Dienstag, 4. Februar 2020

Ernst Wiechert: D i e G e b ä r d e

Ernst Weichert:
Die Gebärde (1946)


                                                - Ernst Wiechert (1928) -
                                                     
                                                Liebet euch untereinander!"i

Diese Textfassung folgt der Gesamtausgabe der Werke Wiecherts aus dem Jahre 1957.
 
Ich habe die mir wichtigen Begriffe angemerkt und kommentiert.


Es war ein nichtiger Anlaß, und kein andrer als der alte Doktor war imstande, eine Geschichte daran zu knüpfen. Es war schon nach dem Essen, und wir saßen vor dem Kamin. Der Wind ging durch die Bäume des Gartens, und wenn niemand sprach, hörte man den Wald hinter der Gartenmauer brausen. Der Kamin war der Anlaß des klei­nen Festes. Jahrelang hatte die kleine Hausfrau ihn sich gewünscht, und nun sprangen die Funken aus dem Buchen­holz, und der Wind, der über den Dächern war, hob die Flamme zu sich empor und ließ sie wieder fallen, wenn es ihm gefiel. Es brannte kein Licht im Zimmer, und wir alle hatten die Hände um die Knie gefaltet, müßige, be­hütete Hände, und sahen zu, wie der rote Schein über ihre Gliederung spielte.
»Glaubt ihr, daß man Andersen ii] irgendwo anders lesen könnte als hier?« fragte die Hausfrau.
»Oder Stifter iii] ... «, sagte jemand.
Aber niemand antwortete. Jeder blickte lächelnd vor sich hin, mit dem lächelnden Wissen der Zugehörigen, als hätte man von Weihnachten gesprochen, oder von der ersten Liebe, oder von einem Schubertlied.
Nur der Hausherr hatte den Kopf in beide Hände gestützt. »Heute, in der Stadt«, sagte er, »sprach mich ein armer Teufel an. Er holte mich ein und blieb einen Augen­blick an meiner Seite, dicht, aber doch mit einem gleichsam innerlichen Abstand. 'Ein stellungsloser Musiker, mein Herr ... ', sagte er. 'Ich habe Hunger ...'. Ein zerfallenes Gesicht, frisch zerfallen gleichsam, als habe er noch vor acht Tagen nichts als Beethoven gekannt. Augen wie ver­irrte Tiere am Waldrand, dicht vor den Bezirken der Menschen. Vielleicht war es, daß ich mich meiner guten Kleidung schämte, oder weil Bekannte mir entgegen­kamen... oder... ja, wahrscheinlich war es, weil ich an den Kamin dachte und an heute abend... 'Das geht nicht', sagte ich; 'auf der Straße ... das ist ungehörig ...' Und dann war er fort, untergetaucht, zurückgefallen in die Menge, wie ein Mensch die Hände von einem Bootsrand losläßt und ins Meer versinkt ..."
Es war ein bedrückendes Schweigen. Das Schweigen einer gemeinschaftlichen Scham, eines gemeinschaftlichen Trot­zes, der leere, schweigende Raum um eine gemeinsame Lüge. Und in diesem Augenblick geschah es. Bevor jemand den Mut hatte, eine der flachen Tröstungen auszusprechen, hob die Hausfrau ihre rechte Hand, und ihre leise geöff­neten Finger glitten einmal von links nach rechts, mit jener waagrechten Bewegung, mit der wir etwas abschließen, wegwischen, auslöschen. Ein Gespräch, einen Zustand, eine Handlung, eine Reue. Aber noch während die Hand schwe­bend im rötlich beglänzten Raum lag, beugte der Doktor sich vor, umschloß mit seiner alten Hand die junge, führte sie langsam den Weg der Gebärde zurück und legte sie sorgsam in den Schoß der Hausfrau nieder. »Sie dürfen das nicht tun«, sagte er leise. »Man löscht nichts aus in der Welt... es ist, als ob man ein Kind zu den Ungeborenen schieben wollte ... «
»Aber Doktor ... «, sagte sie schüchtern.
»Das letzte Mal, als ich diese Gebärde sah«, fuhr er fort   und es sah aus, als spreche er in das Feuer hinein  , »beschloß sie das Leben eines Menschen. Seither kann ich sie nicht mehr sehen... Ja, es fing also auf der Schule an, wo alle unsre Grausamkeiten anfangen. Auch diese, das Auslöschen. Die kleine Mördergebärde. Verzeihen Sie... Wir hatten einen jüdischen iv] Mitschüler. Den einzigen Juden unsrer Klasse. Er hieß Eli v]. Eli Kaback vi]. Es war kein Wun­der, daß schon der Name uns reizte, die wir bürgerliche, kompakte Namen, sozusagen anständige Namen hatten. Eli war eine Herausforderung. Und Kaback, nun, das war eben etwas, das nicht gesprochen, sondern nur gegrinst werden konnte. Einer von uns hieß Kußmaul und einer Rindfleisch. Aber das war eben Humor, indogermanischer vii] Sprachhumor gleichsam, aber das andre war eine Groteske, wie ein Negertanz viii] oder eine Hottentottenarie.

Und so erschien er uns selbst. Das Ganze von ihm. Er war klein, schwächlich, kränklich. Ein blasses, immer ge­ängstigtes Gesicht unter schwarzem Haar. Alle Bewegungen wie am Rand einer Höhle, sprungbereit, dicht am schützen­den Dunkel. Und um Mund und Augen trug er die Falten eines ganzen Volkes. Des demütigen Teiles eines Volkes. Denn jedes Volk besteht aus den Lauten und Leisen. Der 'Rotte' und den Stillen. Fünftausend Jahre Geschichte wa­ren um seinen Mund. Geschichte eines geprügelten Hundes, wie wir die Geschichte eines Raubtieres um unsre Lippen trugen. Er war sanft, hilfsbereit, gütig, und seine traurigen Hände sahen wie gekreuzigt aus.
Sein Verhängnis war, daß er sich nicht wehren konnte, nicht mit dem Geist und nicht mit den Fäusten. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn unsre Meute unter den Leh­rern ein Opfer ix] gefunden hätte. Aber sie herrschten mit brutaler Gewalt, und kein Tag verging, an dem nicht die Unerschrockensten unter uns Striemen auf der Innenseite der Hände gehabt hätten. So warf sich die Meute auf Eli... 'Itzig!' x] johlte die Meute. 'Itzig' stand auf allen Seiten seiner Bücher, auf Zetteln an seinem Rücken, auf Briefen, die man ihm zuschob. In den Pausen spielte man 'Judenball' xi], indem einer ihn auf den andern stieß, in einem engen, undurchbrechlichen Kreise, durch dessen Mittelpunkt Eli mit geschlossenen Augen taumelte, ein ohnmächtiges Tier unter den funkelnden Augen junger Wölfe.
Selten, sehr selten kam es vor, daß so etwas wie die Würde der Menschheit sich in ihm empörte. Dann warf er sich mit geschlossenen Augen auf die Gegner, wie in einen Abgrund, oder er rieb die Innenseite seines Brotes dem Feind auf den Anzug, eine groteske Rache, die die Sach­beschädigung anstelle der blutigen Vergeltung setzte. Er wurde furchtbar verprügelt, wie ein Sklave, der gewagt hatte, die Hand gegen das Gesicht des Herrn zu heben, und am nächsten Tag war seine Haltung noch demütiger, und der Blick seiner Augen ging an uns vorbei, so weit zurück, als reiche er bis an die Schwelle des Tempels Salomonis xii].
Das Niedrigste aber, ja das Verruchte dieses ganzen Treibens war, daß alle Lehrer davon wußten. Daß sie es schweigend und nicht ohne Beifall duldeten, wie die Auf­sicht auf dem Hof, die sich abwendete und den Spatzen zu­sah, wenn Judenball gespielt wurde. Ja, daß sie in seine Wunden, mit denen seine Seele vor ihnen blutete, das Gift ihres Hohnes langsam und ätzend träufelten. Daß ihre Knechtsseelenxiii dasselbe taten wie die Knechte auf den Hö­fen, die die Hofjungen im Hemde antreten ließen, um ihre Knechtsmacht an ihnen zu erproben, wie der Herr seine Herrenmacht an ihnen erprobte.
Und ich? Ja, auch ich war ein junger Wolf xiv]. Nicht daß ich ihn mißhandelte. Ich hatte eine Scheu vor der Berüh­rung xv] andrer Körper... weswegen ich wahrscheinlich Arzt geworden bin... aber ich duldete schweigend, lächelnd, mit einer Art von süßem Grauen, das ich mir heute biologisch erkläre. Und noch jetzt, in dieser Sekunde, brennt meine Stirn vor Scham, indem ich dies alles erzähle.
Eli ging mit dem 'Einjährigem' ab. Ohne Abschied, wie ein junges Tier, das aus dem Stall zum Markt geholt wird. Er wurde Zahnarzt, und niemand sah etwas von ihm. Er fiel aus unsrem Leben heraus, aus unsrem Gedächtnis, wie ein zertretener Grashalm aus dem Gesicht einer Straße.
Wir sahen ihn ein einziges Mal wieder, zehn Jahre nach der Entlassung, als unser Jahrgang sich zu einem 'Jubi­läum' zusammenfand. Natürlich hatte das 'Komitee' ihn nicht eingeladen, und niemand wußte später, wie er es erfahren hatte. Wahrscheinlich hatte er nichts vergessen in diesen zehn Jahren, wahrscheinlich war er sehr alt gewor­den in diesem Zeitraum, weil nichts so alt macht wie der Gram. Und er hatte wohl gedacht, daß auch wir aufgehört haben würden, wie die jungen Wölfe zu leben. Und so war er eben gekommen. Ein Ausgestoßener, Mittelpunkt eines leeren Raumes, der wieder in einen Kreis treten wollte, in das Glück der Peripherie.
Ich werde nicht vergessen, wie Eli Kaback in unsren klei­nen Hotelsaal trat. Er trug einen Smoking, und sein mage­rer, mißhandelter Körper sah wie die traurige Verkleidung eines Clowns aus. Aber was erschütternd und unvergeßlich war, das war der Ausdruck seines Gesichtes und der ernste xvi] Blick seiner Augen, mit dem er über unsre Augen tastete. Ich habe solche Augen später in meinem Sprechzimmer gesehen, wenn die Untersuchung beendet war, auf Krebs etwa, in der Pause zwischen dem leisen Ton, mit dem die Tür hinter der Schwester zufiel, und meinem ersten Wort, das ich sprach. Augen, die vor der Schwelle zwischen Tod und Leben stehen, die in einem Krampf der Tapferkeit sich öffnen und durch deren Hintergründe schon das Dunkel des Urteils lautlos bricht.
Alle Gespräche verstummten. Alle Augen sammelten sich in seinem Gesicht wie in einer Wunde. Die Kellner sahen ihn an. Die Musiker sahen ihn an. Nichts regte sich im Raum als das leise Surren des Ventilators, und ich weiß, daß ich drei Sekunden lang die Vorstellung eines Fallbeils hatte, das aus der unendlichen Höhe eines dunk­len Gerüstes niederrauschte. Sie müssen bedenken, daß es die Zeiten waren, in denen der Reserveoffizier das Lebens­ziel des Untertanen xvii] war, und in denen für einen bürger­lichen Menschen mehr Mut dazu gehörte, von Lassalle xviii] mit Achtung zu sprechen, als in einen Löwenkäfig zu treten.
Dann stand Kußmaul auf und ging ihm entgegen. Kuß­maul war Bankdirektor. Er hatte einen Rennstall und einen Harem. Wenn er betrunken war, ließ er sich einen Bettler von der Straße holen, gab ihm zwanzig Mark und zwang ihn dafür, drei Stück Toilettenseife aufzuessen. Kußmaul war sehr groß, und er trat so dicht an Eli heran, daß er durch sein Einglas von oben her in das weiße Gesicht blickte. Ich sah, daß die Kellner zu lächeln begannen, und ich sah Gesichter an unserm Tisch, die plötzlich so aussahen wie vor zehn Jahren.
'Verzeihung, mein Herr', sagte Kußmaul sehr deutlich: 'dies ist eine geschlossene Gesellschaft ...'
Eli sank zusammen wie unter dem Schlag eines Beiles, und in der Totenstille, die wieder im Raum war, hörte ich etwas, das ich nicht anders als eine akustische Vision nennen kann: ich hörte den Schlag seines Herzens, wie den Herzschlag eines Vogels, der das Gesicht der Katze sich seinem Käfig nähern sieht.
'Erinnerst du... erinnern Sie sich nicht, Herr Bank­direktor?' fragte er leise. 'Ich bin doch... wir waren doch Schulkameraden ... ?'
'Pardon', erwiderte Kußmaul und drehte sich um. 'Ist der Herr jemandem bekannt? Ich stelle fest, daß ein Irr­tum in den Räumlichkeiten vorzuliegen scheint. Die Synagoge befindet sich nächste Querstraße links.'
Er machte eine leichte Verbeugung und kehrte auf seinen Platz zurück.
'Ich bitte Sie, sich zu entschuldigen, Herr Bankdirektor', sagte Eli Kaback flüsternd. Aber es war niemand im Raum, der nicht jede Silbe verstanden hätte. 'Ich bitte Sie, sich zu entschuldigen', wiederholte er vor Kußmauls Sessel.
In dem weißen Licht der elektrischen Lampen sah sein Gesicht aus, als habe man es hinter unsichtbaren Kulissen mit Kreide eingerieben, und durch den weißen Staub rie­selten seine Tränen. Jeder von uns sah sie, und jeder von uns beugte sich vor, um sie zu sehen: die Musiker der Ka­pelle, die Kellner, der Kreis der Wölfe.
'Du... Judchen ... ', sagte Kußmaul leise, fast zärtlich. Er hob die Hand zur Kapelle, und mit einer schrecklichen Plötzlichkeit warfen die grellen Klänge des Schlagers jener Zeit sich in das furchtbare Schweigen: 'Ha'm Sie nich den kleinen Cohn gesehn ... ?' xix]
Ich weiß nicht, ob es eine Perfidie, eine Servilität des Kapellmeisters, ob es ein Zufall, ob es die nächste Nummer des Programms war. Aber es war der Fall des Beiles. Und unter den Klängen dieser furchtbaren Musik wich Eli Ka­back Schritt um Schritt vor den Augen Kußmauls, vor un­seren Augen zur Tür zurück. Seine Tränen hatten aufgehört zu fließen, und in den blauen Wolken des Zigarren­rauchs sah es aus, als versinke ein Stein langsam, ganz langsam in einem dunklen, unermeßlich tiefen Wasser.
Man lachte, man tadelte, man empörte sich. 'Geh ihm nach', sagte jemand, 'schnell ... ' Und in diesem Augenblick, zurückgelehnt in seinen Sessel, hob Kußmaul die Hand und löschte mit einer einzigen waagerechten Bewegung Schande, Tränen, Schuld und Mord von der Tafel der Zeit, löschte Eli Kaback aus, ein ganzes Menschenleben, und bestellte Champagner für die ganze Tafelrunde.

Es half keinem von uns, daß ich zwei Tage später ein Duell xx] mit Kußmaul hatte. Mein Brief an Eli kam zurück. Er hatte die Annahme verweigert. Drei Jahre später hat er sich aus dem Bodenfenster seines Hauses gestürzt.«
»Mein Gott ... «, sagte eine leise Stimme.
»Gott?« wiederholte der Doktor und schüttelte langsam den Kopf. »Sehen Sie, es gibt so etwas wie einen Kollektiv­mord xxi] ... in der Schule, beim Militär, in der Gesellschaft, in Zuchthäusern. Niemand weiß, weshalb Eli es getan hat, aber wir alle waren seine Mörder. Schatten, die hinter ihm herschlichen, jahrelang, und jeder trennte einen Nerv sei­nes Lebens durch. Und bei dem letzten Schnitt stürzte er ins Bodenlose... Kinder schon haben diese Gebärde, Leh­rer, Staatsanwälte, Väter, Präsidenten... nur das Tier hat sie nicht... und diese Hand«   dabei legte er seine Hand auf die der Hausfrau   »diese Hand soll sie nie wieder haben... damit ihre Kinder sie vergessen haben für alle Geschlechter...«

(Ich habe eine kommentierte Ausgabe des Textee erstellt: Nachfragen bei anton@reyntjes.de )
i

] Ein besonderes Leitmotto - auf religiöse Traditionen bezogen, die allgemein christlich bestimmt sind – oder als Anspruch gegen das Glaubensersatz-Neureich der Nazitümelei sein sollten. – Es gibt tatsächlich wenig Literatur im Deutschen, die sich explizit auf die Bergpredigt mit dem Geboten der Nächstenliebe, gar auf die Feindesliebe und die Verpflichtungen des Johannes-Evangeliums beziehen:

Kap. 15;12-17:
15; 12 Dies ist mein Gebot, daß ihr einander liebet, gleichwie ich euch geliebt habe. 13 Größere Liebe hat niemand, als diese, daß jemand sein Leben läßt für seine Freunde. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was irgend ich euch gebiete. 15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; aber ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe. 16 Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt und euch gesetzt, auf daß ihr hingehet und Frucht bringet, und eure Frucht bleibe, auf daß, was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe. 17 Dies gebiete ich euch, daß ihr einander liebet. (...)
*
Ein anderes historisches Beispiel ist Hermann Melvilles Erzählung „Bartleby. Ein Schreiber in einer Advocatur an der Wall-Street“. Die erste englischsprachige, moderne Novelle, die einen expliziten Verweis auf das Gebot der Nächstenliebe impliziert.

ii] Die Dichternamen Andersen und – in der nächsten Zeile - Stifter (sowie das spätere kulturspezifische Stichwort "Schubertlied") werden von den namenlosen Teilnehmern der abendlichen Gesellschaft gewollt kunstsinnig ins Gespräch gebracht und sind Begleit- und Kontraststimmen zu der Perspektive des erzählenden "alten Doktors"; sie werden als Versatzstücke, als Stichworte einer nicht mehr zeit-gerechten, zeitgemäßen Bildung, einer nicht ausreichenden politischen und literarischen Übereinkunft - hier also schon in den frühen Weimarer Demokratie-Wirren - zurückgewiesen von der erzählerischen Leitfigur. Für die Gesamtgruppe als gesellschaftlicher Ausschnitt gilt: Im einbezogenen, expliziten "Wir" der später atemlos zuhörenden und nicht widersprechenden Runde muss sich auch E.W. (als Zeitgenosse autobiografisch und als Autor intentional) einbezogen haben, der in dieser indirekten Charakterisierung sicherlich die stärkste, frühe Stellungnahme zum Antisemitismus der Vorzeit von 1933 geschrieben hat, die später in seinen bekannten Widerstandsreden (von 1933, 1935), seiner Gestapohaft und seiner Verurteilung zu einer KZ-Strafe in Buchenwald (die er - auch mit Hilfe der Mitgefangenen - nur durch Zufall überleben konnte) ihre Konsequenzen hatten. - Eine direkte anläßliche Vorlage (als Erlebnis, als Dokument oder als Bericht) für Wiecherts Geschichte von der "Todes-Gebärde" und dem Suizid ist aus seinen biografischen Aufzeichnungen nicht bekannt.
- Zum Märchendichter "Andersen": Ich halte es für wahrscheinlich, dass E.W. neben den weltbekannten, häufig auf Kinder-Lektüre beschränkten Dichter auch den anderen Autor kannte; z.B. den Verfasser der Geschichte "Das Judenmädchen" (enthalten auch in den "Märchen"-Ausgaben) oder der Geschichte "Das stumme Buch".

*

Zu erinnern ist hier an E. W.s Essay "Dichterglaube", aus dem Jahre 1931:
"Gleichviel, welchen Namen Gott bei den Dichtern führt, Gott hat viele Kleider, gleichwie viele Wohnungen in sei­nem Reich sind, und es ist nicht nötig, daß er der »Verhüllte« ist und sie ihre Hand ausstrecken können, um einen dunklen Mantelsaum zu berühren. Für den Dichter der Psalmen war er der Bekannte, und für Nietzsche war er der Unbekannte. Goethe wollte ihn nicht nennen, für Dostojewski war er der weiße Heiland, und für Rilke war er der »Dunkle«. Für die Dichter des Krieges hieß er »Vater­land«, und für die Dichter der Revolutionen hieß er »Frei­heit«. Aber für alle war er die dunkle, kühle Erde, in die sie ihre Wurzeln tauchten. Sturm war um das Leben ihrer Alltage, Frost und Hitze, Hunger und das Beil des Näch­sten. Aber ihr Blut stieg aus dem Dunklen, aus dem Be­hüteten und Unzerstörbaren, wo ihre Mütter wohnten, immer bereit für den Heimkehrenden, mit Speise und Trank, mit Balsam für die Wunden, mit einem neuen Lied für die Ausgeschöpften."
Diese umfassendste Poetik, die auch eine pantheistische Philosophie und eine Sozialwahrnehmung umfasst, ist die "fortschrittlichste", "offenste" Darstellung Wiecherts hinsichtlich seiner ästhetischen und religiösen Möglichkeiten und Intentionen; sie ist das für die konkretisierende Erzählung "Die Gebärde" m.E.s gültige und kundigste Fundament des dichtenden Glaubens als eines religiösen Wollens der Gläubigkeit als Liebe und Brüderlichkeit für alle abendländischen Religionsausformungen, in Abwehr der Judenfeindlichkeit.
(Aus: E.W. "Dichterglaube". Stimmen religiösen Erlebens. Hrsg. v. Harald Braun. Berlin-Stieglitz 1931: Eckart-Verlag. 341- 344; G. Reiner gibt in seiner Bibliografie (Teil I; 1972) an: 2. Aufl. Berlin 1932. Text nach: E.W.: Sämtliche Werke. Bd. 10.1957. S. 854 - 858; hier S.854f.)

- Zur Figur des erzählenden Arztes als eines humanistischen Menschenfreundes ergibt sich m. E.s die Begründung aus W.s poetologischem Konzept des "Dichterglaubens", in dem er kirchlich präsentierten Priestern keine Glauben vermittelnde und sozial überzeugende Rolle mehr zuspricht:
"Ich glaube, daß Gott der Baum ist, an dessen Wurzeln die Dichter wohnen müssen. Ich glaube nicht, daß es ihnen gut ist, beim Sohn auszuruhn und zu sagen: 'Niemand kann zum Vater kommen.' Und ich glaube, daß sie auf­hören, die Künder der letzten Dinge zu sein, wenn sie zu den Dienern der Kirche gehen, um zu fragen, wie es Gott gehe. Denn ein Dichter, der zu einem Pfarrer geht, um Gottes Wort zu hören, ist gleich einem Astronomen, der in ein Planetarium geht, um die Sterne zu sehen." (E.W.: SW. 10; 858)


iii] Die Namensnennungen von Hans Christian Andersen und Adalbert Stifter (dem postklassischen, nicht realistischen Landschaftsvirtuosen, der noch in den 1950er Jahren beliebte Klassenlektüre war - zur Langeweile neugieriger, lerneifriger Schüler) folgen einer bürgerlich-traditionellen, kunstverständig agierenden, affirmativ-doktrinären, konservativen Gesellschaftsschicht, die in Gemütlichkeit und Politikferne ihr fehlendes demokratisches Gehabe zelebrierte.
Dass beide Autoren ihre anderen, ihre Konflikte und Schatten vermittelnden Lebens- und Buchseiten und virtuose, weithin unbekannte Texte uns geschenkt haben, erfuhr nur, wer diese Dichter als Gesamterscheinungen wahrnahm, nicht als Vorlagen für Spiele und Vorlesungen von Gesinnungsmärchen oder Weihnachtsstimmungen oder politisch anachronistischen Gruppenabenden.

iv] Der semantische und kommunikative Wert des Adjektivs „jüdisch“ bzw. des entsprechenden Nomens „der Jude/die Jüdin“ ist schwer zu bestimmen. Ich beziehe mich vorerst für eine Kontextanalyse auf eine allgemeine, baltische Nuance, die humorvoll, volkstümliche, im östlichen Erzählraum präsent gewesen – und allgemein verständlich zu sein vorgibt:
Ein baltisches „Pratchen“ (Vertellje, Erzählchen, Anekdote), erzählt von Hans von Schroeder:

Ein in allen drei Herzogtümern (Est-, Liv- und Kurländer) gar beliebter Mann war der Berliner Arnold Vogel, Wein­reisender und Versicherungsagent in einer Person, Draufgänger - elegant - so recht nach dem Herzen der altlivländischen „Kempffer und Dempffer“. Er lieferte hervorragenden Bordeaux, gut abgelagerte Mikosch-Witze und brachte alljährlich heim ins Reich eine gefüllte Brieftasche und bestes baltisches Pratchen-Material für Roda-Roda. Dabei sehr geschäftstüchtig, wie wir sehen werden. Was aber niemand vermutet hatte, erwies sich als Tatsache. Arnold war mosaisch! Das bedauerte nun doch ein Freundeskreis, mit dem er auf Du und Du stand.
Arnold, nichts zu machen - du mußt dich schmad­dern [taufen] lassen!“ Und der schien nicht abgeneigt, loyal wie er war. Kurzum, eines Tages hatte sein Freundeskreis sich zu diesem löblichen Zweck versammelt, ein solen­nes [festlich] Frühstück sollte den Taufakt beschließen.
Es meinte nun der Pastor, noch vor dem Taufakt mit dem Neophyten ein kleines theologisches Gespräch ex officio führen zu müssen. - Nun schön, zehn Mi­nuten, ein Viertelstündchen ... Aber es vergingen eine halbe Stunde, ja noch mehr, bis die Tür zur Clausur der beiden Hauptbeteiligten sich öffnete. Freund Vogel erschien mit strahlender Siegermiene, der Pastor aber bleich, geradezu „bedribst“ [berunken].
Nun, Hochehrwürden, ist alles in Butter, haben Sie Vogel geschmaddert?!“
Nein“, gestand der Pastor mit Bittermandel-Lächeln, „leider nicht — aber er hat mein Leben ver­sichert!“ - Tableau. Ja tüchtig, tüchtig war der Arnold Vogel schon.
(Aus: Hans von Schroeder: Kleine Geschichten aus den baltischen Landen. Stuttgart o. J.: Klett Verlag. S. 148)

v] Eli: Kurzform des männlichen, jüdischen Vornamens Elias (nach dem alttestamentarischen Propheten Elia oder Elias); für Wiechert ist sicherlich anzunehmen, dass er auch wusste, dass es einen jüdischen Hohepriester Eli gibt, dessen Übersetzung "Hoch" meint und die Adoration für "Gott ist hoch" bedeutet. Nach Lk 3,23 meint "Eli" einen Vorfahren Christi. - Für die hebräische Urform des Kreuzesausrufes "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen (Mt. 27,46 und Mk 15,34) ist bekannt die allerentsetzlichste christliche Interjektion "Eli, Eli [oder, aramäisch: Eloi, eloi] lama, sabachthani?"
Diese Worte bilden im AT den Anfang von Ps 22. In der Sprache Luthers, die für den Protestanten Wiechert Lebenslektüre darstellte: "Ein Psalm Davids.... Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schrei, aber meine Hilfe ist ferne." Der Schüler Eli wird hier in seinem Schicksal mit dem Menschensohn Christus gleichgesetzt - in den Entsetzensworten am Kreuz - des Menschensohnes, irgendwie...Mein Gott, mein Gott...? „Eli, Eli, lama“ - siehe Mt 27,46 oder Mk 15,34) Ja, bei Mk steht im griech. Text die aramäische Form „Eloi, Eli, lama sabachthani?“)
- Wer eine fundamentale, theologische, uns heutige Christen bereichernde Erörterung zu den letzten Worten Christi am Kreuz nachlesen will, vom Wiechert-Freund Schalom Ben-Chorin, schlage nach in Ben-Chorims Darstellung "Bruder Jesus", aus dem Jahre 1967, besonders das Kapitel "I.N.R.I. oder der Fluch des Gehenkten". (In: Sch. B.-Ch: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht. München 1967. dtv 1253. S. 175 - 188). – Zur Freundschaft zwischen E.W. und Ben-Chorin vgl. dessen Aufsatz „Begegnung am Starnberger See“, in: Bekenntnis zu Ernst Wiechert. Ein Gedenkbuch zum 60. Geburtstag des Dichters. München 1947: Kurt Desch Verlag. S. 36-44.
Wie ein abschließender Kommentar zu "Die Gebärde" liest sich Ben-Chorins Aussage in seinem Gedenkartikel für E.W. zu seinem 60. Geburtstag: "Und indem der echte Dichter sagt, was er leidet, sagt er zugleich, was wir alle leiden und litten, wir, das über alle Grenzen des Woher und Wohin im Leiden geeinte Volk der Menschheit." (Ibid. S. 44)

vi] Kaback: ein jüdisch-deutscher Familienname, sowohl für die 30er in Berlin, als auch für heute (im Internet) nachweisbar. Von der Etymologie und Onomastik her habe ich keinen Aufschluss erfahren für diesen Namen.

vii] Für jeden Historiker und/oder Humanisten wurden schon vor 1933 in Deutschland das "Germanische" und das "Arische" als angeblich ursprüngliche Einheit und Besonderheit zu einer bestimmten indogermanischen Sprachfamilie unerträglich mystifiziert. (Es hätte auch für Verantwortliche in den Kirchen offenkundig sein müssen...) In der Rassenforschung wurden die Pseudo-Begriffe im Sinne von ‚nordisch’ und/oder ‚indo-europäisch’ schon als Schlagwörter gegenüber ‚jüdisch’ gebraucht. Dieser pseudohistorische Rückgriff sollte den ideologischen Rassismus im deutschen Antisemitismus kaschieren.

viii] "Negertanz", "Hottentottenarie": Ausdrücke aus der deftig-kolonial durchsetzten Umgangssprache der 30er Jahre (vergleichsweise wie im heutigen Rest-Deutsch mit amerikanischem Slang); E.W. liebte diese sparsam angewendete, umgangssprachliche Aktualität und humorvolle Anschaulichkeit; anderswo, in "Die Hirtennovelle" (1935) verwendete E.W. z.B. den heute vergessenen Ausdruck "Botokude" (als gutmütig spottende Interjektion); der Duden aus dem Jahre 1934 bucht diese Ausdrücke alle ohne Angabe einer pejorativen Konnotation.

ix] Im Gegensatz zur nazi-offiziellen Terminologie (Gefallene, insbesondere später an der Ostfront Gefallene, als Opfer zu benennen und lügnerisch zu ehren und zu entschulden) benutzt E.W. hier den Begriff in dem Sinne, wie er ihn in der Erzählung "Der Todeskandidat" prägte. Die Opfer-Problematik unter Lehrern und Schülern, infolge von rottenhaft keilenden (1934 im Duden für „prügeln’) Tätern oder auch im zerstörerischen Kollegen-Verhalten war ihm offensichtlich eine wichtige Intention, seit seinem Erstling "Die Flucht". Dort stellt er einen Direktor und seine Günstlinge bzw. Erfüllungsgehilfen entlarvend-kritisch als destruktive Pseudopädagogen dar.

x] "Itzig": häufiger, von den Nazis wiederbelebter, antijüdischer Schimpfname. Sprachhistorisch gesehen, gab es ihn als Vor- und als Zunamen, vornehmlich in jüdischen Familien. Vgl. Duden-Eintrag von 1934: "Itzig: verächtliche Bezeichnung des Juden oder des jüd. Händlers". In: Der Große Duden. Rechtschreibung. Leipzig 1934. S. 252)
- Der bekannteste "Fall" des Nachnamens in der nicht-antisemitischen, deutschen Literatur ist in Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" zu finden: Anton Wohlfart und Veitel Itzig, Söhne eines kleinen Beamten und eines armen Juden, beginnen gleichzeitig in Breslau ihre Lehre. Anton tritt schon früh in das angesehene Handelshaus T. O. Schröter ein und beginnt eine Karriere als ehrbarer Geschäftsmann; Veitel Itzig dagegen, skrupellos und habgierig, sucht sein Glück bei dem Makler und Spekulanten Hirsch Ehrenthal, doch er richtet nach erfolgreichen Anfängen seine Laufbahn selbst zugrunde.


xi] Der unangenehm-destruktive, anschaulich gewalttätige Begriff "Judenball" ist in meinen Wörterbüchern nicht nachweisbar; er scheint der saloppen Jugendsprache der 30er Jahre entnommen zu sein, in der sich E.W. als Lehrer in Königsberg und Berlin auskannte und aus dem öffentlichen Dienst verabschiedete. - Die anderen Wortbildungen zu "jüdisch" sind damals generationstümlich, zeittypisch und nicht alle geringschätzig-pejorativ; die bösartig vorgetäuschte Vertraulichkeit im Vokativ "Du... Judchen" ist so eindringlich eindeutig und deutlich als bösartig und ironisch gekennzeichnet, dass der Erzähler, "der alte Doktor", innerhalb seiner humanistischen, menschenfreundlichen Wiedergabe der judenfeindlichen Vorfälle uns diese Akzentuierung als "fast vertraulich" - also als bedrohliche Einschleichung und Vorbereitung einer Hassaktion - uns vermittelt.
Zum Verb "jüdeln": Seit dem 18. Jh. belegt als "schachern", also gemeint als ‚bösartig mißbrauchen’, pejorativ öffentlich verbreitet als eine vermeintlich jüdische Berufsbezeichnung. Die Bezeichnung für die "Sprechweise der Juden" ist zwar einerseits neutral, aber auch belegt als misslich-denunziatorische Kennzeichnung für die ironisch oder zynisch menschenverachtende Nachahmung der Sprechweise des Jüdischen oder Jiddischen bei osteuropäischen Angehörigen des jüdischen Glaubens. (Belege bei Heinz Küpper: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache. Bd. 4. Stuttgart 1983: Klett Verlag.)
- Zu: Juden- und Christentum - Manfred Franke hat auch die jüdischen oder antijüdischen Aspekte bei Wiechert untersucht:
"Wiechert macht auf seine Freundschaften mit Juden aufmerksam, darunter mit Max Picard. Gegen Prominente lässt sich schlecht argumentieren, mag Wiechert gedacht haben und weist weiter auf die meist positiven Zuschriften von Juden zum "Totenwald" hin. Die kritischen dagegen, die mit Adlers Einwänden identisch waren, führt Wiechert "vielleicht" auf "Überempfindlichkeit" zurück, eine Einschätzung, die nicht von der Hand zu weisen ist, jedoch durch das Vielleicht eine unbedachte, die Realität fahrlässig außer acht lassende Einschrän­kung erfährt. Denn wer den Holocaust überlebt und   wie Adler   viele Angehörige verloren hatte, wird bestimmt und nicht vielleicht überemp­findlich. Wiechert hat das offensichtlich eingesehen. Er gibt zu, unbe­dacht im TOTENWALD 'davon' gesprochen zu haben, (daß 'das ganze Volk [der Juden] schuldiger sein [mochte] als andere Völker...') Dar­aus Antijudaismus oder christlichen Antisemitismus abzuleiten, ist leicht. Um diesen Vorwurf zu entkräften, argumentiert Wiechert nicht mehr, er beschwört Adler geradezu: 'glauben Sie vor allem niemals, daß in meiner Seele ein Rest von Antisemitismus lebe',   eine Formulierung, die immerhin den Schluß zuläßt, daß in früheren Jahren gewisse antise­mitische Relikte vorhanden gewesen sind. Dann geht Wiechert mit bemerkenswerter Entschiedenheit in die Offensive.
Allgemein spricht er davon, kein Volk sei ohne Schuld, und weist im besonderen auf die Lebensweise der Berliner Intellektuellen und Künstler Anfang der 30er Jahre hin, einer „bestimmten Schicht", wie Wiechert sich ausdrückt, die gefährlich lebte, nicht so, „Wie man leben sollte". Die gerügte Lebensweise der Intellektuellen und der Boheme macht Wiechert für den Haß der primitiven Menschen verantwortlich. Und wenn er feststellt, alles sei voraussehbar gewesen, ist im Zusam­menhang mit Adlers zu vermutenden Vorwürfen zu folgern, daß Wiechert die Juden meint, deren Einfluß im Kulturleben der Haupt­stadt um 1930 groß war. Am Schluß kommt Wiechert auf die DP-Lager für Juden nach Kriegende in Bayern zu sprechen. Er zeigt Ver­ständnis für das Leid und die Entbehrungen derer, die in den Lagern ihr Dasein fristen, mißbilligt aber das Streben nach materiellen Gütern und stellt erneut bei der deutschen Bevölkerung deren negative Reak­tionen heraus, die „zu denselben Folgerungen ... wie ehemals" führen. Mit anderen Worten: am   wenn auch primitiven   Antisemitismus sind, zumindest teilweise, die Juden nicht gänzlich unschuldig.
Anders sieht es ein heutiger Beobachter, der evangelische Theologe Jürgen Fangmeier. Er resümiert in einem 1999 gehaltenen Vortrag: „Das [jüdische] Thema begegnet uns bei ihm [EW] nicht aufdringlich, durch­aus nicht schwärmerisch, aber kontinuierlich, deutlich, ohne Scheu, positiv ohne unangenehme Nebentöne, offen und frei im Ja wie im Aber.' In dem Brief Wiecherts an Adler vermißt man allerdings das Fehlen unangenehmer Nebentöne." (M. Franke: Jenseits der Wälder. Köln 2003: S-H-Verlag. S. 116ff.)

*

Andererseits gibt es bei E.W. unangenehme Töne der Wiedergabe von Wahrnehmungen oder Charakterisierungen - gegenüber Juden wie gegenüber Kommunisten oder vermeintlichen Kommunisten. Ich weise hin auf E. W.s Begegnung und Auseinandersetzung mit Alexander Graf Stenbock-Fermor. Ernst Wiechert hat in seiner Lebensgeschichte "Jahre und Zeiten" erzählt, dass er mit Alexander Graf Stenbock-Fermor zusammentroffen und -gestoßen sei, der als "kommunistisch" abgestempelt ist. (In Wiecherts Zeit seiner Unterrichtstätigkeit in Berlin, die 1931 endete.) E. W.: "Auch kommunistische Tendenzen mir zuzuschreiben, fiel nicht schwer. Ich hatte im »Eckart« Kreis, den damals Harald Braun leitete, die Bekanntschaft eines jungen Grafen gemacht. Er hatte ein paar Wochen als Bergarbeiter verbracht und über das Elend des Proletariats ein Buch veröffentlicht, das ich trotz seiner Mängel und betonten Absichtlichkeiten mit Teil­nahme gelesen hatte. Ich lud ihn ein, vor den Oberklassen der Schule über seine Erlebnisse zu sprechen, und setzte es gegen allen Widerstand durch. Der Direktor nahm an der Vorlesung nicht teil, aber er stand oben an der Treppe, um sich in sein Gedächtnis zu prägen, welche von seinen Schülern daran teilnahmen. Es waren leider viel mehr, als er ange­nommen hatte.
Der junge Graf tauchte dann noch ein paarmal in meinem Gesichtskreis auf, nicht immer auf eine angenehme Weise. Und als er mich vergeblich vor der Schule anzuborgen ver­sucht hatte, verschwand er mir aus den Augen. Er war einer der dekadenten Söhne alter Geschlechter, die ohne Halt zwischen extremen Polen schwankten, begabt aber schwach, und schließlich wohl nicht mehr wählerisch in den Mitteln, die sie für ihre nicht bescheidener gewordene Exi­stenz aufzutreiben versuchten." (Aus: Jahre und Zeiten. (1945/46 geschrieben; 1948 erschienen. Zitiert nach "Stimme...". S. 461f. – Diese Diffamierung hat E.W. nie mehr behandelt; der „Graf“ – der kein Adelsrudiment sein wollte - war kein „Jude“ für ihn.)
Dem Dichter kann man persönlichen Unwillen zuschreiben und ihm attestieren, in einer unangenehmen, öffentlichen Situation gegenüber dem bettelnden Grafen gewesen zu sein. Aber, den Humanisten, den sozialen Demokraten Stenbock-Fermor als "dekadent" zu diffamieren, ist arg und wenig intelligent - und politisch ausgewiesen - konservativ-nationalistisch; Stenbock-Fermors Lebenswerk, auch vor 1933, gibt anderen Aufschluss, als das, was E.W. seinen Lesern und Freunden für immer buchmäßig mitteilten wollte, ohne es nach 45 zu korrigieren.
- Kurz zu St.-F.s Lebensdaten, wie bei etwa zehn anderen Autoren seiner Generation: Freiwilliger der Baltischen Landeswehr. 1920 Übersiedlung nach Deutschland, Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Ab 1929 freier Schriftsteller und Filmautor, Verfasser von Sozialreportagen und Hörspielen. Nach dem Kriege, ab 1945/46 Oberbürgermeister von Neu­-Strelitz. Stenbock-Fermor gehört zu den "Balten", über die sich E.W. häufiger unappetitlich, insbesondere politisch negativ äußerte, obwohl er von 1933 bis 1945 eine explizit politische Auseinandersetzung, weder mit den Ursachen der sozialen Bewegungen, noch mit Ausblicken auf Veränderungen in der faschistischen Abwärtsentwicklung, leistete. Auch seine vielbeachteten und würdig kritischen Reden an die Jugend und sein Widerstand waren nicht politisch fundiert, sondern ethisch-humanistisch, entsprechend dem wiederholten Diktum von seiner dichterischen, nicht politischen Beruf(-ung).
xii] Tempel Salomonis: Bis in den äußeren Vorhof des Tempels von König Salomon konnten Juden dieses Haus Jahwes betreten, wenn sie ihre Kinder zu rituellen Zeremonien oder Gaben zum Opfer brachten. Die inneren Bereiche waren den Priestern vorbehalten. Aus dem AT wusste jeder Jude - und hier bei E.W. auch ein als verantwortungsbewusst-christlich ausgewiesener Arzt - aber von der Fülle der inneren Ausstattung mit seinen Kunstwerken. Die "Schwelle", bis zu der sich das jüdische Volk dem Heiligen Tempel des Königs Salomon nähern durfte, bezeichnet den Übergang vom äußeren zum inneren Vorhof des Tempels, den israelische Männer nur für das Übergeben zur Darbringung ihrer Opfer betreten durften. Der innere oder obere Vorhof war den Priestern vorbehalten (vgl. Jer 3,10; 2 Chron 4,9). Von der äußeren Sicht über den Vorhof hinweg auf das Heiligste und Allerheiligste - das mit Zedernholz ausgestattete, mit Edelsteinen und Gold überzogene Innere - ist die Ehrfurcht der Redensart "von der Schwelle des Tempels" geprägt. In all dem Glanz des Tempels mußte das Bauwerk trotz seiner verhältnismäßig geringen Größe wie eine sichtbare Widerspiegelung der Herrlichkeit des jüdischen Gottes wirken. - Unsere heutigen Redensarten, rekurrierend auf die Bibel - z. B. "Salomo in seiner Pracht" oder "die Weisheit Salomos" oder ein "salomonisches Urteil" - geben nicht mehr die Ehrfurcht gebietende Distanz gegenüber dem Ort der Gottes-Repräsentation wieder, wie sie dem Arzt am Herzen liegt. E.W. gibt sich hier als biblischer Vermittler, als Traditor der alttestamentarisch- jüdischen Kultur; die in der rhetorisch nicht als unbewußte, sondern als absichtsvoll gekennzeichnete Anrufung und
wehmütige Anklage gegen die Anrufung "Gottes" ("'Mein Gott ... ', sagte eine leise Stimme. - 'Gott?' wiederholte der Doktor und schüttelte langsam den Kopf.") ist die nicht leichtfertige Kritik des Gottesbildes seiner, nämlich der demokratischen Weimarer Kultur Zeit in der Perspektive des toleranten, konsequent in der Forderung der Nächstenliebe kritischen Arztes.

xiii] Ich verstehe hier Wiechert, als hinter dem Erzähler stehenden, personalen Dichter nicht so, dass er die biblisch-katholisch Signatur des "Knechtes Gottes" (im AT Josua in Jos 24,29; im NT Paulus (Tit 1,1) oder in den Psalmen 18,1 oder 105,6.42) aufgreifen will. Ebenso wird hier nicht angespielt auf die sog. "Gottesknechtschaftslieder" bei Jesaja (42,1-4 u. a.; fortgesetzt etwa bei Mt 8,17 u. a.). E.W. greift vielmehr eine in die deutschen Literatur, in die mindestens seit dem Realismus kritisierte, klassisch gefügte Topik vom Herrn und Knecht, etwa bei Theodor Storm:
"So unterscheidet sich der Herr
vom Knecht...."
E.W. verdeutlicht die würdelose, herrisch-sklavenhalterische Beziehungsstruktur Lehrer und Schüler in den Schulen seiner Zeit; vergleichbar einem militärischen Verhältnis von Herrschenden, Kommandieren und Ergebenen, den Ausführenden, die sich auf einen Befehl berufen können. Verallgemeinert bedeutet hier die wahn- und volkhafte Vollstreckung des Antisemitismus - im totalitären Nationalsoszialismus - eine eingeübte Gehorsamshandlung in der Misshandlung von jüdischen Opfern - eine Kraft, eine Erlebnis, eine Gewalt, eine Lust (auch des Tötens), die sich nach 1933 durch alle Führungsschichten und abhängige Mannschaften (einschließlich von mordenden Frauen als Verbrecherinnen in Frauen-KZ.s) wie ein sehnlich erwarteter Vollzug des Ausgrenzens, der Verachtung, des Erniedrigens, der Vertreibung, der Tötung als Opferungen, als Massenrituale, in den Handlungen von Millionen Mitmachern, samt der Nicht-Verantwortung und Schuld-Losigkeit der Machteliten, die nach 1945 in der Wehrmacht, der Politik, der Justiz, den Verwaltungen, der Kirchen, als sie sich als nicht-schuldig propagierten und für sein Seelenheil ex culpa verlangt wurde - obwohl dort ja, in der Elite der Laufbahnhierarchien, die Qualifikation des deutschen Abiturs verlangt war, als eines geistigen, humanistischen Führungsnachweises und als eines Charakter- und Leistungsausweises.(Er war in der Kaiserzeit und (politisch gewollt) in der Nazizeit nicht mit dem Reifezeugnis vermittelt worden.)

xiv] Das Sustantiv und der Name "Wolf" - ein bezogenes Beispiel der tiernahen, das Männliche, gar das Tierische betonenden Sprache des NS; aus dem Bündischen und dem naturverbundenen Wanderjugend-Leben war schon ein Begriff wie "Wölfling" bekannt. In dieser Ausdrucksweise kritisiert der Erzähler sich selbst und zeitbedingte Zuweisungen, die als geschlechtsspezifische Deformation, als un-menschlich assoziiert wird.

xv] Dass das Körpergefühl der Distanz des Menschen vom Menschen als ein Instrumentarium der Friedfertigkeit gegenüber anderen erlebt und "eingesetzt" wird und hier als ein Schuld des "Nicht-Helfen-Könnens" beschrieben wird, erhöht die Übereinstimmungen der Erzählers und der Kritik an einer verächtlichen, bedenkenlose, ja sogar deplatziert unmenschlichen "Gebärde". – Zur Gebärdik vgl. folgenden Text: E.W. erzählt von „Gebärden“ bei seiner ersten Begegnung mit einem Schuldirektor in Königsberg:
Später hat man mir erzählt, daß er »der Löwe« genannt wurde, und daß vom kleinsten Nonaner* bis zum ältesten Professor jedermann vor ihm erzitterte. Auch soll er einen Siegelring getragen haben, in dessen Stein »Glaube, Liebe, Hoffnung« eingeschnitten waren, und wenn er Ohrfeigen austeilte, was vom frühen Morgen an seine Lieblings­beschäftigung war, so soll er den Stein nach innen gedreht und die Ohrfeigen mit Glaube, Liebe und Hoffnung ge­geben haben.
Kein Wunder, daß wir vor ihm erstarrten, und daß er uns nicht wie der Stellvertreter des lieben Gottes, sondern wie sein Vorgesetzter erschien. Aber desjenigen Gottes, von dem wir mit einem Schauer der Ehrfurcht gelernt hat­ten, daß er ein eifriger und zorniger Gott
sei. Mein Vater versuchte, mit einer sicherlich unzulänglichen Beredsamkeit, dem Löwen zu wiederholen, was der »Letzte der Mohika­ner« von unsren Geistesgaben und unsrer Ausbildung be­hauptet hatte, und daß wir nach Meinung dieses unsres letzten Erziehers für die Untertertia dieser so hochangese­henen Anstalt reif sein müßten. Wahrscheinlich hatte er niemals in seinem Leben eine so lange Rede halten müs­sen, und sicherlich war ihm wohler zumute gewesen, als er einmal, wie er uns oft erzählt hatte, vor einem krank­geschossenen Keiler auf einen Baum hatte flüchten müssen.
Auch glitt kein Widerschein seiner verzweifelt lobenden Worte über das steinerne Gesicht des Löwen. Er betrachtete uns regungslos, und ich glaube heute, daß er feststellen wollte, ob wir drei aus Europa oder aus Asien stammten. Und nachdem er darüber zu einer unsichtbaren Entschei­dung gekommen war, stieß er plötzlich, ohne Ankündigung, seinen Zeigefinger in die Gegend meines Bruders und fragte: »Was heißt französisch: 'Ich gebe es dir?'« Nun weiß jedermann, daß dahinter eine Falle verborgen ist, die zu stellen man als pädagogisch oder auch als niederträchtig empfinden kann, und mein Bruder, an Mensch ' fallen nicht gewohnt, antwortete schnell und fröhlich: »Je te donne!« Worauf ich, von derselben Gebärde aufgefor­dert, etwas langsamer sagte: »Je le donne.« In der Mei­nung, eines von beiden werde doch wohl richtig sein. **
Da aber nach den Gesetzen dieser vertrackten Sprache keines von beiden richtig war, so fiel hinter der unbeweg­ten Stirn des Löwen eine schnelle Entscheidung, und mit einer majestätischen horizontalen Handbewegung sagte er wahrhaft gelassen: »Quarta!« Womit denn auf eine so schnelle wie entschiedene Art unsre Feuerprobe beendet war und wir drei als völlig Geschlagene das unheimliche Schlachtfeld verlassen konnten.
(Aus: E.W.: Wälder und Menschen. Eine Jugend. 1935. Zuerst 1936 erschienen. In: E.W.: Sämtliche Werke in zehn Bänden. Bd. 9. Wien/München 1957. S. 81ff. Aus dem Kapitel "Das Dornenfeld".)
Anmerkungen: * "Nonaner" - Vorschüler, der erst zum Einstieg aufs Gymnasium noch einsortiert werden muss in die "humanistische" Schuklassenlordnung, noch in der Vorstufe v o r den Sextanern und Octanern. - ** Ob Herr Direktor „Löwe“ die Antwort "Je t'en donne" zugelassen hätte?
- Eine kommunikativ und literaturwissenschaftlich verstandene „Gebärdik“, pardon: Gestologie, müsste auch auf die Gebärdensprache (körperliche Zeichen, Mimik, Augensprache, Motorik, Bewegungen und Veränderungen im Gehabe ) der Todesfiguren und Sterbensankündiger z.B. in T. M.s Novelle „Der Tod in Venedig“ (1911 geschr., ; veröffentl. 1912) verweisen, vielleicht protokollarisch zurückgreifen. – Für E.W. fehlen aber Zeugnisse, dass er die moderne, deutsche und europäische Literatur ab 1900 zur Kenntnis genommen hat.(Sein Leseinteresse war bürgerlich-konservativ beharrend, affirmativ, nicht innovativ inspiriert und entdeckungsfreudig. Er begnügt sich hier in der Kurzgeschichte mit dem verhaltensmäßig normüblichen Repertoire des Mitmenschlichen, wobei er hier in der Figur des Arztes ein humanistisches und medizinisches und politisch-moralisches Modell gestaltet.

xvi] „Der erste Blick...“ – so überliefern uns die gedruckten Ausgaben. Ich schlage vor zu emendieren: „der ernste Blick seiner Augen...“ - sonst hätte der Satz nur stilistische Redundanz zu bieten, keine Eindringlichkeit des Physiognomischen - der menschlichen Verständigung gegenüber den „wölfischen“ Verhaltensweisen, die E.W. in den dichterischen Kontrast stellt.

xvii] E.W. verweist hier also, in der Gesprächsintention des "alten Doktors", auf Heinrich Manns Roman "Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen", aus dem Jahre 1905. In ihm hat H. M. der deutschen Literatur exemplarisch die "sozialkritische Karikatur eines wilhelminischen Professors geschenkt, der in später Leidenschaft einer Kleinstadtkurtisane verfällt und aus Rache für seine gesellschaftliche Ächtung seine Mitbürger moralisch und gesellschaftlich ruiniert". (Zitiert nach dem Standardwerk von H.A. u. E. Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Bd. 2. 1962. S. 545) -
Wiechert als Leser und literarischer Lehrling bei Heinrich Mann, noch eine offene Frage:Bei H. M. findet sich folgende Parallelszene aus dem Roman "Der Untertan" ( geschrieben. bis 1914; teilweise in der "Modernen illustrierten Wochenschrift", Jg. 12. 1 - 8/1914, in Fortsetzungen veröffentlicht; als Buch 1918 erschienen):
"Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich jede Rücksicht vergaß, sich blindlings betätigte und zum sieges­trunkenen Unterdrücker ward. Er hatte, wie es üblich und ge­boten war, den einzigen Juden seiner Klasse gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen Kundgebung. Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein Kreuz und drückte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv war! Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein, aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut zurück; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis zu ihnen auf. Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm brachte Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. (...)" (H. Mann. Der Untertan. Roman. München 1974: dtv 256/257. S. 9f.)
Für die Schulzeit dieses Prototypen Diedrich Heßling können wir 1878 bis 1890 ansetzen. Die Taktik dieser handgreiflichen Judenfeindlichkeit, der Misshandlungen, die die Lehrer "mit verlegenem Wohlwollen" zur Kenntnis nahmen, ist bei Heinrich Mann nicht nur als Anekdote, sondern als Teil eines Antisemitismus, einer Untertanen-Mentalität und einer immerzu bereiten Aggression gegen Juden oder gegen Sozialdemokraten loszuschlagen.
*
Nach dem 2. Weltkrieg hat E.W. allerdings - aus seiner biografischen Perspektive - diesen paradigmatisch modernen Roman Heinrich Manns als – so wörtlich - "von Hass erfüllt" abgelehnt.
- Andererseits (und dies gehört zu den öffentlichen Geheimnissen für den, der sich mit E.W. beschäftigt): Er kritisierte H. Mann in einem groß angelegten, eigenartig widersprüchlichen Essay der Nachkriegszeit, in "Grablegung und Auferstehung":
"Man kann mit ätzendem Spott die Idole der Zeit vernichten, aber das Ätzende bliebt Gift und das Geätzte wartet auf das Heilkraut, das die Wunde schließt. Und man darf das Entscheidende nicht übersehen: daß dieses alles ja gar nicht eine neue Kultur ist, sondern eine Auflösungsform der alten. Daß Hohn eine Erscheinung sterbender Kulturen ist. Junge Völker höhnen nicht, son­dern sie verehren. Die chinesischen Weisen, Homer, die Bibel, die Upanishaden, die Edda, Cervantes, sie alle höhnen nicht. Erst Luther verhöhnt, die französische Revolution, Swift und Goya, Strindberg und Nietzsche, und dann immer mehr und mehr, bis zu unsrer Zeit. Es ist kein Zufall, daß der Wahnsinn so viele von ihnen geschlagen hat, daß der Freitod so viele von ihnen empfangen hat. Sie haben gelacht über vieles, über fast alles, aber einmal kam auch über sie das Weinen. Niemand entgeht der Träne, die aller Kreatur bestimmt ist.
Nein, auch dieser neue Weg ist nicht der Weg des Hei­les. Ich kann die schriftstellerische Leistung Thomas Manns nur bewundern, aber ich habe nie einen Zweifel daran ge­habt, daß er ein Deuter des Absteigenden, des Zerbröckeln­den, des Tödlichen einer Kultur ist. Die Buddenbrooks waren es, der Zauberberg war es, gepflegte Totentänze, mit großer Kunst gemalt, mit leuchtenden Farben, mit großer Komposition, aber eben Totentänze: etwas, das in das Chthonische zurückwies statt in das Magische, etwas, das mehr aus einem überfeinerten Intellekt geboren war als aus einen überquellenden Herzen, eine ziselierte Krone westlicher Zivilisation, ohne einen Hauch der östlichen Unendlichkeit.
Und was bei ihm noch vornehme Gelassenheit einer patrizischen Herkunft war, ist bei Heinrich Mann schon entstellt durch das aller Kunst tödlich Feindliche: durch den Haß. Den »Professor Unrat« hat der Haß geschrieben, den »Untertan« hat der Haß geschrieben; und ich erinnere mich einer Arbeit von ihm über das Dämonische von heute, die kurz vor 1933 in der »Literarischen Welt« erschien. Und dieses Dämonische von heute war die Prostituierte. Kann die Entwertung eines einst heiligen Begriffes wie des Dä­monischen augenfälliger und. trauriger bewiesen werden als dadurch? Kann der Zerfall einer bürgerlichen Kultur sich deutlicher enthüllen als durch diesen nicht mehr bür­gerlichen, sondern bourgeoisen Standpunkt? Und was für ein Geschlecht muß es sein, daß sich hiervon den Weg des Heiles erwartet?" (E.W.: Grablegung und Auferstehung. 1946. In: S W 10; 924 - 942; hier S. 933f. - Der Text ging 1948 später in die Erinnerungen "Jahre und Zeiten" ein.) - Ein Dualismus der Kunst, also auch Literatur überhaupt: Einerseits "heilsam", "heiligend", "wahrhaft menschlich" und andererseits "höhnisch", "kritisch", also negativ, unmoralisch, als nicht mitleidsfähig, inhuman zu werten - ist eine romantische Simplifizierung, die wohl von speziellen Bedürfnissen Wiecherts nach dem Krieg und Leiden (Rechtfertigung? Idealisierung? Selbstbehauptung? Indolenz?) diktiert war.
Ich vermute, dass E.W. das Satirische - die intentio ex "negativo" - dieses epochenmachenden Romans nicht aufschlüsseln und ästhetisch genießen konnte - eben als eine ästhetisch sozialisierte Aggression, deren Intention herleitend aus dem verabscheuungswürdigen Beispiel vom Leser zu leisten ist. Hierin aber liegt eine produktive, auch gerade pädagogisch große Chance des Rezipienten, die E.W. zeit seines Lebens persönlich nicht zu leisten vermochte. (Ich persönlich weiß keinen Schlüssel für dieses hermeneutische Rätsel bei E.W. - innerhalb der modernen Literatur und ihrer Grundlagen; war es die Zeit seines Lebens nicht aufgegebene romantisch-konservative Grundstruktur seiner Denkens und Dichtens?)
Ein anderes Beispiel, ein anderer Jude, ein anderer Mensch - ähnliche Erfahrungen in der Schulzeit vor 1932/33: Hans Keilson, der deutsch-niederländische Autor und Wissenschaftler berichtete 2000:
"Deutschunterricht, Freienwalde anno 1925/26. Jeder Schüler sollte einen Beitrag zu einem selbstgewählten Thema zur Diskussion stellen. Ich trug, mit Einverständnis des betreffenden Lehrers, eines frischge­backenen Assessors, sein Name war Geisler, Die Weber von Heinrich Heine vor. Als ich mich wieder auf meinen Platz begeben hatte, entstand eine Todesstille. Auf die Aufforderung des Lehrers zur Diskussion erhob sich der Klassensprecher und sagte: "Die Klasse lehnt es ab, über dieses Gedicht zu diskutieren, es beschmutzt das eigene Nest", und setzte sich wieder. Geisler erstarrte. Daß die Schulleitung und ältere, erfahrene Lehrer nicht willens oder fähig waren, ihrem jüngeren Kollegen bei der Lösung des Konflikts zu helfen, kennzeichnet die historische Lage jener Zeit. Und das war für mich das entscheidende Moment: die Unfähigkeit oder der Unwille der Lehrerschaft   um die Beschaffenheit und Trag­weite der Situation in einer soziologischen Analyse nicht weiter ausufern zu lassen  , sich mit diesem Konflikt zu befassen. Vielleicht hielten sie Heine auch für einen Nestbeschmutzer. Sowas tut man nicht im eigenen Land. Dafür ging man, bis vor kurzem, lieber in die Kolonien oder in die Nachbarländer. Kurz danach verließ Geisler die Schule. Ich blieb bis zu meinem Abitur zwei Jahre im sogenannten Klassenverschiß: Niemand sprach mehr mit mir. (...)
Ich habe Hitler in der Wilhelmstraße ganz aus der Nähe gesehen, als er Anfang 1933, aus der Reichskanzlei kommend, wie ein Sieger neben seinem Fahrer im Wagen stand. Er fuhr zu den Arbeitern in Siemensstadt. 'Die Siegestrompeten erschallen zu früh', schrieb Ernst Wiechert damals. Ich habe die Szene in der Wilhelmstraße im Tod des Widersachers darge­stellt."
(Aus: H.K.: "Sieben Sterne...".[Ein autobiografischer Vortrag] In: Marianne Luzinger-Bohleber und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hrsg.): "Gedenk und vergiß - im Abschaum der Geschichte". Trauma und Erinnern. Hans Keilson zu Ehren. Tübingen 2001: edition diskord. S217 -229; Zitate: 222 und 226)

xviii] Lassalle: Ferdinand L.: Arbeiterführer; Mitbegründer der SPD; hier als Repräsentant einer sozialdemokratischen Sozial- und Weltanschauung charakterisiert, die vom gekennzeichneten und kritisierten Bewusstsein der Allgemeinheit her als obsolet, als nicht gesellschaftsfähig innerhalb der sich entwickelnden Demokratie gilt.

xix] "Cohn" oder "Kohn" ist hier als typischer, jüdischer Nachname apostrophiert und in der deutschen Literatur häufig; auch bei Th. Fontane, in seinem Geburtstagsgedicht "Als ich 75 wurde..." heißt es als Einladung an einen Freund in der Abschlußzeile:
"Alle kannten mich lange schon,
Und das ist die Hauptsache...,
kommen Sie, Cohn."
(Th. F.: Gedichte. Große Brandenburger Ausgabe. Bd. 2. S. 467).
"Cohn" war auch ein namensmäßig gepflegtes Synonym für Geselligkeit und Freundlichkeit in Person.
Ob die Zeile "Der kleine Cohn" ist weg!" aus einem Chanson als eine frühe, öffentliche Stellungnahme gegen das Verschwinden von Juden aus der kulturellen Szene - schon vor 1933 - war, wage ich nicht zu behaupten. Folgender Text legt es nahe: In einem Medley der COMEDIAN HARMONISTS aus dem Jahre 1929 habe ich den Titel "Ham se nicht den kleinen Cohn geseh'n?" (Recording 22.01.29 a)
Camillo Morena in the Medley "Anno dazumal" part II:
Ha'm sie nicht den kleinen Cohn jeseh'n?
Sah'n sie ihn denn nicht vorüberjeh'n?
In des Volkes Menge da kam er ins Gedränge.
Da ham'se nun den Schreck: Der Cohn ist weg!
Ha'm sie nicht den kleinen Cohn jeseh'n?
Sah'n sie ihn denn nicht vorüberjeh'n?
In des Volkes Menge da kam er ins Gedränge.
Da ham'se nun den Schreck: Der kleine Cohn ist weg!
Einst sang man gern vom kleinen Cohn,
heut' gibt's nur Fox und Char-les-ton!
Sing halleluja, halleluja [......].
*
Ein jiddischer Witz:
Kurz bevor Samuel Kohn dann doch starb, rief er nach einem katholischen Priester. Alle sind bestürzt, aber es ist der letzte Wunsch und so holt man einen Pfarrer. Samuel wünscht sich auch noch getauft zu werden, der Priester führt die Zeremonie sofort durch. Danach fragen ihn alle: "Samuel, was soll das?" Sagt Samuel: "Ich hab mir gedacht, wenn ich schon sterben muss, soll's wenigstens einen von denen erwischen!"
*
Auch die sprachlich fast identische Bezeichnung "Cohen" existiert für das religiöse Bewußtsein; hierzu zwei Belege aus einer Fülle:
Margit Siebner, 1932 als eine geborene Cohn in Berlin zu Welt gekommen, berichtet in ihren Erinnerungen:
"Nun sitze ich hinter Manja und hasse, hasse Lehrer Weiß. Lehrer Weiß schaut na mir vorbei, übersieht mich völlig. Neulich hat er mich plötzlich mit einem merkwürdigen Auftrag weggeschickt. Ulla hat mir nach dem Unterricht erzählt, daß er etwas vorlesen mußte über Gesetze zur Rassenschande. Das wollte er mir offensichtlich doch erspa­ren.
Wir fahren sowieso nach Amerika", habe ich trotzig ge­antwortet.
Fräulein Schulz, die Handarbeitslehrerin, die jedesmal seufzt, wenn sie meinen Kreuzstich sieht, hat mich beiseite genommen und mich ermuntert: „Kleine Cohn, sei nicht so traurig. Weißt du überhaupt, was dein Name bedeutet? Das ist die Priesterkaste in Israel. Das ist etwas Besonderes."
Papa hat endlich mal wieder gelächelt. „So kann man es auch sehen..." Aber mehr war nicht aus ihm rauszubringen. Vielleicht sollte ich wieder weglaufen, damit ich etwas er­fahre.
(...)
Endlich, endlich ist heute eine Karte gekommen. Wovor, manche Leute nur flüstern   da ist Papa also   im Konzen­trationslager Buchenwald.
Da hole ich ihn raus!" sagt Mutti bestimmt und liest zum x ten Male die Karte.
(...)
Januar 1939. Nach ewig langer Zeit ist Papa wieder da! Ist er das wirklich, dieser Mann, der da ganz still in sich zusam­mengesunken dasitzt, noch nicht ein einziges Mal gelacht hat?
Nur Mutti redet und redet: „Amerika klappt nicht. Du be­kommst kein Visum, nur nach China ist es möglich. Inner­halb von vier Wochen aber mußt du Deutschland verlassen haben, sonst holen sie dich wieder. Dann kann ich nichts mehr für dich tun. Außerdem müssen wir uns scheiden las­sen.
„’Scheiden lassen   scheiden lassen’, fährt Papa empört dazwischen.“
Aus: Margit Siebner: Kleine Cohn, sei nicht traurig. In: Heil Hitler, Herr Lehrer!. Kindheit in Deutschland 1933 - 1939. 50 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen. Hrsg. v. J. Kleindienst. Berlin 2000. JKL-Publikationen. S.189 - 201.
*
Hierzu holte ich mir noch Rat bei Ernst Simon. Er erläutert in seinem Essay "Totalität und Antitotalitarismus als Wesenszüge des überlieferten Judentums. (1977); in: „Entscheidung zum Judentum“. Frankfurt/M. 1980. S. 45. "Der Grundsatz der Reinheit als Vorbedingung der Heilig­keit wird im Judentum nur in seltenen Ausnahmen zur Vollaskese.
Eine teilasketische Figur ist der Nasiräer, hebräisch: Nasir. Das Wort hängt mit »neser«, Abzeichen des Geweihten, Diadem, zusammen. In unserem Falle bedeutet es die Krone der ungeschnittenen Haarfülle, wie bei Simson, dem ersten »Nasiräer auf Lebenszeit«. Dem Nasir, auch wenn er nur für begrenzte Zeit ein Sondergelübde abgelegt hatte, war außer dem Haarschnitt unter anderem der Genuß von Alkohol und Trauben verboten. Für den Nasir auf be­grenzte Zeit kommt noch hinzu, daß er nach deren Ablauf ein Schuldopfer zu bringen hat. (Nm 6), wahrscheinlich wegen des Zusammenhanges zwischen einer besonderen Verschuldung und ihrer asketischen Sühne. Dieses Schuld­opfer mußte von einem diensttuenden Priester (Cohen) entgegengenommen und im Heiligtum dargebracht wer­den; danach erst schnitt der Nasir sich seine Haare, er trank Wein: er war seines Gelübdes ledig, und der Priester aß von dem Opferfleisch." (S. 45)
- Ein letzter Hinweis auf das nomen proprium: In Polgars und Friedells satirisch einzigartiger Theaterszene "Goethe" wird der geckenhaft lerneifrige, vorbildlich schleimende, „gute Schüler“ als „Kohn“ vorgestellt: Er ist der Schüler, der perfekt auswendig gelernt hat, sich vordrängt, besserwisserisch agiert, aber keine selbstständige Leistung erbringt..

xx] Politisch und soziologisch eigenartig-verwirrend, ja deliberativ-begrifflich fast unbestimmbar: dieser Satz über das Duell; dessen Bedingungen, Verlauf und Folgen werden auch vom Erzähler nicht benannt werden; es ist sicherlich das letzte, verzweifelte, auch komische Duell in der deutschen Literaturgeschichte. Die Sozialhistorikerin Ute Frevert erwähnt diesen Fall in „Ehrenmänner, ihrer Geschichte des „Duells in der bürgerlichen Gesellschaft“ (München 1995: dtv 4646) nicht. Ihre letzten fiktionalen Beispiele zu Duellen stammen von Georg Weerth und Theodor Fontane; im politischen Raume erlebte das Duell in der Nazizeit nochmals männerspezifische Urständ in grotesken Formen. Hitler behielt sich schließlich jegliche Duell-Genehmigung vor für solcherlei Forderungen unter Offizieren, die eigentlich dem Chef der Heeresleitung zustand. So ließ Hitler 1942 aufschreiben: „Für solche Sachen“ sei „jetzt im Kriege ... kein Verständnis und keine Zeit (in Pickers „Tischgesprächen“; s. Frevert S. 322).Der Oberste Parteirichter Walter Buch hatte vorformuliert: „Schließlich könne es sich ein Volk, dessen ganze Zukunft davon abhängt, dass ihm jeder gute und gesunde Blutstrophen zum Einsatz für seine Weltgeltung erhalten bleibt“, nicht leisten, „Führerblut“ zu vergießen. (Als Rede und gedruckt 1938; Zitat nach Frevert S. 322) Militärische Vernichtung von Menschen und Staaten im globalen Stil ja, aber bitte – ohne Erlaubnis, ohne Befehl - keine individualistischen Dummheiten! – E.W. erwähnt diesen unbeholfenen, wenig ärztlich-ethisch passenden Ehren-Versuch aber nicht als historischen Beleg in Details. Er wird auch nicht Helene Langes kritische Schrift „Duellsitte und Patriarchalismus“ aus dem Jahre 1912 gekannt haben. Ich verstehe des Arztes Protest und Ehren-„Einklage“ als bürgerlich-ehrenhaft gut-gemeinten Versuch, der allgmein geforderten und praktizierten, absolut beschämenden Provokation und widerlichen, gesellschaftlichen Machtübernahme des neuen Rassismus öffentlich-vorbildlich entgegenzutreten.
Ist diese I n t e n t i o n – so frage ich – eine missgeleitete Idealisierung vom Erzähler - also dem Repräsentanten E.W.s; von niemandem in der Runde aufgenommen; von jedem Zuhörer geteilt, weil kommensurabel und allgemein üblich? E.W. gibt keinen Hinweis auf eine ethisch-politische Einschränkung oder Relativierung innerhalb der Binnenhandlung. – Ich füge an ein „Pratchen“: VEREINFACHTES DUELL-VERFAHREN: Oberförster Schmemann, [Schloss] Mitau, wurde ‚gefordert’. Als der Kartellträger zu ihm kam, sagte er auf die Frage, zu welcher Zeit er auf dem Kampfplatz erscheinen werde: „Wissen Sie, ich habe mir die Sache überlegt. Es kann um sieben Uhr sein, da schicke ich meinen Busch­wächter hin, der kann den Herrn X. dann totschießen.“ (Hans von Schroeder: Kleine Geschichten aus den baltischen Landen. Stuttgart o. J.: Klett Verlag. S. 150)
Oder, abschließend, dieses Baltisches Pratchen, erst nach dem Krieg tradiert und 1995 zuerst gedruckt:
Der Handkuß. Es war wohl im Jahr 1940, da bereiste eine Kommission unter Führung eines SS-Hauptsturmführers im Warthegau mit reichsdeutschen Verwaltern die provisorisch besetzten polnischen Güter. Ziel war die Auswahl eines Gutes für einen altern Herrn v. T. aus Kur­land als sogenannter Treuhänder.
Auf einem der Güter ergab sich, daß die pol­nische Eigentümerin nicht wie ihre Stan­desgenossen nach "Kongreßpolen", dem da­maligen Generalgouvernement, abgeschoben worden war, sondern ihr Gut noch bewirt­schaftete. Bei der Begrüßung küßte Herr v. T. der Dame des Hauses die Hand, wie es nicht nur im Baltikum, sondern auch in Polen üb­lich war.
Eisiges Entsetzen beim Hauptsturmführer, der Herrn v. T. unbeherrscht anfaucht und beleidigt. Mit der prompten Forderung durch den Balten auf Pistolen stehen sich zwei Welten feindlich gegenüber. Der Hauptsturm­führer hatte Glück, denn das Duell fand nie statt. (Aus: Kaehlrandt, Lothar (Hg.): Baltische Pratchen. Köln 1995. S. 38)

xxi] Zum Begriff "Kollektiv­mord"; die Prägung dieses historisch auffälligen, in den 30er Jahren einmaligen Begriffs stammt wohl persönlich von E.W. Die Heutigen, wir Leser als die nachfaschistischen, demokratiebereiten Generationen, kennen nur den Begriff "Kollektivschuld", den E.W. übrigens nie in seiner Kritik an den willfährigen Mitläufern oder den kriminellen Gestapo- oder SS-Verbrechern oder den in Mordkommandos Tätigen oder an den Kriegsverbrechern - oder auch an Autorenkollegen - unter den Deutschen angewendet hat - den politisch Schuldigen unter Hitler, Himmler, Hess, Höss u.a. deutschen Volkskriminellen - nach 1945, als der immer noch als "ostpreußisch", als in der deutschen Literatur fremdartig, abseitig geltende Dichter wieder publizieren konnte - und alsbald in die Schweiz "emigrierte", aus verschiedenen, hier nicht zum Thema gestellten Gründen. (Dass heutzutage öffentlich Mitglieder und führende Figuren der IEWG (z.B. Dr. P.) dem Dichter persönlich den Vorwurf machen, er habe d e n Deutschen - nach 1945 - die Kollektivschuld "angetragen", sie also pauschal der Mitschuld verdächtigt, habe ich selber im Jahre 2003 auf einer Tagung der IEWG, in der Wolfsschanze, Mühlheim, erlebt. Die schriftliche Form einer solchen argen Argumentation ist allerdings noch nicht gelungen. Der Kollektivschuld-Vorwurf gegen E.W. ist also ein typische Exculpation von der für Demokratie und Wahrheitsliebe unfähigen Menschen. Heutzutage wird E.W. somit - von lautstarken Angehörigen der IEW-Gesellschaft, z. B. dem stellvertretenden Vorsitzenden, einem Herrn Dr. P., wohnend in Taucha, die Anklage gemacht, er selbst, also der Dichter, habe gegenüber "den Deutschen" den Vorwurf der Kollektivschuld in der und für die Nazizeit erhoben - ein unerhörter Witz, ja, eine kulturelle Schande, ein politischer Wahn, wie ihn "Hohmann"-Typen pflegen, mit ihren Relavtivierungen der faschistischen Politik, in der nationalistischen oder antisemitischen Pointierung; eine psychopolitische Entlastungspropaganda, die partiell "verständlich" wird, wenn man diesen Herrn und einige ihm ergebene Gesinnungsgenossen auf einer Tagung der IEWG öffentlich hat Werbung machen hören für die fast vergessenen Edel-Nazi-Dichter Hans Grimm und Erwin Guido Kolbenheyer.
Zum Stichwort "Massenmord" gibt es von E.W. eine weitere erstaunliche Feststellung. Er schrieb in seiner Autobiografie "Jahre und Zeiten" (verf. 1945/46; veröff. Zürich 1949) folgendes über den Widerstandskämpfer Walter Husemann (den E.W. während seiner Haftzeit im KZ Buchenwald kennen gelernt hatte): "Bei ihm sah ich die heimlich gemachten Filme von den Massenermordungen der Juden in Russland, und ich warnte ihn davor, sie im Hause zu behalten. Aber er war unverwundbar in seiner Seele." (SW. 9, 683). Die Besuche müssen zwischen 1938 und 1942 stattgefunden haben; Husemann war nach der Verhaftung 1936 für zwei Jahre in Buchenwald; wurde Sept. 1942 wieder verhaftet und am 13. Mai 1943 hingerichtet. - Die Erwähnung dieser Verbrechen der SS, häufig in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht, war 1946/49 unbestritten; sie geschieht bei E.W. ja auch nicht anlässlich eines äußeren Ereignisses, vergleichbar der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" in unseren Tagen. -

E.W. erklärt den Suizid also psychologisch, nicht abwehrend-unbeteiligt als zufällige oder getrieben böse Schuld: Er glaubt, in den Worten und mit der Empathie der Hauptfigur, dass es einen konkreten Anlass für ihn gibt - und Umstände (der Tat, der Zeit, des sozialen Kontextes, der gesellschaftlichen Umgebung), die als schuldige Faktoren benennbar und anklagbar sind.

Die Baumscheibe der Goethe-Buche in Buchenwald; die Ernst Wiechert 
noch erlebte in seinem KZ-Aufenthalt . 

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