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Donnerstag, 24. Januar 2013

H a l b s e i d e n – drittelseiden – viertelseiden –



Halbseiden und Ableitungen:

Ein bisschen Sprachlogik, auf Grund von Teilungsregeln:


Halbseiden – ein schönes Wort: suggestiv, sozusagen von nebenan, ja: anschauungs- und geruchsmächtig!

Man wird wohl nirgendwo etwas (oder wen) finden, was die Entstehung und den Erstschreiber dieses Worts festhält. Aber sympathisch ist mir jeder, der von „halbseiden“ mir Kunde bringt. Ob auch von „drittelseiden“ – nu, das ist nicht nach meinem Geschmack.

Die Etymologie gibt die Entstehung im 17. Jh. an, mit der Bedeutung „“anrüchig“, „unseriös“ (ugs.). Vgl. Duden online, mit überraschenden Erweiterungen des Gebrauchs im „halbseidenen“ Milieu:

Das DWDS-Korpus hilft weiter:

Die deutsche Literatursprache hält den originalen Bestand, die Stoffqualität von “halbseiden“ fest, in Hermann Stehrs „Der Heiligenhof“. München: [zuerst 1918]:

„Dann fragte Brindeisener mit einer Kopfbewegung, und sie bejahte mit den Augen. Am Ständer hingen ihr halbseidener Mantel, Hut und Schirm. Brindeisener ergriff alles, legte es sich über den Arm, schritt in den Kreis, hob das Strumpfband auf, und als er sich dem Mädchen näherte, streckte sie ihm schon das schöne Bein entgegen.“

„Halbseiden“ ist in diesem Sprachregister kein häufiges Wort.

Aber hier die Qualität von „halbseiden“, die über eine stoffliche hinweg leitet zu einer erotischen:
„Herr Schwertschwanz hörte erschrocken und begeistert zu. Er war entzückt, als sie-kokett betonend, daß sie leider nur wissenschaftliche Beziehungen zu Männern unterhalten könne - wie unabsichtlich bis über das Knie ein gut geformtes, herbes Bein sehen ließ, das in einem aufregend gemeinen, halbseidenen Strumpf befestigt war. Die Studentin erwiderte merklich die Sympathie des Schauspielers.“ (Auctor: Alfred Lichtenstein, in „Die Jungfrau“; nachgedruckt in: „Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka“. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [Zuerst 1919].

Nachweis wie oben im DWDS.de.

Aus Pfeifers „Etymologischen Wörterbuch“ wird zitiert:
„halbseiden Adj. ‘aus einem Mischgewebe von Seide und Baumwolle oder Leinen bestehend’ (17. Jh., zusammengewachsen aus halb seyden, 15. Jh., halb sidin, 14. Jh.); wegen der Minderwertigkeit und mangelnden Gediegenheit solchen Stoffes dient halbseiden schon bei Goethe zur abschätzigen Kennzeichnung und wird seit Beginn des 20. Jhs. übertragen für ‘fragwürdig, anrüchig, von zweifelhaftem Ruf’ gebraucht.

Das Goethe-Zitat sei hier nicht verschwiegen. Es steht schon im DWB:
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Leipzig 1971. Online-Version vom 24.01.2013.
„halbseiden, adj.: semisericum halb sidin Diefenb. 525c; olosericum gar sidin, bombicinum halb sidin voc. o. 13, 82; halbseiden wand, tela subserica Stieler 2406; halbseidene zeuge, deren aufzug oder die kette entweder ganz von seide oder auch von seide und schafwolle gemischt .. der einschlag aber von wolle, baumwolle oder auch leinengarn ist. Jacobsson 2, 194b;

Und nun Goethe:
„handelsbübchen, die stets am sonntag drüben sich zeigen,
und um die, halbseiden, im sommer das läppchen herumhängt.“
(Goethe 40, 254)

Heuer nachgelesen als Weiterentwicklung von „halbseiden“: „drittelseiden“:

Wer nun wie nach der Lektüre beim „Wortisten“ in der taz „drittelseiden“ mit „viertelseiden“ vergleicht, erhält für „viertelseiden“ ein wesentlich vielfältigeres Sprachbild als Auskunft über eine gewollt stylische Minimierung oder Halbierung zu dem sprachgeläufigen, dudengebuchten Original „halbseiden“:

Beispiele?
Hier geht es um ein Musical, na bitte:
„Der Rock 'n' Roll Club Stellingen hätte besser getanzt und weit besser ausgesehen dabei. Wie in diesem bestenfalls viertelseidenen Gewerbe üblich, durfte der Rezensent nur unter der Bedingung über die Voraufführung schreiben, daß er „entsprechend" darüber schreibt. Abfällige Bemerkungen könnten den Erfolg des Musicals beeinträchtigen. (Willi Winkler, damals in: Die Zeit. Vom 16.12.1994, Nr. 51)

„Viertelseiden“ - Der Wortist hätte hierfür nur ein halbes Neuwort, aber ein aussagekräftiges präsentieren können. - Ein kleiner Nachtrag, der zeigen kann, wie sprachmächtig Minierung oder sprachLOGische Halbierung des "halbseiden" aus- und/oder gefallen kann, statt einer LOBOmäßig konstruierten, einer zwanghaften.

Sprachgewalt übt nicht der volkstümliche Sprachmund. Für sprachliche Überzeugung und Überlieferung des Sprachdokuments hilft nur die ordentliche Teilungsregel:

Halbseiden. Viertelseiden. Achtelseiden. Sechzehntelseiden ... (Unser Jugend wird es uns danken, wenn es nachzulesen sich bequemt.)
"Es ist weit eher möglich, sich in den Zustand eines Gehirns zu versetzen, das im entschiedendsten Irrtum befangen ist, als eines, das Halbwahrheiten sich vorspiegelt." (Maximen und Reflexionen 74 . Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller Archivs, Verlag der Goethe-Gesellschaft, Weimar, 1907)  

- Korrigierte und eeergänzte Niederschrift nach meinem beim taz-Wortisten angezeigten "Bei- und Nachtrags" unter dem Autorenamen „Antoninus“. -

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