Balten-Porträts
Siegfried von Vegesack
Porträt - Folge vier
Siegfried Von Vegesack,
ein ökologischer Vor-Läufer und seine Bemühungen um sein Waldgrab in Weissenstein
S.v.V.s
Brief und seine letzte Verfügung:
An
das Landratsamt Regen
Nr.
II/7 - 554.
Burg Weissenstein, 18. Mai
1964.
Gegen
die Entschließung der Regierung von Niederbayern vom 22. April 1964
erhebe ich hiermit Einspruch.
Die
dargelegten Ablehnungsgründe widersprechen den Tatsachen:
1)
Die geplante Begräbnisstätte soll keineswegs auf
dem Pfahl, sondern neben
dem Pfahl auf meinem Grund und Boden errichtet werden.
2)
Für die vorschriftsmässige Tiefe ist keineswegs irgend eine
Sprengung erforderlich, da das Erdreich hier genügend tief ist
und bereits bis zu 1.50 Meter ausgehoben wurde und ohne jede
Schwierigkeit auch noch tiefer ausgehoben werden kann.
3)
Durch Gutachten von Prof, Dr. Georg Priehäusser, der auf dem Gebiet
des Naturschutzes als Geologe eine Autorität ist und im Auftrage
des Landratsamtes Regen die geplante Grabstätte eingehend besichtigt
und geprüft hat, bestehen weder aus Gründen des Naturschutzes,
noch aus denen der Wasserversorgung irgend welche Bedenken gegen
die Errichtung der Grabstätte. Alle diesbezüglichen Einwände der
Regierung sind deshalb hinfällig.
4)
Meine Begräbnisstätte würde in keiner Weise einen Eingriff in die
freie, schöne und schutzwürdige Landschaft" bedeuten, da
dieses Landschaftsbild durch einen bescheidenen Grabhügel nicht im
Geringsten verändert werden würde. Weder ein Gedenkstein, noch
irgend ein Denkmal, sondern nur ein einfaches Totenbrett an einer
Kiefer, - wie es hier üblich ist, - wird die Begräbnisstätte
bezeichnen.
Es
ist geradezu grotesk, wenn die Regierung bei ihrer Entschließung
sich auf den Naturschutz beruft: denn die Regierung von Niederbayern
hat Jahre und Jahrzehnte untätig zugesehen, wie der Quarz des
Pfahles als Straßen-Schotter ausgebeutet wurde! Wenn ich den Bund
für Naturschutz in Bayern nicht alarmiert und mich für den Schutz
des Pfahles eingesetzt und durch mein persönliches Eingreifen eine
weitere Ausbeutung verhindert hätte, wäre auch der letzte Rest des
Quarzfelsens oberhalb des Dorfes Weissenstein spurlos verschwunden.
Auf
meine Verdienste als Schriftsteller bilde ich mir nicht allzu viel
ein: sie sind vergänglich. Doch mein bleibender Verdienst, dass ich
den Quarzfelsen vor dem gänzlichen Untergang bewahrt habe, kann mir
niemand abstreiten. Und so glaube ich doch ein gewisses Anrecht auf
ein bescheidenes Grab am Fuße des Pfahls zu besitzen, dessen letzter
Quarzfelsen oberhalb des Dorfes ohne mein Einschreiten längst vom
Erdboden verschwunden wäre.
Da
bisher kein einziger Vertreter der Regierung von Niederbayern sich
ein Bild von der tatsächlichen Lage der geplanten Grabstätte
gemacht hat, schlage ich vor, dass ein Sachverständiger der
Regierung auf meine Kosten herkommt und sich unvoreingenommen durch
persönlichen Augenschein davon überzeugt, dass der hier
dargestellte Tatbestand der vollen Wahrheit entspricht.
Sollte
die Regierung von Niederbayern trotzdem auf ihrer Entschließung
bestehen und mir die Grabstätte verweigern, werde ich gegen diese
Entschließung Berufung einlegen und den Rechtsweg beschreiten. Da
ich mich bereits dem 80. Lebensjahr nähere, werde ich die endgültige
Entscheidung der höchsten Instanz kaum noch selbst erleben. Deshalb
bestimme ich schon heute als meinen letzten, unumstösslichen
Willen:
dass
mein Leichnam eingeäschert, und meine Asche auf meinem Grund und
Boden, an der bezeichneten Stelle am Pfahl beigesetzt wird.
Als
gläubiger Christ bin ich kein Freund der Feuerbestattung, - eine
christliche Beisetzung in der Erde würde meinen Anschauungen als
Christ besser entsprechen, 'von Erde bist du, und zur Erde sollst du
werden!' - da aber hier in Weissenstein kein Dorffriedhof besteht,
und ich auch auf dem überfüllten Friedhof von Regen nicht neben
meinen Brüdern liegen könnte, bleibt mir als einziger Ausweg die
Feuerbestattung.
Ich
habe auf dem Lande gelebt, und möchte deshalb auch auf dem Lande
begraben sein, - und zwar in dieser Erde, die mir im Lauf eines
halben Jahrhunderts zur zweiten Heimat wurde.
Die
Urkunde meines letzten Willens werde ich im Notariat Regen
hinterlegen.
Eine
Abschrift füge ich zur Kenntnisnahme bei.
Gez.
Siegfried von Vegesack
Weissenstein,
Pfingstmontag,
den
18. Mai 1964.
*
Siegfried
von Vegesack:
MEIN
LETZTER WILLE
Für
den Fall, dass die Regierung von Niederbayern auch nach meinem
Tode mir ein Begräbnis auf meinem Grund und Boden am Pfahl
verweigern sollte, bestimme ich hiermit als meinen letzten Willen,
dass mein Leichnam eingeäschert und meine Asche auf der von mir
bezeichneten Stelle am Pfahl beigesetzt wird.
Ferner
bestimme ich, dass weder ein Gedenkstein, noch ein Denkmal,
sondern nur ein einfaches Totenbrett, wie das hier im Wald der Brauch
ist, die Stätte bezeichnen soll. Der Grabhügel soll so unaufällig
wie möglich sein, und sich in keiner Weise von der von Heidekraut
bewachsenen Umgebung unterscheiden.
Als
gläubiger Christ bin ich zwar kein Freund der Feuerbestattung, -
eine christliche Beisetzung in der Erde würde meinen Anschauungen
besser entsprechen. Da aber hier in Weißenstein kein Dorfriedhof
besteht, und ich auch auf dem überfüllten Friedhof von Regen nicht
neben meinen Brüdern liegen könnte, bleibt mir als einziger Ausweg
die Feuerbestattung.
Weißenstein,
am Pfingstmontag, den 18.Mai 1964.
![]() |
Siegfreid von Vegesack, als Miniatur in einer Tabakflasche |
Von
Vegesacks Grabstätte
(Montage
aus drei Fotos: Wegweiser, Betonsockel der Windturbine, Grabbrett der
Grabstelle) - © Reyntjes
Der
Text der selbst gefertigten Grabbrettes lautet:
Hier,
wo ich einst gehütet meine Ziegen,
Will
ich vereint mit meinen Hunden liegen.
Hier
auf dem Pfahle saß ich oft und gern.
O
Wandrer schau dich um, und lobe Gott den Herrn.
*
So hat von Vegesack sein Waldgrab erhalten; es ist in
fünf Fußminuten von der Burg und dem Museum aus zu erreichen.
Es ist wohl für jeden Besucher an dieser Stätte ein
eigentümliches Gefühl; und in jedem Jahr, wenn ich Weißenstein und
Regen besuche, setze ich mich hier zwischen Heidekraut, Birken und
Lärchen, zwischen dem silberschlierigen Quarzgesteins und dem immer
spürbaren Herrn der Lüfte, den heraufstreichenden Winden, der
Lebenserfahrung dieses Weltenbürgers von Vegesack sinnlich und
intensiv aus. Dann lese ich immer wieder gerne die Geschichte vom Bau
der Windturbine, deren Betonfundament man noch in unmittelbarer Nähe
des Grabes erkennen kann. (Vgl. Folge fünf "Licht der Lüfte"
des Vegesacks-Porträts.)
(Quelle: Brief Nr. 209. Abgedruckt nach der
Briefausgabe. Hrsg. von Marianne Hagengruber: Briefe 1914 - 1971.
Grafenau 1988)
*