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Donnerstag, 22. September 2016

Böll Roman 'Ansichten eines Clowns'





Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ ist vor mehr als 53 Jahren erschienen. Das Liebespaar Marie Derkum und Hans Schnier leidet unter denselben Ehegesetzen und Kirchenstrukturen, wie sie auch noch heute im Jahren 2016 als Dogmen gelten: Zweckbindung der Sexualität, Fixierung von Frau und Mann auf die Fortpflanzung, Scheidungsverbot; für die Priester: Verpflichtung auf das Zölibat, auf die patriarchalische Geistlichkeitstilisierung. - Der frech anarchische Clown Schnier hat Erbarmen mit den Kirchenmännern. Er imaginiert Gespräche mit dem Papst Johannes XXIII., zum tragischen Endpunkt seiner Karriere setzt er sich auf die Stufen des Bonner Bahnhofs und singt zur Guitarre: „Der arme Papst Johannes...“

Heute im Jahre 2016 und später könnte der Clown als Christ auch singen: “Der arme Papst Franciscus...“ - Es wäre nicht nur ein Ehren- , sondern auch wahrer Titel.

 

Brief … an Papst Franziskus:


Diesen Brief möchte ich nach Rom, in den Vatikan senden – und auf den bedeutendsten Roman von Heinrich Böll aufmerksam zu machen, der auch mehr als 50 Jahre nach seinem Erscheinen ein bedeutsames Leseerlebnis sein kann. Insbesondere in den Tagen der global sprechenden Bischofssynode.



Heinrich Böll schreibt im Jahre 1963 auf mehreren Ebenen, geprägt von seiner Barmherzigkeit:

  • auf der sozialen Ebne der Nachkriegszeit,
  • und vieler volkssprachlicher, ja auch märchenhafter Elemente.
  • auf der ethischen Grundlage eines Ur-Christentums.

Ich bitte den Heilgen Vater, diesen Roman zu lesen oder lesen zu lassen – oder um auf Heinrich Bölls Anliegen des sog. Rheinischen Katholizismus aufmerksam zu machen, deren Liebespaar Hans und Marie die beispielhafte Intention eines Liebespaares der 60er Jahre vertreten: … gescheitert vor mehr als eine Generation – an Lieblosigkeiten in Familie und Geistlichkeit.


Böll gibt dem Roman ein Motto: „Die werden es sehen, denen von Ihm noch nichts verkündet ward, und die verstehen, die noch nichts vernommen haben.“

Böll zitiert hier nach Jesaja 52,15 (AT) und Römer 15,21 (NT). In der Einheitsübersetzung der Bibel lautet der Text des Römerbriefs: »Sehen werden die, denen nichts über ihn verkündet wurde, / und die werden verstehen, die nichts gehört haben.« (Heilige Schrift. Stuttgart 1980.) Das Motto ist, wie Böll in seinem Nachwort zum Roman von 1985 ausdrücklich bemerkt, als »Schlüssel« zu verstehen. Jesaja, der judäische Prophet, spricht in diesem Bibelwort von der Bekehrung der Ungläubigen, der »Heiden«. »Jesaias wie Paulus werten die 'Heiden' (die heute gerne blank und ehrlich „Völker“ genannt werden) gegenüber der Geringschätzung, mit der sie zu ihrer Zeit betrachtet wurden, bewußt auf.“ (In der Neuausgabe des Romans. Köln 1985 (oder in der KA. Bd. 13. 2004), S. 411)


So wie Böll im Jahre 1963 den Bruder Papst Johannes XXIII. im Roman zitierte – so könnte er heute den Barmherzigen Papst Franciscus zitieren ... mit jedem Wort aus seinem Munde …

Die Botschaft an die Hirten, in „Amoris Laetitia“ (2016;): „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in 'irregulären' Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. ...“ Oder:

„Einer pastoralen Zugehensweise entsprechend ist es Aufgabe der Kirche, jenen, die nur zivil verheiratet oder geschieden und wieder verheiratet sind oder einfach so zusammenleben, die göttliche Pädagogik der Gnade in ihrem Leben offen zu legen und ihnen zu helfen, für sich die Fülle des göttlichen Planes zu erreichen, was mit der Kraft des Heiligen Geistes immer möglich ist.“ (* 297. In: „Amoris Laetititae“. Buchausgabe. 2016, S. 248)

*

An solchen Sätzen hätte Böll in seinem Stil - lat. stilus – mit seiner Schreibhand sicherlich Korrekturen vorgenommen: „Irreguläre Situationen“ … - für ihn war sein gesamtes Personal real und wahrhaftig; er war persönlich für die Figuren in Freud und Leid verantwortlich. „Amor sit ...“ - Böll hätte sicherlich das „Miserando atque Eligendo“ („durch Erbarmen erwählt“) des Papstes Franciscus auch für seine humane Poesie beanspruchen können.

Böll 1959: „Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später.“ - Priestern, Bischöfen, Päpsten sind immer alle Worte schon vorweg-gegeben. Franciscus Apostolat der Barmherzigkeit … ist der erste Casus misericordiae clericalis. Böll hätte sich der fraternitas als Nomen femininum, nicht verschließen mögen. Es ziert ein Wahlspruch das Wappen des Papstes: „miserando atque eligendo“ - „durch Erbarmen erwählt“.


Böll leistet auch eine Anknüpfung an die deutsche Märchentradition: „Sternthaler“. Hier stehen die Märchen der Brüder Grimm volkskundlich Pate. Das Märchen heißt in der ersten Fassung „Das arme Mädchen“; spätere Ausgaben tragen die Überschrift „Die Sternthaler“, so dass die Beglückung des Kindes als eine gläubige Erfüllung gesehen werden kann, nicht nur durch die Erscheinungen des Nachthimmels, sondern auch als Gnade und Barmherzigkeit einer höheren Macht. Wir wissen heute, dass zwar der Glaube an solche Erscheinungen wichtig ist, die Erfüllung als Veränderung einer erbärmlichen Not aber durch menschliche Barmherzigkeit bedarf, um seelische und leibliche Nöte zu beheben.

So summiert Böll (S. 418) als Forderung seiner Geliebten die „Diagonale zwischen Gesetz und Barmherzigkeit“:

Wer die persönlichen und intimen Sorgen zwischen der Geliebten Marie und dem Clown Hans Schnier liest und nacherlebt, erfährt nicht nur die katholisch seelsorgerischen Querelen der 60er Jahre im Roman, sondern noch heute die Kerndifferenzen der heutigen Gesandten, die in Rom über die Fragen und Ewigkeiten familiärer Seelsorge beraten wollen, eine Bischofssynode derer, sich sich als Gottes-Künde anmaßen, statt barmherzig-liebesvoller sich den Menschen zu öffnen, um deren Heil zu erfahren. Bölls liebevollem Verständnis für Menschen, ob Laien, ob Priester, sollten sich die RatSchlagenden in der Familiensynode vergewissern. Er, der Autor und Prophet, würde an sie aber auch die Forderung stellen: Verständnis, Vertrauen und Verbot von Dogmen. 

 

Auch für Menschen, die sich egal, wann und wie und wo „grün .. und emanzipiert .. nannten – eine kleine Lehrstunde aus den Jahren 196263


Ein besonderer Moment bietet die Erinnerung an seine Schwester, die von der Mutter in der Endkriegszeit an die Front geschickt wurde:



Hans erinnert sich häufiger an sie, als die Mutter sich schon lange die Erinnerung verbeten hat:

Henriette mit blauem Hut und Rucksack. Sie kam nie mehr zurück, und wir wissen bis heute nicht

, wo sie beerdigt ist. Irgendjemand kam nach Kriegsende zu uns und meldete, daß sie »bei Leverkusen gefallen« sei.

Diese Besorgnis um die heilige deutsche Erde ist auf eine interessante Weise komisch, wenn ich mir vorstelle, daß ein hübscher Teil der Braunkohlenaktien sich seit zwei Generationen in den Händen unserer Familie befindet. Seit siebzig Jahren verdienen die Schniers an den Wühlarbeiten, die die heilige deutsche Erde erdulden muß: Dörfer, Wälder, Schlösser fallen vor den Baggern wie die Mauern Jerichos. (Kapitel 4)



In den Erinnerungen und Gesprächen Schniers wechseln häufig die Ebenen; wo gerade vom Bergbau – dem Aktien-Reichtum der Schniers - gesprochen wird – geraten wir in biblische Kontexte... - und umgekehrt ...



Der gesamte Roman als pdf-Datei:




Und der sehenswerte Film, der auf einige Besonderheiten des Clowns verzichtet (z. B. seine telepathische Geruchsfähigkeit bei seinen Telefonaten):