Freitag, 9. Dezember 2022

S e l b s t- T ö t u n g e n

Eene Keer modde weej allemol sterve! - (Niederrheinische Weissheit; Gocher Platt)
>Bild&Gedicht&Montage: by AStRey
* ~ * N i e m a n d e m sollte ein menschenwürdiger Sterben in seiner*ihrer Letalität verwehrt werden! * ~ * Briefchen von: Anton Reyntjes, Recklinghausen: Betr.: Sterbehilfe, Leserbrief von Pfarrer Bücker in der RZ vom 22. August 2014 [Ein lokaler Anlass – den ich später ausgestaltete.] * ~ * Ein Politiker (Pol. Müntefering) und ein Geistlicher (Pfr. Bücker) erklären (oder: diktieren) uns die Welt und das individuelle Lebensende (G#tt gegeben!): Es gibt Tabus! Basta! Es darf keine eigenverantwortete und notfalls assistierte Selbsttötung geben! Sie, die Herren im Uberschwang ihrer meintlichen Macht, erkennen keine Probleme des Lebens, der Lebensbetrachtung, der eigenen Anschauungen über das Lebensende - nein, sie haben optimale Verbote als Sicherung eines "Tabus" auasgegeben, das es nicht geben kann …, in einer republikanischen Gesellschaft. Sie kennen keine Menschenrechte, die für jedes einzelne Individuum gelten. existenziell; sie sind vulgo gehalten durch eine mutmaßlische Politik (Müntefenng), durch ihre vermeinltiche Gottgläubigkeit und dessen angebliche Anforderungen (Bücker).
* ~ *
Ich habe kürzlich einen Geistlichen gefragt, ob er folgende Gedankenlinie oder -führung nachvollziehen kann: 1811 und 2013 als Jahreszahlen. Genauer: 21. November 1811 und, genau vor einem Jahr, den 26.08.2013. Nein, der Geistliche, ein kompetenter Theologe, ein freundlicher Mensch, fand keine Meinung hierzu. Von Heinrich von Kleist zu Wolfgang Herrndorf: Es gibt allgemei keine Kenntnis, keine Ansc ung, natürlich auch keine rantwortung für viele Me hen, die der Menschheit tige, künstlerische, poetisc Geschenke vermacht hab , die sie - die Tabuisten dieser Welt - nicht anerkennen. Ob Kleists (+ 1811) Michael Kohlhaas" (1808/1810 oder Wolfgang Herrndorf (+ 2013) mit "Tschick" (2010) waren edle Menschen und epochenwichtige Denker, die die Errungen- und LebensArtungen für sich und von Menschen aufzeigten und sie brutal einen gewaltsamen Tod suchen mussten, als andere humane Mittel fehlten; und 'geistig'-religiöse Schranken sind längst obsolet geworden waren; aber die rechte Traute fehlt allenthalben. Die rechtlichen und medizinischen Fragen werden z. B. in den Niederlanden und in Belgien sorgfältig und auch nach dem Verlauf von zehn Jahren ohne UnSchicklichkeiten praktiziert, wie von Deutschen gerne konstruiert (wenn sie angeblich davon berichten). Hier aber herrscht Meinungsterror über ein Grundrecht des Menschen in finalen Dilemmata, wo es keine ärztliche Hilfe zum Leben mehr gibt und weitere Behandlungen sinnlos sind . Vermögende Todeswillige (lassen sich) fahren, in die Schweiz. ja Deutsche in Deutschland müssen - ob alte oder junge Menschen (zumal Männer) - sich schlimmstenfalls vor eine Lokomotive werfen, wenn sie ihr Leben beenden wollen . In der Kunst gibt es Hunderte, ja, Tausende, in der Realität gar Zehntausende (jährlich in der BRD), die sich dem Freitod ergeben, ohne dass sie sich von den politischen oder religiösen Vorgaben angesprochen oder durch sie gebunden fühlen. Gesellschaftliche "Tabus" ohne Sinn! Schlimmer aber noch ist es, dass es nirgendwo eine Möglichkeit gibt, sich freundlich, anständig auf eine suizidale Entscheidung vorzubereiten, ohne dass Denkverbote sinnbildlichster, gar übelster Art aufgerichtet werden, die nur die geistige Hilflosigkeit solch politischer oder religiöser Tabuisten offen legen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es im Menschlichen keine Selbsttötungen gibt, die nicht angekündigt wären. (Vgl. den Freitodforscher Erwin Ringel (Wien u.a. 1949). - Die ersten Reaktionen, die schmähliche Zurechtweisungen auf solche Andeutungen schaffen eine Situation, in der Lebensmüde isoliert und hilflos zu furchtbaren Mitteln greifen. Man verachtet solche "Außenseiter", sie werden ausspiehen von der Gesellschaft. Religiöse Abweisungen durch Priester sind üblich. Sie verfehlen aber ihren christlichen Auftrag. Niemand muss Suizid begehen; keiner sollte allein in einer solchen Grenzsituation stehen; und niemandem dürfte ein menschenmöglicher Ausweg verwehrt sein. >Es gibt nur einen Ansätze, in den Direktiven der Telefonseelsorge, z. Zt.: noch weitgehend getrennt: 0800 1110111 (evangelisch) und 0800 1110222 (katholisch) > Wenn sie sich weiterhin firmieren als S e e l-Sorge ergibt kein neues, un-gebundenes Angebot. * ~ * Ein Wunsch nach Selbsttötung wird dort flexibel igoniert [garantiert!] - Platt. Aber: Oho: Onse Kaploon hät ennen heele Kass voll Büük! * ~ * Ich glaube, dass schlichtweg die Empathie von Tabuisten in (und für) Leidenssituationen fehlt, bei/in denen man, nach eingehenden Gesprächen, Menschen eine Möglichkeit einräumen könnte, die jedem darbenden Elefanten geboten wird, der in einer Viertelstunde schmerzfrei medizinisch kompetent erlösen werden kann (von Tierärzten). Ja, ich weiß; in der Schauspielkunst oder den Künsten ingesamt, besonders in der Literatur gibt es ebenso Hunderte Menschen, die sich in letalen Situationen zu einer Selbsttötung veranlasst sahen, wahrhaftig nicht zum Vergnügen. Zuletzt der mir wertvollste US-SchauSpieler Robin Williams (z. B. Im Club der toten Dichter), mit einem verzweifelt irren Tod. In den USA gibt es also einen ähnlichen Gesinnungsterror, der es kranken Menschen verwehrt, sich in Würde von seinen Mitmenschen zu verabschieden, außer wenn sie eine Überdosis Drogen nehmen (Zehnausende in der BRD). Zuerst - für den Beginn des Lebens - und zuletzt - für den Selbsttod: Wer "Tabus" aufrichtet, ist ein unwürdiger Zeitgenosse. Er verhängt seine ultimaten Denkschranken über andere. Sie selber halten sich - sehr wohl? - für die ethisch besseren Menschen. Dass sie als quasi Humanisten ganz legal und feierlich, ja, auch zeremoniell … auftreten wollen, ist ihr Geschäft. * ~ * Eine Liste, von deutschen Dichtern, ergo: Künstlern. die durch Freitod aus dem Leben schieden, kann man selbst erstellen. * ~ * Für eine Suiziud-P r o p h y l a x e, wenn denn nötig/gefordert/heilsam sei, bitte, h i e r: https://de.wikibooks.org/wiki/Suizidprophylaxe * ~ * <<
by: KStRey
Nachtrag, ad alta aut arma facti et poeticii: historische Wortkunde zu: Selbsttötung
"Denn in dem schrecklichsten Geschäfte, wo es auf elbsthinrichtung ankommt, wo zwischen Leben und Tod, zwischen Fortdauer des Lebens und Selbsttödtung gewählet wird, in dem schauervollsten Augenblicke, der sich denken läßt, sollte der Muth zu deiner gewiß schweren Arbeit schon bloß durch die auffallende Wahrscheinlichkeit, daß der Selbstmord ein Eingriff in die Rechte des Schöpfers sey, vollends entkräftet werden können." (Sailer, Johann Michael: Über den Selbstmord. München: 1785)
* ~ *
"Der echte philosophische Akt ist Selbsttötung; dies ist der reale Anfang aller Philosophie, dahin geht alles Bedürfnis des philosophischen Jüngers, und nur dieser Akt entspricht allen Bedingungen und Merkmalen der transzendenten Handlung." (Novalis. Bruchstücke philosophischer Enzyklopädistik. Der poetische Philosoph und der philosophische Poet. Zuerst 1919) - URL: https://www.projekt-gutenberg.org/novalis/fragmen1/chap004.html
H e i l denen, die sich aus Depressionen er-heben können! - Ich konnte es auch ...

Montag, 5. Dezember 2022

F r e i -T o d: Briefe der Charlotte S t i e g l i t z und der Virginia W o o l f


Woran mich der Frei-Tod-Brief der Virginia W o o l f  e r-Innert:

https://images.booklooker.de/s/02VMz4/Charlotte-Stieglitz+Gedichte-und-Tageb%C3%BCcher.jpg

* + *  + * + *

Charlotte Stieglitz: 1834 schreibt eine unglückliche F r a u &Dichterin an ihren Geliebten&Ehegatten; und vollzieht ihren angekündigten Freitod (vollzogen von eigener Hand, mit dem Dolch, einem Geschenk von ihrer Hochzeitreise):

An Heinrich Stieglitz

29. Dezember 1834.

Unglücklicher konntest Du nicht werden, Vielgeliebter! Wohl aber glücklicher im wahrhaften Unglück! In dem unglücklich sein liegt oft ein wunderbarer Segen, er wird sicher über Dich kommen!!! Wir litten beide ein Leiden, Du weißt es, wie ich in mir selber litt; nie komme ein Vorwurf über Dich, Du hast mich viel geliebt! Es wird besser mit Dir werden, viel besser jetzt, warum? ich fühle es, ohne Worte dafür zu haben. Wir werden uns einst wieder begegnen, freier, gelöster! Du aber wirst noch hier Dich herausleben und mußt Dich noch tüchtig in der Welt herumtummeln.

Grüße alle, die ich liebte und die mich wieder liebten! Bis in alle Ewigkeit!

Deine Charlotte.

Zeige Dich nicht schwach, sei ruhig und stark und groß!

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Wikipedia gibt sich ganz unbeteiligt-dokumentarisch und unterschlägt den elend-traurigen Abschiedsbrief:

„Die anfangs glückliche Ehe von Heinrich und Charlotte wurde zunehmend von einer chronischen Krankheit getrübt, die mit einer akuten Erkrankung beider im Herbst 1826 ihren Anfang genommen hatte. Wiederholte Kuren von Charlotte Stieglitz, ein längerer Urlaub in St. Petersburg und eine Kur im Bad Kissingen konnten nichts daran ändern, dass die Krankheit Charlotte Stieglitz’ fortschritt, während das Leiden von Heinrich Stieglitz bald eine physisch und psychisch lebensbedrohliche Form annahm. In der Hoffnung, ihn „durch einen furchtbaren Schmerz, einen ungeheuren Schreck“ aus seiner zunehmenden „Verdumpfung des Geistes“ befreien zu können, nahm Charlotte Stieglitz sich am 29. Dezember 1834 das Leben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_Stieglitz – Abruf am 5.12.2022.

* + *

Das Beispiel der ungenügenden, kompromisslosen Kommunikation der Fr Stieglitz in ihrer Selbsttötung bringt auch Roger Willemsen;

 In den elaborierten Ausdrucksgebärden der Literatur erkennt man die verzweifelten Sprechformen der wirklichen Selbstmörder nicht wieder, und in deren Abschiedsbriefen findet das Unglück zu keiner kommunikativen Sprache. Also starren wir auf eine unleserliche, scheinbar destruktive Erregung, die häufig in der Sprache der Pantomime, in Brüchen und Lücken am deutlichsten an die Oberfläche tritt. Diese Sprache, die sich durch die Geschichte hindurch in den authentischen Dokumenten so deutlich gleichbleibt, sie bewahrt den verborgensten Teil der Kultur des Unglücks, jenen, der sich selber und in der Schrift zerstört. Bleibt man hier stehen, so wie Maupassants Diener vor dem Körper seines Herrn, so wird man zurückhaltend gegenüber Kultur- und Entfremdungstheorien, gegenüber psychologischen, theologischen, meteorologischen Erklärungen des Selbstmords; sie' alle werden sekundär vor der sprachlosen Energie der Hand, die das Messer führt, vor der Erregung, in der der Selbstmord Gegenwart wird. (S. 15)

In: R.W.s großer Anthologie: „Der Selbstmord“. München 1989. S. 15/354; zuvor: Der Selbstmord. Briefe, Manifeste, literarische Texte. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1986. - Ja, auch von diesem Buch her, auch mit ungeheueren authenischen Abschiedsbriefen, kann man R. W.s. Lebenziel ableiten: .„Ich möchte Menschen glücklicher zurücklassen als ich sie vorgefunden habe.“ (So Roger Willemsen selbst; in dem Eintrag auf seinem Grab in Hamburg-Ohlsdorf.)

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Frau St.s Brief: Sicherlich ein romatisches, quasi deliberatives Zeugnis einer ur&unglücklichen Liebe, von einer Frau, die in ihrer psychischen Ohnmacht in der Melancholie für ihren Geliebten – vor allem auf den Mann bezogenen, grenzenlosen Letalität – eine Frau, am Mann verzweifelt, auf den Mann latent hysterisch bezogenen – an den Mann gekoppelten, ob echt oder vorgesprochen (weil religiös erzogenen) Liebe: rettungslos in ihrer dienenden HinGabe; auch in ihren Liedern, z. B.: „An meinen Heinrich Stieglitz (Gruß zum 22. Februar“.

HinGabe in Gott und dnm vielgeliebten Partner (in traditioneller cognitiv-emotionaler VerKleidung und ZuGeHörigkeit): So will Frau ihr Leben&Gedeihen ihren Tod einÜben und opfern (1834). - Die ausgewiesene Hoffnung, mit dem Geliebten&Mann im Himmel vereint zu sein, ist auch in Goethes Werthers Leiden eine kurz vor der Selbsttötung, der Erschießung, ausgesprochene Erwartung.

Dazu: Goethe-Memorabilia # 32: Vom  H i m m el (in der klassischen oder romantischen Epoche der deutschen Literatur):http://stephanus-bullin.blogspot.com

* + * ... * + *

Sigmund Freud (1915): Erst dieser Sadismus löst uns das Räsel der Selbstmordneigung

Die Person, welche die Gefühlsstörung des Kranken hervorgerufen, nach welcher sein Kranksein orientiert ist, ist doch gewöhnlich in der nächsten Umgebung des Kranken zu finden. So hat die Liebesbesetzung des Melancholischen für sein Objekt ein zweifaches Schicksal erfahren; sie ist zum Teil auf die Identifizierung regrediert, zum anderen Teil aber unter dem Einfluß des Ambivalenzkonflikts auf die ihm nähere Stufe des Sadismus zurückversetzt worden.

Erst dieser Sadismus löst uns das Rätsel der Selbstmordneigung, durch welche die Melancholie so interessant und so – gefährlich wird. Wir haben als den Urzustand, von dem das Triebleben ausgeht, eine so großartige Selbstliebe des Ichs erkannt, wir sehen in der Angst, die bei Lebensbe­drohung auftritt, einen so riesigen Betrag der narzißtischen Libido frei werden, daß wir es nicht erfassen, wie dies Ich seiner Selbstzerstörung zustimmen könne. Wir wußten zwar längst, daß kein Neurotiker Selbst­mordabsichten verspürt, der solche nicht von einem Mordimpuls gegen andere auf sich zurückwendet, aber es blieb unverständlich, durch welches Kräftespiel eine solche Absicht sich zur Tat durchsetzen kann. Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie, daß das Ich sich nur dann töten kann, wenn es durch die Rückkehr der Objektbesetzung sich selbst wie ein Objekt behandeln kann, wenn es die Feindseligkeit gegen sich richten darf, die einem Objekt gilt und die die ursprüngliche Reaktion des Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt.

(Freud, 1916-17g [1915]: 'Trauer und Melancholie'. S. 438. – GW Bd. 10. S. 428-446.)

Diese 'Sadismus'-Theorie vertritt auch Donald Campbell (in: Stichwort Suizidalität. - Blatt 20. November. In: Tobias Nolte und Kai Rugenstein. 365 x Freud. Stgt. 2022; o. N.)

Die Neigung, dann gar Vollzug der Selbsttötung als sinnlosen Akt des Sadismus' in den von Stieglitzt und (ein Jahrhundert später) Woolf im prätendierten Sinne der Liebe als AufOpferung mit angekündigter Aufklärung esrklärt sich für mich nicht * + * und lässt mich ratlos.

Stefan Zweigs Freitod 1942 (mit seiner Frau vollzogen, in seinem Haus in Petropolis/B.) ist mir verständlicher und besser zu erklären, weil realer, reeller und empathischer in seinen Bedingungen und seiner Zielsetzung mit dem Ausblick und dem Vertrauen in die Morgenröte ... der Geschichte  (aus einer femininen GeschichsBeTrachtung ... einer utopischen ... - Im Falle des Ehepaars Zweig ist nicht ein Sadrsmus der UrGrund des Selbsttötung gegeben, sondern eine besondere <wohl seltenen> Form des masoschistischen  U t o p i s m u s ...   * + *

* + *  -

Meine Argumentation als Intentin der Analse geht nicht dahin, einen  offenkndigen B i l a n z - Freitod abzustreiten ...; aber er - vom AnSatz, von der DurchFührung her - müsste selbstBewusst, kongnitiv selbstStändig < trotz der unterschiedlichen Belastung(en) in Emotionen> und einDeutig nur für sich selbst sprechen - in EiGenverAntwortung, nicht bezogen sein auf einen Partner, einen Geliebten (als Opferung, GeSchenk, als Gegenleistung, alsErSatzHandlung -  - Wer die hier erwähnten S u i z i  d e  einschätzen kann - bitte sehr; das  s o l l t e  jede/jeder für sich selbsten <auch im Hinblick auf ihren/seinen eigenen Suizid (wann auch immer nötig/ob-final-zu-treffen/oder nicht ...) bedenken, benennen, bekennen ... Recte faciendo neminem timeas. - Recte facti fecisse merces.

 * + * ...

Sonntag, 4. Dezember 2022

Goethes Verständis des 'H i m me l s' in "W e r t h e rs Leiden"

Goethes Himmel auf Erden (im Weimarer Gartenhaus)):

Gemälde von Chritiian Rohlfs (1902):

  

G  o  e  t  h  e  -  Memorabilia # 32

 


 

 

http://www.germanposters.de/warhol-andy-goethe-red-face.jpg


Vom  H i m m e l  als Ort der  S e l i g k e i t - auch nach einem FreiTod -

(Todes_SehnSüchte in der klassischen oder romantischen Epoche der deutschen Literatur):

Da seine Bezugnahme auf Gott undeutlich bleibt, kann Novalis vom Glück der Liebenden statt von der Seligkeit der Heiligen reden. Das „Lied der Toten“ weist überraschende Ähnlichkeit mit einem etwas früher entstandenen Gedicht Friedrich Schillers (1759-1805) auf. Als eifriger Förderer der Neubelebung antiker Dichtung greift Schiller auf die Renaissancetradition der Verknüpfung des Himmels mit dem Elysium und den Inseln der Seligen zurück. Sobald das Elysium betreten wird, gehören Schmerz, Leid, Müdigkeit und Elend der Vergangenheit an. Nun finden sich die Liebenden wieder, "küssen sich auf grünen samtnen Matten, lieb gekost vom Balsamwest«. Die Liebe triumphiert über den Tod:

„Ihre Krone findet hier die Liebe,

Sicher vor des Todes strengem Hiebe,

Feiert sie ein ewig Hochzeitsfest.“

Die romantischen Vorstellungen von einer Liebe im Jenseits sind auch im Werk Johann Wolfgang Goethes (1749-1832) präsent.

Bereits in „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) läßt er seinen sich aus Liebe zu der verheirateten Charlotte verzehrenden jugendlichen Helden sagen, nur der Tod könne die Harmonie seiner Seele wiederherstellen, denn erst nach dem Tod könne er mit ihr vereint werden. »Ich gehe voran! gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater«, weint der verzweifelte Werther. „Dem will ich's klagen, und er wird mich trösten, bis du kommst, und ich fliege dir entgegen und fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen.“ Diese Gewißheit - "wir werden sein! wir werden uns wiedersehen! - ermutigt ihn (und manchen zeitgenössischen Leser des Buches) zum Selbstmord. Goethes tragischer Held ist überzeugt, daß Charlottes Gatte Albert in der anderen Welt keinen Anspruch mehr auf sie besitzt. Der Tod befreit Werther nicht nur von der Qual einer unerwiderten Liebe; er verheißt ihm auch ewige Liebe.

Werthers Glaube an ein Wiedersehen erinnert an Rousseaus „Julie oder die neue Héloise“. Auch dort endet mit dem irdischen Leben eine sinnlose Ehe, um im Jenseits einem neuen Liebesbund Platz zu machen. Dieses Motiv hat Goethe zeitlebens beschäftigt. Der reife Goethe verwandelt den einfachen Wunsch der Liebenden nach ewigem Liebesgenuß in eine symbolische Aussage über die Ewigkeit. 

In „Faust II“ sind nicht der treue Liebhaber und die Geliebte das wiedervereinigte Paar, sondern der Verführer Faust und das unschuldige, aber gestrauchelte Gretchen. Gretchen hatte als Mörderin ihres unehelichen Kindes hingerichtet werden sollen, war aber durch göttlichen Eingriff der Strafe entgangen. Ihre Liebe zu Faust, nicht ihr religiöser Glaube, rettet sie vor ewiger Verdammnis und ermöglicht ihre Aufnahme in den Himmel. Auch Faust wird gerettet. In dem Augenblick, als der Teufel Fausts Seele holen will, steigen Engel vom Himmel herab. Ihre knabenhafte Schönheit lenkt den stets lüsternen Mephisto von seinem Opfer ab. Sie entführen Fausts Seele und entkommen mit ihr in den höchsten Himmel. Dort bittet eine Gruppe von Büßerinnen, unter denen sich auch Gretchen befindet, die Gottesmutter, die Seele Fausts aufzunehmen. Als Fausts Seele das Leichentuch abstreift, wird eine jugendliche und herrliche Gestalt sichtbar, bereit, sich von dem durch die Buße gereiften Gretchen belehren zu lassen. Im abschließenden Chor gibt Goethe eine verschlüsselte Deutung:

Alles Vergängliche

Ist nur ein Gleichnis;

Das Unzulängliche,

Hier wirds Ereignis;

Das Unbeschreibliche,

Hier ist es getan;

Das Ewig-Weibliche

Zieht uns hinan.

So bleibt Goethe als Autor in „Faust II“ nicht bei dem Wiedersehensmotiv stehen, das er im Werther benutzt hatte. Nach ihrem Tod erscheinen Faust und Gretchen nicht mehr als handelnde Einzelgestalten. Faust sagt in der Schlußszene kein einziges Wort mehr, und Gretchen wird als una poenitentium [eine der Büßerinnen] eingeführt.

Das Paar verkörpert jetzt philosophische Begriffe: das Ewig-Männliche, dargestellt durch das Streben, die Selbstbehauptung und den amoralischen Individualismus Fausts; das Ewig-Weibliche, vor Augen geführt in der hingebenden Liebe, bereitwilligen Selbstaufopferung und vollendeten Schönheit Gretchens. In einer

vollkommenen Welt bilden diese beiden Prinzipien eine unauflösliche Einheit. Goethe verwirft jeden Begriff der Sittlichkeit, der geeignet wäre, das Paar zu verurteilen. Bereit, herkömmliche christliche Vorstellungen aufzugeben oder umzuformen, ersetzt er den patriarchalischen Gott der Tradition durch eine glorreiche Matriarchin. Die barocke Vorstellung von Mariä Aufnahme in einen männlich geprägten Himmel wird zu Fausts Himmelfahrt, die  I h n  in ein weibliches  J e n s e i t s  führt. Ewiges Heil wird nicht durch Vermeidung von Sünde erlangt, sondern durch Streben und Lieben, verkörpert durch Faust und Gretchen. (…)“ Aus: Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens. S. 329ff.)

Samstag, 26. November 2022

Thema A u t i s m u s - eine Klausur für den EW-Unterricht (NRW-Stufe 13)

 

 

 

 

> Bienchen, vor Lavendel. "Sie lebt nicht mehr; letal, nicht autistisch"  by AStRey)

 

 Zum Thema   A u t i s m u s: 

# Klausur: Dietmar Z ö l l e r s  Beurteilung zum Film "Rain Man": Der Autist Zöller (vgl. M. 5.10.) besuchte den Film am 9. April 1989 und hielt seine Bewertung in Tagebucheinträgen fest.( Aus: D. Z.: „Ich gebe nicht auf.“ (Zuerst 1992). München 1995 (dtv 30452). S. 60f., 71f.) 

Arbeitstext:

 9. April 1989 - «Rain Man», ein Film mit Fragezeichen. Der Film war ein Erlebnis. Man sollte nicht glauben, daß ein Schauspieler eine solche Rolle spielen kann. Das war echt und eindrucksvoll. Gestört hat mich, daß Leute gelacht haben. Die ahnen wohl nicht, wie schlimm eine solche Behinderung ist. Es war doch erschütternd, daß der Mann nicht wußte, was Partnerliebe ist, und es darum nur mißverstehen konnte. Ich habe immer nur gedacht: Wie gut, daß ich alles begreife und das Leben verstehe, auch wenn ich nicht die Aufga­ben des Alltags bewältige. Man sollte aber Behinderte nicht lächerlich machen. Vielleicht brauchte der Film eine Einleitung über den Autismus und seine Ausprägungen. Ich weiß nicht recht, was ich von dem Film halten soll. Ein wenig hat er mich gekränkt, weil ich die Schwierigkeiten eines Autisten aus eigenem Erleben und Leiden kenne. Wenn ich es recht bedenke, dann war der Film für mich aufregend. Ich war sehr gespannt und konnte an manchen Stellen nicht ertragen, einen solchen Spiegel vorgehalten zu bekommen, denn ansatzweise sind die Schwierigkeiten bei mir auch noch vorhanden. Ich habe z. B. auch noch Probleme, wenn wir abends Auto fahren und die Lichter so blenden. Was glaubt wohl Dustin Hoffman, wie die Wirklich­keit eines Autisten aussieht? Alles ist noch viel schlim­mer, als man es spielen kann. 

27. Juni 89 - Lieber Herr Mayer, ein letzter Brief, den ich als Schüler an meinen Lehrer schreibe. In Zukunft schreibe ich dann an einen Freund, der mir ja vielleicht das Du anbietet. Das hätte ich jedenfalls gern. Ich fand die Abschlußfeier ganz gut und war auch nicht übermäßig traurig, nur nachdenklich. Morgen sieht das noch mal ganz anders aus, das ist endgültig. Ich gebe mir Mühe, nicht auszuflippen. Abends gehe ich mit Mama und ihrer Projektgruppe in «Rain Man». Freitag fahre ich mit der Gruppe nach Stetten im Remstal. Das interessiert mich wirklich. Die Schüler können dann ja am lebendigen Beispiel, näm­lich an mir, feststellen, wie das ist, wenn man behindert ist. Ich mache mit. Mal sehen, wie es wird. Ade, bis bald, Dietmar 

29.6.89 - Das war gestern eine gute Ablenkung mit "Rain Man". Ich habe viel mehr gesehen als beim ersten Mal. Aber ich muß mich abgrenzen. Ich bin anders. Ich beharre nicht auf solchen Ritualen und kann viel besser Veränderungen ertragen. Es hat mich aber vieles an meine Kindheit erinnert. 

Aufgabenstellung: 

1. Sellen Sie fest, welche Bewertungen er trifft, und erklären Sie mögliche Gründe für seine Beurteilungen! 

2. Belegen Sie an Beispielen des Filmes dar, welche Ursachen in Raymonds Fall für sein autistisches Syndrom gegeben sein könnten! 

3. Erarbeiten Sie beispielhaft, welche Versuche Charlie Babbitt unternahm, um mit Raymonds Verhalten "fertigzuwerden"! Was bewog ihn schließlich, seinen Bruder wieder zum Wohnheim nach Warbrook reisen zu lassen? 

4. Beurteilen Sie die Qualität und sozialpädagogische Relevanz des Filmes an einem Beispiel, in dem deutlich wird, wie die Umwelt auf den autistischen Raymond reagierte! 

 <Viel Erfofg!>

Freitag, 25. November 2022

Arbeitsblatt zu "H a n s, m e i n I g e l" - Grimms Märchen # 108 (ATU 441) -

Zur Symptomatik des „behinderten Kind-Mannes“ im Grimmschen Märchen als Fallbeispiel: "Hans der Igel" (KHM 108)

                                                - < Bild von Nikolaus Heidlelbach; in: "Märchen der Brüder Gimm". Betz&Gelberg < 

 

Folgende Symptome lassen sich bei "Hans mein Igel" erfassen - analysieren Sie die märchen-typischen Aufstellung als psychosexelle und medizinische Erarbeitung: ** Sozialer Druck, der zu Zwangsvorstellungen führt: eigenes Kind als unbefragtes Muß: Stärkung des sozialen Ansehens ** Emolionalität: statt Liebe - funktional-zweckgebundene Zeugung eines Kindes d. d. Vater ** Hohes (?) Alter der Eltern (als Risikofaktor bei der Mutter für die Gesundheit des Kindes in der modernen Medizin erkannt) ** Hautprobleme und Verhaltensprobleme (als atavistische, starke Behaarung oder Verschuppung des Körpers; Hyperaktivität des Säuglings) ** Schwierigkeiten beim Versuch des Stillens (Störung der Mutter-Kind-Dyade in der oralen Phase) ** Fluch (zeittypische Verwünschung), Zeichen der Ablehnung und un/bewußten Tötungsabsicht: als langandauernde Stigmatisierung, die eine Entwicklungsstörung verursacht: das Kind fühlt sich völlig abgelehnt, es muß einen Überlebenskampf führen ** Versuch der Mutter, Liebe und Zuwendung zu zeigen ** Schwacher Protest der Mutter führt zu Unterordnung unter die Gewalt des Vaters Entwicklungsstillstand über sieben Jahre hinweg ** (Wahrscheinlich) späte Sprachentwicklung: erst in der Phase, die unserem Schulkindalter entspricht ** Regression in die innere Welt, die Traumwelt (? Animismus)

 ** Änderung des babyhaften "Einrollens" mit acht Jahren (zu deuten als verspäteter Eintritt und schnelles Verlassen der Entwicklungsstufe des Kleinkindes) 

** Retardation: Rückzug, Flucht vor dem (starken) Vater 

** Verhaltensstörungen: Selbst-Isolation und Manien, Zwänge, Stereotypien in Handlungen statt kreativen Spiels und altersgerechter Entwicklung 

** Fixierung, Wahrnehmungsspezialisierung auf klanglich starke Reize (Anregungspotential der Musik) ** Besondere Begabung für musikalische Phänomene (bei Autisten genial eingestufte Fähigkeiten bei äußerer Anregung neben anderen Spezialbegabungen) 

 ** Selbständige Arbeitsleistungen außerhalb des Elternhauses, die zur Zufriedenheit und zum Erfolg durch Leistung führen 

** Kontakt mit "Reisenden" (mit anderen Menschen) als Ausweis seiner Fähigkeiten: Versuch, sich zu behaupten 

** Reifungsschritt zum Erwachsenenalter (Adoleszenz) hin: Erwachen der Sehnsucht nach Liebe oder Partnerschaft 

** Machtdemonstration: Bestrafung der Prinzessin durch einen Gewaltakt 

** Erwachsenwerdung in der Suche und Liebe zur richtigen Frau 

** Überwindung der eignen Behinderung, seines Andersseins (Ablgegen und Vernichtung seiner abstoßenden "Igelhaut") in der sexuellen Begegnung 

** "Schwarzer" Zustand der Nackheit = Hilflosigkeit, als Hilfsbedürftigkeit, Notwendigkeit der Zuwendung und ärztlichen Betreuung, um nachträglich zu reifen, würdig seiner neuen sozialen Stellung zu werden 

** (Er-)Lösung/Heilung (nach Zauber-Märchen-Art:) glückliche Liebe; Mann macht Frau glücklich 

** Aussöhnung mit dem Vater als letzter Schritt der Liebenden für ihre Zukunft (in der königlichen Welt)

(Möglicher) Klausurtext:  Rudolf Meyer: [Aus] Die Weisheit der deutschen Voksmärchen. Frankfurt/M. 1981. Fi-TB 5505. S. 234f. Voraussetzungen: Kenntnis des Märchens "Hans, mein Igel", der Text müßte für die Bearbeitung vorliegen; die Krankheitssymptome für den Autismus; psychosoziale Entwicklungskrisen nach dem Identitätskonzept der PSA Erik Eriksons (z. B. in der Fassung des Pädagogik-Arbeitsbuches "Gestörte Entwicklung und Sozialisation", erarbeitet von Heribert Fischer. Frankfurt/M 1985: Hirschgraben-Verlag (Nr. 128900). S. 43 - 53). 

Aufgabenstellung: 

 1. Erarbeiten Sie die Darstellung Meyers und kennzeichnen Sie seinen Ansatz! 

2. Welche Symptome für Autismus werden von Meyer erfaßt? Gibt es darüber hinaus im Märchentext noch definitive oder hypothetische Krankheitsmerkmale? Welche gehen über das Krankheitsbild Autismus hinaus? 

3. Welche psychosozialen Krisen (nach Erikson) durchläuft der Junge Hans? Welche Anforderungen kann er nicht integrieren in seine Identität? 

4. Meyer spricht in seiner Deutung von "zurückgehaltenen Kräften" des Lebenslaufs des Märchenhelden und von einer "imaginativ gehaltenen Biographie" <der Zauberei>. 

Erwartete Leistung(en): 

Setzen Sie sich auf dem Hintergrund der Ihnen bekannten Ursachen-Hypothesen mit diesen Deutungen auseinander! Eine katalogmäßige Typologie der Krankheitssymptome, der überlieferten physischen oder psychischen Krankheitsbilder von Märchenfiguren, gibt es nicht; lediglich in der Reifungs- und Ablösungs-Psychologie, in der Analyse der Verdrängungs- und in der Identifikationsproblematik ist eine Übertragung des modernen, realitätsgerechten, medizinischen Blicks auf althergebrachte Vorbilder und Symptome, als Fälle früheren normalen oder unnormalen Verhaltens, kranker oder wieder gesundeter Zustände, fassbar.  

Literatur: 

W.. Scherf. Bd, 1/2, 1995. S. 1513) Märchenausgaben mit dem vergleichbaren Typus ’Mensch/Igel': „Hans mein Igel“ (KHM 108) „Das Borstenkind“ In: Haltrich, Josef: Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen. Hrsg. von Hanni Markel. Bukarest: Kriterion Verlag 1973. Hans Meschendörfer. München 6. Aufl. 1956. „Sohn Igel“ In: Else Byhan: Wunderbaum und goldener Vogel. Slowenische Volksmärchen. Kassel 1958: Röth. (Das Gesicht der Völker) „Von einem Igel und den Herrentöchtern“. In: Boehm, Max und Specht, Franz [Hrsg.]: Lettisch-litauische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1924 (Deutsche Volksmärchen)  

 

Sekundärliteratur: 

Rudolf Meyer: [Aus] Die Weisheit der deutschen Volksmärchen. Frankfurt/M. 1981. Fi-TB 5505. S. 234f. Ingrid Riedel: Hans mein Igel. Wie ein abgelehntes Kind sein Glück findet. Zürich 1984: Kreuz-Verlag. R. Geiger: Hans mein Igel. In: R.G.: Märchenkunde. Stuttgart 1982. S. 450 - 463. I. Köhler. Hans mein Igel. In: Enzyklopädie des Märchens. 6, 494 - 498. (Krüger S. 46-48.) Liungman, Waldemar [Hrsg.]: Weißbär am See. Schwedische Volksmärchen von Böhuslän bis Gotland. Kassel 1965: Röth (Das Gesicht der Völker) S. 103; 361. Schmidt. Hans mein Igel. In: Brüder Grimm Gedenken. Hrsg. von Ludwig Denecke. (1963 ff.) S. 319-320. Uther, Hans-Jörg: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Berlin/Bosten 2013. S. 232-235. XXX  

Vgl. bei Wiki den Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_mein_Igel

                                                             > Differenz: Mensch/tierisches Wesen <

Samstag, 12. November 2022

Ein suizidaler Fall: Virgina W o o l f in ihrer F r e i-Tod-Erklärung

Ad-Surdes &ProFessionelles zu V i r g i n i a W o o l f:  

Wahres, immerzu  W a h r e s <in stilo et in poeticis et in brevitate  v i t a e  litterae1]

 

Virginia Woolf und ihr Desaster <nach Freudscher Theorie>:


In führe weiter den AufSatz: Virginia Woolf und Sigmund Freud von Susanne Hatmann an:

https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/31281/ssoar-1995-1-hartmann-virginia_woolf_und_sigmund_freud.pdf?sequence=1


Virginia  W o o l f s Suizid-Erklärung:

Von Virginia Woolf - https://www.brainpickings.org/, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=9397469


Ihr niederschmetterndes Ergebnis ihres Lebens mit ihrer Suizid-Erklärung gegenüber ihrem Mann lässt folgende Fragen ungeklärt:


  • Ihr künstlerisches SelbstVerständis (als Emotion): Es - als ihre literarische Psyche, war erschöpft. Alles, was V. W. in ihrem Werk erarbeitet hatte, endlos beschäftigt, immer wieder tastend und im Ergebnis (in summa:) unsicher, labil, lyrisch-verschmolzen: Alles ist in einer Banalität nieder-geschrieben,einzig für ihren Mann, dass ich mich fragen will, wie kann man am Finis mortis, realiter am Lebensende so viel banal aufschreiben, ohne Erklärungen zu geben?

  • Ihr peripheres Wissen um ihre Krankheit: Nie aufgearbeitet; immer nur erprobt, versucht, nicht substituiert, um von den normalen realistischen Erzählweisen (der englischen Tradition) zu abstrakten Formen der gekünstlerten Unterhaltung zu denken; die ihrem eigenen Gehirnstruktur zupaß kamen, als sie ehrlich von ihrem Ehemann Abschied nahm, ein völlig expositorisches Textlein, mit drei Paraphrasen, das in ihren  hoch-gestellten Ambitionen ihrer verbalen Künste völlig enthoben war. Spricht man so ad thantaos autos, wenn die eigene, so hart angestrebte Kunst versagt? (Nein, es gibt viele Abschiedsbriefe, die poetisch gestaltet sind; immer denk-kulturellen Zuschnitt der Familie oder dem/der Geliebten zugewandt, zu-getext ...). Hat sie sich völlig auf die verbalen Bedürfnisse ihres Mannes angepasst, sich ihm emotional-suzidal ergeben?

  • Ist sie hatte (leider) keine Kenntnisse von pharmokologischen oder anderen Arzneien (natürlichen Substraten!) Subtanzen, die bei Depressitvität, bei Neurasthenie, bei sublimen Formen der Erschöpfungszustandes hätten helfen können. (Warum gibt es da in der Gegend der Künstlerin Gärten und SpazierVerLäufe <auch heute> für Touristen in Gärten, die man erfassen/erfahren kann? Gab es in ihrem Bloomsbury-Kreisen keinem/keine, der/die sich erfahren war, andere Arzneien, in Jahrzehnter langer Tradition erprobten Natursubstanzen?

  • Ihre Formulierungen im Brief selbst sind so „beknaut“, so erschöpfend, so untauglich an künstlerischer Struktur, sich wiederholend – ohne eine wirkliche psycho-.logische Information: anders ausgerückt: ich mach, was ich kann - und stelle die Behauptung auf, die so minial unterschiedlich sind: Sie sind in dreifacher Hinsicht paraphrasenhaft. – Warum drückt mensch sich und dem anderen (Geliebten, Partner, Ehegatten) seine Liebe in dreifach gesteigerter Phrasierung aus? Muss mensch ihn über-zeugen? „I feel certain I am going mad again.“ - „mad'“; „mad again“; „I am going mad ...“ [Aber, wer kann schon wissen, was&wie&warum V.W. und ihr Ehemann L.W. unter „m a d“ verstanden haben; sie hatten ja auch eine gemeinsame Suizid-Vereinbarung im&wg. des Krieges geschlossen....]

  • Hier, wird von mehreren Suizid-Versuchen des V.W. berichtet: https://en.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf

* ~ *

 

Liebster,

ich spüre mit Sicherheit, dass ich wieder verrückt1 werde. Ich glaube, dass wir diese schreckliche Zeit nicht noch einmal durchstehen können. Dieses Mal werde ich mich nicht erholen. Ich beginne, Stimmen zu hören, und ich kann mich nicht konzentrieren. Ich tue also, was das Beste zu sein scheint. Du hast mir das größtmögliche Glück geschenkt. Du bist mir in jeder Weise all das gewesen, was jemand sein kann. Ich glaube nicht, dass zwei Menschen hätten glücklicher sein können, bis diese schreckliche Krankheit kam. Ich kann nicht mehr kämpfen. Ich weiß, dass ich Dein Leben verschwende, dass Du ohne mich arbeiten könntest. Und das wirst Du, das weiß ich. Du siehst, nicht einmal das hier kann ich ordentlich schreiben. Ich kann nicht lesen. Was ich sagen will, ist: Ich verdanke alles Glück in meinem Leben Dir. Du unglaublich geduldig und gut zu mir. Ich möchte das sagen – jeder weiß es. Wenn mich jemand hätte retten können, wärst Du es gewesen. Mich hat alles verlassen außer die Gewissheit Deiner Güte. Ich kann Dein Leben nicht länger verschwenden.

Ich glaube nicht, dass zwei Menschen hätten glücklicher sein können, als wir es waren.

V.

* ~ *

Virginia Woolf gab ihren inneren Stimmen in ihrer Literatur – weitgehend, mit vielen Schwankungen und Veränderungen - einen finalen Platz (wenn sie den Text veröffentlichte). Sie gilt als eine der ersten Autorinnen, die den inneren Monolog in ihren Werken <teilweise> zur Vollendung brachte und so die Seelenlage ihrer Protagonisten wirkungsvoll ausdrücken konnte [wie es K. Mann (s. u.) beschrieb]. Das gelingt ihr auch in ihrem Abschiedsbrief, in dem sie emotional schildert, was sie trotz aller Liebe zu ihrem Mann zu einer solchen Handlung treibt: Tod & Ergebung in einen 'Wahn', den sie „Verrücktheit“ nennt. Das Schreiben war für sie therapeutisch, ebenso wie ausführliche Gespräche über Literatur, doch letzten Endes schien auch das ihr nicht mehr zu genügen: Sie verschied, sie gab auf, sie wollte sich erlösen. Sie trennte sich <schriftlich> von ihrem Mann (dem sie sich verantortlich fühlte: ein freiwilliges Geständnis zu ihrer SterbeWilligkeit, ohne BeiHilfe zu verlangen: Die Sprache ihres Dokuments ist absolut kunstLos konzipiert, liebevoll-willig ergeben ihrem Ehemann, dem sie sich bedingungslos anvertrauen kann/will. Es ist final, gemeinschaftlich geprägt nach ehelich-liebenden Verständnis (wie sei es zeitlich-ehelich nie erfahren hat; ihrem eigenen Verständis zuFolge).

* ~ *

Ein Auszug aus eine nomal-stimmigen Abhandlung zu Woolfs Symptomen nach Freudschen Theorien:

„Obwohl sich in den späten 20er Jahren die enge Verbindung zwischen
Bloomsbury und der Psychoanalyse gefestigt hatte, war Virginia, als
einzige in der Gruppe, gänzlich der Idee abgeneigt, sich analysieren zu
lassen. Alix erinnerte sich kurz vor ihrem Tod: 'James wunderte sich
oft, warum Leonard Virginia nicht überredete, aufgrund ihrer Nerven¬
zusammenbrüche einen Psychoanalytiker aufzusuchen. Es gab damals
Analytiker, die ausreichendes Wissen gehabt hätten, um ihre Krankheit
zu verstehen'"
. (Meisel & Kendrick 1986, S. 308-309)

* ~ *

Klaus Mann (1929), der als erster eine literarische Initiation der V. W. im Deutschen leistete: "Die englische Schriftstellerin Virginia Woolf ist sehr in Mode, was mißtrauisch gegen sie macht. Ein geistreicher Kritiker hat sie als «Joyce für Damen» verulkt; das scheint mir ungerecht, denn sie prätendiert nichts, was sie nicht ist." (Klaus Mann [1929]: Zwei europäische Romane. (Virginia Woolf und Jean Cocteau). - In: Klaus Mann. Auf der Suche nach einem Weg. Berlin: Tansmare Verlag (1931). S. 227-234. - Abdruck aus: K. M.: Die neuen Eltern. Aufsätze, Reden, Kritiken 1924- 1933. Reinbek/Hamburg 1992. S. 207-211.

* ~ *

Im Deutschen: Es gibt komische, von inhärenten, modischen Interessen gespeiste Veröffentlichungen, ob's Kumpel&Füllereien oder von Journaillisten, die nicht literarisch, schon gar nicht psychologisch gebildet erscheinen - ersonnen:

https://www.spiegel.de/kultur/szenen-einer-ehe-a-2d467921-0002-0001-0000-000013529765

* ~ *

Diese Einschätzung des menschlihen & literarischen Falles V. W. ... ergibt sich nach genauen Kenntnissen von 31 suizidalen Fälle in menem Leben >seit dem 16. Jahr>; aufgrund meiner sozialwissenschaftlichen Studien und meines Erlebens mit suizidalen Patienten in einer kirchlichen Praxis der 'Anhörung'  <accueil für Menschen der Straße>. Ich bewerte V. W.s Erklärung als Bekundung ihres iind ividuelle Lebensendes, als finis vitae cantici; aut: Finis coronat vitam et opus [Ovid in Heroides (2, 85)],

1] Wie man auch übersetzt; die verzweifelte, ab eine klar, destikt, nicht lyrisch poinierte Botschaft lautet: "Liebster, ich spüre genau, dass ich wieder wahnsinnig werde".

1]  vita est: non accipimus brevem vitam, sed facimus nec inopes
eius, sed prodigi sumus. (.Seneca, Epistulae morales)

* * *  

Nachtrag: 16.02.2023:

                                                                                                                               Roger Fry: Porträt  Virginia Woolf, um 1917

       

 

Virginia Woolf:

Zitate. ,,Sprüche“ – hehre AusSagen; allenfalls AusDruck von Missbehagen, MissFlüchtigKeiten. (Geheimnivoll Femines. EntSetzen ob maskuliner Überlegenheit, die sie (sehr wohl) gerne selbst an/über/nommen hätte … - wenn sie anders gestaltet – und sozialisiert worden wäre [sie selbat hätte sozialiseren können!]: ein perönliches Unvermögen, das sie theatralisch formuliert (in den verbalen AusFlüchten; was in ihren Romane äußerst selten/dezent/schattenhaft/ver-heimlicht … vorkommt.

Ich vergleiche diesen psychischen BeFunde mit typischen Mörikeschen Angaben für Depressionen, Melancholien, Missbehagen seinem seelischen UnBehagen: – das vollkommen klar-intim ausgedrückt wird (in Briefen an seinen Umkreis - Mutter, Schwester. Freunde/Feundin: Braut (genannt), Literaten - :

Eduard Mörike: Zur Hypochondrie; zu seiner Hypochondrie [egal, wie man sie heuee ärztlich nenen mag:Dystonie; psychische Störungne, affektive Dilemmata,cognitive Dissonanz, schizophren oder schizothyme Beeichträchtigen; etc.:

  „INNERE NOT“: Laße dies Herz alleine haben / seine Wonne, seine Pein.

Ich bin jetzt so ziemlich zufrieden … Ziemlich zufrieden sage ich. wenn der Satan Hypochondrie nicht wäre, denn dafür erkenn ich ihn selber in guten und nüchternen Stunden. (An Ludwig Bauer. 9. 12. 1827. EM: HSK. Bd. 10; 198f.))

Als meiner hypochondrischen Natur ... tepesziere [lat. depascere: abweiden] ich mit Leid und Freude gerne so fort; sonst komme ich aus dem Gleichgewicht. (Brief an Kaufmann v. Juli 1825). EM: HSK. Bd.10. 103f.)

... halb weinerlich und lustig bewegt mich ein sonderbarer Wechsel von freudigem und herzlichem Mute und von zaghafter Schüchternheit. (An Gustav Schwab v. 22. 3. 1828. In.: EM: HSK: Bd. 10. S. 203f.

* ~ *

Kaum bin ich hier angelangt, bestes Kind, so gibt es schon wieder Gelegenheit, die Madel nach Grötzingen zu schicken, und ihr ein liebes Wort an Dich mitzugeben. O Herz! wie seltsam hat es die kurze Zeit, als ich von Dir bin, in meinem Innern gewechselt! So lang ich unterwegs war und in der frischen glänzenden Winterluft, wiegten sich meine Gedanken nur in einer Art von glücklicher Dumpfheit hin und her, kaum saß ich zu Haus, so fehlte mirs an allen Ecken und Enden, eine unerklärbare Unruh kam über mich; nicht blos das Heimweh nach Dir, nicht die Starrheit der alten Einsamkeit, nein, eine ganz neue unbekannte Trauer zog mir die Brust zusammen, aber Deine Gegenwart, ein Wort von Dir hätte mir doch allein geholfen.
Ich warf mich matt und abgespannt aufs Bette und fand, wie seit langer Zeit nicht, wieder eine Zuflucht in dem Troste unverhaltner Tränen. Es ist das einer von den rätselhaften Augenblicken, von denen es heißt: sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?
Du hast Dich deswegen auch nicht drum zu kümmern und ich hätte füglich nichts davon gesagt, wenn mirs nicht eine Erleichterung, ein Bedürfnis wäre, Dich eben in dieser Wehmut herbei in meine Arme zu ziehen, gerade jetzt Dir zu sagen, wie ganz Du mich durchdringest! (…)
- (An Luise Rau: lattenhardt, den 2. Dezember 1829. Mittwoch Abend)



 

 

 

Montag, 22. Februar 2021

Gegen-Gesänge: Wie wir uns be-weisen können gegen absolute Religiosa:

Wie wir uns beweisen können (wenn wir wollten): Gegen Denkverbote: 

Das Denkverbot, das die Religion im Dienste ihrer Selbsterhaltung ausgehen läßt, ist auch keineswegs ungefährlich, weder für den Einzelnen noch für die menschliche Gemeinschaft. Die analytische Erfahrung hat uns gelehrt, daß ein solches Verbot, wenn auch ursprünglich auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt, die Neigung hat sich auszubreiten und dann eine Ursache schwerer Hemmungen in der Lebenshaltung der Person wird. Diese Wirkung kann man auch am weiblichen Geschlecht beobachten als Folge des Verbots, sich auch nur im Denken mit seiner Sexualität zu beschäftigen. Die Schädlichkeit der religiösen Denkhemmung vermag die Biographik in der Lebensgeschichte fast aller hervorragenden Individuen vergangener Zeiten nachzuweisen. Anderseits gehört der Intellekt – oder nennen wir ihn bei seinem uns vertrauten Namen: die Vernunft – zu den Mächten, von denen man am ehesten einen einigenden Einfluß auf die Menschen erwarten darf, die Menschen, die so schwer zusammenzuhalten und darum kaum zu regieren sind. Man stelle sich vor, wie unmöglich die menschliche Gesellschaft würde, wenn jedermann auch nur sein eigenes Einmaleins und seine besondere Längen- und Gewichtseinheit hätte. Es ist unsere beste Zukunftshoffnung, daß der Intellekt – der wissenschaftliche Geist, die Vernunft – mit der Zeit die Diktatur im menschlichen Seelenleben erringen wird. Das Wesen der Vernunft bürgt dafür, daß sie dann nicht unterlassen wird, den menschlichen Gefühlsregungen und was von ihnen bestimmt wird die ihnen gebührende Stellung einzuräumen. Aber der gemeinsame Zwang einer solchen Herrschaft der Vernunft wird sich als das stärkste einigende Band unter den Menschen erweisen und weitere Einigungen anbahnen. Was sich, wie das Denkverbot der Religion, einer solchen Entwicklung widersetzt, ist eine Gefahr für die Zukunft der Menschheit .- (Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933) - 35. Vorlesun. Über eine Weltanschauung)

(Sigmunnd Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 35. Vorlesung. Über eine Weltanschauung. - Auch in Freuds Brief an Wilhelm Fliess (1887-1904). 1986, v. 9.6.1901)