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Montag, 22. Februar 2021

Gegen-Gesänge: Wir wir uns be-weisen können gegen absolute Religiosa:

Wie wir uns beweisen könnten (wenn wir wollten): Gegen Denkverbote I „Das Denkverbot, das die Religion im Dienste ihrer Selbsterhaltung ausgehen läßt, ist auch keineswegs ungefährlich, weder für den Einzelnen noch für die menschliche Gemeinschaft. Die analytische Erfahrung hat uns gelehrt, daß ein solches Verbot, wenn auch ursprünglich auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt, die Neigung hat sich auszubreiten und dann eine Ursache schwerer Hemmungen in der Lebenshaltung der Person wird.“ qM-gRsJ5uGwCPcBGAsYHg/s320/20161231_133940.jpg"/>
(Sigmunnd Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 35. Vorlesung. Über eine Weltanschauung. - Auch in Freuds Brief an Wilhelm Fliess (1887-1904). 1986, v. 9.6.1901)

Dienstag, 17. November 2020

Wie die Familie Campenhausen G o e t h e erlebte in Karlsbad (1823)

* "Das war Goethe" Bericht der Urgroßtante von Vegesacks Mutter, der Jenny von Campenhausen: Brief, aufgeschrieben von der „Großtante Ernestine“ - so benannt von Siegfried von Vegesack - in ihren Erinnerungen: Der 28. August 1823: Ein Donnerstag: In Karlsbad bekamen wir eine Wohnung ganz nahe beim Sprudel, die 'Blaue Kugel' genannt. Von einer Dame aufge­sucht, die früher Livländer gekannt hatte, wurden wir in die ganze Aristokratie von Weimar hineingezogen, lauter liebenswürdige Leute, mit denen man am Brunnen verkehrte. Un­ter den Badegästen, die wir kennenlernten, näherte sich uns ein Ehepaar aus Österreich oder Böhmen. Sie hießen Krametz von Lilienthal, machten einen Besuch im Hause und konnten nicht genug ihr Wohlgefallen an den Ostseeprovinzlern dar­tun. Ich gefiel ihnen ungemein, so sollten die jungen Damen bei ihnen gar nicht sein, kurzum, sie wollten für ihren ein­zigen Sohn nur eine solche Frau haben. Der Jung war aber noch ein Knabe, indes der Erbe ihrer Besitzungen. Die Dame kam nun wirklich mit ganz ernsten Vorschlägen und war fast gekränkt, daß meine Mutter es sehr scherzhaft aufnahm und meinte, damit hätte es noch Zeit. Ich war aber nicht we­nig stolz auf diesen ersten Heiratsantrag. Für mein Leben gern wäre ich alle Morgen am Brunnen mitgegangen, aber uns Mädchen wurde es nur zweimal in der Woche gestattet, wenn große Musik war. Mich amüsierte damals eben alles. Wieviel gab es auch zu sehen an den Leu­ten aus aller Herren Ländern! Ein Fürst Cantekusin aus der Moldau in den prachtvoll­sten orientalischen Costümen leuchtete schon von weitem in Citronengelb und Purpuratlas, immer von einem großen Ge­folge begleitet. Die bunteste Menge wogte besonders auf den Wandelbahnen des Neubrunnens. Auf der Promenade nach Hammer sah ich oft eine junge Frau, die vor ihrem Häuschen saß und Spitzen klöppelte. Ich schaute ihr gern etwas zu, wie die Klöppelchen nur so flogen unter ihren Händen, und hatte die größte Lust, diese nette Arbeit zu erlernen. Das ergriff die gute Mutter gleich und sprach mit der Frau. Sie ging gern darauf ein und versprach, das Nötige zu besorgen und als Lehrmeisterin alle Morgen zu uns zu kommen. Ein Klavier war schon früher gemietet worden, und nun kam diese unterhaltende Arbeit noch dazu. Bald sangen wir alle die Lie­derchen der Harfenistinnen, die uns immer so viel Spaß machten, und spielten die Tänze nach ‑ Musik war ja überall, wo man hinging. Wir hatten auch nicht geringe Lust, die wöchentlichen Réunions im Sächsischen Saal, zu denen wir immer eingela­den wurden, mitzumachen, zumal wenn man am Sonnabend, von der Promenade kommend, die auffordernde Musik hörte und die tanzenden Paare vor den Fenstern vorbeifliegen sah. Es hieß dann: 'Das steht euch noch alles bevor, wenn ihr confirmiert sein werdet!' Die liebevolle AM in der diese ein­zige Mutter alles sagte, und die Überzeugung, daß es immer nur das Rechte sein konnte, machten, daß man es nicht schwer fand, sich zu fügen. Die schöne Zeit in Karlsbad hatte ihr Ende erreicht. Doch einer seltsamen Begegnung will ich noch gedenken, die auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hat. Am letz­ten Tag unseres Aufenthaltes hatte ich mit dem Vater einen kleinen Spaziergang gemacht, auf der Straße, die nach Elbogen führt. Auf dem Heimwege, schon in Karlsbad angelangt, sahen wir vor einem Hause auf der Wiese eine größere Men­schenmenge mit einer Musikkapelle. Noch bevor wir uns er­kundigen konnten, was das zu bedeuten habe, hörten wir Rufe aus der Menge. 'Da kommt er! Da kommt er!' und gleich darauf hinter uns das Heranrollen einer Equipage, die im schnellen Trabe auf uns zukam. Wir stellten uns an den Straßenrand, um der Equipage auszuweichen, die aber genau an jener Stelle hielt, wo wir standen. Ein Mann gesetzten Alters stieg als erster aus und half einer älteren und zwei jungen Damen galant aus dem Wa­gen, nur ein paar Schritte von uns entfernt, so daß wir ihn und seine Begleiterinnen aus nächster Nähe gut sehen konn­ten. Aber so lieblich die jungen Damen auch waren, mein Blick wurde vom alten Mann so gefesselt, daß ich nur ihn sah und alles andere darüber vergaß. Nie habe ich seitdem ein solches Antlitz gesehen, von einer solchen Würde und Hoheit und dennoch heiterer Anmut, daß es mir nicht menschlich, sondern fast göttlich erschien. Er wurde gleich von der Menge umringt, und die Musikkapelle spielte. Ich stand wie gebannt und wollte bleiben, doch der Vater zog mich an der Hand, und wir gingen heim. Als wir uns ein Stück entfernt hatten und die Musik hin­ter uns verklang, blieb der Vater in großer Erregung stehen, faßte mich fest am Arm und fragte mich.‑ 'Hast du ihn ge­sehen? Und weißt du, wer es war?' 'Nein, wie soll ich das wissen?' 'Das war Goethe. Nun haben wir ihn leibhaftig gesehen: den Größten, der heute lebt!' Der Vater hatte Tränen in den Augen, als er dies sagte. Er war so ergriffen, daß er mich stumm umarmte. Dann meinte er, indem wir weiter gingen: 'Dies war das schönste, was wir erleben durften. Vergiß es nie: du hast Goethe gesehen!' 'Und warum bist du denn gleich davongelaufen? Wir hätten ihn vielleicht noch besser sehen, vielleicht sogar spre­chen können wie die andern, die sich um ihn drängten. War­um zogst du mich fort?' Der Vater blieb stehen, sah mich groß an und sagte mit Nachdruck. 'Weil man sich dem Göttlichen nicht aufdrängen soll. Wir sind ihm begegnet, wir haben ihn gesehen ‑ das genügt! Und wir haben ihn näher und besser gesehen als alle anderen: hoch im Wagen; und dann, wie er ausstieg und den Damen beim Aussteigen half ‑ ein Jüngling, trotz seiner vierundsiebzig Jahre. Ein Gott, für den es kein Alter gibt. Wir haben ihn leibhaftig gesehen. An diesen Abend sollst du dich dein Leben lang erinnern!' Wie man uns erzählte, weilte Goethe damals zur Cour in Marienbad und war für einige Tage nach Karlsbad herüber­gekommen, wo er im Hause einer Frau von Levetzow lo­gierte. Es hieß ‑ doch das habe ich erst in späteren Jahren erfahren ‑, daß er deren Tochter Ulrike habe heiraten wol­len, aber dann kam es nicht dazu. Der Altersunterschied mag wohl zu groß gewesen sein. Es war sein Geburtstag, und des­halb hatte man ihm das Ständchen dargebracht ‑ der 28. August. Es war ein Donnerstag. Am Freitagmorgen haben wir Karlsbad verlassen. Obzwar ich damals herzlich wenig von Goethe wußte, hat mich diese Begegnung doch tief bewegt, weil ich den Vater noch nie so ergriffen gesehen hatte. Auch am nächsten Tag, in der Kutsche, konnte er sich gar nicht beruhigen und ver­sicherte immer wieder, daß dies einer der schönsten Tage seines Lebens gewesen sei.« * Überliefert durch Siegfried von Vegesack: Vorfahren und Nachkommen. Aufzeichnungen aus einer altlivländischen Brieflade. 1689 - 1887. Heilbronn 1960. S. 269ff.
Büste von Siegfried von Vegesack. In Regen ** Und das Historische und das Poetische an Goethes Leben im Sommer 1823 ...? 26. Juni bis 17. September: Reise nach Marienbad (3. Juli - 2o. Au­gust), Karlsbad (25. August - 5. September), Eger und Um­gebung (5. bis 11. September). Gesellschaftlicher Verkehr wie in den früheren Jahren im Kreise der Kurgäste, zeitweise in der Umgebung des Großherzogs Carl August. Zahlreiche neue Bekanntschaften, u. a. mit der Petersburger Pianistin Maria Szymanowska, deren Spiel Goethe hier wie auch bei ihrem Aufenthalt in Weimar 24. Oktober - November tief­bewegende Eindrücke verdankt. (16. - 18. August. Gedicht "An Madame Marie Szymanowska", später unter dem Titel Aussöhnung in die Trilogie der Leidenschaft aufgenommen. I, 385.) ‑ In Marienbad und Karlsbad Umgang mit Frau v. Levetzow und ihren Töchtern. Leidenschaftliche Neigung zu Ulrike von Levetzow. Entstehung von sechs an sich gerichteteten Gedichten (I, 378ff.) im August, sowie - noch auf der Rückeise, vom 5.-7.9. der Marienbader Elegie" (I, 381ff.). (Aus: Heinz Nicolai: Zeittafel zu Goethes Leben und Werk. 1964. Titab 617.S. 145f.)

Montag, 9. November 2020

Vom Lebenswerk Siegfried von V e g e s a c k

Siegfried von Vegesack Porträt - Folge vier Vegesack, ein ökologischer Vor-Geher und seine Bemühungen um sein Waldgrab S.v.V.s Brief und eine letzte Verfügung: * * An das Landratsamt Regen Nr. II/7 - 554. Burg Weissenstein, 18. Mai 1964. Gegen die Entschließung der Regierung von Niederbayern vom 22. April 1964 erhebe ich hiermit Einspruch. Die dargelegten Ablehnungsgründe widersprechen den Tatsachen: 1) Die geplante Begräbnisstätte soll keineswegs auf dem Pfahl, sondern neben dem Pfahl auf meinem Grund und Boden errichtet werden. 2) Für die vorschriftsmässige Tiefe ist keineswegs irgend eine Spren­gung erforderlich, da das Erdreich hier genügend tief ist und bereits bis zu 1.50 Meter ausgehoben wurde und ohne jede Schwierigkeit auch noch tiefer ausgehoben werden kann. 3) Durch Gutachten von Prof, Dr. Georg Priehäusser, der auf dem Gebiet des Naturschutzes als Geologe eine Autorität ist und im Auf­trage des Landratsamtes Regen die geplante Grabstätte eingehend besichtigt und geprüft hat, bestehen weder aus Gründen des Natur­schutzes, noch aus denen der Wasserversorgung irgend welche Be­denken gegen die Errichtung der Grabstätte. Alle diesbezüglichen Einwände der Regierung sind deshalb hinfällig. 4) Meine Begräbnisstätte würde in keiner Weise einen Eingriff in die freie, schöne und schutzwürdige Landschaft" bedeuten, da dieses Landschaftsbild durch einen bescheidenen Grabhügel nicht im Geringsten verändert werden würde. Weder ein Gedenkstein, noch irgend ein Denkmal, sondern nur ein einfaches Totenbrett an einer Kiefer, - wie es hier üblich ist, - wird die Begräbnisstätte bezeich­nen. Es ist geradezu grotesk, wenn die Regierung bei ihrer Entschließung sich auf den Naturschutz beruft: denn die Regierung von Nieder­bayern hat Jahre und Jahrzehnte untätig zugesehen, wie der Quarz des Pfahles als Straßen-Schotter ausgebeutet wurde! Wenn ich den Bund für Naturschutz in Bayern nicht alarmiert und mich für den Schutz des Pfahles eingesetzt und durch mein persönliches Eingreifen eine weitere Ausbeutung verhindert hätte, wäre auch der letzte Rest des Quarzfelsens oberhalb des Dorfes Weissenstein spurlos verschwunden. Auf meine Verdienste als Schriftsteller bilde ich mir nicht allzu viel ein: sie sind vergänglich. Doch mein bleibender Verdienst, dass ich den Quarzfelsen vor dem gänzlichen Untergang bewahrt habe, kann mir niemand abstreiten. Und so glaube ich doch ein gewisses Anrecht auf ein bescheidenes Grab am Fuße des Pfahls zu besitzen, dessen letzter Quarzfelsen oberhalb des Dorfes ohne mein Einschreiten längst vom Erdboden verschwunden wäre. Da bisher kein einziger Vertreter der Regierung von Niederbayern sich ein Bild von der tatsächlichen Lage der geplanten Grabstätte ge­macht hat, schlage ich vor, dass ein Sachverständiger der Regierung auf meine Kosten herkommt und sich unvoreingenommen durch persönlichen Augenschein davon überzeugt, dass der hier darge­stellte Tatbestand der vollen Wahrheit entspricht. Sollte die Regierung von Niederbayern trotzdem auf ihrer Entschließung bestehen und mir die Grabstätte verweigern, werde ich gegen diese Entschließung Berufung einlegen und den Rechtsweg beschreiten. Da ich mich bereits dem 80. Lebensjahr nähere, werde ich die endgültige Entscheidung der höchsten Instanz kaum noch selbst erleben. Deshalb bestimme ich schon heute als meinen letz­ten, unumstösslichen Willen: dass mein Leichnam eingeäschert, und meine Asche auf meinem Grund und Boden, an der bezeichneten Stelle am Pfahl beigesetzt wird. Als gläubiger Christ bin ich kein Freund der Feuerbestattung, - eine christliche Beisetzung in der Erde würde meinen Anschauungen als Christ besser entsprechen, 'von Erde bist du, und zur Erde sollst du werden!' - da aber hier in Weissenstein kein Dorffriedhof besteht, und ich auch auf dem überfüllten Friedhof von Regen nicht neben meinen Brüdern liegen könnte, bleibt mir als einziger Ausweg die Feuerbestattung. Ich habe auf dem Lande gelebt, und möchte deshalb auch auf dem Lande begraben sein, - und zwar in dieser Erde, die mir im Lauf ei­nes halben Jahrhunderts zur zweiten Heimat wurde. Die Urkunde meines letzten Willens werde ich im Notariat Regen hinterlegen. Eine Abschrift füge ich zur Kenntnisnahme bei. Gez. Siegfried von Vegesack Weissenstein, Pfingstmontag, den 18. Mai 1964. * Siegfried von Vegesack: MEIN LETZTER WILLE Für den Fall, dass die Regierung von Niederbayern auch nach mei­nem Tode mir ein Begräbnis auf meinem Grund und Boden am Pfahl verweigern sollte, bestimme ich hiermit als meinen letzten Willen, dass mein Leichnam eingeäschert und meine Asche auf der von mir bezeichneten Stelle am Pfahl beigesetzt wird. Ferner bestimme ich, dass weder ein Gedenkstein, noch ein Denk­mal, sondern nur ein einfaches Totenbrett, wie das hier im Wald der Brauch ist, die Stätte bezeichnen soll. Der Grabhügel soll so unaufällig wie möglich sein, und sich in keiner Weise von der von Heide­kraut bewachsenen Umgebung unterscheiden. Als gläubiger Christ bin ich zwar kein Freund der Feuerbestattung, - eine christliche Beisetzung in der Erde würde meinen Anschauungen besser entsprechen. Da aber hier in Weißenstein kein Dorfriedhof besteht, und ich auch auf dem überfüllten Friedhof von Regen nicht neben meinen Brüdern liegen könnte, bleibt mir als einziger Ausweg die Feuerbestattung. Weißenstein, am Pfingstmontag, den 18.Mai 1964. Von Vegesacks Grabstätte (Montage aus drei Fotos: Wegweiser, Betonsockel der Windturbine, Grabbrett der Grabstelle) - © Reyntjes Der Text der selbst gefertigten Grabbrettes lautet: Hier, wo ich einst gehütet meine Ziegen, Will ich vereint mit meinen Hunden liegen. Hier auf dem Pfahle saß ich oft und gern. O Wandrer schau dich um, und lobe Gott den Herrn. * So hat von Vegesack sein Waldgrab erhalten; es ist in fünf Fußminuten von der Burg und dem Museum aus zu erreichen. Es ist wohl für jeden Besucher an dieser Stätte ein eigentümliches Gefühl; und in jedem Jahr, wenn ich Weißenstein und Regen besuche, setze ich mich hier zwischen Heidekraut, Birken und Lärchen, zwischen dem silberschlierigen Quarzgesteins und dem immer spürbaren Herrn der Lüfte, den heraufstreichenden Winden, der Lebenserfahrung dieses Weltenbürgers von Vegesack sinnlich und intensiv aus. Dann lese ich immer wieder gerne die Geschichte vom Bau der Windturbine, deren Betonfundament man noch in unmittelbarer Nähe des Grabes erkennen kann. (Vgl. Folge fünf "Licht der Lüfte" des Vegesacks-Porträts.) (Quelle: Brief Nr. 209. Abgedruckt nach der Briefausgabe. Hrsg. von Marianne Hagengruber: Briefe 1914 - 1971. Grafenau 1988) * Virenfrei. www.avast.com

Vegesack Grabstätte in Regen/Weißenstein

I r g e n d w a n n, in den späten Achtzigern des vorigen Jahrhunderts, auf einer Autofahrt von Regensburg, über Passau nach Wien ... standen wir, weil wir nicht nach Regen reinfahren wollen, im Weißenstein oberhalb von Regen. Wir parkten auf dem schön gelegenden Parkplatz; eine kurze Rast gönnten wir uns; wir sahen uns um. Ganz in der Nähe stieß ich auf diesen Hinweis: Zur Grabstätte Siegfried v. Vegesack. Als wir die Höhe schon wieder verlassen hatten, war mir der Namen noch nicht entschwunden. Dann sagte ich zu meirn Frau: „Ich hab's: Siegfried von Vegesack. Den kenne ich doch. Ich hab mal in der Buchhandlung bestellt, für einen Kunden, der mir aufgefallen war. Ein alter Herr. Ich musste den Titel im Barsortimentslgaerkatalog nachschlagen: „Die Baltische Tragödie“. Der mir unbekannte Kunde, den wollte ich auch bedienen, als er am nächsten Tag das Buch abholen konnte; vielleicht konnte ich ihn noch was fragen zum Buch, mit dem unbekannten Titel. Irgendwie was von Vertrieben, so dachte ich damals ziemlich leichtsinnig. Aber ich den Kunden verpasst, weil ich am nächsten Tag in der Buchhandlung nach Goch bestellt wurde, weil ich dort Frau Anna Thissen helfen musste - .. Aber auf dem Rückweg von unseren Wiener Sommerferien konnte ich es einrichtene, dass wir wieder in Regen kamen. Dann hinauf nach Weißenstein. ... und dann dort unser erster Gang zur Grabstätte – beeindruckend die kleine Anlage und würdevoll. Und von Zuhause aus gewann mit den Lektüren und Notizen meine vierzigjährige Bekanntschaft mit Siefgried von Vegesack und den Balten, die sich so erstaunlicherweise der Geschichte und der Literatur verschreiben hatten; neben S.v.V. auch Sigmund von Radecki (der erstaunlicherwie in Gladbeck, eine Viertelstunde von hier. begraben liegt; und dessen Nachlassverwalterin ich noch kennen lernen durfte.. Aber mein Hauptaugenmerk liegt noch immer – neben dem Studium von Stefan Zweigs Schriften - auf Leben und Werk von Vegesack.

Mittwoch, 26. August 2020

Erlebnisse ... in Schule ... und Exkursion (nach Berlin)

Von den Tränen der Haut eines Schauspielers Erinnerungen an den Unterricht auf der Gaesdonck und an eine Fahrt nach Berlin 1963 - 1965 Als wir, im Jahre 1963 eine Schulergruppe in Berlin waren; und es war ein schöner Herbst – in einer alten Villa in Wandsbeck, mit dem großzügigen Charme der Vergeblichkeit, oder soll ich sagen: des Verfalls oder des Scheins? Was wir von der Senatsstelle vermittelt bekamen, waren zweimal Abendkarten, ein Auflug durch Westberlin mit einem Bus und eine Erkundung in einer Ecke der Reichstagsgebäudes, alls politsiche Information - Ja, es war gerade der 13. August gewesen, mit den hektischen Erscheinungen der hilflosen Politik; auf der Fahrt konntenwir nichts drch das Brnadenburgeer Tor schauen; die großen Torbögen waren verhangen von schweren Fahnentuch. Vom Besuch der Theatergruppe der Wüllmäuse erinnere ich micht nicht; alles war von denn hektischen Gerede der Berliner Schnauzen und den prustenden Gelärm der Besucher, nicht für Landpomeranzen wie uns. Aber am Mittwochabends konnten wir in die Katakombe besuchen, mit den Karten von Westberline Senat: Was mich erschütterte: Wir saßen hin einern länglichen Raum in der ersten Reihe, rechts, mit dem - und erlebten Borcherts Theaterstück Draußen vor der Tür (geschrieben 1946/47) – Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will, das mich so stark überraschte, das ich nicht mehr weiß, ob wie oder wie wir des Autors und der Thematik – Heimkehr nach dem Krieg und die Veramtwortung des Friedens – gedachte. Ich habe zwar eine Taschentuchenausgabe, aus dem Januar 1962 (364 - 393. Tausend) des Rowohlt Taschenbuchverlags, die ich damals drei Jahre vor dem Abitur (Ostern 1965) gekauft haben muss. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass irgend jemand den Borchert oder vergleichbare Stücke und Kurzgeschichten (von Borchert, Brecht, Böll...) bis zum Abitur zur Sprache brachte, kein Lehrer, kein Präses, kein Präfekt. Alles von der Geschichte oder Literatur 1933 bis 1960 blieb unter Verschluss. Aus meinen Schulerinnerungen, die ich seit 1980 aufschrieb unter dem Titel Quetschungen: Und wie waren sie vorbereitet? Im letzten Aufsatz vor dem Abitur: Thema 1: Hugo von Hofmansthal: „Weltgeheimnis“ - Interpretation -. Thema 2: Versuchen Sie, die Erzählung „Der Kübelreiter“ von Franz Kafka zu deuten! Da knitzschnitzundknabbert er noch heute an der Frage: Aber, haben sie den Faust II überhaupt gelesen..? Oder sollte dort ein interpretatorisches Harakiri eingeübt werden? Er nahm sich in der Arbeit den Kafka vor (auch ohne jede Vorkenntnis von seinen Parabeln!). Er spürte die Kalt-Warm-Metaphorik der Winterwelt und Kälte-Beziehungen unter den Menschen. Aber, laut Deutschlehrer, hatte Kafka die Gut-Böse-Relation gewählt als das Fass - Pardon der Schlitten, den er für seine Intention aufgemacht, äh, aufgemöbelt hatte. Gemäß dem letzten Fluch (ja, von wem denn?): Du Böse! Um eine Schaufel von der schlechtesten [Kohle] habe ich gebeten, und du hast sie mir nicht gegeben.“ Oder diese Erinnerung: Ich auf der Fahrt (in der Klasse) nach Berlin (1963) Mit unserem Klassenlehrer, der mit uns seinen letzten Jahrgang betreute, noch kurz vorher zum Oberstudienrat - Dr. V., der nie von seinem Doktorthemas uns was erzählte aber auch schicklicherweise nie gefragt wurde) - ernannt worden war und später mit uns seinen Abschied von de Gaesdonck nahm: Sie wohnten in einer Dahlemer Villa, in der der große Empfangssalon im Erdgeschoß für Schüler mit Feldbetten ausgestattet war. Unser Pauker war in einem soliden Zimmer untergebracht. Die pure DDR-Wirklichkeit nahmen wir vom ungefährdeten Westen her in Augenschein: Ein Blick von einer Bühnenempore vor der Mauer hinüber zum Brandenburger Tor; Es war in seinen Durchfahrten mit großen Fahnentüchern verhängt: schwarz-rot-golden mit Hammer und Sicherheits-Sicher, damit der Blick nach drüben nicht so gnadenlos mitleidig ausfallen konnte. Die Standardinformation, abgeholt bei den Behörden, dann die Busrundfahrt, garniert mit Berliner Witzsprüchlein. Abends in Berlin Wie wir die Abende verbrachten? Zwei Erlebnisse sind ihm geblieben: In einem Kellertheater wurde Borcherts pazifistisches Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür" aufgeführt. Die Zuschauer saßen in einem langgestreckten Raum in mehreren Reihen einander gegenüber, etwa wohl vier m in Nahdistanz. Zwischen den Stuhl- und Bankreihen eine Spielfläche wie ein schmaler Weg, ein unterschiedlich ausstaffierter Laufsteeg. Die Schauspieler in handgreiflicher Nähe. Ich sah den rülpsenden Tod als eine schwitzende, alte Person vor mir; er sah seine Schweißtropfen auf der Stirn und die Wangen herunterlaufen, im Nacken und am Hals. Ein Mann, der sicherlich auch anderswo gut den geachteten Patron einer Schauspieltruppe abgeben könnte. Erst mehr als dreißig Jahre später, während des Golfkrieges sah er eine ähnlich erschütternde Inszenierung der Menschheitsgeschichte, in der unsereiner nicht weiß, warum andere als Feinde, getötet werden, wo Soldaten zu Mördern werden, weil sie nicht in der Lage waren, sich politisch und wirtschaftlich schon lange im Vorfeld eines Krieges sich zu wehren lernen und den Mordbefehlen zu widerstehen versuchen. Es gilt noch immer Friedrich des Großen böses Wort von den Soldaten, dass sie zu dämlich sind, fortzulaufen. Nachmittags: Am Sonntag hatten wir frei, zu eigener Verfügung. Am Nachmittag hatten wir frei: Der Stadt, also der City zu: An einer Ecke sahen wir zwei Stadtmietzen, vulgus Prostituierte. Einer von uns Dreien nahme sie zur Kenntnis, erwog sogar seine Möglichkeiten. Aber er verzichtete, weil wir zu lahm waren: „zu inaktiv“.(Das Foto von der Ecke habe ich später vernichtet, kann aber diese Ecke nicht vergessen. Von Kinowerbung angezogen, nahmen wir um 18 Uhr Platz zu Rolf Thieles Film Moral 63“. Wir hatten von dem einen oder dem anderen nichts Ahnung und auch kein Bedürfnis einer Weiterbildung. Was andere schrieben, blieb und fremd: „Die frech gemeinte Satire über Doppelmoral kommt selber voyeuristisch daher. Fazit: Moral? 1963 waren alle scharf auf Nadja (Tiller)!“ So konnte ich die Substanz des Film nicht nennen; geübt wurde das nie: Etwas benennen, was auffällig ist; dann kritisieren mit themen-spezischen Sachverstand! Und in die Zeit (in der Unterprrima) fiel mein nicht geplanter Abschied von der Gaesdonck; Aus welchen Grund sagte der Präses einmal: Ich könnte wieder von Goch aus zum Unterricht kommen; obwohl er schon seit zwei Jahren daraus aus war, keine Externen mehr ausfzunehmen; wegen der Unruhe, die solche externen Schüler verursachten. Vielleicht hatte es ihn beindruckt, dass ich einmal einem schüchternen Versuch in unser Klassegruppe unterahm, als ein Kollege (Kamerad wäre nie mein Ausdruck für einen Klassentyp), als er das Essen anmeckern (ja, ganz völlig in der Audrucksweise) wollte – da sagte ich einen Satz, der über 60 Jahr hinaus gilt: „Bei uns zu Hause haben wir manchmal am Sonntag nicht so ein Essen, wie er in der Woche haben.“ Schluß der Versammlung. 1983 - eine Klasse auf dem Gelände des Freien Universtiät, Westberlin - Ein Mitschüler hat einen Text zur unser Berlin-Fahrt geschrieben (Edwin Mock in: Gaesdoncker Blätter 1964, S. 53): Berliner Eindrucke, ein hübscher Text mit passender politischer Intention. Da steht es mit dem Grafen von Luxemburg oder mit Annie Get Your Gun als Termine der Volksbelustigung: Was andere besucht haben, weiß ich nicht mehr: aber dieser fidele Jux mit Operette und Musical habe nicht erlebt. Da muss es also differierende Eindrücke geben haben. Wer in dem Borchert-Stück war und diese Sätze erlebt hat (und wieder vergessen hat) – würde mich interessieren. DER ALTE MANN (nicht jämmerlich, sondern erschüttert):Kinder, Kinder ! Meine Kinder! BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Warum weinst du denn, Alter ? DER ALTE MANN: Weil ich es nicht ändern kann, oh, weil ich es nicht ändern kann. BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Rums ! Tschuldigung ! Das ist allerdings schlecht. Aber deswegen braucht man doch nicht gleich loszulegen wie eine verlassene Braut. Rums ! Tschuldigung ! DER ALTE MANN: Oh, meine Kinder ! Es sind doch alles meine Kinder ! BEERDIgUNgSUNTERNEHMER: Oho, wer bist du denn ? DER ALTE MANN: Der Gott, an den keiner mehr glaubt. BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Und darum weinst du ? Rums ! Tschuldigung ! GOTT: Weil ich es nicht ändern kann. Sie erschießen sich. Sie hängen sich auf. Sie ersaufen sich. Sie ermorden sich, heute hundert, morgen hunderttausend. Und ich, ich kann es nicht ändern. BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Finster, finster, Alter. Sehr finster. Aber es glaubt eben keiner mehr an dich, das ist es. GOTT: Sehr finster. Ich bin der Gott, an den keiner mehr glaubt. Sehr finster. Und ich kann es nicht ändern, meine Kinder, ich kann es nicht ändern. Finster, finster. BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Rums ! Tschuldigung ! Wie die Fliegen ! Rums ! Verflucht ! GOTT: Warum rülpsen Sie denn fortwährend so ekelhaft ? Das ist ja entsetzlich ! BEERDIGUNgSUNTERNEHMER: Ja ja, greulich ! Ganz greulich. Berufskrankheit. Ich bin Beerdigungsunter-nehmer. GOTT: Der Tod ? Du hast es gut ! Du bist der neue Gott. An dich glauben sie. Dich lieben sie. Dich fürchten sie. Du bist unumstößlich. Dich kann keiner leugnen. Keiner lästern. Ja, du hast es gut. Du bist der neue Gott. An Dir kommt keiner vorbei. Du bist der neue Gott, Tod, aber Du bist fett geworden. Dich hab ich doch ganz anders in Erinnerung. Viel magerer, dürrer, knochiger. Du bist aber rund und fett und gut gelaunt. Der alte Tod sah immer so verhungert aus. TOD: Na ja, ich habe in diesem Jahrhundert ein bisschen Fett angesetzt. Das Geschäft ging gut. (…) *(Aus: W.B.: Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen will und kein Publikum sehen will. - Das Vorspiel. In: W.B.: Das Gesamtwrk. 1949/1989. S. 104f.) - Nein, das „Rums“ des Schauspielers war nicht unangnehem; es war authentisch. Ich glaube noch heute, dass ich es 1963 gehört habe: Das „Rums“ schließt so viele Sünden ein, die Gott (wie wir es glauben und von der Kirche gelehrt kriegen: Sklaventum. Krieg. Herrentum. Sexuelle Übergriffe. Ausschluss von Frauen, Laien und ... Von Wolfdietrich Schnurre (1920 -1989), dem Berliner Dichter, der mir ein zuverlässiger Gewährsmann (neben Borchert und Böll der dritte Poet meiner Tage) stand in der OI im Jahre 1964 als erste Klassenarbeit eine Interpretation an zu seinem Text Blau mit goldenen Streifen (Gaesdoncker Blätter S. 43). Die kernszene des Textes, ich hatte sie schnell ausgemacht, lautet so: „(Es) roch gnau so, Herr Richter, wie damls als se meine Großmutter aufgebahrt hatten; so - so süßlich; wie oller Kuchen, der mit Mottenpulver bestreut worden is.“ Egal, wie der Spirit-Abzug von welchem Buch entnommen, er war verkürzt, wie ich es später von meiner Ausgabe kontrollierte, (1958. S. 57 - 64; was beim episodischen Ablauf des Gerichtsverhndlung nicht schlimm war für das Entsetzen; aber es versetzte mich mit dem Tod des Schüler durch diesen allegorischen Schock des Wiedererkennens. Das muss ich erklären: Unser Klassenkamerad Carl Jürgen Peters, der uns in der UII hat in den Gaedoncker Blätter Juli 1962, S. 57) ein ehrendes Gedächtnis mit einen prägnanten Foto gefunden hat, das mich wohl für ewig illuminiert, Mit ihm ergibt sich für mich ein ehrendes Gedächtnis, dass wir, ohne dass die Anregung von uns ausgegagen war, wir zu zweit eine Stunde mit ihm, also am offenen Sarg in der (späteren) Muttergotteskapelle, ich mit einem Genossen, von 12 – 13 Uhr nachts gegenüber betend vertraut waren. Der süße Geruch, der vom Toten, der an einer Lebervergiftung gestorben war, ausging, blieb mir so tief in meinem nasalen Gedächtnis, (die mir dann 60 Jahre lang überschüssige, allergische Reaktionen, ob Atemwegserkankungen oder Kehlkopfentzündungen) bereiteten. Nun, Schnurre: Ich mied den tollen (das Syndrom Berlin in der Thematik und in der Sprache adäquanten) Text und nahm vorlieb mit Mörikes Lyrik „An einem Wintermorgen, vor Sonnenaugang.“ (ohne das ich wusste, man man an solch eine Interpration schreiben könne. Dass ich Borchert als den großen Nachkriegsdichter treu blieb (auch in meinem eigenen Schreiben), gerade weil er in meiner Klasse und auf der Kasten (im Fach Deutsch) völlig unbeachtet blieb, fühle ich auch zurück auf die Tränen auf der Haut eines Schausspielers, als er mir vorspach expressissis verbis: Draußen vor der Tür. Mit diesem und allen seinen Texten hat er mein Herz berührt, dass es andersschlug, alle einer xdürftigen Klasse und den Potentaten des Kastens es angenehm war. Nachts darf der Schriftsteller die Sterne begucken. Aber wehe ihm, wenn er nicht fühlt, daß sein Haus in Gefahr ist. Dann muß er posaunen, bis ihm die Lungen platzen! (Wolfgang Borchert. Der Schriftsteller)) Soweit meine Erfahrungen in poeticis.. Ein Carpe diem habe ich noch nicht gefunden. * Wenn es denn Schüler gibt, die meine Erinnerungen von 1959 – 19165 lesen wollen – bitte sehr, ich stehe zur Verfügung: anton@reyntjes.de .

Auf der Heide

 

Auf der Heide

Oder:

Wenn Kevelaer ruft

 

"Ja, der Opa, auf der Heide! De Schwatte! - Der Alte, der immer auf dem Fahrrade durchs Feld bei Derks die Abkürzung nimmt, um nach Kevelaer zu fahren!"

Wie heilig!“

"Ach, der Heilige Ömmes!"

Gestern ist der abgeholt worden!

Von der Kripo!

    Da bellten seine Hunde.

    Und die dicke Tante bettelte.

    War ja auch komisch, dass der jeden Sonntag zum Gnadenbild der Heiligen Mutter Gottes - der Trösterin der Betrübten - fuhr. So fromm war der gar nicht. Da haben sie sich schon immer gewundert. Unter der Woche tut es ihm hier weh (sie griff in die Leiste) und tut es ihm da weh (sie ächzte und zeigte auf das verlängerte Hinterteil). Da bin ich mal gespannt, was morgen in der Zeitung steht. Der Theo sagt ja gar nichts, nee, nee!"

Theo war Kriminalbeamter und hielt sich aus der Sache heraus. „Der muß ja nur über den Misthaufen und steht schon bei Opa Aschbach im Schlafzimmer."

Er hörte viel Gewisper, und sagenhaft wichtige Eilmeldungen erzählten sich die Großen.

Oppa Aschbachs Hinern“ -"Wichsen!" hörte er. Und der macht das mit Schuhwichse, das Schwein! Immer den jungen Weibern am Rock. So einer. Da betet er, und dann schleicht er sich in eine Prozession und versaut die jungen Mädchen." - "Wieviel kriegt der denn dafür?"

Später, als er einmal vom Tod des alten Junggesellen hörte, schaute er in einem Strafgesetzbuch, Taschenbuchausgabe nach; aber er fand keinen besonderen Begriff für diese Perversion; nichts paßte; und Exhibitionismus war es ja nicht; aber wenn er damit verband? Konnte man das: Scherchen, Rasiermesser und Dreckszeug wie Bohnerwachs oder Schuhcreme in der einen Hand - und dann -? Wahrscheinlich, so erfuhr er später, waren Oppa Aschbachs Schmutzfinkereien als Erregung öffentlichen Ärgernisses verurteilt worden.

Strafrechtlich gibt es dafür einen Namen.

Und Wikipedia sorgt dafür, dss der katholische Codex nihct vergessen wird:

Der Codex Iuris Canonici von 1983 enthält die Regelung, dass „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ ein Ausschlussgrund für die Gewährung eines kirchlichen Begräbnisses sein kann.[4] - Abruf 26.08.2020 -


Kulturhistorisches:

Eine Anekdote zum Haarzopfabschneiden:

https://de.wikisource.org/wiki/Der_Zopfabschneider_vor_Gericht


Oder von den Paraphilien:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Paraphilien

(besonders die Para-Philien:

Trichophilie, Haarfetisch

Haar[41], es kann sich erstrecken bis hin zum Haarabschneiden (Zopfabschneider).[55] Abruf am 26.08.2020-


Dienstag, 12. Mai 2020

Siegfried von Vegesack als mutiger GRÜNERer

Balten-Porträts
Siegfried von Vegesack

Porträt - Folge vier


Siegfried Von Vegesack, ein ökologischer Vor-Läufer und seine Bemühungen um sein Waldgrab in Weissenstein


S.v.V.s Brief und seine letzte Verfügung:


An das Landratsamt Regen
Nr. II/7 - 554.

Burg Weissenstein, 18. Mai 1964.


Gegen die Entschließung der Regierung von Niederbayern vom 22. April 1964 erhebe ich hiermit Einspruch.

Die dargelegten Ablehnungsgründe widersprechen den Tatsachen:

1) Die geplante Begräbnisstätte soll keineswegs auf dem Pfahl, sondern neben dem Pfahl auf meinem Grund und Boden errichtet werden.
2) Für die vorschriftsmässige Tiefe ist keineswegs irgend eine Spren­gung erforderlich, da das Erdreich hier genügend tief ist und bereits bis zu 1.50 Meter ausgehoben wurde und ohne jede Schwierigkeit auch noch tiefer ausgehoben werden kann.
3) Durch Gutachten von Prof, Dr. Georg Priehäusser, der auf dem Gebiet des Naturschutzes als Geologe eine Autorität ist und im Auf­trage des Landratsamtes Regen die geplante Grabstätte eingehend besichtigt und geprüft hat, bestehen weder aus Gründen des Natur­schutzes, noch aus denen der Wasserversorgung irgend welche Be­denken gegen die Errichtung der Grabstätte. Alle diesbezüglichen Einwände der Regierung sind deshalb hinfällig.
4) Meine Begräbnisstätte würde in keiner Weise einen Eingriff in die freie, schöne und schutzwürdige Landschaft" bedeuten, da dieses Landschaftsbild durch einen bescheidenen Grabhügel nicht im Geringsten verändert werden würde. Weder ein Gedenkstein, noch irgend ein Denkmal, sondern nur ein einfaches Totenbrett an einer Kiefer, - wie es hier üblich ist, - wird die Begräbnisstätte bezeich­nen.

Es ist geradezu grotesk, wenn die Regierung bei ihrer Entschließung sich auf den Naturschutz beruft: denn die Regierung von Nieder­bayern hat Jahre und Jahrzehnte untätig zugesehen, wie der Quarz des Pfahles als Straßen-Schotter ausgebeutet wurde! Wenn ich den Bund für Naturschutz in Bayern nicht alarmiert und mich für den Schutz des Pfahles eingesetzt und durch mein persönliches Eingreifen eine weitere Ausbeutung verhindert hätte, wäre auch der letzte Rest des Quarzfelsens oberhalb des Dorfes Weissenstein spurlos verschwunden.
Auf meine Verdienste als Schriftsteller bilde ich mir nicht allzu viel ein: sie sind vergänglich. Doch mein bleibender Verdienst, dass ich den Quarzfelsen vor dem gänzlichen Untergang bewahrt habe, kann mir niemand abstreiten. Und so glaube ich doch ein gewisses Anrecht auf ein bescheidenes Grab am Fuße des Pfahls zu besitzen, dessen letzter Quarzfelsen oberhalb des Dorfes ohne mein Einschreiten längst vom Erdboden verschwunden wäre.
Da bisher kein einziger Vertreter der Regierung von Niederbayern sich ein Bild von der tatsächlichen Lage der geplanten Grabstätte ge­macht hat, schlage ich vor, dass ein Sachverständiger der Regierung auf meine Kosten herkommt und sich unvoreingenommen durch persönlichen Augenschein davon überzeugt, dass der hier darge­stellte Tatbestand der vollen Wahrheit entspricht.
Sollte die Regierung von Niederbayern trotzdem auf ihrer Entschließung bestehen und mir die Grabstätte verweigern, werde ich gegen diese Entschließung Berufung einlegen und den Rechtsweg beschreiten. Da ich mich bereits dem 80. Lebensjahr nähere, werde ich die endgültige Entscheidung der höchsten Instanz kaum noch selbst erleben. Deshalb bestimme ich schon heute als meinen letz­ten, unumstösslichen Willen:
dass mein Leichnam eingeäschert, und meine Asche auf meinem Grund und Boden, an der bezeichneten Stelle am Pfahl beigesetzt wird.
Als gläubiger Christ bin ich kein Freund der Feuerbestattung, - eine christliche Beisetzung in der Erde würde meinen Anschauungen als Christ besser entsprechen, 'von Erde bist du, und zur Erde sollst du werden!' - da aber hier in Weissenstein kein Dorffriedhof besteht, und ich auch auf dem überfüllten Friedhof von Regen nicht neben meinen Brüdern liegen könnte, bleibt mir als einziger Ausweg die Feuerbestattung.
Ich habe auf dem Lande gelebt, und möchte deshalb auch auf dem Lande begraben sein, - und zwar in dieser Erde, die mir im Lauf ei­nes halben Jahrhunderts zur zweiten Heimat wurde.
Die Urkunde meines letzten Willens werde ich im Notariat Regen hinterlegen.
Eine Abschrift füge ich zur Kenntnisnahme bei.

Gez. Siegfried von Vegesack
Weissenstein, Pfingstmontag,
den 18. Mai 1964.

*
Siegfried von Vegesack:

MEIN LETZTER WILLE

Für den Fall, dass die Regierung von Niederbayern auch nach mei­nem Tode mir ein Begräbnis auf meinem Grund und Boden am Pfahl verweigern sollte, bestimme ich hiermit als meinen letzten Willen, dass mein Leichnam eingeäschert und meine Asche auf der von mir bezeichneten Stelle am Pfahl beigesetzt wird.
Ferner bestimme ich, dass weder ein Gedenkstein, noch ein Denk­mal, sondern nur ein einfaches Totenbrett, wie das hier im Wald der Brauch ist, die Stätte bezeichnen soll. Der Grabhügel soll so unaufällig wie möglich sein, und sich in keiner Weise von der von Heide­kraut bewachsenen Umgebung unterscheiden.
Als gläubiger Christ bin ich zwar kein Freund der Feuerbestattung, - eine christliche Beisetzung in der Erde würde meinen Anschauungen besser entsprechen. Da aber hier in Weißenstein kein Dorfriedhof besteht, und ich auch auf dem überfüllten Friedhof von Regen nicht neben meinen Brüdern liegen könnte, bleibt mir als einziger Ausweg die Feuerbestattung.

Weißenstein, am Pfingstmontag, den 18.Mai 1964.


Siegfreid von Vegesack, als Miniatur in einer Tabakflasche


Von Vegesacks Grabstätte
(Montage aus drei Fotos: Wegweiser, Betonsockel der Windturbine, Grabbrett der Grabstelle) - © Reyntjes


Der Text der selbst gefertigten Grabbrettes lautet:


Hier, wo ich einst gehütet meine Ziegen,
Will ich vereint mit meinen Hunden liegen.
Hier auf dem Pfahle saß ich oft und gern.
O Wandrer schau dich um, und lobe Gott den Herrn.

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So hat von Vegesack sein Waldgrab erhalten; es ist in fünf Fußminuten von der Burg und dem Museum aus zu erreichen.
Es ist wohl für jeden Besucher an dieser Stätte ein eigentümliches Gefühl; und in jedem Jahr, wenn ich Weißenstein und Regen besuche, setze ich mich hier zwischen Heidekraut, Birken und Lärchen, zwischen dem silberschlierigen Quarzgesteins und dem immer spürbaren Herrn der Lüfte, den heraufstreichenden Winden, der Lebenserfahrung dieses Weltenbürgers von Vegesack sinnlich und intensiv aus. Dann lese ich immer wieder gerne die Geschichte vom Bau der Windturbine, deren Betonfundament man noch in unmittelbarer Nähe des Grabes erkennen kann. (Vgl. Folge fünf "Licht der Lüfte" des Vegesacks-Porträts.)

(Quelle: Brief Nr. 209. Abgedruckt nach der Briefausgabe. Hrsg. von Marianne Hagengruber: Briefe 1914 - 1971. Grafenau 1988)

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