Quetschungen –
Erinnerungen
- in Beispielen -
Meine trüben
Grillen ob fünf Jahren in der Einsamkeit, die mir die G A E S
D O N C K bedeutete. -
Abgang
ist überall, bei Geistlichen am stärksten!
Hat
sich bei keinem Lehrer verabschiedet. Und weg mit Vollgas!
Sie
konnten ihn nicht mehr bewundern wegen seiner nächtlichen Fernfahrt.
Keiner wagte, ihm zu schreiben. Seine Antwortbriefe wären gefilzt
worden. Ist doch sicher! Wußten wir! So Angst hatten wir.
- in den Weiten des Niederrheins. -
Ein
Präfekt (anders als andere)
Der
Herr Martin de Weijer, immer freundlich-nobel, immer intelligenter
als andere, immer witziger, aber nie arroganter als die anderen
Pflaumen, Präfekt und Aushilfslehrer, lud mich mal wieder auf seinen
Roller, eine silbern brausende Vespa. Sie flog weg von G. Mußte mich
bei ihm festhalten. Ab in die Kleinstadt, ins Café Martens. Tee
trinken. Und ein Paar Plätzchen. Unsicher kucke er alles ab, wie
hält er den Kaffeelöffel, wie oft rührt er, wie friemelt er das
leere Zuckerpapierchen, wo legt er es ab. Geraucht wird nicht. Ah, in
den unbenutzten Aschenbecher. Haben wir über etwas geredet? Was
interessierte ihn - an ihm?
In
die Buchhandlung fuhr er nie.
Carl-Jürgen
- requiescat in Papapace!
Er
war in den großen Ferien in England gewesen, warum und wo - wir
erfuhren es von ihm nicht mehr. Nach dreitägiger Krankheit auf der
Krankenstation - er kann mich nicht mehr erinnern, ob wir ihn
besuchen durften - wurde er in das Krankenhaus der nächsten
Kleinstation verlegt. Wieviel Tage er doch im Koma lag, er weiß es
nicht mehr.
Er
kam zur Gaesdonck zurück im schaukelnden Leichenwagen, nach einer
Totenmesse, die abends angesetzt wurde, versahen wir, jeweils zu
zweit, aus unserer Klasse die Totenwache.
Er
war, glaubt er von 11 bis 13 Uhr dran. Sie lasen in Gebetbüchern,
phantasierten ein wenig in die Vergangenheit zurück: Carl-J. war
häufig veräppelt worden; er war nur wenig anders gewesen, aber er
ließ sich furchtbar und gut ärgern; er hatte einen schmalen Teppich
von etwa 1 m Länge quer an der Wand aufgehängt; wenn der Übermut
mal wieder zuschlug, holte ihn irgendeiner herunter, legte ihn auf
den Fußboden und er wurde zu einem Gebetsteppich umfunktioniert;
Carl-Jürgens Aufstand bei solchem Happening war ein Erlebnis. Seine
kreischenden Proteste, seine Verkloppversuche führten zu weiteren
Aktionen. Der soll aufhören zu schreien!
Ob
wir, zu zweit allein gelassen, auch ein Lied sangen? Und wie
wechselten wir ab bei unserem Knien und Sitzen und Stehen? Versuche
seinerseits, irgend etwas Banales oder Nicht-Totenwürdiges
auszudrücken mit Zeichen oder einem Gesichtszug wurden von N. nicht
beantwortet. Nein, ich bin so traurig und so stolz, ich halte die
Ehrfurcht und die Trauer ein wie ein priesterliches Versprechen,
Amen! Himmel, wie wurdest du mit Andacht und Gebeten bestürmt! So
antwortet der mit Nichtbeachtung, der seine Ruhe herstellt in seinem
Seelchen, Jessesmaryorapronobis!
Eine Schülermutter
Seine
Mutter - eine Kriegerwitwe! Welche Hoffnungen setzte sie auf ihren
Sohn? Bei der Beerdigung in Neuß sahen wir, einer aus der Klasse
lernte sie kennen und besuchte sie später regelmäßig. Die Witwe
von Naim - dieses biblische Stichwort ist ihm erhalten geblieben in
der Erinnerung, sonst: schlechtes, ja mieses Wetter, langweilige
Fahrt im VW-Bus. Und Carl-Jürgens lachendes Gesicht, fotografiert
aus einer interessanten Perspektive.
Er
sah die Porträt-Aufnahme noch oft im Zimmer des Präses, neben zwei
anderen Totenbildern: einem jungen Franzosen, Pierre, und einem
Kamp-Lintforter Obersekundaner, der in der Schweiz, während einer
Wanderung in die Vispa gestürzt war und nur tot in einem Wehr ,weit unterhalb des Städtchens Visp, wiedergefunden wurde.
Nachtwache
Was
ihm nie mehr aus der Nase gehen wird, ist der süßlich-morbide
Geruch, den sie in den Nachwache in der Seitenkapelle vor dem offenen
Sarg einatmeten; nur einmal noch in seinem späteren Leben hat er
ähnliches gerochen. Ganz unvermittelt war die Totenerinnerung wieder
da!
C.-J.
war in den großen Ferien gewesen in England gewesen, mit einer
schweren Infektion wiedergekommen, in den ersten Schultagen erkrankt,
zu spät ins nächste Hospital geliefert - nach drei Tagen wurde sein
Leichnam, die Haut gelbversetzt zur Lederartigkeit, zur Gaesdonck
zurückgefahren.
Die
Nachtwache als einsame Ehrung, allein vor dem Körper im offenen
Sarg, eine Zu-Mutung, die er nicht missen möchte als ein Eintrag in
seine kleine Welt.
In
nachmitternächtlicher Stunde: Die Betroffenheit wurde hinweggebetet,
ratzeputz, weg ist der Schmerz, weil das Gehirn so schön routiniert
abspult und dankbar signalisiert: ist in Ordnung, ist immer in
Ordnung, war zu allen Zeiten in der Ordnung der Wiederholung und
Gewöhnung. Riesennelken. Weiße. Atmende. Die den Tod still
verkrümmeln. Der Tod ist .. ewig.
Memoria
Es
gibt noch andere Toten-Gedenken! Über die abgewetzten, nie mehr
erwähnten Steinplatten im Kreuzgang geht das neue Leben hinweg. Die
Inschriften alt er Wappen und früherer Äbte sind nicht mehr lesbar.
Sie sind Geschichte, die nicht mehr weh tut. Auch im Quadrum sind
Gräber, die kein einziges mal in all den Jahren erwähnt, der Toten
gedacht oder deren Leistungen irgendwie, theologisch oder
geschichtlich gedacht wurde.
Auch
die verehrten Alt-Gaesdoncker, die es zu Bischofs-, aber keiner zu
Kardinalswürden gebracht haben, braucht man nicht zu gedenken. Gut,
Adolf Jansen, der Bettler, der schlechte Prediger, der
Weltverbesserer und Mehrer kirchlichen Besitzes - von Goch her weiß
er besser bescheid; wem hat er nicht Geld aus den dicken,
unversteuerten Taschen unter den von schlechtem Gewissen geplagten
und vor der Ewigkeit scheuenden Herzen herausgeschwatzt: Eine Schrift
von ihm - eine Predigt - ein Satz seines Missionsverständnisses?
Fehlanzeige.
Klassenausflug
nach Steyl
Über
die Grenze! Mit einem wackligen Bus! Einmal war er dort, in Steyl,
mit seiner Klasse, im Missionsmuseum, auf einer Fähre hin über die
Maas und zurück über die Maas; dann noch ein Blick in den
Klostergarten.
Verwirrendm,
maximal, der de un-heilige Plunder, die wilden Masken, die Klamotten
aus den hundert Erdgebieten, wohin die Steyler und die Steylerinnen
gelaufen sind, um Christus, als Geleitgott der kolonialen Fürsorge
oder auch Ausbeutung hinauszutragen. Warum gab es eigentlich hunderte
von Orden, von Neugründungen? Immerzu wurde der Welthandel
ausgeweitet und als seelischer Notgroschen die Erlösung im Jenseits
verkündet.
Betet,
ihr Schafe und Lämmer, insbesondere, solange ihr so mies gebettet
seid.
Die
kleinen, feinen Eigenheiten: Gottes Wille.
Auch
solche Vorstellungen von individueller Bußfertigkeit und großem
Expansionsbedürfnis? Und eilfertigem Betteln -
So
verschieden die Gemüter, gemeinhin Geister genannt, so exaltiert, so
verrückt die individuellen Vorstellungen von Ordensregeln, von
Exerzitien, von Buß- und Leidensvorstellungen; immer wieder, wenn
ein kluger Kopf aus einem bestehenden, in allen Regeln der
Ordenskunst geweihten, Konvent hervorging, weil der Neuermeister, der
vom Herren Gesegnete, glaubte, er müssen den lieben Gott und die
Jungfrau Maria schon um halb fünf oder gar Viertel nach vier
(jedweden Verbs voll und heilig); und ungesättigt, irdisch
ungestillt oder nur mit einem in Milch geschlagenen Ei verköstigt -
ja, und erst - wie die Kutte und wie die Ausstattung der seligen
Profession? Und wie die Gebets-, Essenzen- und Rekreationsregeln -
und wie wichtig sind sie nicht, die Innovatoren in laudibus et
honoribus dei et sui aut eorum? Soo zieht ein neuer Ablaß, ein
unentdecktes Missionsfeld! Übermorgen wallfahre ich zum Herrn Papam
papaverem. Der genehmigt wir meine Fisimatenten: besucht mein Zelt,
meine Burg, meine Klausur nicht, ihre Beter! Wie die Haltung bei und
nach und zwischen und für und gegen? Immer wieder brach sich jemand
Raum, suchte und scharte die Idealisten, die fast ebenso so. Aber
immer galt, als Signum wahrer Erwähltheit: sich Rom unterordnen!
Gegenüber den Klerikalbischöfen keinerlei Wörtchen der Kritik,
keine Andeutung von warum man sich denn schon um halb sechs auf
nackten Sohlen, zu dem Gebet in die Kirche schleichen muß. Ordnung,
Unterordnung; Armut (damit der Orden der reichste und schönste und
erfolgreichste werden kann. Von all den Klöstern am Niederrhein oder
in der Provinz Holland - keines, das sich einen eigenen
Kunstgeschmack, einen Künstler, einen Literaten, einen Musiker
geleistet hätte, mit dem sich die Beschäftigung lohnen könnte.
Abgeschaut, geist- und ideenlos wurde nachgebaut, kopiert, in Demut
und Keuschheit und materieller und geistiger Armut ein Ritual
herabgeholt aus den Himmeln der eigenen zukünftigen Wohnung und
immerdar währenden Belohnung.
Auch
doch dort:
Die
Gaesdoncker Chorherren selber waren inspiriert von einer
himmelstürmenden Idee; der schlicht-freiatmende Kirchenraum ist
einer der schönsten am Niederrhein, in seinem Gesichte, seinen
Geschäfte & Ordensregeldingsbums für Weihrauch, Goldgeschenke
und der holländischen Meister Holzmalereien.
Geschichte
des Klosters, der Gaesdocker Chorherren?
Aber
von der Geschichte, der Bibliothek, der Historie eines Ordens - nicht
wurde ihnen vermittelt. Wie lebten sie in einer gesichts- und
geschichtslosen Insel, trotz der Schätze, die in de Bibliothek
vergammelten: die geistige Blässe, die Ideenlosigkeit bei
gleichzeitigem Ordnungsvollzug. Interessen - die gab es bei Lehreren
und den farblosen Präfekten und Durchläufern nicht. Sie konnten
nicht singen, sie mußten fortwährend beten, mit Brevieren
rumlaufen; von Psychologie keine Ahnung. Es hätte ja bedeutet, sich
auf ein Individuum einzulassen. Zu glauben, daß es Sinn hat, daß
ein Gerd unterscheidbar wäre von einem Johannes. Quatsch - die
Schelle am nächsten Morgen schnarrte herzzersplitternd um 6,15 Uhr.
Der
Baumeister
Herrlichweitoberherrschend,
einzog der neue Herr, der von Münster kam, im Segen seines Bischofs,
der drauflos baute. Der Meister, der Baumeister. Abgerissen wurden:
das Museum, das Küchenhaus. Erbaut wurden Fassaden, kleinbackig,
Räume, praktikabel. Alles hell und aufrichtig gemeint.
Eine
Theaterfahrt
Weit in
Land hinaus fuhren sie: nach Mönchengladbach, um die klassische
Iphigenie auf Tauris auf den Bühnenbrettern zu erleben.
Goethe,
er habe Erbarmen!
Was er
noch heute im Ohr hat, wass sich sos dröhend zutrug.: Immer wieder
fällt jemand, am häufigsten die selig-heilige Iffi, auf den
poltrigen Bühenboden. Da, plups! So donnert es ihm in den Ohren:
Dazu Staub, aufsteigend aus alten Plüschportalen.
Der
Säufer
Der
Lehrer, der nachts herumschlich und leise, ganz leise die Klinken
herunterdrückten zu den Schülerzimmern. Jeder kennt sein heimliches
Laster, hört A. erklären. Als Oberstudienrat tritt er nicht mehr in
Erscheinung, nur als lauernder Schleicher, als Lehrer-Kritiker
(Glanznummer: Oppa-Kritik), als Rezitator von vermeintlichem
Humor, immer wieder Heinz Ehrhart oder Ringelnatz, mit beschränktem
Repertoire. Clevere Schüler halten ihn hin mit ihren Imitationes
discipulorum benignorum.
Ein
doonerndes Bravo der Gemein-Schaft.
Der
Märtyrer
Ein
Geistlicher, der seine Gesundheit für sein Engagement, für seine
Überzeugung im KZ Dachau gelassen hatte.
Nichts
erführen wir von ihm; keine Beziehung hatte er zu einem Schüler; er
rechnete und schrieb als Verwalter wohl Bücher voll. Sie bekamen ihn
als Persönlichkeit, als Ideenträger nie zu Gesicht. Als er mich ab
Unterprima mit den damals als Taschenbuch erscheinenden ersten in
großen Umrissen über den Faschismus informierte und den deutschen
Widerstand als mündliches Abiturthema in Geschichte angab, er
erhielt keinen Hinweis, keine Betreuung, keine Literatur angegeben.
Er
müsse heute noch verfluchen, daß er damals nicht den Mut hatte, dem
auf der G. wohnenden Rektor auf die Zimmer zu rücken? Nein; Irrtum:
Sie mußten damals nichts von der heldenhaften Vergangenheit des
Matthias Mertens. Wahrscheinlich wollte er es so - würde man heute
rückblickend ihn verherrlichen. Ja, man wollte nichts mit der
Vergangenheit zu tun haben.
Gespinne
Die
schwarze Spinne! - Oh Gott, wie wir es 1960, in der Untertertia
überstanden zu haben geschafft zu vermeinen – Gotthelf sei der
Spinnen gnädig!
Lesen!
Auslesen! Auch wenn es einschläfert.
Gotthelfs
Erzählung liegt ihm heute noch als Hamburger Leseheftchen vor:
vergilbt, zerlesen, an den Rändern mit Bleistiftanmerkungen
versehen. wir hatten es in den Untertertia selber angeschaffen
müssen; bei den jährlichen Verkaufsaktionen, bei denen man den
Schülern jüngerer Klassen die Schulbücher, hauptsächlich
Lesebücher und Lektüreheftchen verkauften, gab es diesen Titel
nicht; es war eine Orchidee unseres Deutschlehrers: ob er hatte den
Ordnungsfaktor dieser Novelle verstanden hatte, wie er nicht - aber,
ja, er hatte es sich aufgeschrieben: es dick auf die Rückseite des
Schmutztitels geschrieben:
Absichten,
wohldiktiert, des Dichters, notiert für alle Tage:
A.1.
Erziehen zum Glauben
2. Erziehen zur Ehrfurcht vor dem Alten
3. Erziehen zur Kritik am Neuen
4. " " zur Liebe zur Heimat (mit
Kommafehler)
B.1.
Warnen vor Hoffahrt und Verzweiflung, Warnen vor
Fremdem
2. Erinnerung an vergangene Zeiten
C.
1. Schilderung der Landschaft
2. Menschliches Regen in der Natur
3. Liebes- und Familienglück
Ja,
es war so abgelegen, wie die Plümblümchen - äh, so sieht er den
roten Klee in seiner Blüte Pracht - Vollender-Gestalter, die der
Geistliche Gotthelf beschrieb; es war aber auch die Indienstnahme des
Glaubens zu Pestzeiten: Warnung von Abweichung, Individualismus; wer
die Pestzeichen trug, mußte Gottes Bestrafter sein.
Statt
sich um die Übertragungswege für Behandlungs- und
Vorsorgemöglichkeiten zu kümmern, wird hier noch schon
mittelalterlich, unaufgeklärt der oder die einzelne Böse zum
Sündenbock gemacht; daß er umkommt, verhungert, verreckt an
Trostlosigkeit, weil keiner ihn an sich, zu den Seinen, zu seiner
Hütte heranläßt; es hat als Angst- und Abwehrschrecken natürlich
so etwas wie einen Isolierzweck. Aber als Christlichkeit oder gar als
medizinisches Verständnis - purer Unsinn! Aber er schreibt fleißig
mit, am knappen Rand auf das vergilbende Papier:
Aufgeregter
Satzbau: Aber man brachte uns im Deutschunterricht keine Grammatik
bei; er konnte sie vom Lateinischen her - und eine anständige
Formbeschreibung von syntaktischen Figuren, gar rhetorischen Tropen -
nein, danke!
"Ein
wiehernd Gelächter wollten die einen gehört haben von ferne her;
die andern aber meinte, es seien nur die Käuzlein gewesen an des
Waldes Saum." (S. 30)
Ein
beispielhafter Satz: Von der Wortwahl und der Betulichkeit her, der
gestochenen, aufgesetzten Dialektik her; der Grundüberzeugung her,
daß natürlich die Gottvollen Recht hatten!
Angst
als Kennzeichen, als Kainsmerkmal; er wurde verfügbar gemacht:
Köpfchen senken - (nein, Pardon: nicht Hitler etc.) - des Bischofs
gedenken, was der Hohepriester für uns bezahlt - und glaubten, daß
man erkannt wird, in fernsten breiten und Sümpfen: Kain, der
Nicht-zu-Erschlagende: Der neue Schulbau, das neue Kesselhaus, der
neu hergerichtete Sportplatz, die via apia neu gestreut, das neue,
das neue... Kein Wort, daß der Schuleneubau wie jeder Bau eines
freien Schulträgers vom Kultuministerium gebaut und ausgestattet
wurde - bis auf einige Prozenten.
Warum
bezahlte er für uns so Herrliches, immerzu Neues? Ist das nicht der
unermeßlichen Vermögen Zinssatz? Der Kirchensteuer Prächtigleben?
Gerissen aus den Blutenden?
Daß
Otto-Normal-Christ ein Leben lang die Klappe hält; und fein
säuberlich trennt: Die Wissenschaften und die Politik - gut hat der
Herr es eingerichtet; wir wollen ihn loben! Und die Glaubenskiste ist
unberührt von unserem Denken, von Gewissenszweifeln, sie ist die
ewige Schatztruhe Gottes mit den Menschen. Dort (bei dem erhabenen
Gesang, bei der hehren Musik, bei der vortrefflichen Liturgie - so
sagte er es, wenn keiner zuhörte, nur der Herr: beim Summt der
Unterordnung und des Verzichts auf Verantwortung) erholen wir uns -
muß das religiöse Leben anstrengend sein!
Schlitzohren
Am
besten gediehen die Schlitzohren, das Füchschen und zwei seiner
Freunde. Da redeten sie und dachten an anderes, und wußten ihren
Vorteil, bei der Schwester Koch, beim Präfekten A., bei
Bediensteten.
Ein anderes Bild von der Gaesdonck - eine Epoche später -
Blasiert
Da
betrat der Präses den Klassenraum, holte zu einer kurzen Betrachtung
aus und zückte das Ergebnis (einer geistlichen Lektüre, einer
Tagung, eines in der Hierarchie versattelten Gesprächs?): blasiert.
Ich schreibe es an: B L A S I E R T! Solche Jungen gibt es,
blasierte: Sie sind blasiert. Sie sind nicht echt, sie sind so gar
nicht - Jungs! - Es blieb unklar. Wer war gemeint? Was war gemeint?
Eitelkeit? Ein fahler Charakter, ein fehlender, ein verpfuschter?
Bei
wem taucht der Begriff noch heute auf? Ja, in der Sendung „Wort
des Tages“, vom WDR; ich höre sie in „MOSAI K“, täglich,
außer sonntags, um 1,70 H – mit etwas gesuchter Mucke.
Fast
immer, wenn ein Theologe, kakakatholisch: Prälat, Professor,
Weihbischof, (legitimerweise darunter nie!) – wenn sie über etwas
seiern, was ihnen am Halse liegt: Psychologisches. Dann kommt, wie
das olle Amen in de Kerk: „blasiert“! Meistens „blasierte
Jünglinge!“
Blasiert
– beim Kater..? Nein: Beispiele gab es nicht: Keine Erzählung,
keine Anekdote, kein Literatur, kein Erlebnis! War Bölls Hans
Schnier, der Clown, war der „blasiert“? Nein, darüber konnte man
nicht mitreden - nur weitertratschen! Was als offizielle Verurteilung
rüberkam, ex monasterio. Aber das konnte man nicht wiedergeben. Da
war man, äh, nicht gebildet!
Und
wir, wer war blasiert von uns? Unser Füchschen? Hatte Kater den
durchschaut...? Konnte das sein?
Und
die all daseienden Füchse? Unser Füchschen? Kannte er sie? Konnte
er sie unterscheiden? Von den Nichtblasierten?
A.
befragte A.? Wie konnte er sich ändern - so verunsicherte er sich.
(Der Duden half ihm später weiter:
Das
wichtigste Gedicht
Ja,
natürlich: Prometheus.
(Nein! - Hätte keiner mehr gewusst!) Und ich hatte falsch gelernt.
Noch Jahre später - erst im Germanistik-Studium korrigiert. In
seinem Köpfchen steckten seitdem Knabenmorgenblütenträume.
Die
Götterkritik dieses Gedichts wurde übersprungen. Geistige Rückkehr
hinter den Text. Goethe als Zeuskritiker, gut, akzeptabel; da brachte
jemand das Licht auf die Erde. Daß es Aufklärung hieß - oweia!
Wo
saßen die Titanen, vor deren Übermut Prometheus sich retten muß?
Im Klosterkeller. Wo die leckeren Äpfel schlafen. Sich runzeln.
Die
Gaesdoncker Vergangenheit:
Da
gab es Affären, die keine Affären waren; und Affären, die keine
sein durften. Silentium! Strictissime! Ihr sollte nicht merken, was
los ist in der Erwachsenenwelt. Was Ihr wissen müßte, wird euch
früh genug beigebracht!
Gut behütet? Dort verbrachte ich im Schlafsaal unterm Dach ein Jahr -
Was du?
Wie
schreibst du, was schreibst? Ist dir alles bewußt? Es sammelt sich
Sand an, ein winziges Baustöffchen, ein Inselchen im Meer: als
Sätzchen aus dem Volksmaul: der Erinnerung. Es wird sichtbar.
Hörbar, es sammelt sich Stoff an, wenn ich es klingen lasse. Da
rauscht das Meer, immer dasselbe, in Sankt Peter-Ording, mein erster
Blick auf die Sommernordnordsee!
Der
Wind streicht darüber. Trägt alte Gewißheiten fort, läßt neue
anschwemmen. So gerinnt ein Sandhügel, wird umgegraben mit dem
Schüppchen und dem Kindereimerchen Barmherzigkeit und Hilflosigkeit.
Da fegt der Wind, zerkratzt die Haut, besonders mild der Lippen, läßt
Strukturen erkennen, erahnen, deckt Verhöhltes zu, überspielt
Nichtigkeiten, rüttelt an den Festen, zerzaust das Leichte zu neuen
Formen. Ich baggere. Oder, heute meine Kinder. Und auch schon die
nicht mehr. Da grabe ich allein. Die Schaufel, der Eimer, das
Verrinnern ...
Thomas
Mann im Schlußsatz seines Essays "Versuch über Anton
Tschechow": „Und man arbeitet dennoch,
erzählt Geschichten, formt die Wahrheit und ergötzt damit eine
bedürftige Welt, in der dunklen Hoffnung, fast in der Zuversicht,
daß Wahrheit und heitere Form wohl seelisch befreiend wirken und die
Welt auf ein besseres, schöneres, dem Geiste gerechteres Leben
vorbereiten können." (Schriften über
Literatur. Bd. 3, S. 297.)
Ja,
sicher, wohlwoll! Und Tschechow selber, heute auch vornehm Chechov,
mir egal, geschrieben: "Ein bewußtes Leben ohne eine bestimmte
Weltanschauung", schrieb er an einen Freund, "ist kein
Leben, sondern eine Last und ein Schrecken."
Er
hat Tsch. Zu spät kennengelernt, seine Kinder- und Lehrerstudien,
seine Einsamkeitsutopien. Ob er sich (oder wen?) ergötzen konnte, ob
es heiter wirkte - ob es heute heiter wirkt? Der Held, passiv genug,
lebt, hat überlebt, stellt sich Fragen des Überlebens - ist das
schon genug?
Und
noch ein - wie sag' ich's mir, ohne seine stilistische Selbstachtung
zu verlieren - Statement? Kleine Sätzchen über Grundsätzliches?
Eine Grundform das Notat, was bemerkte er schon, als sie
vorbeisegneten, über seinen Schopf hinweg, als alles für die
Ewigkeit geschoren, geschält, geschlitzt wurde für den Stromkreis
der Gnade, den keiner an- und ausschalten kann, wie er will!
Wer
das denkt, Jungs, der hat schon ausgeschaltet,
Für
immer, Herr Präses?
Darf
ich Ihnen die Hand küssen (ohne Fragezeichen) -
Für
immer, das kann keiner sagen. Woher nimmt einer die Gewißheit. Und,
Jungs, die Determination, sie ein ganz schwieriges Kapitel. Laßt
euch nicht aufs Glatteis führen.
Vom
Arbeiterkind
Johannes
Urzidil, armer Leute Stiefkind im alten Prag, Schilderer der Armen
und Angestellten Lebenswelt (detaillierter als Ewigkeitsbrummer
Kafka):
Zu
meiner Zeit wohnten in jener Gegend Beamte mit geringem Ein- und
Auskommen-kommen und tampfer-dumpfe Arbeiter. Arm sein und Arbeiter
sein war dazumal so gut wie identisch." (Aus J. U.: "Dienstmann
Kunat")
Unwichtig?
Ihm nicht mehr! Ich hatte einmal fürs Klassenbuch der Volksschule
als Beruf des Vaters "Landwirt" angegeben. Zu Hause
erzählte ich davon: Mutter aber sorgte für die Wahrheit: "Vater
ist Landarbeiter. Landwirte sind dicke Bauern, so wie Jansen,
Littjes, Kattelans und so! Und wieviel sie gepachtet haben oder ihr
Eigentum ist, wer weiß das schon? - Und beim Jansen, aus dem Haus
stammt der Pater Arnold Jansen. Der konnten schojen. Schojen - was
heißt das? Betteln, überall hat er gebettelt, beim Bettler und beim
dicken Bauern, der seine Seelen aus dem Feuerchen auslöhnen wollte."
Dort
auf dem Bauernhof – Farm Weiße Legehorn – sah er shcon 1950, wie
Öhnchen verschrottet worden. Mann sollte lieber nicht zukucken: In
zwei Säcken wurde die Hähnchen, ja, ja, die Küken, gepackt. Wann
zugebunden. Und die Säcke in einer Zinkbadewann ersäuft. Durch
handsündiges Zupacken und Niederstoßen der Säcke. Dann würden die
Ersäuften im Schweinekoben zugefüttert.
Gaesdonck - verziert und gezinkt -
Ein
Wundermotto:
Die
kleine Frühlingsnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell.
Der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder
über dir, die Nachtviolen unter dir, einige Nachtgedanken in dir.
Und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen Abendrot vonnöten ist,
und nicht mehr Regen als etwa ein Regenbogen im Mondschein braucht!
Wenn ihm
einer diesen Text anvertraut hätte - aber er lernte nur
uninspirierte Arschpauker (mundus ani germanici et padägaogici et
perpauci) kennen, die den Deutschunterricht betrieben wie am Strick
das Glöckchen Schulbucheintopf (Aus: Jean
Pauls Das Leben und Sterben des Quintus Fixlein. Vorrede. Zitiert
nach Siegfried von Vegesacks Roman "Die baltische Tragödie") - Sehnsuchtsbild!
Die
Gaesdoncker Blätter:
Eine
Fundgrube, für Hymnen, für Predigten und Rechtfertigungen, für
geschöpfte Kellen aus den Tiefen des Fraßes. Rechtfertigt euch
nicht über euren Scheitel hinaus, und den eurer Kindeskinder -
Spruch aus den Logien des Kastendenkens!
Siggi
Er
war einer von den vielen, die verschwanden, die in ein Auto stiegen,
denen man, wenn's wehtat, nachwinkte, und die man vergaß oder in
sich begrub! Von denen nur die Akten, der Präses und vielleicht
einige Lehrer wußten, warum sie den Gaesdoncker Idealen und
Ansprüchen nicht mehr genügten. Manchmal gab es böse Gerüchte,
wenn einer verschwand; manchmal waren es Leistungsdefizite.
Nachhilfe, um Teilschwächen auszugleichen, hat es nie gegeben!
Ausgelöscht aus dem Gedächtnis sind sie - nicht berufen zu höheren
Qualifikationen!
Aber
einen gibt es, den muß er suchen: Siegfried! Von dem weiß er, warum
er verschwand: Die Eltern zogen nach Holland rein, er glaubt, in die
Utrechter Gegend, um dort eine neue Gaststätte aufzumachen, nachdem
ihr Betrieb ("Grenzlandcafé") am Elterner Schlagbaum
aufgegeben wegen der Grenzverschiebung werden mußte nach einer
Abstimmung im Bereich Hochelten. Aber er hätte doch trotz dieses
Umzugs dableiben können im Internat! An Leistungsschwierigkeiten
erinnere er mich aber nicht - oder will es nicht!
Mein
bester Freund, nur für kurze Zeit, aber einen besseren fand er
später nicht mehr. Erst haben wir immer zusammen gequatscht: über
die Streber, über den Fuchs F., die Sportcracks gelästert. Gott
weiß, über welch einsame Phantasien! Dann, wohl nach zehn Minuten
spätestens hatten wir Streit. Sie haben uns getreten, gekloppt und
gefetzt. Teils lachend, aber auch, daß es ernster wurde. Komisch
herrliche Freundschaft! Und Streitschaft! War er schwul; wer von
beiden? Beideineinander. Betrachtete er ihn als Bruderersatz, mit dem
man seine puberalen Kräfte mißt? Wußten wir es noch nicht? Seine
Baskenmütze hat er mal im hohen Bogen vom Weg am Tennisplatz aus in
die Gärtnerei schwirren lassen, über Zaun und Hecke. Da konnte er
zu dem Gärtner und den Spritzen rüber, die da Erdbeeren pflückten
für ins Nachtischeis.
Er
hat dich nicht verraten! - Und wenn du jetzt Ärger kriegst? -
Weshalb? er hab nur um zwei Erdbeeren gefragt. Bittebitte gemacht.
Und eine Handvoll geschenkt gekriegt. - Und wo ist deine Mütze
jetzt? - Liegt im Wasserbassin. Er konnte zuerst nicht drankommen,
mit einer langen Bohnenstange reichte es dann, aber da ging sie
unter. - Mußt abwarten, bis sie ausgerufen wird! Wie denn? Na, als
Baskenfisch! Oder bis sie vor dem Winter an den Knüngelshaken kommt.
- Du hast Nerven! Freundchen! - Nur für dich! Hier noch drei
Erdbeeren, die größten, grad mal so als ein Extra für dich, mit
besten Grüßen vom Bischof? - Garantiert!
Einer,
den muß er suchen. Der beste Freund, einen besseren fand er später
nicht mehr. Erst haben wir zusammen gekluckt. nach zehn Minuten
spätestens hatten wir Streit. Sie haben uns getreten und gekloppt.
Teils lachend, aber auch, daß es ernster wurde. Komische
Freundschaft. War er schwul? Oder er? Wußten wir es noch nicht?
Seine Baskenmütze hat er mal im hohen Bogen in die Gärtnerei
schwirren lassen, über Zaun und Hecke. Da konnte er zu den Spritzen
rüber, die da Erdbeeren pflückten für ins Eis.
Er
hat dich nicht verraten! - Und wenn du jetzt Ärger kriegst? -
Weshalb? er hab nur um zwei Erdbeeren gefragt. Bittebitte gemacht.
Und eine Handvoll gekriegt. - Und wo ist deine Mütze jetzt? - Liegt
im Wasserbassin. Er konnte nicht drankommen. Abwarten, bis sie
ausgerufen wird. Oder an den Knüngelshaken kommt. - Du hast Nerven!
Freundchen! - Nur für dich! Hier noch drei Erdbeerbomben, grad mal
so als ein Extra für dich, garantiert vom Bischof! Geweiht und
gesegnet! Und was ist der Unterschied? Lern du erst mal Latein, bevor
du mir Deutsch beibiegen kannst!
Erzähldochdammich!
In
einer Gruppe stehen wir; er hat wenig Erinnerungen an Grüppchen, die
sich informell bildeten: Freundschaften und Wispereien bestanden
immer. Sonst nur Fähnlein oder die entsprechende Gruppen bei den
Pfadfindern. Einer sagte es zu einem Älteren: Chef! Du! - Da fühlte
sich einer aus seiner Klasse angesprochen und antwortet mit einem
laut-frohen "Ja!" Noch lange ging diese seine Anrede
"Chef!", wenn er irgendwo hinzutrat.
Vom
Listigsein
Infolge
einiger, sozusagen individueller Anlässe hat er eigenartige
Erinnerungen. Was man untereinander gesagt hatte, gelästert oder
offen kritsiert; es passierte da nicht selten, daß der Meister, der
Kater, wie K., die Capra ihn mal getauft hatte, offensichtlich von
der Bemerkung erfahren hatte. Irgendwas wurde angeordnet, neu
durchgegeben - es war nur denkbar als ziemlich schnelle Reaktion auf
eindeutigs Petzen, Tratschen, verquatschen. - Ob nur er diese
Erinnerungen hat? Er jedenfalls verbindet die Rückmeldungen mit zwei
Mitschülerin: Fuchs und H.!
So
- immer auf den Pfoten, immer der Suchende, der Kater. Und um ihn und
um ihn herum noch mehr: Mäuschen.
Tutoren.
Da ging es los! Da herrschte Pädagogik!
Tutoren
sollten in den Häusern das Leben der Mitschüler - ja, was Behüten,
überwachen? Anordnungen leichter durchsetzen! Sie hatten es gut mit
unserem Lothar. Er verlangte nichts Unsinniges; aber im Ernst, er
weiß auch nicht, was er in seiner Position getan hat. Er war ein
Leisetreter und den Mund hat er nie aufgemacht. ABer, zugegeben, er
hate auch ein, zwei Tage darauf gehofft, daß nach der großen
Ankündigung des Präses, er wolle nach englischem Vorbild das
Internat in Häuser aufteilen und als Unterpräfekten Tutoren
ernennen, daß die Wahl auf mich fallen würde. Aber, nein, er wußte
auch schon während dieser Tage des geheimnisvollen Abwartens, daß
er nicht die Interessen aller berücksichtigen könnte. Schon allein
die Petzereien, das In-den-Arsch-Kriechen, das Fuchs-Spielen einiger
zu lasten anderer, die mutig und einigermaßen gerecht bleiben
wollten; maximal hatte er drei in einem solchen Verdacht.
Lebensweg
Hölderlin?
Borchert? Böll?
Geht
er immer glatt - am Abgrund entlang, vorbei? Und wer entscheidet,
wenn Schnee fällt, den Weg und die Gräber übertünchend?
Ja,
der B. (der Fähnleinfüher)
Den
kennt er fast nur den Nach-, der doch Georg mit Vornamen hieß. Der
versuchte mich häufig wegen etlicher Vorteile die er hatte,
anzuekeln, mießzumachen; richtig, ein kleiner Machtkampf war es, den
er fortwährend aufzäumte. Er glaubt nicht, daß er ihn je
herausgefordert hat zu solchem, sosagenwirmal Gerangeleiherbeiherbei.
Er der Ältere mußte jedoch ihn, den Jüngeren, oft sein Besseren
Leistungen, sein nützliches Allgemeinwissen für Quiz, fürs
Stadt-Land-Fluß-Ratespiel herabsetzen, um vor sich selbst bestehen
zu können. Allein im Stadt-Land-Fluß-Spiel und bei Quizfragen war
er den meisten andern, und eben ihm überlegen; vielleicht hat er
deshalb auch schon mal den eitlen Gockel gespielt. Wenn man siegt,
warum soll man sich nicht freuen? Da merkte er, daß er, der sein
Fähnleinführer war, ihm das mißgönnte,, nur so! Häufig gingen so
wenig intelligente Attacken gegen seine bessere Leistungen los. Er
glaubt, er hat auch gar nicht Abitur gemacht. Er war sicherlich
drei/vier Jahre älter als er; aber geistig war er ein Verlierer.
Die
Allgäufahrt (von Konstanz nach München)
Allein,
um ein Telefongespräch zu führen. Da war er ihm überlegen. Er
hatte vorgeschlagen, die Fahrräder mindestens einen Tag früher auf
die Bahn zu bringen, als unser Abfahrtstag. Das war nach seiner Meinung
nicht nötig. Später mußte er Telefonnummern raussuchen, um alle zu
informieren: Bitte gebt eure Räder vorher auf. Sonst können wir in
Konstanz eine Pleite erleben, wenn wir die Räder nicht da haben.
Aber das gehörte schon zu unserem kleinen Machtspielchen. Nein, um
ihm Niederlagen beizubringen - so intelligent war es nicht. Der ist
übrigens die einzige Socke, von dem er so etwas wie
Verhaltensstörungen in der Rückerinnerung festmachen kann.
Ja,
Erinnerungen
An
den Bodensee, herrliche blaue Horizontlinien! Der See wie ein
gewölbter Spiegel zwischen den hohen Bergen im Süden und dem
flachen im Norden. Aber, wo bauten sie ihr Zelt auf? Wo kochten sie
ihre obligatorischen Nudeln mit Würstchen, ansonsten Brot mit
Leberwurst oder Salami.
Die
Radtour war ein heißer Reifen. Übersetzen. Flicken. Den Arsch
reiben. Das Alles vergessen.
Hiob,
du Retter seines Sohnes
Der
Hiob stand als Taschenbuch im Schriftenstand, ein frühes
Herderbändchen. Ob es je einer gelesen hat? Er mochte das Bändchen
nicht, es gab sich alttestamentarisch, altmodisch vermarktet. Sollten
wir sollen denn auch noch den geduldigen Hiob spielen, kurz und neu
formuliert: Job, du Schaf! Warum hast du dich scheren lassen, bis auf
die blutigen Schnitte in der Fetthaut. Nein, so wollte er nie werden,
am Boden zerknirscht, gottergeben bis in das Elend hinein! Verlassen!
Spielball eines Gottes, der ihn erprobt? - Erst spät hat er den
Roth-Roman gelesen: Ein, ein wunderbar geschichtlich sachliches
Märchen. Eine realistische Märchenerzählung. Die Verwandlung eines
jungen Träumers, Epileptikers, eines abgeschriebenen Krüppels - zum
einem Musiker, der sich später dem Vater eröffnet - der ihm die
Rückkehr in die Religion seiner Väter ermöglicht. Und das ganz
Unmögliche im saumäßig versauten Amerika! Pfui! Darüber regen
sich noch heute Interpretatoren für den Deutschunterricht auf; Rot
war ja nachweisbar nicht in den USA! Denn den kleine Sohn, den
unnützen Krüppel konnte der Vater nicht mit nach Amerika nehmen. Da
mußte - mit der Logik der Erzählweisheit der Weltkunde Märchen -
der Sohn gesund werden und ihm nachreisen. Eine Karriere, ein Wunder,
ein Märchen - ein Kunstwerk des Fürwahrhaltens.

... abgesägt! ...
Theaterspielen!
Ein
k l e i n e r Star - ein selbsternannter Schauspieler! Gut, er hatte alle
beeindruckt in Wilders Spielchen "Die kleine Stadt". Und
kam aus der katholischen Vorzeigestadt Kevelaer, die schon immer
geschäftstüchtig war und devotionaliter extrovertiert ihre Gnaden
und Wunder übers Land verkündete, ob mit Krüppelarmaturen, die
dann in der Kerzenkapelle abgelegt wurden. Der Betrieb lief in den
Sommermonaten. Für hysterische Ab- und Anwandlungen eignen sich
Kälte und Nässe leider nicht. Damals aber auch noch nicht mit
St.-Johannes-Lollis aufgerüstet. Aber mit Heiltümern, dem Blau der
Schutzmantelmadonna-Unter- und Obergrenze des Hoffens, dem Heil
züngelnder Flammen, auf daß Pfingsten sei - und hör mal zu, wenn
der Rektor der Wallfahrt seine Stimme erhebt und der Bischof aus
Luxemburg die ihm hingereichten Kinder küßt..
Die
wundervolle "Kleinstadt", wo Bübi und Mädli darußen
sitzen und sinnieren. Das einzige moderne Stückchen, das man
ungestraft, ungeniert in einem Internat spielen durfte. Es war so
weit weg. Ein Junge spielte, mit einem Nickytüchlein das Mädchen,
nur so ein Tüchkein am Hälslein, da schau mal. Das ist Kunst des
Minimal-Maximalen! Und er, der Richard der Neunte, der Profi, der
Unbedarften die Show beibringen wollte. Zweimal unterbrach er mich,
ließ ihn nicht spielen, wollte es ihm besser vormachen! Irgendwie,
er weiß es nicht mehr! Irgendeiner dieser vermaledeiten Sketche, die
zur Unterkehrhaltung so nötig gebraucht wurden in diesem
wirklichkeitsfremden Innenleben einer Kastenwelt! er brauche das
nicht! er kann so durch! Spiel du, wie du die Figur willst! Wieso muß
er das spielen,
Angeber,
du!
Der
erste Film über die Gaesdonck
Ein
Schüler hatte von zu Hause eine Filmausrüstung mitgebracht und in
liebevoller Kleinarbeit Details der Gaesdonck gefilmt. Er schnitt sie
zu einem Film zusammen. Wir erkannten alles wieder: unsere kleine
bescheidene Welt, ohne Erzieher oder Lehrer.
Ein
Detail: der rostig-krause Stacheldraht über dem Tor auf der Brücke
nach Paukershausen. Hervorragend ausgeschnitten, erschreckend, gut
als Kontrast einmontiert.
Stacheldraht
Nach
ein paar Tagen war er verschwunden - fiel ihnen auf - der
Stacheldraht auf der kleinen Eisenbrücke nach Paukershausen, die an
der östlichen Seite des Geländes über den Klostergraben führte.
Das Törchen inmitten der Brücke, die eher einem Laufsteg für
kommende Märtyrer glich, blieb aber verschlossen und nur mit einem
Schlüssel zu öffnen. Das war so ein Privileg derer von Gnaden und
Schlüssel zu Paukershausen.
Ein Bild
sehe ich: den Übergang übee den grünzugewucherten Graben – das
ist das Paradies, die man nie mehr erreichet bei der Regression.!
Da
fischen – nach Nixchens Töchterchen, das baden geht und einen
Stammbaum verführen will , nach Freiheit –
Dort
habe ich folgende, kurze Erinnerung eingestellt:
Über
den Graben - der Weg nach Paukershausen...
Vor 1965
- als ich die Gaesdonck verließ, gab es im Osten, über den Graben
führend, einen eisernen Steg, mit einem Mitteltor; das so gut
gesichert war, dass keiner über das Hindernis hinüberklettern
konnte: insbesondere durch Eisenhaken und Stacheln als der
rahmenartigen Umführung des Steges und der Tür, handbreit mit
Stacheldraht umwunden, bis über die obere Leiste hinweg...
Alle
Lehrer und die damals vielfältigen Präfekten hatten einen
Schlüssel.
Ein
Schüler, na, ich nenne ihn zur Ehre des Andenkens mal für die
Ur-Alten hier: W. Claus (er hat kein Abi zwischen diesen Gräben
gemacht...!) machte den ersten Film mit einer Kamera auf Stativ,
schnitt das Material zu Hause und brachte ihn nach den Sommerferien
mit; wir sahen ihn in dem alten Dachraum oben im Ostflügel, der
Ersatz für die fehlende Aula war.
Der
stärkste Zoom des Filmes (damals kannte ich den Begriff noch
nicht...) war gezogen auf die Brücke, den Laufsteg, das umgitterte
Tor in der Mitte - und brachte in Großaufnahme den verwickelten
Stacheldraht mit seinen verrosteten Spitzen auf die Leinwand.
Ich
erschrak: So hatte ich das Hindernis noch nie gesehen. Es war ein
Detail - das symbolisch wurde für die Grabeninsel, für den Zustand
eines Kastens, der geistig ein Gefängnis mit einem wenigen Fluchtweg
bildete!
*
Zwei
Tage später war der Stacheldraht entfernt. Dafür gab es einen
Arbeiter, der "Anton" oder "Töneken" hieß;
Anton Rühl, einen fleißigen, alten Diener, der nie ein Wort mit
Schülern sprach. (In den Gaesdoncker Blättern gibt es einen Nachruf
auf ihn.)
Aber das
Törchen auf der Brücke blieb natürlich immer noch verriegelt.
*
Der
aufregend filmende Schüler war innerhalb eines halben Jahres "weg"
vom Fenster.... Man erfuhr als Schüler nix von seinem Schicksal!
Auch
sein Bruder, der Theo, in meiner Klasse - wurde dann nach den
nächsten Sommerferien nicht mehr gesehen. Dass er Leistungsprobleme
bis UIII gehabt hätte, daran kann ich mich nicht erinnern.
*
Trotzdem
noch diese Erinnerung an die Brüder Claus (die "Clus-schen"):
Theo war
noch bei uns in der UIII:
Auf
einer Rückfahrt mit den Rädern an einem Fahrtenwochenende von
Duisburg zurück, im Fähnlein der NDer, machten wir mittags, als
Eingeladene, Pause in der Gaststätte des Vaters der beiden
"Clus-schen", in Walsum.
Und
hallo...: Es gab so viel zu trinken und zu essen (Püree mit Kotelett
und Gemüse; ich glaube: Blumenkohl) - dass wir einige Pausen mehr
unterwegs machen mussten, über Rheinberg, Xanten, Goch....
*
Ja, der
Film; er ist mir noch im Gedächtnis...
Ich werd
mal den "Clus-schen-Brüdern" nachforschen.
*
Nachtrag:
Bis
heute - 9.06.05 - habe ich im Internet keine Hinweise auf
"Claus/Walsum/Gaststätte..." gefunden.
Da muss
ich es über die Telefonauskunft mal versuchen; und meinen
Mitschülern berichten, von denen es anscheinend niemandem
aufgefallen ist, dass wir OSTERN 2005 vierzigjähriges Abi hatten.
*
Schüler,
die verloren gehen
Dafür
war aber bei nächster Gelegenheit der stille Filmer, der sorgfältig
arbeitende, gut die Perspektive gestaltende Junge weg. Verschwunden:
irgendwas war's wohl: Leistung, Verhalten, Zukunft, Familie - solche
Knöllchen bis zur roten Karte konnten sie aus der Tasche ziehen wie
andere ein Schnupftuch. Abgang ist überall! In einer
Selektionsmaschine besonders häufig. Eine Kneipe hatte des
Filmemachers Vater, in W. am Rhein! Da gab es gut zu spachteln und zu
saufen. Wäre einen Besuch wert, schauen, hören, wie der Kasten als
Kleid oder als Innenreich bei einem ganz anderen Typen haften
geblieben ist. Wie würde er den Film heute sehen? Sich erkennen?
Nochmals
Georg!
Dann,
die Kostenabrechnung der Allgäufahrt!
Zweimal
hatte er den Führer schon danach gefragt, dann angemahnt: Die
Kostenabrechnung von unserer Allgäufahrt. A. hatte einen
einigermaßen realistischen Überblick gehabt, über die Kosten der
Fahrkarten, der Übernachtungen und der Einkäufe; und Kopfrechnen
war nie schlecht bei ihm, der sich seine Ausgaben dreimal überlegte!
Doch der
Herr Jungführer kümmerte sich nicht darum. Da ging A. zum Präses
und beschwerte sich. Eine Kostenabrechnung, fand A., gehöre sich für
jeden, der Kosten und Gelder verwaltete.
Beim
Präses
A. fand
sich als Angeklagter in der Runde des Fähnleins im Zimmer des
Präses. Es sei doch alles gerecht zugegangen in der Planung der
Fahrt! Doch endlich gab es eine Aufstellung. Angeblich seien knapp
zehn DM übriggeblieben, die irgendwie aufgeteilt werden sollten.
Oder wurde eine Kerze für den Marienaltar in der Kirche gekauft.
Es war
ihm nicht um Geld gegangen. Er wollte Offenheit und Nachprüfbarkeit.
Und die hatte dieser Idiot von Führer nicht von sich aus als Pflicht
angesehen.
Keiner
vom Fähnlein bedankte sich bei A. Sie kuschten und fanden es - ja,
wie nur? Ungehörig, über Geld zu reden? Er sprach nie mehr darüber.
Das
Dritte Reich
Ein
große Serie: zehn Folgen, im Fernsehen. A. glaubt, sie hätten alle
Filme sehen dürfen - aber keiner war zum Gespräch da für sie! Kein
Lehrer, der am nächsten Tag darauf zurückkam!
Angsthasen?
Meinungsmuffel? Leisetreter? Was hätten sie gewählt, wenn der
Januar 33 wieder vor der Türe stünde? Oder die Reinigung der
Verwaltung, der Schulen, der Verbände, des öffentlichen politischen
Lebens? Die Bereinigung des Beamtenstandes, des auserwählten Volkes
aufgrund von Rassegesetzen?
A.
erfuhr zum erstenmal von dem Begriff Gleichschaltung und war
überrascht von der psychologischen und verwaltungsmäßigen
Steuerungsfähigkeit (fast) aller Mitglieder in einer modernen
Gesellschaft: eine unerhörte Anstrengung mittels Propaganda,
Verfolgung, Terror, Diskriminierung, Aussonderung, gar Tötung. Der
Schrecken der Verwaltung und Einsargung der Individualität, der
sozialen Bindungsfähigkeit und Gerechtigkeit. So sah er zum
erstenmal Bilder von der Reichkristallnacht, einen Bericht über die
Tötungen durch Autoabgase, die industriell perfektionierte
Massenmorde. Die schlimmsten Bilder bis dahin - und noch nicht einmal
die bizarren Spezialitäten, die sich ein NS-Machkartell, bestehend
aus einer Elite von Verbrechern und Neurotikern zur Gunst und Lust
ausgedacht und inszeniert hatten. Einige Stunde Geschichtsunterricht,
einige Minuten möchte er gern noch mal daran teilnehmen.
Für
das Abitur wird er später, als einziger seiner Klasse, das Thema
Widerstand im Fach Geschichte vorbereiten. Er hat sich Taschenbücher
über die Vorgänge um den 20. Juli 44 gekauft. Von anderen
Widerstandsformen und -aktionen wird er bis zum Abitur nichts
erfahren.
Taschenbuchkauf
Jede
Woche mindestens einmal - da suchte er in den zwei relevanten Gocher
Buchhandlungen nach Lesestoff, vergriff mich wohl schon mal, Habe
auch einige Titel nie verstanden: Johnson: Mutmaßungen über Jakob.
Nich zu kapieren! Was schreibt de denn? Wer erklärt ihm das? Zeit,
die im Spuk des Nichtsprechenkönnen verloren ging. Für die Gocher
Kirmes hatte ihm die Mutter einmal fünf Mark gegeben. Er setzte sie
in zwei Taschenbücher um.
Ein Arcimboldo - ein Ideal -
Lehrplan
Da
standen also Bücher, die auf das Etikett Herder hin
eingekauft waren, keiner kümmerte sich darum, Keiner konnte darüber
ein Gespräch anknüpfen. Sie waren alle abgeschottet. Die Lehrplane
aus den Anfängen dieses Jahrhundertes; na, klar, die Nazi-Sachen
hatte man rausgeschmissen. Aber, die Formel Konservatismus und
Kapitalismus und Demokratiefeindlichkeit minus Hitler gleich
Katholizismus der 50er und 60er Jahre stimmte. So z.B. mal der
Präses, er hielt es für eine politische Sauerei, Dummheit, hat er
wohl gesagt, daß ein Hochgebildeter, ein Intellektueller z. B. und
ein dummer Bauernknecht die selbe, nämlich eine Stimme hatte! Aber
eine politische oder geistige Ausbildung, die diesen Namen verdiente,
mit beschreibender Darstellung de Alernative, der Interessen, der
Zielsetzungen - wäre ein Schlag in die Maske der Hochanständigkeit
und Einzigartigkeit gewesen.
Was
sahen und hörten wir denn von der Welt!
Nullkommanixkommanix
- nur das Vorsortierte, das Erlaubte, das aus Lesebüchern der
Geschwind-verdängen-wir-mal-alles-Zeit!
Da
wucherten aber die Phantasien! Wie wir mal mit den Mädchen aus dem
Internat Haus Aspel in Haldern bei Rees einen Tanzkurs absolvieren
dürften. Wahnsinn, Tanz als Zukunftsidee für verschüchterte
Internatler, die nur eins wollten: natürlichen Umgang mit Personen
jensseits der Vorstellungswelt der Priester: Mädchen, Frauen.
Deutschprüfung:
Abitur, mündlich:
Einer
mußte Huchel, Peter Huchel, interpretieren:
Der Rückzug I
Ich sah des Krieges Ruhm.
Als wärs des Todes Säbelkorb,
durchklirrt von Schnee, am Straßenrand
lag eines Pferds Gerippe.
Nur eine Krähe scharrte dort im Schnee nach Aas,
wo Wind die Knochen nagte, Rost das Eisen fraß.
A.
hätte gerne ein Gedicht bearbeitet, ob im Schriftlichen oder
Mündlichen. Aber dieses? Er war nicht vorbereitet auf moderne
Metaphorik? Keine Personifikation, eine Materialisation sozusagen;
ja, gibt es den Begriff überhaupt. Oder: Geschützmaul
bellt! Ja,da klingt es tierisch und böse.
Und die Männer an den Geschützten: Sie fütterten Überhunde! Er
weiß nicht, wie der Kumpel die Prüfung bestand. Konnte er
pazifistisch argumentieren? oder in allgemeiner Kriegsscheu - ja, das
war wohl möglich. Aber unpolitisch, ja so mußte es sein.
Mitabiturient
So
seine Meinung über die Gaesdonck: Wie das Leben wirklich läuft, was
da so los ist, hat er erst in den Jahren als Soldat beim Bund
gelernt! Es reichte für dein juristischen Studium und die
Rechtsprechung, ein Leben lang.
*
Ein
Nikolausabend:
So hat
ein Gemisshandelter mir nach mehr als 30 Jahren erzählt:
Den Weg
würde ich gern vermessen.
Aus dem
Schlafsaal holten sich verkleidete Niklaus mit drei schwarzen
Männern, den Ruprechten, einen kleinen Quitaner heraus. Der sollt
Mores gelehrt bekommen. Er wude ein-gesckt. Dnn wurde er
rumpeldipumpel weg-gschleift, über die Fußsböden und
Treppenstufen.
Dann in
den Waschraum gezerrt, mit den runden, großen Becken. Dort wurde er
unter getaucht, fast bis zum Ertrinken. Die Schwester war
anwesend! Verhindierte das Ersäufen
Die
Puttirollitobisaufiknaller
I
Es
sei ihm erlaubt, an diesem Spitznamen nicht vorbeizugehen, auch wenn
die Anonymität nicht gewahrt ist; Putti war eben Putti, und jeder
erinnnert nur an ihn, wenn der Name eben Putti ist. Keine Ahnung,
woher der Name stammte. Er gehörte als Oberstud-Faktotum und böse
Zunge zu dem Inventar des Primanerbaues. Dort sah man nicht viel von
ihm. Einmal jedoch, ob er da seine leise Selbstbefriedigungsgeräusche
gehört hat (Unruhe? Knarrendes Bett?)? Er öffnete leise, leise die
Zimmertür - und beobachtete mich lange, sehr lange, fand er, im
Bett. Er hatte Angst, er würde ihm die Bettdecke abziehen...
Nur
Putti? Ach, und der Pötti!
Sein
Gegenstück, den Hern Pötti, auch eine unförmige Gestalt, hatte er
in Münster kennen gelernt. Der verpaßte ihm für einen
Täuschungsversuch, zu seiner großen Verwunderung ein Gut in
Klammern, so [2], ein Gut in Klammern gesetzt! Er hatte sich
schuselig benommen - und es sollte sein erster und einziger
Täuschungsversuch in der Schule bleiben. Eine dumme Vokabel, ein
einziges Verb, fehlte ihm in der Lateinarbeit. Den Satz hatte er nur
vom Subjekt und Objekt her übersetzt; und wußte, daß er eventuelle
den Kasus noch ändern mußte, je nachdem das Verb den Akkusativ oder
Dativ regierte. Er schrieb das lateinische Wort auf ein Löschblatt,
setzt ein Fragezeichnen hinzu - und schob das Blättchen über den
Rand seines Pultes zum linken Nebenmann hinüber. Das fiel auf. Der
Meisterpädagoge konfiszierte Blatt und Arbeitsheft und fällt dieses
erstaunlich differenzierte Urteil. Er werde ihm ewig dankbar sein; er
ist sein Vorbild für Beurteilungsschwierigkeiten bei Pfuschversuchen
von Schülern. Unterscheiden, so weit man Beweise hat, was ist shcon
geleistet worden; was ist auf Schiebung zurückzuführen. Und dann
die morlaische Fuchterl einsetzen, aber dosiert - vielleicht
unterbliebt dann, wie bei ihm , fortan jeglicher Versuch, auf Kosten
anderer zu schummeln.
Besuch
Schick,
wir sind doch alle Christen. Alle aus Adams Leib geschnitten. Ach,
unser Bruder! Eine tolle Präses-Idee: Aus allen Internaten kamen
Busse angezockelt. Großer Internen-Treffen! er verbrachte den Tag
mit Hans St., seinem Münsteraner Freund! er hätte mich doch um
anderen kümmern müssen - wollte der Präses ihm vorwerfen.
Wahrscheinlich war nix organisiert, außer Kirche, Fußballplatz und
Limo-Ausschank. Woher sollten denn auch Ideen zur Auseinandersetzung
kommen. Es gab keine Bewegtheit, keine Bewegung, kein Fortschreiten.
Beten, Demütigsein und beim Fußball johlen! Bravo!
Putti
II
Der
fand ihn, irgendwo, lange Wege machte der Putti ja nicht; überhaupt,
auf den Spaziergängen ist ihm nie ein Pauker begegnet; sie hatten
den Schülern nichts zu sagen; durften keine persönliche Frage
stellen; es galt Berührungsverbot; aber, ach, ja, Putti erzählt
ihm, geradezu verschwörerisch, wie es denn wohl bei ihnen im
Lateinunterricht zugehe.
Wörtliches,
geheimnisvolles Geschwafel, wohl mitverursacht durch Weingenuß: Da
sitzen alle Schülerchen im Kreise; und der liebe Oppa sitzt in der
Mitte und alles spielen Ball mit de Frage: Herr Dr. V., wo waren Sie
denn, als die Alliierten in der Normandie landeten.
Kichernd
verschwand er; er, der Junge, hat nie verstanden, was und wie er nur gegen einen
Kollegen im Amt so mies und fies loslegte; er hatte ihn dazu nicht
provoziert. Er kannte solche linken Touren nicht. Er war nicht in der
Lage, die Auslassung des (immerhin) Geistlichen einzuordnen.
Vielleicht war er auch nur gerade das Ersatzohr für irgendeinen
nicht vorhandenen Erwachsenen, der zum Mülleimer einer verunglückten
Satire-Versuchs wurde, allemal-geistlich-geisterhaft.
... nicht verbunden.
Gespräche?
Du
bist ja schon wieder gewachsen! Und schon war das Gespräch zuende.
Nichts sonst. Keine Frage zur Meßdienerei. Kein Versuch, nach
Gefühlen zu fragen. Es hätte auch ein Be-Griff ins Chaos sein
können. Nein - sich mit Jungen zu unterhalten, hielt man für
unmöglich. Sie hatten auswendig zu lernen und zuzuhören: in der
Kirche, in den Klassenräumen. Er fühlte mich allein; andere zu
mißbrauchen, andere für seine Vor- oder Urteile einzusetzen, ist
ihm , glaube er, nie eingefallen. Wer sich so präsentiert, um die
biologische Variante des Herrschens und Unterordnens weiterzureichen,
tut dies auch nicht aus dem Kopf heraus, außer, wenn er ein
Gesinnungslump, ein Lügner, ein Schweinchen.
In extenso - 2002 -