W i l h e l m L e h m a n n:
GUTEN GEISTES
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Zyklame, vulgo Zimmer-Alpenveilchen
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Die Behauptung, die Leute auf dem Lande betrügen sich besser als die Stadtbewohner, ist ebenso unsinnig wie die, daß die Süddeutschen liebenswürdig und treulos, die Norddeutschen unliebenswürdig und treu seien, jene redselig, diese mundfaul. Wer aber ist unter den drei Korrespondenten Gottfried Keller, Eduard Mörike, Theodor Storm der Gesprächige? Gewiß ist, daß die Menschen auf dem Lande einander viel genauer ins Auge fassen als in der Stadt. Menschen wie Dinge führen, in Schwermut und Behagen, auf dem Dorfe ein geräumiges Dasein. Regen und Gewitter sind hier nicht schnell verbrauchte Ereignisse, Hochzeit und Beerdigung huschen nicht vorbei, sondern verharren und entscheiden. Ich weiß von einem Gildenumzug, den »Juchfrauen« geleiten, so geheißen, weil sie die Luft mit festlichem Jauchzen zu erschüttern gehalten werden. Es ist nicht schwer, von da den auch noch nicht verschollenen Brauch der Klagefrauen zu begreifen. Treibt alles Geschehen unvermindert sich ins Innere, mächtig in seiner Einzelheit, so erzeugen sich Formen, die es ins Außen leiten. So werden Freude wie Schmerz erträglich, das einzelne, der einzelne wird wohltätig von einem Ganzen aufgesogen. Viele Vergangenheit wird verständlich, gegenwärtig. Verschobene Verhältnisse gibt es heute auch im Dorf genug, aber das Unverrückte blüht hier wie die Lilie, die der Ruß der Städte nicht schwärzt.
Von meinem Arbeitstisch aus sehe ich den kastanienbraunen Wallach des Nachbar-hofs die Dorfstraße entlangjagen. Er ist Elvira, der Magd, durchgegangen. Er hat sich plötzlich seiner unkastrierten Existenz entsonnen. Er ist vielleicht vor Zeiten ein Flügelpferd gewesen. Nicht lange, so trabt er willig zurück, den Schweif wieder gesenkt. Elvirens schmeichelnder Macht hat er nicht widerstehen können. Ich sehe über den immer ordentlichen Garten meiner Wirtsleute hinweg auf dem Hof gegenüber jemand unverdrossen die frisch geernteten Steckrüben in die Schubkarre laden und wegfahren. Der Jemand könnte der Totengräber im Hamlet sein, denn die Rübenkugeln türmen sich wie zu Schädelhaufen. Der Jemand ist eine Magd mit hellrotem Kopftuch. Auf die Frage, ob sie nicht friere, schüttelt sie den Kopf. Sie freue sich schon auf den Schnee. Es ist Elvira. ich habe sie nicht erfunden, sie könnte sich aus einer Mozartoper hergesungen haben.
Sabine, die zweite Magd, dunkeläugig, mit schlaksigen Gliedern, hat den Kirschbaum vor der Haustür erklettert, um die letzten Blätter des versinkenden Jahres herunter-zuschütteIn, denn ihre Herrin, Frau Wirdeler, sehnt sich nach vollendeter Kahlheit und kann die jeden Morgen frische Unordentlichkeit der Blätter auf den sauberen Beeten nicht leiden. Ihr Mann, Klaus Wirdeler, kommt herzu. Er lacht. Wenn er nicht lacht, lächelt er. Er nimmt es nicht so genau und nicht so schwer wie seine Frau und verbreitet gemächliche Ruhe um sich. Das Leben kommt ihm zu kurz vor, als daß er es mit Ärger verseuchen möchte. Eduard Mörike würde von ihm sprechen: »Lieber Vetter! Er ist eine von den freundlichen Naturen, die ich Sommerwesten nenne ... Und ich sah ihm so von hinten nach und dachte: Ach, daß diese lieben hellen Sommerwesten, die bequemen, angenehmen, endlich doch auch sterben müssen!«
Jeden Donnerstag aber kommt Juanita zu uns zum Reinmachen. Mozart hätte sie nicht brauchen können. Sie ist keineswegs spanischen Geblüts, nicht mehr jung, sie hat große Füße und ein zerknittertes Gesicht. Sie schuftet von früh bis spät, eine rheumatische Mutter und sich zu erhalten. Aber sie lacht gern, keineswegs bitter, die Arbeit ist ihr gern ertragenes Schicksal. Sie zerscherbt lieber eine Tasse, als daß sie mir die Tür nicht höflichst öffnete. Ihre Lehrjahre diente sie in einem fremden Haushalt ab, und was sie dort gelernt hat, treibt ihr niemand mehr aus. Vergebens sucht meine Frau sie zu richtigen Äußerungen zu erziehen. »Oh, niedliche kleine Frau«, sagt sie von einer Nichte. Die Nichte ist indessen eine große, stattliche Person. Juanita spricht stets von »unsrer Mutter«. Die ständige Frage meiner Frau, wieviel Geschwister sie habe, kuriert die Sprache des einzigen Kindes nicht. »Es regnet«, würde sie sich erst getrauen zu sagen, wenn es ein anderer vor ihr gesagt hat.
Einer blühenden Zyklame ließ ich eine reifende Samenkugel. Juanita findet den hangenden Ball unordentlich, reißt ihn weg und muß ihn aus dem Mülleimer herausfischen. Sie ist so diensteifrig, daß Karl Marx sie servil schelten und als stärkstes Hindernis einer klassenfreien Gesellschaft verdammen würde. Sie ist unwahrscheinlich treu; die Arbeit braucht nur zu rufen: ich bin Arbeit, und Juanita kommt gelaufen. Wir lieben sie, wir freuen uns, daß es sie gibt. Sie wird nie als Goldmarie zu ihrer kranken Mutter in die Stube tanzen, aber auch nie wird es ihr wie der Pechmarie des Märchens gehen, da jedes Brot, das ihr zuruft, es aus dem Backofen zu ziehen, es verbrenne sonst, jeder Apfel, der gepflückt werden will, er platze sonst vor Reife, gewiß sein darf, daß Juanita aus der Not helfen will. Und mehr verlangte Kant von einem guten Menschen nicht.
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Text nach:
WL: GW. Bd. 8. Hrsg. und mit Anmerkungen von Verena Kobel-Bänninger. 1999. S. 142 – 145; S. 686f. (zuerst 1951; in: Die Neue Zeitung, Nr. 305 vom 28.12.1951)
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Herrn Menzel als BeiBlatt für den Vortrag in der WLG übersandt:
Wilhelm Lehmanns Bezüge zu Eduard Mörike als Person und im Werk
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