Samstag, 29. Februar 2020

Ein Brief zu Ehren von Eduard M ö r i k e



Briefe, die ihre Empfänger nie erreichten
Littera prima

  •   Littera desperata prima

Herrn
Prof. Dr.
B............... Z..............

In der SM-Lagerbaracke Marbach


Sehr geehrter Herr Professor,

nach der kürzlichen Veranstaltung im heiter gestimmten Bad Boll und Ihrem Vortrag ("........... ........") dort hab’ ich mir das Reclamheftchen „Mörike-Gedichte“(Ihrem Mörike-Bild entsprungen) bestellt und find’ da so einiges unterschlagen, was zu einem stimmigen, nicht nur: modernen, sondern einfach gehörigen Mörike-Bild passt:
Den Text „Feuerreiter“, den Sie abdrucken, datieren Sie auf das Jahr 1824; was für ein herkömmlich philologischer Unsinn, aber in der schwäbischen Mörike-Literatur häufiger zu finden (vgl. H. Schlaffer in „E. M. u. W. W. Eine poetische Jugend“ und Sie, Herr Professor, im Ausstellung-Katalog (1975; oder ist die Neuauflage korrigiert?) Der zeitgenössische Leichtsinn steht natürlich auch in Göpferts Ausgabe...; in Lahnsteins „Mörike“ natürlich auch)! Eine schwäbische Verschwörung...? Dass die "Feuerreuter" Sie packen, die Knöchelchen hacken, die Härchen bereifen, das Särglein bereiten...
Könnten Sie sich - wissenschaftlich gestimmt - auf beide Texte einlassen, mit den betreffenden Entstehungszahlen: Sommer 1824 und (3. Dec.) 1841..? Es sind so stark differierende Texte - „umgesattelt“ nannte E.M. verhüllend seinen neuen „Feuerreiter“ - daß nicht nur die christlich-archaisierende, retro(bzw. ana-) chronistische Fassung überliefert werden sollte; Sie könnten den Lesern und Lehrern und Mörike-Freunden dadurch auch historisches Denken zumuten und methodisch-kritisches Interpretieren.
Und dann fehlen mir noch mindestens diese Gedichte in Ihrer Auswahl (1997 nachgedruckt!): „Der Petrefaktensammler“, „An Philomele“, "An Bernhardus den Zellermeister", "Mit Petrus dem Wettersammler" und die „Wispeliaden“. - Und erst die nötigen Anmerkungen...?

Schade, daß, nachdem Frau von Heydebrands Mörike-Buch seit 1972 vorliegt - schon vergriffen ist und nicht als Taschenbuch aufgelegt wird - Sie, als der schwäbische Literatur-Fachmann, noch immer den „sinnig-lieb-versponnenen Mörike“ präsentieren..., mit einem wissenverschaftlich-korrekten Nachwörtchen. - Ein personal oder institutionell gefesselter Mitmensch hätte hier und heute gar ein’ bescheiden-höflich’ Brieflein getippt; E.M. auch, von rechter Hand geschrieben (wohl in „tiefster Ehrfurcht...“, „alleruntertänigst, treugehorsamst... unterzeichnet“).*

Trotzdem, ich mein’ es ernst, philo-logisch und philo-historisch und psilopsychologisch (es bleiben aber - mindestens - Generations-, Mentalitäts- und Methodenfragen); es geht auch um ein "theuer gelebtes" Stück Kultur - auch wenn der Begriff Leitkultur verdächtiger Unsinn ist; die Damen und Herren von der christlichen Partei könnten es ja erst mal mit unserer Normalkultur versuchen. Z. B. Schiller: „Mich kosteten ["Die Räuber"] Familie, Heimat und Vaterland.“ (Aus dem Gedächtnis zitiert...) Wie bequem es sich lebt und schwatzt und vertut und treibt und dremmelt.... in Schwaben, wenn man M. ist, und kein Sch. Und kein H. und kein R.

Mit hochachtungsvollerfüllten Grüßen und der redundanten Bitte, über mein Brieflein freundlich nachzudenken und aufs sorgengerechte Alten-vergiss-es-Teil zu legen, ostpreußisch auch Abbau genannt...

Ihr Antoninius InPius

P.S.:

Als Vorschlag, ein nachträglich unzeitliches Pensionierungsgesuch:

AN WILHELM I.
KÖNIG VON WÜRTTEMBERG.

NECKARKREIS. DEKANATS Neuenstadt.

Cleversulzbach, den 3. Juni 1843

Pfarrer Mörike, auf ein Neues erkrankt,
bittet unterthänigst um allergnädigste
Enthebung von dem Pfarramt und
Pensionirung auf unbestimmte Zeit.

KÖNIGLICHE MAJESTAET!

Durch einen Erlaß des KÖNIGLICHEN hochpreislichen Consistoriums vom 29. November vorigen Jahrs wurde ich für den Fall, daß ich meine Stelle noch immer nicht ohne Gehilfen sollte versehen können, aufgefordert, um Pensionirung bis zu meiner Wiederherstellung allerunterthänigst zu bitten. Da ich jedoch das Amt mit heurigem Frühling allein zu übernehmen mir getraute und nur über die Wintermonate noch einen Vikar mir erbat, so wurde diesem Gesuch in der Voraussetzung entsprochen, daß ich mein Vorhaben alsdann um so gewißer würde vollziehen können. Ich fuhr sonach fort, mich neben meinem Gehilfen in allen Theilen des Amtes zu üben und zwar, einige kleinere Anstöße meiner Gesundheit abgerechnet, im Ganzen nicht unglücklich und guter Hoffnung voll. Allein die leztre trübte sich, nachdem ich erst wieder allein stand, sehr bald. Ein allgemeines Schwächegefühl, das mich seit Jahren eigentlich nie verlassen hat und sich bei jeder Art von länger fortgesezter Anstrengung, vornemlich bei der physisch geistigen der öffentlichen Rede zeigte, ist kürzlich in Folge meiner neu übernommenen ungetheilten Amtsthätigkeit, in erhöhtem Grade eingetreten. Vermehrter Blutandrang nach dem Kopfe, Schwindel, Kopfschmerz, ein heftiges, nicht selten die Sprache hinderndes Herzklopfen und gegen das Ende ein auffallender Nachlaß der Kräfte waren die Anzeigen, die meine neuesten Vorträge und kirchlichen Verrichtungen theils begleiteten, theils ihnen folgten; besonders auch macht eine, mehr nur im Anfang meiner Krankheit bemerklich gewesene Schwäche der rechten Seite des Körpers, zumal im Fuße, sich neuerdings wieder sehr fühlbar. Bei meiner lezten Katechisation und Taufhandlung, nachdem ich für die Vormittagspredigt bereits die Hilfe eines benachbarten Geistlichen hatte in Anspruch nehmen müssen, ward mir so schlimm, daß die Gemeinde sowohl als ich selber jeden Augenblick mein Umsinken erwartete. Unter solchen Umständen bin ich nun freilich nicht nur für die nächste Zeit zu allen Geschäften unfähig, sondern ich sehe nach den gemachten Erfahrungen ein, daß, wenn auch, wie ich hoffe, mein gegenwärtig verschlimmerter KrankheitsZustand ein vorübergehender ist und auf diejenige mittlere Stufe der Besserung zurückzuführen seyn wird, auf welcher ich mich noch bis vor wenigen Wochen erhielt, ein wiederholter Versuch, meinem Beruf selbständig nachzukommen, bevor das Grundübel gehoben ist, einen gleichen, wo nicht einen weit nachtheiligern Erfolg haben würde; ich sehe ein, daß mir im leztern Fall durch ein noch schwereres Erkranken alle Aussicht, der Kirche noch einmal zu dienen, ja auch nur meine Existenz auf erträgliche Art zu erhalten, für immerdar geraubt wäre.
Nachdem ich auf das Neue in mein Amt hineingegangen war, mit ganzem und redlichem Willen, und, setze ich nicht ohne Grund hinzu, mit einer innerlich entschiedenen Liebe zur Sache, - wie ich mir selbst und jeder der mir näher steht, auch sicherlich meine Gemeinde, gewissenhaft das Zeugniß geben kann -, so finde ich mich nun in meiner anfänglichen Hoffnung zwar schmerzlich getäuscht und kann die Nothwendigkeit einer gänzlichen Änderung meiner bisherigen Verhältnisse, wobei nur in Einer Rücksicht, der gesundheitlichen, etwas für mich zu gewinnen, in jeder andern aber nur zu verlieren ist, nicht anders als beklagen. Doch eben das Bewußtseyn, mit Aufbietung aller meiner Kräfte das Meinige gethan zu haben, macht es mir möglich, mit größerer Ruhe, als ich sonst könnte, auf meine derzeit sehr ungewiße Lage hinzublicken, und mich an die Großmuth Eurer KÖNIGLICHEN MAJESTAET mit unbegränztem Vertrauen ehrfurchtsvollst zu wenden.
Ich bin ohne Vermögen, und habe an den Opfern, die ich meiner Familie als Sohn und als Bruder gebracht, noch jezt zu tragen. Ob und in wie weit ich im Stande seyn werde, künftig, neben der Sorge für meine körperliche Wiederherstellung, durch Privatarbeiten etwas für meine Subsistenz zu thun, ist höchst zweifelhaft. In dem nächsten Jahre habe ich mir davon entweder Nichts, oder, mit Benützung einzelner Stunden, nur sehr wenig zu versprechen.
Nach dieser ganzen, der lautersten Wahrheit gemäßen, Darstellung, und unter Beilegung eines ärztlichen Zeugnisses, wage ich denn, Eurer KÖNIGLICHEN MAJESTÄT die Bitte um gnädigste Enthebung vom PredigtAmt und huldvolle Verleihung einer Pension unterthänigst zu Füßen zu legen.

In tiefster Ehrfurcht verharrend EURER KÖNIGLICHEN MAJESTÄT
allerunterthänigst
treugehorsamster
Eduard Mörike, Pfarrer.
Selbstverfaßt.


(Aus: E.M. Werke und Briefe. Bd. 14. 1994. S. 109ff.)
                   Ein StadtTor, in Goch, genannt STeinTor [mir zu eigen]
*

Zur professoralen Imitatio poetae et clerici Eduard Mörikensis empfohlen....
* Meine Intention, näherhin definiert? Waren Sie vielleicht einmal in der Walhalla (ob Regensburg) und haben dort Mörike vergeblich gesucht? Zufall? An welchen Schulen wird noch E.M. gelesen, nachdem sich „Das verlassene Mägdlein“ und die Neufassung des “Feuerreiters“ verschließen haben und „Begegnung“ und „Erstes Liebeslied eines Mädchens“ nicht in die Lesebücher gelangt sind. - Auch in Bad Boll: Mörike - ein (Bei-)Fall für ältliche, selbstzufriedene Gemütlichkeit - statt Ahnung schwierigsten Gemüts, existenzieller Gefährdung und differenziert-poetologischer Diskrepanzen.- E.M. - der Kafka des 19. Jahrhunderts...?

Freitag, 28. Februar 2020

Ein Brief von M ö r i k e (?)

Ein Angebot für treues Lesen und ein posthumes Bisschen wissenschaftliche Beschäftigung:

Ein vielleicht letzter, bisher unbekannter Mörike-Brief, der nicht in der großen Marbacher Ausgabe der „Werke und Briefe“ steht, die die Brief-Bände abgeschlossen hat… - ist erst kürzlich aufgetaucht:
Als Datum ist genannt 13. Juni; Jahreszahl und Ort aber sind nicht angegeben. Angeredet sind sicherlich die Hartlaubs.
Es gibt eine Anspielungen auf Zeit und Ort, auf Gegebenheiten und Kontext, z.B. auf Wermutshausen; andererseits spricht Mörike von der „Aussicht aus großer Höhe“, was für Wermutshausen im Flachland nicht passen mag.

Veröffentlicht wurde der Brief von Professor Hermann Bausinger, Reutlingen; im „Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft“. Band. LII. 2008. Wallstein Verlag Göttingen. 2008. S. 684ff.


Hier der Brief  Eduard  M ö r i k e s:

Herzliebe Freunde,

es scheint unverantwortlich und unbegreiflich, daß ich so lange kein Wort des Danks gefunden, und wahrlich ich könnt diesen ganzen Brief mit dem Pater peccavi füllen. Lang haben die widrigsten Umstände meinerseits eine gemüt­liche Mitteilung nicht aufkommen lassen, doch hat es auch ruhige Tage gegeben - wenn man sich nur nicht selber im Wege war! Aber das Paket, das schon vor einer Woche angekommen, bringt mich nun endlich dazu, mein epistolarisches Dintenfaß aufzurühren und meinen >armen Dank< zu übersenden. Ihr dürft mir's glauben, so schön die Aussicht von hier oben auf das Gewimmel drunten ist, greift einem doch mehr ans Herz, was man an Nachrichten von guten alten Freunden erhält.
Und was seid Ihr für herzgute Leute! Ihr müßt denken, daß wir in unserem Wehmutshausen Hungers leiden, so reichlich ist der Proviant, den Ihr uns zuge­dacht; aber ich muß gestehen, daß mich alles in der Seele gefreut hat - auch das herrliche Confect und der türkische Tabak zumal, ein trefflich Geräuch, auch wenn das Rauchen hier nicht mehr so gern gesehen ist. Aber was denkt Ihr, wenn ich Euch auf den Kopf zu sage, daß ich in der Zwischenzeit ein Paket bei kommen habe, das Eures noch übertrifft - und Ihr werdet mir, ich weiß es, nicht gram sein über den Vergleich.
Gestern morgen flattert mir aus einer geistlichen Blumenlese, die ich lange nicht mehr in der Hand gehabt, ein Zettelchen entgegen mit einem Verslein, das unsere Kleinen gerne aufgesagt haben:

Weißt Du auch, wo Stugart liegt,
Stugart liegt im Thale,
Wo's so schöne Mädle giebt,
Aber so brutale.

Der so un-weihnachtliche Vers ist mir oft durch den Kopf gegangen, obwohl in meinen Klassen im Katharinenstift recht liebenswerte Geschöpfe saßen. Vielleicht habe ich mit dem Vers meine Abneigung gegen das oft allzu laute Getriebe dieser Stadt festgehalten.
Gestern aber kam nun just aus dieser Stadt, aus Stuttgart, eine Sendung, wie sie merkwürdiger und erfreulicher nicht hätte sein können. Von einem Stuttgarter Verleger kam eine Riesenschachtel, die der Fuhrknecht den verschneiten Weg entlang auf dem Buckel hereinschleppte und mit meiner Hülfe auf dem Sofa absetzte. Ich gab ihm ein großes Trinkgeld, unsicher, ob es durch den Inhalt aufgewogen würde; aber wie staunte ich, als in dem Packen elf dicke Bände, vornehm in Leinen ge­bunden, aufgeschichtet waren; und ich erstaunte noch mehr, als ich meinen Na­men auf dem Titel las: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Ich hätte mir zwar den minder anspruchsvollen Ausdruck Schriften statt Werke gewünscht; aber nichts konnte mir erwünschter seyn als meine Schriften in einer so sichern Hut unter­gebracht zu sehn, und Ihr könnt Euch Vorstellen, wie's mich in freudvoller Überraschung traf, hier alle meine Sachen schön gedruckt vor mir zu haben, auch solche, für die ich seinerzeit keinen Verleger suchte oder fand.

Was mir in dem Paket zuging, waren die Briefe, alle meine Briefe, von den al­lerersten an die Geschwister bis zu den letzten, die ich der Schwester nur noch mühsam diktieren konnte. Bisher hab ich nur da und dort herumgefischt und manch schöne Erinnerung an gute Freunde gefunden, habe auch mit Befriedigung bemerkt, daß ich beim Schreiben der Briefe die poetische Phantasie nicht grundsätzlich an die Kette gelegt habe. Freilich war ich, offen gestanden, ein wenig kon­sterniert, wie viel Dinte man doch verbraucht für Nichtigkeiten wie Bitten, Mah­nungen, leere Höflichkeiten. Könnte man die Briefe in Stücke tranchieren und nach ihren Inhalten ordnen, so wäre gewiß mindestens ein Band mit dem Titel Entschuldigung zustande gekommen; mit einer Mischung aus Scham und Über­mut habe ich bemerkt, daß meine Gründe für das non scripsisse sich verdächtig wiederholen und daß ich mit schöner Regelmäßigkeit behauptet habe, ich hätte eigentlich alsbald zur Feder greifen wollen, nachdem ich aber zunächst gehindert worden, sei mir die Antwort immer schwerer gefallen. Und so vergnüglich es ist, in die vertrauliche Wärme vergangener Herzensbeziehungen einzutauchen - es ist auch höchst merkwürdig für mich, ganz ähnliche Liebesbekenntnisse an ver­schiedene Personen nun nebeneinander vorzufinden.

Direkt nebeneinander stehen sie glücklicherweise nicht, da die Editoren allen Fleiß und allen Scharfsinn aufgewendet haben, um die Briefe in die richtige chronologische Folge zu bringen. Und nicht nur dies: Sie haben zu jedem der Briefe einen Kommentar verfaßt, der oft mehr als doppelt so lang ist wie der Text. Es gibt eine besondere Klammer für Niederschriften, von denen sie anneh­men, ich hätte sie nur versehentlich nicht getilgt - hätte ich's zu entscheiden gehabt, wäre diese Rubrik bestimmt größer ausgefallen, und manchmal kom­men mich Zweifel an, ob ich nicht all mein Geschriebenes versehentlich nicht getilgt habe. Die Herausgeber spüren bei jeder Äußerung der Situation nach, in der sie entstanden, geben Hinweise auf Personen und Namen, erklären inzwi­schen veraltete Wendungen und suchen für jeden dunkleren Satz eine Erklä­rung - ich muß gestehen, daß es mich geradezu beruhigt, daß ab und zu ver­merkt ist: Unbekannter Sachverhalt. Ich sage dann laut vor mich hin, was da steht, zum Beispiel: Der Schneider ist doch ein Erz-Schmauder daß er ein Art von Öhringer Dozsch in mir besorgt - und freue mich, daß ich das den Dutzenden auf mich wie in einer Treibjagd angesetzten Gelehrten zum Trotz für mich be­halten darf.
Was mich aber am meisten fasziniert, ist der alle Vorstellungen und banalen Erwartungen übertreffende Ordnungssinn, mit dem hier gesammelt, sortiert und erklärt wurde. Wenn ich etwas verlegt hatte - nicht nach Jahrzehnten, son­dern schon nach Tagen oder Stunden - war immer das tröstliche Sprichwort meiner Frau: »Das Haus verliert nichts«; aber wiedergefunden wurde es immer nur aus Zufall. Hier dagegen, in diesen Bänden, bleibt nichts ungeordnet und unbemerkt; wenn mein Joli über einen Brief getappt ist und ein paar Buchstaben verwischt hat, findet sich bestimmt eine kluge Reflexion zu den besonderen Lesarten, die daraus scheinbar entstanden sind; und kaum ein Brief dürfte unentdeckt geblieben sein. Ordnungssinn bringt die Dinge, und sei's nach Jahren und in elf Bänden, zu einem Ende; für mich, ich gestehe es, blieb selten etwas am angestammten Platz, für mich war Ordnung eine unendliche Geschichte.
Doch nun genug. Ich hoffe, Ihr könnt Euch bald selbst den einen oder andern Band besorgen. Ich sende tausend Grüße an Euch alle und bleibe dankbar

Euer getreuer Eduard Mörike.


[Ende des zitierten Briefes von Eduard Mörikes]

*

Wer mag mitlesen und mit nachdenken bei diesem kryptischen Brief, der kaum Reales enthält?

**

Z. Zt. mögliche Anmerkungen:
„Joli“ ist Mörikes Hund, ein Spitz

Der Schneider ist doch ein Erz-Schmauder daß er ein Art von Öhringer Dozsch in mir besorgt.“ – Der Satz gleicht einer Wendung (im Brief vom 2. Mai 1843): „Der SCHMAUDER ist doch ein Erz-Schmauder daß er ein Art von Öhringer Dözsch in mir besorgt.“
„ErzSchmauder“ oder Erz-Schmauler:
Abgeleitet von SCHMAUDELN, SCHMAUELN, verb. bairisch schmaunln, schmu'ln, schwäb. schmulen, schmuelen, schmeicheln, streicheln SCHM.2 2, 541, wo schmunzeln, schmotzen, schmutzen verglichen werden. (GWb)

ErInnerungen an Stefan Z w e i g

Briefe nach dem Tode von Stefan Zweig (nach 22..2.1942)

                                        Erinnerung in Salzburg:Aufgang zum Kapuzinerberg


Thomas Mann
Sein Weltruhm war wohlverdient und es ist tragisch, daß die seelische Widerstandskraft dieses hochbegabten Menschen unter dem schweren Druck dieser Zeit zusammengebrochen ist. Was ich am meisten an ihm bewunderte, war die Gabe, historische Epochen und Gestalten psychologisch und künstlerisch lebendig zu machen.“
Nachruf im „Aufbau“, New York, 27. Februar 1942

Klaus Mann
Die Nachricht von Stefan Zweigs Selbstmord in Brasilien kam so völlig unerwartet, dass ich sie zunächst kaum glauben konnte. Bei Toller war man auf dergleichen vorbereitet; aber doch nicht bei ihm, der so lebensfroh, ja genießerisch, so verwöhnt vom Glück, so ausgeglichen, so vernünftig schien! Er hatte Ruhm, Geld, sehr viele Freunde, eine junge Frau – und warf alles fort ...Warum? In seinem Abschiedsbrief ist vom Krieg die Rede. Der Krieg, Triumph der Barbarei, Durchbruch zerstörerische Urinstinkte! Dem Humanisten graut. Ist dies noch seine Welt? Er erkennt sie nicht mehr. „Ich passe nicht in diese Zeit. Diese Zeit missfällt mir...“ und greift zum Gift. Ruhm, Geld und Freunde lässt er hier zurück; die junge Frau aber wird mitgenommen.
Ist es so einfach? Ach was wissen wir...“
In „Der Wendepunkt“ 1942
 
Franz Werfel
Rede zur Trauerfeier Stefan Zweigs
in Los Angeles 1942
Ja, Stefan Zweig war ein Mann ohne Zorn. Darum war er auch einer der ganz wenigen echten Pazifisten, die es gibt. Für ihn bedeutete der Krieg die irdische Hölle, an die man nur mit Heulen und Zähneklappern denkt. [...]
Es ist nicht zu leugnen, Stefan Zweig floh vor dem Krieg. Er floh vor dem Kriege in das ferne Brasilien, um dort eines seiner Opfer zu werden. – In einem seiner letzten Briefe habe ich folgende Zeilen gefunden: „ Die Leute reden so leicht von Bombardements, wenn ich aber lese, daß die Häuser zusammenstürzen, stürze ich selbst mit den Häusern zusammen –“ Sein Tod beweist, daß diese Worte wahrhaftig nicht übertrieben sind. [...]
Nein, er ahnte, er wusste, es werde und müsse schlimmer werden von Tag zu Tag. Sein vom humanistischen Optimismus verwöhntes Herz erkannte urplötzlich die ganze eisige, unlösbare Tragik des Menschen auf der Erde, die eine metaphysische Tragik ist und daher jedes ausgeklügelten Heilmittels spottet. Es war in ihm zuletzt nur mehr schwarze Hoffnungslosigkeit, das Gefühl der Schwäche und ein bißchen ohnmächtige Liebe. Da nahm er die Welt ernst und sich selbst ernst und die Erkenntnisstufe, auf der er sich befand.“
 
Hermann Kesten: Stefan Zweig, der Freund
Das war nun ein glücklicher Mensch. Nach sechzig Jahren bringt er sich um.
In einem Abschiedsbrief hat er sich auf ein Leben berufen, das nur geistiger Arbeit gewidmet war. Mit dem Wort „Freiheit“ auf den Lippen verließ er eine Welt, die erst anfängt, barbarisch zu werden. In einem seiner letzten Briefe an mich aus Brasilien, vom 15. Januar 1942, schrieb er von dem „schönen Mut“, der „sich in geduld verwandeln müsse bis auf jenes mysteriöse ,Nachher´, das zu erleben ich eigentlich neugierig wäre.“ (Mit dem „Nachher“ meinte er den Nachkrieg.)
Er schrieb mir anläßlich seines „Montaigne“, an dem er zuletzt arbeitete: „Mich interessiert vor allem von seinen Problemen nur das eine, das sich uns allen heute mit gleicher Eindringlichkeit und Gefährlichkeit wie damals stellt: Wie bleibe ich frei, wie erhalte ich die Klarheit des Hirns in einer herzlosen und fanatisierten Zeit?“
In vielen Ländern und Literaturen zu Hause, nannte sich Stefan Zweig am Ende seines Lebens einen „Mann ohne Land“. Ein deutscher Schriftsteller aus der besten Schule, ein Europäer aus europäischem Heimatgefühl und Überzeugung, fand er es schwer, ein Weltbürger zu sein, nachdem er schon in England für eine Weile ein genierter „feindlicher Ausländer“ war. Als ihn England mitten im Krieg naturalisierte und ihm einen Reisepaß gab, fuhr er nach Amerika. Der wie keiner in der Welt sich zu Hause fühlte, starb als ein Ausländer des Lebens, ein Ausländer auf unserer täglich kleinern und engern Erde.
Er hatte ein sanftes Herz. Er war ein Freund des Friedens und der Dichter. Er hatte Millionen Leser und Hunderte Freunde. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen und fand immer Zeit, der Entdecker, Ratgeber, Helfer, Mäzen der jungen Dichter vieler europäischer Länder zu sein.
Er war ein ängstlicher Mensch mit großem Mut, ein urbaner Millionär mit Bürgerstolz, er war ehrgeizig und liebte das Noble, und strebte danach, nobel zu sein, und tat vieles Noble in der Stille, und bewahrte eine altrepublikanische Abwehr aller offiziellen und Staatsehrungen. Statt mit einer republikanischen Haltung in aller Öffentlichkeit zu prahlen, bewies er insgeheim seine stete Hilfsbereitschaft. Der später in Brasilien ein Staatsbegräbnis erhalten, auf die Anweisung eines Diktators, hat von Mussolini, der ihm in vorhitlerischen Tagen Ehrungen oder Orden anbieten ließ, statt dessen die Freiheit zweier antifaschistischer Italiener erbeten und erhalten. Und als er im Oktober 1940 in Argentinien gefeiert und vom Außenminister Roca empfangen wurde, erbat sich Zweig, statt der Ehrungen, die man ihm anbot, nur drei argentinische Visen für drei deutsche Emigranten, und erhielt sie.
Er war der Sohn des Glücks. Er starb wie ein Philosoph. In seinem Abschiedsbrief von der Welt hat er noch einmal aufgeschrieben, was ihm erstrebenswert schien am Leben. Er wollte ein Mann von „Haltung“ sein. Er wollte sich „ein Leben aufbaun“. Seine „lauterste Freude“ war „die geistige Arbeit“. Das „höchste Gut“ nannte er „die persönliche Freiheit“. Er charakterisierte sich: „Ich, allzu Ungeduldiger...“ [...]
Hermann Kesten: „Meine Freunde, die Poeten“. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1980, S. 93f.

Eiin Abituraufsatz zu G o e t h e .. plus B r i e f

         
  • e-mail: anton@reyntjes.de
  • Brief vom Samstag, 15. Februar 2014

Sehr geehrter Herr Dr. F...,

ich habe dem letzten „Mittwoch“ nachgesonnen; und will ein kleines Problem anpacken: „Goethe in Abituraufgaben“ (jedenfalls soweit ich darüber Auskunft geben kann).

Ich habe meine zwei Abiturarbeiten, in denen „Goethe“ die Hauptrolle spielt, ausgedruckt; sie liegen als Kopie bei.
Aus den öffentlichen Goethe-Auftritten in Abiturarbeiten habe ich Ihnen ein Hamburger Beispiel herausgezogen.

Über dieses „Goethe“-Thema ließe sich noch mehr guggeln [so schreibe ich das Neuverb für mich].
Insgesamt habe ich mich jetzt kapriziert auf das Thema „Goethe – Leben und Werk - in Prüfungsverfahren deutscher Art: Abitur, Staatsexamen…“

Zu meinem Anliegen: “Goethe als Thema im Haushalt der Familie Otto Frank (im Februar 1942; versteckt in Amsterdam, im Haus Prinsengracht 263)*]


Für den heiteren Abend, eine Parodie aus der ZEIT:

(Nach Johann Wolfgang von Goethe: »Lynkeus der Türmer«)

Zum Lauschen geboren,
Zum Spähen bestellt,
Dem Terror geschworen,
Beschatt’ ich die Welt.
Ich blick’ in die Ferne,
Doch auch in der Näh
Speich’re ich gerne
Was ich so erspäh.
Ob Deutsche, Franzosen,
Es kommt nicht drauf an,
Sie sind zwar Mimosen,
Doch mir untertan.
Wisse, Angie, ich kenne
Was je du gesimst,
Und ich wein’ keine Träne,

Wenn du’s persönlich nimmst.
* Verfasst von Brigitte König, Ingolstadt – Von der "Zeit der Leser"-Redaktion am 29. November 2013 -

Ich habe wohl fünfmal Deutsch-Fachkollegen aus RE oder Dorsten angesprochen auf Veranstaltungen der Goethe-Gesellschaft in Marl. Leider keine Resonanz je Versuch… - Ich weiß auch nicht mehr, wie und wen ich ansprechen sollte, außer bei zufälligen Kontakten mit früheren Referendaren oder Kollegen. (Für mich selbst habe ich ein arg subjektives Urteil formuliert, dass ich keinen „collega“ kenne, bei dem ich Kenntnisse und Interesse vermute, die mich weiter bringen könnten... - Und selber belehrt werden, wollen Lehrer nicht. Lehrer wehren sich gegen alles, was jenseits von Richtlinien und Skifahren verortet ist. )


Mit freundlichen Grüßen
... xyz

Anmerkung:

*] Die Darstellung der entsprechenden Texte und Zusammenhänge im Werk Anne Franks werde ich zu einer Miszelle zusammenfassen und dem „Goethe-Jahrbuch“ in Weimar anbieten.

Anlagen:
Prüfungstexte zum Thema Goethe

Zu:  Johann Wolfgang von Goethe und Robert Schneider: Als Beispiel



Abitur-Vorschlag des Jahre 2009:

Das Motiv der Kutschfahrt

Text-Vergleich zweier Passagen aus J.W. Goethe und R. Schneider
Abitur-Goethe Kutschfahrt

Abitur-Aufgabe - Deutsch LK: Gruppe…

Aufgabe:
Analyse der Erzählpassage Elias’ Kutschfahrt mit Elsbeth (aus: R. Schneiders „Schlafes Bruder“ - Text 1 -)
Beigefügt als Vergleichstext: Werthers Kutschfahrt (aus: J. W: Goethes „Werthers Leiden“ – Text 2 -

Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie den Romanauszug aus Schneiders „Schlafes Bruder“ (Text 1) semantisch, syntaktisch und intentional.
2. Erörtern Sie mögliche, selbst gewählte intertextuelle Bezüge zu Werthers Brief aus Goethes „Werthers Leiden“ ( - Text 2 -).

*
                                                         Goethe <Todenmaske > (1832)


Arbeitstext :.
R. Schneider: „Die Kutschfahrt“. Aus: „Schlafes Bruder“. S. 138;14 – 141;16[/b]

Robert Schneider: [Die Kutschfahrt]

Elias saß schweigend auf dem Bock, verschlossen gegen Elsbeth und die Welt.
Er sei schon ein kurioser Mensch, wenn man ihn so anschaue, dachte Elsbeth während der Fahrt. Jetzt kenne sie ihn schon viele, viele Jahre, aber im Grunde wisse sie nichts von ihm. Ob er heimlich ein Mädchen habe? Nein, viel zu anständig sei er dafür. Er sei halt wie ein richtiger Studierter, und die Dinge des täglichen Lebens kümmerten ihn herzlich wenig. Das könne man vom Lukas nun nicht behaupten. Der stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Obwohl es ihr schon lieb wäre, wenn er sich etwas mehr mit ihr, als mit seiner Viehzucht abgeben tat’. Aber das müsse halt so sein, sage die Mutter. Und es stimme schon: der Lukas sei gut zu den Tieren. Sie habe ihn noch nie eines schlagen oder beschimpfen gesehen.
Elias saß schweigend auf dem Bock.
Ja die Liebe, sang sie ungehört in sich hinein, die Liebe sei ein traurig Ding. Den Mund mache sie lachen, aber das Herz sei ein dunkler Wald. Und sie warf den Kopf steil in die Höhe, blinzelte in die grell-grünen Blätter der Zweige des Mischwaldes, wie sie ruhig über ihrem Haupt vorbeiflossen, kniff die Lider zusammen, als ihr plötzlich das gleißende Sonnenlicht aufs Gesicht sprengte. Sie hielt die Lider geschlossen und malte sich aus, wie es wäre, wenn jetzt Elias um ihre Hand anhielte. Vielleicht habe er sie gar nicht lieb? Eine schlechte Partie sei sie außerdem, denn zu erben gebe es zu Hause nichts. Gewiß, er würde ihr schöne Worte sagen. Er würde ganz aufrecht vor ihr dastehen, ihr in die Augen blicken, sehen, daß sie erröte. Aus Takt würde er schweigen und sie erst in einer unberechneten Minute fragen: Fräulein Elsbeth: Wollt ihr mein Weib werden? Gewiß würden seine Hände schöne Gesten zu den Worten machen. Was sie da für dummes Zeug denke! Und Elsbeth schlug die Augenlider auf.
Elias saß schweigend auf dem Bock.
Er sei halt viel zu schüchtern. Das sage auch die Frau Mutter. Und ein Mannsbild müsse tapfer und mutig durch das Jammertal des Lebens schreiten. Das sage der Herr Vater. Außerdem liege ein Fluch auf der Sippe seines Bruders. Alle Kinder seien von schwächlicher Art und wankelmütigem Geist. Das möchte sich wohl vererben, meine der Herr Vater. Trotzdem, das glaube sie fest, wäre er ihr bestimmt ein treuer Mann. Wissen könne man das nie, aber glauben tue sie es. Wenn er bloß nicht diesen unheimlichen Makel an seinen Augen trüge. Und er müßte einfach entschlossener und stärker sein im Leben. Dann hätte sie ihm schon lange - wie es nun mal des Weibes Art sei - verhohlen angedeutet, daß sie ihn wolle. Gottlob sei der Lukas ganz anders. Was sie da mit ihm nach der Kirmes erlebt hatte, das habe sie derart durstig gemacht. Sie sei halt auch nur ein elendes Weib und habe auch nur die elenden Gefühle eines Weibes. Aber davon verstünde der da nichts. Nein, Elias Alder sei kein Mann. Das sehe sie - leider.
Elias saß schweigend auf dem Bock.
Es komme ihr so vor, als wolle er überhaupt ohne Weib leben. Aus ihm möchte bestimmt ein geistliches Oberhaupt, ein Prälat oder am Ende auch ein Bischof werden. Wenn es wirklich dahin käme, würde sie, und müßte sie zu Fuß nach Feldberg wandern, bei seiner Weihe anwesend sein. Dann würde sie vor ihn hinknien, den Ring an seiner Hand küssen und still zu sich sagen: «Das ist Elias Alder. Er war mein Freund.»
Während sie mit solchen Gedanken die Zeit vertrieb, befiel sie plötzlich eine seltsame Atemnot. Dreimal schöpfte sie Luft mit offenem Mund, dann wurde ihr Gesicht leichenblaß und vornüber sackte sie in Ohnmacht. Elias, der jäh erwachte, vermochte sie gerade noch beim Haupthaar zu packen. Dabei schlug sie mit ihrem Kopf hart an die Kante des Kutschbocks. Elias ließ die Zügel frei, riß das Mädchen herauf, damit es nicht vor die Räder falle, schlug ihre Arme um den Hals und preßte mit aller Gewalt den leblosen Körper an sich. «Sie ist doch marode», wollte er ausrufen, aber er kam nicht mehr dazu.
Zum zweiten und letzten Mal in seinem Leben lag Elsbeths Herz auf seinem Herzen, und Elsbeths Herzschlagen ging in sein Herzschlagen, so vollkommen und eins, wie er es damals als Fünfjährige im Bachbett der Emmer durchlebt hatte. Da brüllte Johannes Elias Alder wiederum so entsetzlich auf, als müßte er bei hellem Verstand sterben. Und sein Wankelmut wurde Lügen gestraft, und die Hoffnung wurde übervoll in ihm, und er schrie in das tiefe Blau des Himmels, daß er ohne Elsbeth nicht mehr leben könne.
Oh, wie hatte er nur daran zweifeln können, daß ihm Elsbeth von Gott vorbestimmt sei!
Er barg den Kopf des Mädchens in seinen unendlich sanften Händen, und als es erwachte, zerstreute er ihr wirres Fragen mit einem einschläfernden „Es ist ja gut, Elsbeth. Alles ist gut“. Dann bettete er sie in den groben Grützensack, welchen er für die Ochsen mitgeführt hatte, machte kehrt und karrte heimwärts, immer auf der Hut, ja in kein Loch, auf keinen Stein oder Wurzelstrunk zu fahren. Während er so fuhr, überlegte er, ob es nicht gut wäre, den Schwur zu brechen und dem Mädchen, sobald es genesen, vorsichtig anzudeuten - gewiß über die Dauer einer großen Zeitspanne hinweg - , daß er es liebe und es zum Weib haben wolle. Das erwog er tatsächlich, denn sein Mut war stark geworden.
*
(Aus: R. Schneider. Schlafes Bruder. Leipzig. 1994. S. 138;14 – S. 141,!6)

Worterklärungen:
Grützensack: Sack mit Körnerschrot für die Fütterung der Zugochsen
*
Zusammenhang der Handlungen in diesem Kapitel „Die Lichter der Hoffnung“:

Als Elias krank vor Liebeskummer vier Tage im Bett liegt, spricht sich sein Vater mit ihm aus und wird dadurch nach Jahren wieder froh; kurz darauf erleidet er einen Schlaganfall und bleibt gelähmt. Elias’ Fahrt mit Elsbeth auf dem Ochsenkarren nach Götzberg. Später teilt Peter ihm mit, dass Elsbeth von Lukas Alder schwanger ist.

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Text 2
„Werthers Kutschfahrt“

Hintergrundstext, der nicht analytisch interpretiert, sondern nur unter dem Aufgabenaspekt 2 einbezogen werden soll.
Aus: J. W. von Goethe: „Die Leiden des jungen Werthers“ [1774; 1787 (2. Fassung)]

Werthers Brief vom 16. Juni 1771:

(…) Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu dem ich mich denn auch willig finden ließ. Ich bot einem hiesigen guten, schönen, übrigens unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurde ausgemacht, daß ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren und auf dem Wege Charlotten S. mitnehmen sollte. - "Sie werden ein schönes Frauenzimmer kennenlernen", sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten, ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren. - "Nehmen Sie sich in acht", versetzte die Base, "daß Sie sich nicht verlieben!" - "Wieso?" sagte ich. - "Sie ist schon vergeben, "antwortete jene, "an einen sehr braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen, weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche Versorgung zu bewerben". - Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig.
(…)
Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt, wechselsweise über den Anzug, vorzüglich über die Hüte ihre Anmerkungen gemacht und die Gesellschaft, die man erwartete, gehörig durchgezogen, als Lotte den Kutscher halten und ihre Brüder herabsteigen ließ, die noch einmal ihre Hand zu küssen begehrten, das denn der älteste mit aller Zärtlichkeit, die dem Alter von fünfzehn Jahren eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn tat. Sie ließ die Kleinen noch einmal grüßen, und wir fuhren weiter.
Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig wäre, das sie ihr neulich geschickt hätte. -"Nein", sagte Lotte, "es gefällt mir nicht, Sie können’s wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser". - Ich erstaunte, als ich fragte, was es für Bücher wären, und sie mir antwortete: - Ich fand so viel Charakter in allem, was sie sagte, ich sah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geistes aus ihren Gesichtszügen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnügt zu entfalten schienen, weil sie an mir fühlte, daß ich sie verstand.
"Wie ich jünger war", sagte sie, "liebte ich nichts so sehr als Romane. Weiß Gott, wie wohl mir’s war, wenn ich mich Sonntags in so ein Eckchen setzen und mit ganzem Herzen an dem Glück und Unstern einer Miß Jonny teilnehmen konnte. Ich leugne auch nicht, daß die Art noch einige Reize für mich hat. Doch da ich so selten an ein Buch komme, so muß es auch recht nach meinem Geschmack sein. Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich wird als mein eigen häuslich1) Leben, das freilich kein Paradies, aber doch im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist".
Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen. Das ging freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit im Vorbeigehen vom Landpriester von Wakefield2), vom 3)- reden hörte, kam ich ganz außer mich, sagte ihr alles, was ich mußte, und bemerkte erst nach einiger Zeit, da Lotte das Gespräch an die anderen wendete4), daß diese die Zeit über mit offenen Augen, als säßen sie nicht da, dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einem spöttischen Näschen an, daran mir aber nichts gelegen war.
Das Gespräch fiel aufs Vergnügen am Tanze. - "Wenn diese Leidenschaft ein Fehler ist", sagte Lotte, "so gestehe ich Ihnen gern, ich weiß mir nichts übers Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier einen Contretanz5) vortrommle, so ist alles wieder gut".
Wie ich mich unter dem Gespäche in den schwarzen Augen weidete - wie die lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganze Seele anzogen - wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte nicht hörte, mit denen sie sich ausdrückte - davon hast du eine Vorstellung, weil du mich kennst. Kurz, ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender, als wir vor dem Lusthause stille hielten, und war so in Träumen rings in der dämmernden Welt verloren, daß ich auf die Musik kaum achtete, die uns von dem erleuchteten Saal herunter entgegenschallte.
(…)
(Aus: J. W. von Goethe: „Die Leiden des jungen Werthers“ [1774; 1787 (2. Fassung)]

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Worterläuterungen:

1) Flexionslose attributive Verwendung der Adjektive; in mitteldt. Umgangssprache noch heute möglich.
2) „The Vicar of Wakefield“ (1766 von O. Goldsmith veröffentlicht) ist eine idyllische Familiengeschichte.
3) Goethe konjugierte das Verb „wenden“ sowohl schwach als auch stark; ohne Bedeutungsunterschied.
4) Hier fehlen die Namen einiger „vaterländischen Autoren“, von den Werther schreibt: „Wer teil an Lottens Beifall hat, wird es gewiß an seinem Herzen fühlen, wenn er diese Stelle lesen solle, und sonst braucht es ja niemand zu wissen.“ [Anmerkung Goethes im Druck]
5) Ein aus Frankreich damals neu eingeführter Gruppentanz, bei dem sich jeweils zwei Paare einander gegenüber tanzend bewegen.

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Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung:
Aufgabe zu Text 1:

Die Sch. erfassen den Schneider-Text als eine zentrale Aussage der scheiternden Liebesbeziehung zwischen Elsbeth und Elias.
Während der Fahrt, neben dem abwartenden, selbstischen, gar autistischen Elias, vollzieht die liebesfähige Elsbeth eine Reflexion über ihre Beziehungen zu den ihr bekannten Männern, insbesondere zu Elias.
Doch durch vorgegebene, nicht versprachlichte, nicht selbstverantwortete, nicht veränderbare Umstände und Bedingungen kann es auf dem Hintergrund der sozialen und materiellen Bestimmtheiten keine Aussprache, keine Aufklärung über Fremdbestimmtheit – und damit über Mut und Freiheit zur Eigenheit geben.
Infolge der sich wiederholenden, steigernden Blockung „Elias saß schweigend auf dem Bock“ kann Elsbeth keine eigene Sprache finden, keine Ausdruck ihrer selbst.
Die männliche Unfähigkeit zur Mitteilung ist hier typisch ergänzt durch die Ohnmacht des weiblichen Körpers, der zwar ergänzend der Schutzbedürftigkeit des neben ihr sitzenden Helfers bedarf, ihrer Nicht-Artikulation, vom Erzähler als “wirres Fragen“ charakterisiert, steht die Unfähigkeit, ja die Verzweiflung des Mannes gegenüber, der zwar im Umgang und der Pflege von Tieren erfahren und fürsorglich ist, aber in seiner Beziehung zu einem Mädchen, das er liebt, keinerlei rollengemäße oder gar individuelle Gefühle verbalisieren kann. )
Zum Erzähler:
Der auktoriale Erzähler, der nur sparsame Bezüge herstellt über die sichtbare Realität hinaus,
Sprachlich ist die Beschreibung sparsam; es werden keine Gefühle gestaltet, sondern nur benannt; Elsbeth Innerlichkeit wird in inneren Gedankengängen, in liedhaften Zitaten, in Abbrüchen beschrieben, die auf Mitleid ausgerichtet sind.
Das unglückliche, pathologische „Zusammenspiel“ der gestörten, nicht eigenmächtigen Sprachlichkeit und des entsprechend körperlichem Ausdrucks des versagend und der Leblosigkeit wird bis zum Höhepunkt des unnützen Schreiens nach Liebe und der ungeklärten Beziehung getrieben.
Von der Wortwahl und der Syntax her ist die Passage eine Mischung von vulgär-psychologischer Einstimmung und pathetischen Mitleidsbekundungen, die weder eine historische Klärung von Liebesaffekten darstellen, noch eine therapeutische Dimension eröffnen; die Vagheit und Verquertheit der Situation und emotionalen Qualen verweist auf die weitere tragische Eskalation.

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Erarbeitungsleistung
zu Aufgabe 2 – dem Vergleich mit Goethes „Werthers“ Leiden“

(Anforderungsbereich III):

Die selbst zu wählenden intertextuellen Bezüge können sich beziehen auf diese Phänomene:
des epochentypischen Bestsellers,
der exzeptionellen, unvollendeten, tragisch endenden Liebe als Thema,
der jugendlichen, besonderen Sprache,
der Zusammenhänge "Genialität und Trivialität",
Reiz der filmisch groß aufgemachten Adaption einer umstritten diskutierten, aber erfolgreichen Vorlage zu einem dramatisch-originären Thema.

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Autobiographische Bezüge können nur für den Goethe-Text erfasst werden:
Assoziation mit Goethes eigenen unglücklichen Liebesaffären

Grundaussage unterschiedlicher Intentionen im Romanauszug erkennen:
Bei Goethe: individueller Anspruch auf Liebe, frei von konventionellen, ständischen Zwängen
Bei Schneider: Offenheit der moralischen Frage in einer ironisch-grotesken Mischung der geschichtlichen, erzählerischen und religiösen Elementen seiner Protagonisten; die Eigenart des heute als attraktives Lesegut empfundenen Roman vom Liebestod (Ähnlichkeiten zu historisch aufgemachten Bestsellern wie „Der Name der Rose“ oder „Das Parfüm“): Lesen als Purgatoruim des Leidens und Scheiterns in Liebesbeziehungen..? Katharsis – als ästhetisches Erlebnis und Abwehr von überzogenen Liebeserwartungen?
Die Hauptfiguren bzw. Ich-Erzähler beider Texte leiden an der unglücklichen Liebe, die ihr Leben verändert hat, sie haben die Ambivalenz der Liebe zwischen Euphorie und Ohnmacht erfahren.
Während das lyrische Ich (in Gedichten) aber häufig mit einem ohnmächtigen Hilferuf oder der Abwehr der Liebe oder der Klage ob unerwiderter Liebe schließt, fasst Werther selbstbestimmt und religionsgestärkt den Entschluss, sich für seine Geliebte zu opfern, um sein Leiden zu beenden.


>> 
Bezüge zur Epoche „Sturm und Drang" und der sog. „postmodernen Literatur“ in beiden Texten erkennen: Gefühlsaufgeladenheit, Emotionalität, bewusste Betonung des Gefühls und das Pathos der Sprache zeichnen beide Texte als typische Vertreter des „Sturm und Drang" aus.

Freitag, 21. Februar 2020

Wie ich einen Redakteur in Sachen Tucholsky informierte

                                                    Kurt Tucholsky - in historia -


Für einen Redakteur - Kleine Belehrung ad libitum:

Tucholsky-Zitat: Was darf Satire? Alles.


Sich mit einer sinnvollen, zumindest aber realen Definition von "Satire" zu beschäftigen, könnte verhindern, dass Herr Sommer sich "bis auf das Letzte verteidigen" soll oder will: gemeint sei "das letzte Hemd", "der letzte Muskel"?

Im Ggs. zu Böhmermann hat Kurt Tucholsky1] hat seit 28702.1919 (mit dem Aufsatz "Was darf die Satire....?") keine einzige miefige, zotige, ranzige, verleumderische Satire geschrieben. Es ist also möglich von einem aufklären Bewusstsein auszugehen und sich selber und die Zeiterscheinungen zu beobachten, anzuklagen, sie lächerlich zu machen... - ein Verfahren, das man mit der Definition angehen kann: Satire ist die ästhetisch sozialisierte Aggression, die ihre intentio ex negativo anbietet. - Der unpolitisch lärmende Böhmermann (mit jahrelangem Quatsch gegen einen geistig wenig bedarften Fußballer sich zu beschäftigen, bringt keine kulturelle Bildung, mit Hilfe derer ein Kampf gegen Diktatoren, Menschenrechtsverletzer, Leugner der Menschenrechtsmassaker gegen die Armenier und Mörder am kurdischen Volk möglich wäre. - Nein Böhmermann bedarf nicht der Hilfe von Gebildeten und feuilletonistischen Ja-Sagern. Er ist ein lärmend schnöseliger Moderator ohne Führung durch einen Redakteur - mit einem Textchen, das sich einer lausigen Goebbelschen Tricklügnerei bedient, um den beleidigenden Dreck auszustoßen, ein politischer Rohrkrepierer, eine Dummheit, der niemand huldigen sollte... - „ästhetisch sozialisiert“ - von diesem sprachlich-literarischen Kriterium, dieser Verpflichtung ist Böhmermanns jocus-locus ad libitum entfernt: sprachliche Fickerei!

KurtTucholsky hat seinen Beitrag von 1919 Schritt für Schritt aufgebaut - so dass der finale Schluss Was darf Satire? [Neue Zeile:] Alles. die Folge von seinem Vortrag ist, mustergültig als Summe, die die Klimax der Analyse über 86 Zeilen ist. - Mit weniger Argumenten macht es Tucholsky nicht. - (Auch dieser Lehrer nicht, der Ihnen im dradio.de hier geschrieben hat. - Also, bitte nicht einen Tucholsky zitieren, ohne ihn zu kennen; man gibt nur seine eigene Unbedarftheit preis; als möchte man ein Gedicht mit der Schlußzeile zitieren. - Ja, KT hat keine Instanz (wie alle Autoren), die es ihm erlauben würde, ihn korrekt zu zitieren.)


Zurück zu: Böhnermann kann keine Satire-Freiheit für seinen „Ziegenficker“ - es machte sich ja nur zum Strichjunge eines Diktaros - beanspruchen; es ist ein Unerzogenheit, die sich selbst verrät: für seine Unbildung. Aber, das ist typisch für B., der am blödesten über seine eigenen Witzchen lacht, während er sich vorträgt .



1] Was darf die Satire?
Frau Vockerat: «Aber man muß doch seine Freude haben können an der Kunst.»
Johannes: «Man kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.»
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.
Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.(Text in: https://de.wikisource.org/wiki/Was_darf_die_Satire%3F_(Tucholsky) - auch in: K.T.: Gesmatausgbe. Texte und Briefe. Bd. 3. 1919.S. 33ff. u. S. 548f.


2] Wikipedia meldet:  „Geitenneuker“ (ndl. für „Ziegenficker“); das ist natürlich Unsinn. "Ziegenficker" gibt es nur auf schmutzigen Polizeifotas; wobei es unklar bleibt, wer das Foto gemacht hat, da der Schmutztyp des Z. beide Hände gebraucht; also muss er einen polizei-bekannten Kumpanen gehabt haben. - Dem B. gebe ich mich als semantischen Kumpan für seine "-Fickerei".

3] Noch eine ErFahrung mit Tucholsky: https://stephanus-bullin.blogspot.com

Wen oder wenn Tucholsky einlädt:

Nachrichtlich:

eine Klassenarbeit, die geschrieben - und als mangelhaft bewertet, so dass sich die Sch*in  H e l e n L. herabsetzt fühlen musste ...


                                          Internet-Foto

Klassenarbeit Nr. 5 (28.03.1987 in einer Realschule, Klasse 9)




Thema:  Kurt  T u c h o ls k y



Aufgabe: Parodiere eines folgender Tucholsky-Gedichte!


Die freie Wirtschaft“


Das Weltwort“


Holder Friede“




H e l e n  L. schreibt in ihre Klassenarbeitsheft:



Mein Thema: das Gedicht „Das Weltwort“ -



Es gibt in allen Sprachen ein Wort,

das läuft von Mund zu Munde.

Es pflanzt sich durch die Lande fort,

und überall macht’s es seine Runde. Der Se -

Ja, der Sechs!



Früher war es meistens eine Untat,

doch heute ist es eine Wohltat.

Ich will nicht aufdringlich sein.

Aber bitte: Nehmt mich nicht so ernst.

Wie soll ich es nur sagen?

So daß wir uns vertragen -

Vielleicht:

Ja, beim Sechs!



Du willst ein Pärchen trennen,

da mußt ein Zauberwort du nennen

Deine Mutter weiß nicht so recht,

sie sagt: „Du brauchst nicht so viel Se-

Ja, Sechs!


Deutschland darf nicht untergehen,

darum muß jeder drauf bestehn. Auf Se-

Ja, auf Sechs!



Die Wort ist so voll gGraus,

Ich bekomm’ es nicht aus meiner/m Kehle Kopf heraus.

Der Papst, ich glaub, er macht es gerne,

wünscht sich in manch stiller Stunde..

Er könnte noch ‘ne Runde.

Doch dann fällt im ein, oh heilger Graus,

oh Schreck, mein Kondom ist weg.

Warum ausgerechnet jetzt, beim Se-

Ja, beim Sechs!



In allen Sprache gibt es dieses Wort,

aber es geht nicht nur von Mund zu Munde;

es pflanzt sich durch alle Länder fort,

und hält sich meine Wort bis zur Stunde. Der Se-

Ja, der Sechs!



Es macht Spaß wohl überall.

Auf der Welt sagt man: klasse!

Doch gibt es etwas, das es hemmt. Beim Se -

Ja, beim Sechs!



Diese Sache, das weiß die Masse,

ist so schrecklich und so schlimm,

daß alle betrübt darüber sind.

Ich kann nur hoffen,

das die Betroffnen hoffen,

und nicht nur sie,

sondern wir alle, mit dem diesem Wort

vorsichtiger umgehen. Beim Se -

Ja, beim Worte Sechs!





Du hättest das Weltwort „Ja, sechs“ als Weltwort „Ja, Sex“ in Deinem Gedicht im Inhalt und in der sprachlichen Form nicht geschmacklos und diffamierend darstellen dürfen.
                                    Deine gedankliche Leistung ist:
                                                     mangelhaft

                                                                     30.3.97  The





Handschriftlicher Zusatz des Vaters in das Heft seiner Tochter:



Ich glaube, daß Heike das Thema formal richtig und sprachlich durchaus befriedigend angefaßt hat. Daß Sie glauben, eine Ehrenerklärung für den „Heiligen Papst“ durch Ihre miesmachende Bewertung abgeben zu müssen, ist Ihre Privatsache, aber keine sinnvolle Deutschlehrerinnen-Leistung.

Wenn Sie Kinder in das Wagnis einer Parodie jagen, was nach den Richtlinien nicht vorgesehen ist, müssen Sie ihnen auch einen geistigen Spielraum werden, daß es ein möglicherweise kritischer Gegengesang wird. Ich bin nicht der Meinung, daß Sie in dieser Klasssenstufe das Tucholsky-Gedicht ohne analytische und erörternde Leistung in einer Klassenarbeit vorlegen dürften. 
Sie kennen wohl Tuchos Aussage: In der Satire ist ..... .......!

Ich bitte um ein Gspräch in Ihrer nächsten Sprechstunde..

                                                     Theodor Langenberg 2.4.97


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So mag sich Heike gefühlt haben - misserstanden, verachtet - gedemütigt. Was sie geschreiben hat - nullundnichtig!



Das original-wahre Tuchoksky-Gedicht kann man richtig, geschrieben und gut erklärt - hier lesen:




                               Ein später Kranz von Tulpen für die Schreiberin

P.S.: Ich habe dieses Orignal-Klassenarbeit von der Schwester der Schreiberin Helen (Name verändert) erhalten; ich habe dann - in meinem Grundkurs Deutsch 12 - das Gedicht behandelt; mit den Erläuterungen aus dem KT: GTB. Bd. 10, S. 387 u. 842: Ja, K. T. hatte alle Begründungn mit dem Schei...-Wort optima nachvollziehbar begründet.