> Mein Tausendschönchen >
V
e r
/ g
e b l
i c h e
B r i e f e # 8
Hej,
lieber N.:
… wir trafen uns mal in
Kleve; und konnten ein bisschen den Parkplatzwärter narren (man
hätte darauf eine kafkeske Parabel schreiben können; vielleicht
tust es nochmals); die Hauptblickrichtung(en) waren aber auf
Gaesdonck gerichtet... - die richtige Bedrohung (wer ist wieder
geschasst, wer wurde geext, wer hätte consilium abeundi verpasst,
wer gerügt ...), die ich allezeit, in veriate: Pro Deo et Domino
Baumeiteri mori; es war eine tägliche Bedrohng pro tempore, die man
für seine eigene, kleine Zukunft aushalten und in Vor-Vor-Sicht
behaupten musste.
Deine brutalen Erlebnisse
zu Nikolaus im Juvenat waren dafür ein leuchtendes Beispiel von
heilig-leuchender Nonnenhaftigkeit. -
Erinnerst Du Dich noch ein
Kafka-Erlebnis, in einer Klassenarbeit, als wir die Story von F.K.
interpretieren sollten, von einem Exempel, mit glühender Kohle (die
natürlich dem Zeitgenossen fehlte, weil der eilige Kohlenhändler
[äh: Pardon: die*in; Händlerin!]sie
nicht verkaufen wollte: „Der Kübelreiter“ (1921); vielleicht
hast Du ein anderes Thema genommen. Ich fand meine Arbeit ganz
gelungen (Ich spürte der gleichnishaftigen Wärme-Metaphorik nach:
heiß und kalt; aber die Note war nur befriegend;
sollte mich kalt lassen, aber
ärgerlich zurück lassen. Ich
schob es Kafka zu!
… aber
vielleicht bist Du in Deinem Leben (…
Psychologie)
gar nicht mehr mit Kafka in Berührung gekommen. Für
mich sind einige Kafka-Texte proto-typisch berauschend (für das 20.
Jh. und meine personale Bildung) geworden.
Und wenn Du ewas Spass
hättest mit dem komischen Odradek hättest; würde ich mich
freuen.
Mein Auha-Autismus, der mich auf das bischöflichen Gymnasium zwecks Kaplan-Werdung brachte.
Kafka:
Odradek
(zuerst 1917)
Die
einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie
suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere
wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur
beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit
Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit
keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.
Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien
beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek
heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige
Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen;
allerdings dürften es nur abgerissene, alte aneinander geknotete,
aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von verschiedenster Art
und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der
Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an
dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit
Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der
Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie
auf zwei Beinen aufrecht stehen.
Man wäre versucht zu
glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form
gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der
Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends
sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas derartiges
hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner
Art abgeschlossen. Näheres lässt sich übrigens nicht darüber
sagen, daß Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen
sei: windflüchtig. {Komisch: meine
Interpretation; sie ist vers-(äh: ver-geblich!}
Er hält sich
abwechselnd auf dem Dachboden, in Treppenhaus, auf den Gängen, im
Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl
in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich
wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt
und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn
anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen,
sondern behandelt ihn - schon seine Winzigkeit verführt dazu - wie
ein Kind. „Wie heißt du denn?“ fragt man ihn. „Odradek“,
sagt er. „Und wo wohnst du?“ „Unbestimmter Wohnsitz“, sagt er
und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen
hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen
Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Uebrigens sind
selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange
stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.
Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen
wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art
Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das
trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor
den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem
Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar
niemandem; aber die Vorstellung, dass er mich auch noch überleben
sollte, ist mir eine fast schmerzliche.
* *
Zum
Odradek, dem Rätselwort, gibt es Notizen in der Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Odradek
Glüch
zu: Äh: Glück zu: Wiki!
>>> Entstanden: Mai/Jun.
1917; erschienen:1920 im Band „Ein Landarzt“ (14 Prosastücke)
In: F. K.: Sämtliche Erzählungen. 1970. S. 139ff.
Ja, „Odradek“, dem Spielzeug, das mir mein Bruder Köb bastelte
zu meinem 7. Geburtstag; als wir alle nichts von Kafka wussten und
doch ein schönes Spiel mit der niedlich dahin-ruckenden Garnrolle
spielten, als wir noch sorgen-frei auf „Pannofen“ lebten, unserer
grünen „Lehmgrube“, der verkommenen Ziegelbrennerei auf Goch:
Voßheide 90.
< Greis, mickrig-nackig; mit seinem Odrakek'chen >
Ich zitiere aber nochmals M. v. E. E., um ein bisschen die
angedeutete Freiheit zu be-leucht-en, die bei mir „Odradek“
bedeutet: „Manche Leute wären frei, wenn sie zu dem BewußStein; äh: Bewußtsein, ihre Freiheit kommen könnten.“
Oder zurück in die Literaturgeschichte zu Jean Paul: „Die Priester
bringen uns Briefe vom Himmel; aber sind nicht frankiert.“
Auch Kafka Texte bleiben „kafkaesk“; man kann sie nur
psychoanalytisch interpretieren, wenn man denn weiß, was die
Freihei(ten)&Zwänge in Es/Ich/Über-Ich, also im Kopp –
oder im Traum leisten können.
Aber,
mein kleines, stilles Odradek'schen war mein Frähling;
]
Eigentlich: „Schmetterling“
[jedenfalls in meiner Kindersprache): ein tolles G'schenk von meinem
Patenonkel: selsbstgesägt/gezimmert/verdrahtet: ein Schmetterling
aus Holz/Flügel/Rollen, dessen Flügel sich bewegten – so wie ich
ihn fortbewegte in seinem Schwarz-Goldenen Glanz: hin und her; auch
in der Luft (da konnte er die Flügel aber nicht mehr bewegen).-
niemand soll es deuten/klären/verfälschen können: Nur meine
Geschwister – aus unserem Spielen heraus - könnten es wissen: S p i e l t zu, ihr Blagen!
Oder wie: Walter Benjamin ihn beschrieb: den "Odradek":
"Zweifel
beschlichen mich, ob dieser Kasten von Haus aus überhaupt zum Nähen
sei – sie waren denen ähnlich, die mich jetzt manchmal auf offener
Straße überfallen, wenn ich von weitem nicht entscheiden kann, ob
ich vor Augen eine Konfiserie oder eine Friseurauslage habe. Und
schwerlich hätte ich mich sehr gewundert, wenn bei den Spulen eine
redende, die Spule Odradek, gelegen hätte, die ich fast vierzig
Jahre später kennen lernte. Zwar nennt der Dichter diese redende und
rätselhafte, welche auf den Treppen und in den Zimmerecken sich
herumtreibt, »die Sorge des Hausvaters«. Das wird aber der Vorstand
einer jener zweideutigen Familien sein, bei denen sich die
Geschlechtsverhältnisse verkehren. Soviel zumindest spürte ich
schon damals, daß die Zwirn- und Garnrollen mich mit verrufener
Lockung peinigten. Und zwar war deren Sitz in ihrem Hohlraum, in dem
früher die Achse kreiste, deren schnelle Drehung den Faden auf die
Rolle wickelte. Nachher verschwand dies Loch auf beiden Seiten unter
der Oblate, die meistens schwarz war und mit goldenem Aufdruck den
Firmennamen und die Nummer trug. Zu groß war die Versuchung, meine
Fingerspitzen gegen die Mitte der Oblate anzustemmen, zu innig die
Befriedigung, wenn sie riß und ich das Loch darunter tastete." [In: W.B.: "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert". Ausgabe 1991. Bd. SS.W. IV.1
Und immmmmmmmmer wieder:
Wie immmmmmer, wer vom Kafkaesken
spricht, immer vom Odradek sprechen will; will Franzl
kann nicht kennen; er tut so nur: irrrrr-genwie kafkaesk:
https://www.dwds.de/r/?corpus=kern&q=Odradek
Oder, in der ZEIT, von 1946-2019; immer
mal so weiter, ihr Schwätzer*innen:
https://www.dwds.de/r/?corpus=zeit&q=kafkaesk