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Samstag, 27. Dezember 2014

Victor A u b u r t i n über Goethe

A. S. Rey.....

 G o e t h e -Memorabilien elfeinhalb

... zum  Nach-,  Vor- &  Weiterlesen


 Vorab ein wunderbarer Text, nein: drei!

Nein, nicht von Goethe, vielmehr über Goethe. Genauer: „Die Goethe-Philologen“, die man auch Goethe-Affen nannte; und Weiteres-Heiteres: „Über Alexandria“ und „An Weimar vorbei“.

Victor Auburtin als Kenner und Kritiker der „Goethephilologen“, ohne dass er einen Wilhelm Scherer z.B. denunziert.

 

 

Victor Auburtin:


Die Goethephilologen

Am 8. März 1826, vormittags elf Uhr, dichtete Goethe folgenden Vers:

Wirke, Jüngling, ziele, schaffe,
Hoher Mannestätigkeit;
Nur im Palmenbaum der Affe
Spielt und tändelt alle Zeit.

Der Olympier diktierte dieses Verschen dem Dr. Eckermann und sandte es dann an Cotta, damit es noch in die Ausgabe letzter Hand hineingebracht werden könne.

Am 30. Oktober kamen die Korrekturbogen von Cotta zurück, in denen der Vers drinstand. Goethe hatte gerade keine Zeit, denn er hatte einen fossilen Rhinozerosschädel vor, an dem er die Knochennähte des Os sphenoideum zu studieren gedachte. Er schob also die Bogen Eckermann hinüber, damit der die Korrektur besorge. Aber Eckermann schrieb eben einen Liebesbrief an seine Braut aus dem unreinen ins reine ab. Er hatte also ebenfalls keine Zeit und las die Korrekturen auch nicht. So blieb unbemerkt ein Druckfehler in dem Verse stehen, und zwar folgendermaßen:

Wirke, Jüngling, ziele, schaffe,
Hoher Mannestätigkeit;
Nur im Palmenbaum das Affe
Spielt und tändelt alle Zeit.

Die ungelesenen Korrekturbogen gingen an Cotta zurück, und auf diese Weise kam die berühmte Lesart »das Affe« in die Ausgabe letzter Hand und in die deutsche Nationalliteratur.

Dreißig Jahre später wurde die Goethephilologie erfunden. Und wenn nun mehrere Goethephilologen beisammen sind und wenn zufällig einer von ihnen den Vers »Wirke, Jüngling« zitiert, so passen die anderen scharf auf, ob er ja auch richtig »das Affe« sagt, wie es der Meister geschrieben hat. Wenn er aber aus Versehen zitiert »Nur im Palmenbaum der Affe«, so schreit alles durcheinander: »Falsch; es muß heißen: Nur im Palmenbaum das Affe.«

In der Zeitschrift für deutsche Philologie, Jahrgang XXXVIII, aber schrieb Professor Horitza folgendes: »Die Lesart ›das Affe‹, die dem banausischen Verstand auffallen könnte, ist von dem Meister mit sichtlichem Vorbedacht und mit feinstem Sprachgefühl gewählt worden. Der Affe ... das wäre nur ein individueller Affe in einem individuellen Palmenbaum ohne jede Allgemeinbedeutung. Das Affe aber umfaßt die ganze Affenschaft der Welt. Man glaubt es tausendfach kribbeln und wimmeln zu sehen, wenn man diese Wendung ›das Affe‹ liest, in der wahrhaft ein echter weimarischer Hauch von Ewigkeit und Unendlichkeit zu wehen scheint.«

So ist das Affe ein Palladium und Feldgeschrei der Goethephilologen geworden. Sie erkennen sich daran und gebrauchen es oft und gern, um zu zeigen, wie tief sie in des Meisters Art und Geist eingedrungen sind. Wenn jemand beispielsweise dem Professor Erich Schmidt sagt, es sei doch gleichgültig, ob Goethe den »Erlkönig« im Jahre 1780 oder 1781 gedichtet habe, so wird der berühmte Literaturhistoriker geringschätzig vor sich hin murmeln: »Solches Affe.«

(Zuerst in „Die Onyxschale“. 1911).

Später im Sammelband „Sündenfälle“. Berlin 1970. S. 17f.




*

Über Goethes Affen-Wortschatz hier, übersichtlich im Goethe-Wörterbuch:




Und hier ein anderes Bild von Goethe-Philologen aus der Weimarer-Erben-Zeit.



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                                                                                         Victor Auburtin (Bild i.d. "Weltbühne")

 

Auburtin zum Zweiten:

Victor Auburtin:

  „Über Alexandria“



Montaigne hat – zur Zeit der Bartholomäusnacht – Beschwerde darüber geführt, daß zu viele Bücher geschrieben würden. Und mit dem Tone des Entsetzens und Erstaunens bemerkte er: »Es gibt Bücher über Bücher!«

Teurer Montaigne, klügster aller Menschen, Sohn eines französischen Beamten und einer portugiesischen Jüdin, was würdest du sagen, lebtest du heute! Du würdest vielleicht darauf verzichten, deine Essays herauszugeben, die du ja nur für dich und deine stillen Freunde geschrieben hast.

Du lieber Gott, wir schreiben ja nichts als Bücher über Bücher.

Wir besitzen jetzt Werke, die man Literaturgeschichten nennt und die es zur Zeit von Goethe noch nicht gab, ein Zeichen, daß es auch ohne sie geht. Diese Literaturgeschichten sind so zahlreich, daß wohl schon eine Geschichte der Literaturgeschichte geschrieben worden ist oder demnächst geschrieben werden muß; und wenn dann jemand eine Kritik über dieses Werk verfaßt, so liegt die Sache so: das ist ein Buch über ein Buch, das sich mit den Büchern befaßt, die über Bücher geschrieben worden sind.

Es gibt glänzende Schriftsteller, die nie etwas anderes geschrieben haben als über etwas. Gekräuseltes Zeug, das der Wind der Zeit wegweht. Aber das Märchen von den sieben Zwergen, das vielleicht ein Autor der Eiszeit verfaßt hat, raunt und klingt durch die Jahrtausende. Darin gibt's gar nichts über; klar und einfach der Bericht des Dichters.

Ein Zufall spielte mir dieser Tage wieder einmal Goedekes Grundriß in die Hände, ein kolossales Werk, in dem nur die Titel der deutschen Dichtwerke verzeichnet sind und die Bücher, die über diese Werke geschrieben worden sind. Goethe füllt einen dicken, engbedruckten Band. Es gibt neunundsiebzig Arbeiten über Goethe und das Altertum (Goethe und Homer, und Äschylos, und Euripides, und Epicharm, und Aristoteles, und Horaz, und Vergil) und einhundertundzwölf Werke über Goethe und England. Und fast über jede dieser Arbeiten sind zwei Dutzend andere Arbeiten geschrieben worden.

Ein deutscher Schriftsteller, der noch nie einen Artikel über die Frau Rat verfaßt hat, macht sich neben seinen Brüdern geradezu verdächtig. Es muß eine geheime Vagabondage an ihm sein.

So ähnlich war es vor zwei Jahrtausenden, in der Stadt des Mazedoniers, in dem ägyptischen Alexandria. Da hockten die Literaten zu Tausenden, und einer schrieb über den anderen. Und der Philosoph Didymos verfaßte allein für sich viertausend Bände über die Grammatik.

Das alles ging in die Bibliothek und wurde katalogisiert und stand schön sauber und sicher in Reihen ... bis der Araber kam mit seiner Fackel und der große Brand aufleuchtete, nach dem eine neue Welt begann.

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Und Auburtin zum Dritten:

Victor Auburtin:                                                                  

 

An Weimar vorbei

Im Speisewagen Berlin-Frankfurt, ein Uhr, gegen Ende des ersten Mittagessens. An meinem Tisch drei große, umfangreiche Herren, die offenbar zur Frankfurter Messe fahren.

Alter Rotwein, viele Schnapsgläser, Zigarren so groß wie die Zeppeline. Seit einer Weile hält der Zug auf einer mittelgroßen, leeren Station.

Wo sind wir denn hier? – Weimar. – Na, warum halten wir denn so lange in dem Drecknest?

Unter den eisernen Trägern des Bahnhofs hinweg kann man ein Stück der Landschaft sehen. Graues oder schwärzliches Hügelgebilde, über das gerade jetzt ein geistreiches Aprilschneewehen hinwegwandert.

Der blendendweiße Strich dort ist eine Straße. Diese Straße ist er oft gefahren mit seinem Eckermann, auch bei schlechtem Wetter. Und Hügel und Schnee haben damals ebenso ausgesehen wie jetzt, haben ihm nicht mehr geboten, als sie uns bieten.

Die Rohstoffe seines Werkes sind unvermindert heute noch vorhanden und allgemein zugänglich.

Inzwischen wird am Tische der Wert Weimars erwogen und besprochen: In Weimar ist gar nichts los. – Ein ganz totes Nest. – So schlimm ist es nun doch nicht, hier ist doch die große Pianofortefabrik von ... na ... Dingsda ... von Römhilt.

Gott sei Dank, daß es wenigstens Pianofortes sind, denn es hätten ja auch Gummikragen sein können. Dann hieße es heute im Volksmund: Weimar, richtig, das ist ja die Stadt mit den Gummikragen.

Nun setzt sich der Zug doch so allmählich in Bewegung und rückt über Neudietendorf auf Frankfurt a. M. zu. Dort steht das Haus, an dem immer so viele schöne Reden gehalten werden. Über unseren Dichter, der in diesem Sinne als wahrhaft volkstümlich bezeichnet werden muß.

*

(Aus: V. A.: „Ein Glas mit Goldfischen“ (1922). In: „Sündenfälle“. 1970. S. 194f.)

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