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Montag, 26. September 2016

Heinrich B ö l l II: "Ansichten ..."

Böll I I

                                              Heinrich Böll mit Helmut Griem (als Clown Hans Schnier) Foto: Agentur Aurora)


Ei konischer heiliger....
Pardon:

Ein komischer H e i l i g e r  …  der H a n s  S c h n i e r -

Oderoder:
Bölls poetische Intelligenz (Joachim Kaiser)


Joachim Kaiser: Bölls neuer Roman. [Einführung zum Vorabdruck des Romans.]

    - am Palmsonntag April 1967 zu lesen in der Süddeutschen Zeitung -

Man darf sich nicht täuschen lassen: weder von dem etwas beiläufigen Titel Ansichten eines Clowns noch von dem ganz und gar unfeierlichen, oft lakonischen, heiter-gescheiten Tonfall, mit dem hier erzählt wird. Darf sich nicht täuschen lassen von dem flüssigen, mitunter hemdsärmeligen ParIando, das mit grimmigem Realismus hinter üppigen Posen die Wichtigtuerei entdeckt, hinter großen Worten die modische Unaufrichtigkeit, hinter verkrampften Gesten die Flachheit - das aber auch Erbarmen kennt für die kleinen Sünden, Mitgefühl für Menschliches, Sympathie für Schwachheit und Armseligkeit. Heinrich Bölls neuer Roman, der den Krisentag eines Clowns (monogam veranlagt, aber allein gelassen) beschreibt, ist ein bewegendes, strenges und schweres Buch geworden. Der 45jährige Schriftsteller hat vielleicht niemals exzentrischer Position bezogen als hier bei dieser Bewußtseinsinventur eines Scheiternden.
Nie spricht Böll selbst. Immer, bis ins winzigste Detail hinein hört man seinem Clown (»offizielle Berufsbezeichnung: Komiker«) zu. Die kurzen Stunden der Handlung, in einem einzigen inneren Monolog sich ausbreitend, sind erfüllt von Begegnungen, Telephongesprächen und einem dichten Gespinst grandiosen Sich-Erinnern-Könnens. Der Starrheit großer, zudeckender Worte setzt Böll das phantastische Leben unbesiegbarer Einzelheiten entgegen. Obwohl die Kirchlichen, die Vergangenheitsbewältiger, die Selbstzufriedenen genauso wie die DDR-Funktionäre und die »kleinen Leute« oft Ungeheuerliches, Schockierendes, Erbitterndes und manchmal notwendig »Ungerechtes« zu hören bekommen, kann man den Roman wahrlich nicht auf die gängige Formel festlegen, er übe scharfe Gesellschaftskritik. So leicht läßt Bölls Position sich nicht umreißen und möglicherweise attackieren. Da spiegele sich vielmehr in einem zugleich reinen und asketischen, schamlosen und unbeirrbaren Außenseitertemperament die Welt zu deren Lebensvoraussetzungen es doch gehört, daß sie sich die Konsequenz vollendeter Askese oder Schamlosigkeit, unbeirrbarer Vernunft oder strahlender Idealität nicht leisten kann. Dieser Clown verlangt von seiner Umwelt nicht weniger, als ein Kierkegaard von seiner Kirche forderte. Kein Wunder, daß Kierkegaards Name ein paarmal, wenn auch in belanglosem Zusammenhang, fällt.
Heinrich Böll, der Poet unserer dunklen Jahre, ist mehr als nur ein erstklassiger Schriftsteller. Er ist zum - von vielen gehaßt, von vielen aber auch leichtfertig verklärten - Symbol für die Existenz eines leidenden und beschädigten Deutschland geworden. Eines Deutschland, das sich weder über Terror und Finsternis mit elegantem Schlenker hinwegsetzt, noch aus Leistung und Luxus eine fröhliche Ideologie des „Wir sind also noch einmal davongekommen“ zurechtzimmert. Böll sucht Ausflucht weder in trostleerer, moralistischer Besserwisserei (die niemandem hilft) noch in gebildetem Feinsinn, der so tut, als könne man anspielungsreiche Romane einfach von jenem Punkt aus weiterschreiben, wo die Reichsschrifttumskammer eine zufällige Unterbrechung erzwang. Seine Romane schleppen Lasten - wenn auch noch nie so verzweifelt leichtfüßig wie in diesen Causerien eines betroffenen Clowns. Böll nimmt es mit unserem Schicksal auf. Deshalb hat die literarische Welt (nicht bloß die Welt der Literaten) schon früh gespürt, daß er Besonderes, Verbindliches, ja Einzigartiges zu sagen hat. [...] Bölls poetischer Intelligenz entgeht die Bedeutungslosigkeit des modischen Nonkonformismus genauso wenig wie die Heillosigkeit bloßen Weiterrnachens. Bölls Leitmotive sind nicht Pointen, die durch Wiederholung abgenützt würden, sondern Symbole für den ewigen Zusammenhang zwischen Alltäglichstem, Schuld und Sühne. Nur er konnte jenen.unliebsamen Priester ersinnen, der sich befremdend oft auf die BergpredIgt beruft (»Vielleicht wird man eines Tages entdecken, daß sie ein Einschiebsel ist, und wird sie streichen«). Nie hat Böll sich seiner Mittel souveräner bedient und trotzdem den Kampf mit Scheinchristentum und Hartherzigkeit verbissener geführt als ~ diesen Ansichten eines Clowns, über deren literar-ästhetischen Rang die Fachkritik noch zu befinden hat. Mit einer Inständigkeit, welche die Monotonie nicht zu scheuen braucht, kreisen die Gedanken des Clowns Hans Schnier um sein Schicksal und die, die es ihm bereiteten. Schnier entstammt einem steinreichen rheinischen Industriellenhaus. Weit beunruhigender noch als die ebenso asketischen wie gewagten Ansichten über Ehe und Liebe die dieser Clown zur Beunruhigung einer eher auf ausgleichend-freundliches Gewährenlassen bedachten kirchlichen Umgebung hegt, müßte die grimmige Fixierung des Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn wirken. Böll beschreibt nicht - was ja einfach natürlich- und unausweichlich wäre - einen bloßen Generationskonflikt. Wir nehmen vielmehr teil an den Gedankengängen eines Sohnes, der es seiner Mutter nicht verzeihen mag, daß sie einst völkisch und unmenschlich war, und der jetzt nur Hohn dafür aufbringt, wie fabelhaft demokratisch und versöhnungssportlich sie sich gibt. Der Vater war feige und reich und vielleicht gutmütig. Alle Mühsal, die zwischen Vater und Kind sein kann, fließt in den hoffnungslosen und verkrampften Dialog zwischen ihm und dem Sohn. Dafür entsteht ein hinreißendes, wahrhaft poetisches Bild der Schwester Henriette, die in einem sinnlosen »Einsatz« umkam.
Ja, der Erzähler kann es sich leisten, auch Banales, Einfaches, Unoriginelles in diesen unliterarischen, wirklichkeitsgesättigten Kosmos hineinzunehmen. Ihm gerät alles gleichsam unter der Hand in epische Bewegung. Wo andere nur schreiben könnten: »Ich bin sehr viel gereist«, da entwirft er schon in den ersten Absätzen das zwingende Bild einer monotonen Ankunfts- und Abreiseexistenz. Bölls erfüllter, oft schneidender Realismus hat eine ungemeine charakteristische Folge: Während katholische Schriftsteller oft nur zu gern und zu leicht die irdischen Gegebenheiten transzendieren, um metaphysische Pointen auf Wirklichkeiten antworten zu lassen (der Hinweis auf Gottes Größe schließt sich etwa bei Claudel und Graham Greene oft donnernd an den Aufweis irdischer Nichtigkeit), geht Böll in den Ansichten eines Clowns den umgekehrten Weg. Gerade weil seine Welt erfüllt ist von einer schwer beschreiblichen und doch allenthalben spürbaren, in tausend Vergleichen und Assoziationen und Fragestellungen sich offenbarenden Katholizität, verwirft der Clown die rauschhafte Metaphysik, auf die man sich ausreden möchte, die erbauliche Phrase, die beruhigende Erklärung und Verklärung. Sein Realismus ist frei von jeder aufklärerischen oder desillusionistischen Attitüde. Begütigend und feststellend legt er dafür die Hand auf Natürliches, Winziges, Armes. Die Geschöpflichkeit des Menschen wird von einem unbarmherzigen Samariter gegen alle festrednerhafte Beschönigung verteidigt.
So entstehen eminente Schilderungen menschlichen Versagens, familiären Streitens, skurrilen Rachenehmens, aber auch Augenblicke eines überwältigenden, furchtlosen Jasagens zu einer Liebe, die irdisch und heilig ist. Alles das scheint getragen von rheinischem Tonfall, obwohl Böll natürlich auf jede Dialektnachahmung verzichtet. Der Clown hat überdies einen unfellbar wachen Sinn für typische Redensarten, nagelt die Phrasen fest. Er macht dabei nicht - und das ist gewiß typisch für berufsmäßige Komiker im mindesten „Witze“, zumal sich ihm ohnehin und von vornherein das meiste beim bloßen Aussprechen schon zu sanft-ironisch-pointierter Beobachtung steigert. Selbst beiläufige Ansichten werden im herrlich lakonischen, phrasenfernen Tonfall jemandes vorgetragen, der zu viele Augenblicke im Kopf hat, zu viele Details und Winzigkeiten, um an irgend welche Klassifizierungen noch im mindesten glauben zu können.
Ein säkularisierter Kierkegaard erzählt also eine Geschichte aus dem 20. Jahrhundert. Seine bodenlose Aufrichtigkeit läßt fast alle anderen in heillosem Lichte dastehen: Sie werden zu Spießern, Schönrednern und Feintuern, zu Verlorenen, die (wie er selbst) der Gnade bedürfen. Einmal heißt es von jemandem, alle hätten ihn »fanatisch“ genannt, obwohl der Betreffende doch gar nicht fanatisch gewesen sei, sondern immer nur konsequent. Wer die Ansichten eines Clowns ernst nimmt, wird kaum der Frage ausweichen können, ob Konsequenz in unserer Welt nicht notwendig in Fanatismus umschlägt.
(Süddeutsche Zeitung, München, 6./7.04.1963. (Abdruck nach H.B.: Ansichten eines Clowns. Kölner Ausgabe. Bd.13. Köln 2004. S. 264f.)

In dieser Einleitung zum Roman erfährt man mehr an Substanzieellem von "ansichten eins Clowns" als aus vielen anderen Einlassungen (ob von Augstein, Reich-Ranicki .. Baumgart ...) - Kaiser benennt die wichtigen Grundthemen, die in dem Roman vibrieren: Liebe oder <andere> Ordnungsprinzipien im Katholiszimus - soziale Bedingtheiten im rheienischen Kapitalismus - Nachkriegsbedingunnen - Nazi-Vergangenheit(en) ...



Böll ... "Die Besten im Westen":

Authentisch & berührend & für Menschen mit einem Böll-Faible ...  wg. der Gerechtigkeit des Autors. .

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