harald von) Koenigswald geben noch am allerheillosesten Kriegsgeschehen die freilich nicht beweisbare Heilskraft zu spüren, Licht, das auch unbegriffen in der Finsternis scheint."

Mir ist die Vorstellung lieb, daß es sich bei F.H. um einen Wehrmachtsangehörigen handelte, der seine Geschichte sowohl dokumentarisch als auch literarisch bekundete.


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Ostrowice (deutsch Wusterwitz, Kreis Dramburg) ist ein Dorf mit Sitz einer gleichnamigen Landgemeinde im Powiat Drawski (Kreis Dramburg) in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Vgl. den Ortsnamen in der Wikipedia.


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Gerade in unseren Zeiten, wo antisemitische und ausländerfeindliche Ausschreitungen und Anschläge immer wieder vorkommen, werden aktuelle, antihumane, nationalistische Aspekte sichtbar, die neben dem Aufsehen (als einem notwendigen Hinsehen) auch Widerspruch, ja, gruppenmäßig organisierten Widerstand erfahren. Hierzu lohnt sich eine Beschäftigung mit modellhaften Texten aus unterschiedlichen Bereichen, dem biografischen, dem fiktionalen, der Philosophie, der Theologie, auch aus der militärischen Erfahrung.


Eine genaue, geschickt erzählte und human mitteilungsfähige Kurzgeschichte !

Neuerdings ist die realpolitische und gleichermaßen poetische Geschichte aufgenommen in das "Neue Vorlesebuch Religion. Bd. 1". Hrsg. v. Dietrich Steinwede. Kaufmann - Verlag. 1996.

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