Frans
Masareel: Stefan Zweig (nach meiner farblichen Variation)
<S.Fischer-Tabu & Montage>
Stefan Zweig: Buchmendel
Zuerst als
Zeitungsdruck: Buchmendel,
in: Neue Freie Presse, 1.–3. November 1929
Buch: 929; in:
Kleine Chronik. Vier Erzählungen. 1929. Leipzig. Insel-Bücherei
408.
- "Buchmendel".
Novelle. 1930. Verlag: Officina Serpentis für den Bergischen
Bibliophilen-Abend
Gesamt-Drucke im
Verzeichnis:http://zweig.fredonia.edu/index.php?title=Buchmendel._Erz%C3%A4hlungen
-
Als Ta-Buch in: SZ.:
Buchmendel. Erzählungen. Hrsg. v. Kurt Beck. Ffm. 1990.
Wieder einmal in Wien und heimkehrend von einem Besuch, in den
äußeren Bezirken, geriet ich unvermutet in einen Regenguß, der mit
nasser Peitsche die Menschen hurtig in Haustore und Unterstände
jagte, und auch ich selbst suchte schleunig nach einem schützenden
Obdach. Glücklicherweise wartet nun in Wien an jeder Ecke ein
Kaffeehaus – so flüchtete ich in das gerade gegenüberliegende,
mit schon tropfendem Hut und arg durchnäßten Schultern. Es erwies
sich von innen als Vorstadtcafé hergebrachter, fast schematischer
Art, ohne die neumodischen Attrappen der Deutschland nachgeahmten
innerstädtischen Musikdielen, altwienerisch bürgerlich und
vollgefüllt mit kleinen Leuten, die mehr Zeitungen konsumierten als
Gebäck. Jetzt um die Abendstunde war zwar die ohnehin schon stickige
Luft mit blauen Rauchkringeln dick marmoriert, dennoch wirkte dies
Kaffeehaus sauber mit seinen sichtlich neuen Samtsofas und seiner
aluminiumhellen Zahlkasse: In der Eile hatte ich mir gar nicht die
Mühe genommen, seinen Namen außen abzulesen, wozu auch? – Und nun
saß ich warm und blickte ungeduldig durch die blauüberflossenen
Scheiben, wann es dem lästigen Regen belieben würde, sich ein paar
Kilometer weiter zu verziehen.
Unbeschäftigt saß ich also da und begann
schon jener trägen Passivität zu verfallen, die narkotisch jedem
wirklichen Wiener Kaffeehaus unsichtbar entströmt. Aus diesem leeren
Gefühl blickte ich mir einzeln die Leute an, denen das künstliche
Licht dieses Rauchraums ein ungesundes Grau um die Augen schattete,
schaute dem Fräulein an der Kasse zu, wie sie mechanisch Zucker und
Löffel für jede Kaffeetasse dem Kellner austeilte, las halbwach und
unbewußt die höchst gleichgültigen Plakate an den Wänden, und
diese Art Verdumpfung tat beinahe wohl. Aber plötzlich ward ich auf
merkwürdige Weise aus meiner Halbschläferei gerissen, eine innere
Bewegung begann unbestimmt unruhig in mir, so wie ein kleiner
Zahnschmerz beginnt, von dem man noch nicht weiß, ob er von links,
von rechts, vom untern oder obern Kiefer seinen Ausgang nimmt; nur
ein dumpfes Spannen fühlte ich, eine geistige Unruhe. Denn plötzlich
– ich hätte es nicht sagen können, wodurch – wurde mir bewußt,
hier mußte ich schon einmal vor Jahren gewesen und durch irgendeine
Erinnerung diesen Wänden, diesen Stühlen, diesen Tischen, diesem
fremden, rauchigen Raum verbunden sein.
Aber je mehr ich den Willen vortrieb, diese Erinnerung zu fassen,
desto boshafter und glitschiger wich sie zurück – wie eine Qualle
ungewiß leuchtend auf dem untersten Grund des Bewußtseins und doch
nicht zu greifen, nicht zu packen. Vergeblich klammerte ich den Blick
an jeden Gegenstand der Einrichtung; gewiß, manches kannte ich
nicht, wie die Kasse zum Beispiel mit ihrem klirrenden
Zahlungsautomaten und nicht diesen braunen Wandbelag aus falschem
Palisanderholz, alles das mußte erst später aufmontiert worden
sein. Aber doch, aber doch, hier war ich einmal gewesen vor zwanzig
Jahren und länger, hier haftete, im Unsichtbaren versteckt wie der
Nagel im Holz, etwas von meinem eigenen, längst überwachsenen Ich.
Gewaltsam streckte und stieß ich alle meine Sinne vor in den Raum
und gleichzeitig in mich hinein – und doch, verdammt, ich konnte
sie nicht erreichen, diese verschollene, in mir selbst ertrunkene
Erinnerung.
Ich ärgerte mich, wie
man sich immer ärgert, wenn irgendein Versagen einen die
Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit der geistigen Kräfte gewahr
werden läßt. Aber ich gab die Hoffnung nicht auf, diese Erinnerung
doch noch zu erreichen. Nur einen winzigen Haken, das wußte ich,
mußte ich in die Hand kriegen, denn mein Gedächtnis ist sonderbar
geartet, gut und schlecht zugleich, einerseits trotzig und
eigenwillig, aber dann wieder unbeschreiblich getreu. Es schluckt das
Wichtigste sowohl an Geschehnissen als auch an Gesichtern, an
Gelesenem wie an Erlebtem oft völlig hinab in seine Dunkelheiten und
gibt nichts aus dieser Unterwelt ohne Zwang, bloß auf den Anruf des
Willens heraus. Aber nur den flüchtigsten Halt muß ich fassen, eine
Ansichtskarte, ein paar Schriftzüge auf einem Briefkuvert, ein
verräuchertes Zeitungsblatt, und sofort zuckt das Vergessene wie an
der Angel der Fisch aus der dunkel strömenden Fläche völlig
leibhaft und sinnlich wieder hervor. Jede Einzelheit weiß ich dann
eines Menschen, seinen Mund und im Mund wieder die Zahnlücke links
bei seinem Lachen, und den brüchigen Tonfall dieses Lachens und wie
dabei der Schnurrbart ins Zucken kommt und wie ein anderes, neues
Antlitz heraustaucht aus diesem Lachen – alles das sehe ich dann
sofort in völliger Vision und weiß auf Jahre zurück jedes Wort,
das dieser Mensch mir jemals erzählte. Immer aber bedarf ich, um
Vergangenes sinnlich zu sehen und zu fühlen, eines sinnlichen
Anreizes, eines winzigen Helfers aus der Wirklichkeit. So schloß ich
die Augen, um angestrengter nachdenken zu können, um jenen
geheimnisvollen Angelhaken zu formen und zu fassen. Aber nichts!
Abermals nichts! Verschüttet und vergessen! Und ich erbitterte mich
derart über den schlechten, eigenwilligen Gedächtnisapparat
zwischen meinen Schläfen, daß ich mit den Fäusten mir die Stirne
hätte schlagen können, so wie man einen verdorbenen Automaten
anrüttelt, der widerrechtlich das Geforderte zurückbehält. Nein,
ich konnte nicht länger ruhig sitzen bleiben, so erregte mich dieses
innere Versagen, und ich stand vor lauter Ärger auf, mir Luft zu
machen. Aber sonderbar – kaum daß ich die ersten Schritte durch
das Lokal getan, da begann es schon, flirrend und funkelnd, dieses
erste phosphoreszierende Dämmern in mir. Rechts von der Zahlkasse,
erinnerte ich mich, mußte es hinübergehen in einen fensterlosen und
nur von künstlichem Licht erhellten Raum. Und tatsächlich: es
stimmte. Da war es, anders tapeziert als damals, aber doch genau in
den Proportionen, dies in seinen Konturen verschwimmende rechteckige
Hinterzimmer, das Spielzimmer. Instinktiv sah ich mich um nach den
einzelnen Gegenständen, mit schon freudig vibrierenden Nerven
(gleich würde ich alles wissen, fühlte ich). Zwei Billarde
lungerten als grüne lautlose Schlammteiche darin, in den Ecken
hockten Spieltische, an deren einem zwei Hofräte oder Professoren
Schach spielten. Und in der Ecke, knapp beim eisernen Ofen, dort, wo
man zur Telephonzelle ging, stand ein kleiner viereckiger Tisch. Und
da blitzte es mich plötzlich durch und durch. Ich wußte sofort,
sofort, mit einem einzigen heißen, beglückt erschütterten Ruck:
Mein Gott, das war ja Mendels Platz, Jakob Mendels, Buchmendels, und
ich war nach zwanzig Jahren wieder in sein Hauptquartier, in das Café
Gluck in der obern Alserstraße, geraten. Jakob Mendel, wie hatte ich
ihn vergessen können, so unbegreiflich lange, diesen sonderbarsten
Menschen und sagenhaften Mann, dieses abseitige Weltwunder, berühmt
an der Universität und in einem engen, ehrfürchtigen Kreis – wie
ihn aus der Erinnerung verlieren, ihn, den Magier und Makler der
Bücher, der hier täglich unentwegt saß von morgens bis abends, ein
Wahrzeichen des Wissens, Ruhm und Ehre des Café Gluck!
Und nur diese eine Sekunde lang mußte ich
den Blick nach innen wenden hinter die Lider, und auf stieg schon aus
dem bildnerisch erhellten Blut seine unverkennbare, plastische
Gestalt. Ich sah ihn sofort leibhaftig, wie er dort immer saß an dem
viereckigen Tischchen mit der grauschmutzigen Marmorplatte, der
allzeit mit Büchern und Schriften überhäuften. Wie er dort
unentwegt und unerschütterlich saß, den bebrillten Blick hypnotisch
starr auf ein Buch geheftet, wie er dort saß und im Lesen summend
und brummend seinen Körper und die schlechtpolierte, fleckige Glatze
vor- und zurückschaukelte, eine Gewohnheit, mitgebracht aus dem
Cheder, der jüdischen Kleinkinderschule des Ostens. Hier an diesem
Tisch und nur an ihm las er seine Kataloge und Bücher, so wie man
ihn das Lesen in der Talmudschule gelehrt, leise singend und sich
schwingend, eine schwarze, schaukelnde Wiege. Denn wie ein Kind in
Schlaf fällt und der Welt entsinkt durch dieses rhythmisch
hypnotische Auf und Nieder, so geht nach der Meinung jener Frommen
auch der Geist leichter ein in die Gnade der Versenkung dank diesem
Sichschwingen des müßigen Leibes. Und tatsächlich, dieser Jakob
Mendel sah und hörte nichts von allem um sich her. Neben ihm lärmten
und krakeelten die Billardspieler, liefen die Marköre, rasselte das
Telefon; man scheuerte den Boden, man heizte den Ofen, er merkte
nichts davon. Einmal war eine glühende Kohle aus dem Ofen gefallen,
schon brenzelte und qualmte zwei Schritte von ihm das Parkett, da
erst, am infernalischen Gestank, bemerkte ein Gast die Gefahr und
stürzte zu, hastig das Qualmen zu löschen: Er selbst aber, Jakob
Mendel, nur zwei Zoll weit und schon angebeizt vom Rauch, er hatte
nichts wahrgenommen. Denn er las, wie andere beten, wie Spieler
spielen und Trunkene betäubt ins Leere starren, er las mit einer so
rührenden Versunkenheit, daß alles Lesen von anderen Menschen mir
seither immer profan erschien. In diesem kleinen galizischen
Büchertrödler Jakob Mendel hatte ich zum erstenmal als junger
Mensch das große Geheimnis der restlosen Konzentration gesehen, das
den Künstler macht wie den Gelehrten, den wahrhaft Weisen wie den
vollkommen Irrwitzigen, dieses tragische Glück und Unglück
vollkommener Besessenheit.
Hingeführt zu ihm hatte mich ein älterer Kollege von der
Universität. Ich forschte damals dem selbst heute noch nur wenig
erkannten paracelsischen Arzt und Magnetiseur Mesmer nach, allerdings
mit wenig Glück; denn die einschlägigen Werke erwiesen sich als
unzulänglich, und der Bibliothekar, den ich argloser Neuling um
Auskunft gebeten, murrte mich unfreundlich an, Literaturnachweise
seien meine Sache, nicht die seine. Damals nannte mir nun jener
Kollege zum erstenmal seinen Namen. »Ich geh mit dir zu Mendel«,
versprach er mir, »der weiß alles und verschafft alles, der holt
dir das entlegenste Buch aus dem vergessensten deutschen Antiquariat
heran. Der tüchtigste Mann in Wien und überdies noch ein Original,
ein vorweltlicher Bücher-Saurier aussterbender Rasse.«
So gingen wir zu zweit ins Café Gluck, und siehe, da saß er,
Buchmendel, bebrillt, bartumschludert, schwarz angetan, und wiegte
sich lesend wie ein dunkler Busch im Wind. Wir traten heran, er
merkte es nicht. Er saß nur und las und wiegte den Oberkörper
pagodenhaft hin und zurück über den Tisch, und hinter ihm pendelte
am Haken sein brüchiger schwarzer Paletot, gleichfalls breit
angestopft mit Zeitschriften und Zettelwerk. Um uns anzukündigen,
hustete mein Freund kräftig. Aber Mendel, die dicke Brille hart ans
Buch gedrückt, merkte noch nichts. Endlich klopfte mein Freund auf
die Tischplatte, genauso laut und kräftig, wie man an eine Tür
pocht – da starrte Mendel endlich auf, schob die ungefüge
stahlgeränderte Brille mechanisch rasch die Stirn empor, und unter
den weggesträubten aschgrauen Brauen stachen uns zwei merkwürdige
Augen entgegen, kleine, schwarze, wache Augen, flink, spitz und
flippend wie eine Schlangenzunge. Mein Freund präsentierte mich, und
ich erläuterte mein Anliegen, wobei ich zuerst – diese List hatte
mein Freund ausdrücklich anempfohlen – mich scheinzornig über den
Bibliothekar beklagte, der mir keine Auskunft hatte geben wollen.
Mendel lehnte sich zurück und spuckte sorgfältig aus. Dann lachte
er nur kurz mit stark östlichem Jargon: »Nicht gewollt hat er? Nein
– nicht gekonnt hat er! Ein Parch is er, ein geschlagener Esel mit
graue Haar. Ich kenn ihn, Gott sei's geklagt, zu gutem schon zwanzig
Jahr, aber gelernt hat er seitdem noch immer nix. Gehalt einstecken,
dos is das einzige, was die können! Ziegelsteine sollten sie lieber
schupfen, diese Herrn Doktors, statt bei die Bücher sitzen.«
Mit
dieser kräftigen Herzentladung war das Eis gebrochen, und eine
gutmütige Handbewegung lud mich zum erstenmal an den viereckigen,
mit Notizen überschmierten Marmortisch, diesen mir noch unbekannten
Altar bibliophiler Offenbarungen. Ich erklärte rasch meine Wünsche:
die zeitgenössischen Werke über Magnetismus sowie alle späteren
Bücher und Polemiken für und gegen Mesmer; sobald ich fertig war,
kniff Mendel eine Sekunde das linke Auge zusammen, genau wie ein
Schütze vor dem Schuß. Aber wahrhaftig, nur eine Sekunde dauerte
diese Geste konzentrierter Aufmerksamkeit, dann zählte er sofort,
wie aus einem unsichtbaren Katalog lesend, zwei oder drei Dutzend
Bücher fließend auf, jedes mit Verlagsort, Jahreszahl und
ungefährem Preis. Ich war verblüfft. Obwohl vorbereitet, dies hatte
ich nicht erwartet. Aber meine Verdutztheit schien ihm wohlzutun;
denn sofort spielte er auf der Klaviatur seines Gedächtnisses die
wunderbarsten bibliothekarischen Paraphrasen meines Themas weiter. Ob
ich auch über die Somnambulisten etwas wissen wolle und über die
ersten Versuche mit Hypnose und über Gaßner, die
Teufelsbeschwörungen und die Christian Science und die Blavatsky?
Wieder prasselten die Namen, die Titel, die Beschreibungen; jetzt
erst begriff ich, an ein wie einzigartiges Wunder von Gedächtnis ich
bei Jakob Mendel geraten war, tatsächlich an ein Lexikon, an einen
Universalkatalog auf zwei Beinen. Ganz benommen starrte ich dieses
bibliographische Phänomen an, eingespult in die unansehnliche, sogar
etwas schmierige Hülle eines galizischen kleinen Buchtrödlers, der,
nachdem er mir etwa achtzig Namen heruntergerasselt, scheinbar
achtlos, aber innerlich wohlgefällig über seinen ausgespielten
Trumpf, sich die Brille mit einem vormals vielleicht weiß gewesenen
Taschentuch putzte. Um mein Staunen ein wenig zu bemänteln, fragte
ich zaghaft, welche von diesen Büchern er mir allenfalls besorgen
könne. »Nu, man wird ja sehen, was sich machen läßt«, brummte
er. »Kommen Sie nur morgen wieder her, der Mendel wird Ihnen
inzwischen schon eppes auftreiben, und was sich nicht findet, werd
ich anderswo finden. Wenn einer Sechel hat, hat er auch Glück.« Ich
dankte höflich und stolperte aus lauter Höflichkeit sofort in eine
dicke Dummheit hinein, indem ich vorschlug, ihm meine gewünschten
Buchtitel auf einen Zettel zu notieren. Im gleichen Augenblick spürte
ich schon einen warnenden Ellbogenstoß meines Freundes. Aber zu
spät! Schon hatte mir Mendel einen Blick zugeworfen – welch einen
Blick! –, einen gleichzeitig triumphierenden und beleidigten, einen
höhnischen und überlegenen, einen geradezu königlichen Blick, den
shakespearischen Blick Macbeths, wenn Macduff dem unbesiegbaren
Helden zumutet, sich kampflos zu ergeben. Dann lachte er abermals
kurz, der große Adamsapfel an seiner Kehle kollerte merkwürdig hin
und her, anscheinend hatte er ein grobes Wort mühsam verschluckt.
Und er wäre im Recht gewesen mit jeder erdenklichen Grobheit, der
gute, brave Buchmendel; denn nur ein Fremder, ein Ahnungsloser (ein
»Amhorez«, wie er sagte) konnte eine derart beleidigende Zumutung
stellen, ihm, Jakob Mendel, ihm, Jakob Mendel, einen Buchtitel
aufzunotieren wie einem Buchhandlungslehrling oder Bibliotheksdiener,
als ob dieses unvergleichliche, dieses diamantene Buchgehirn solch
grober Hilfsmittel jemals bedurft hätte. Erst später begriff ich,
wie sehr ich sein abseitiges Genie mit diesem höflichen Angebot
gekränkt haben mußte; denn dieser kleine, zerdrückte, ganz in
seinen Bart eingewickelte und überdies bucklige galizische Jude
Jakob Mendel war ein Titan des Gedächtnisses. Hinter dieser
kalkigen, schmutzigen, von grauem Moos überwucherten Stirn stand in
der unsichtbaren Geisterschrift jeder Name und Titel wie mit Stahlguß
eingestanzt, der je auf einem Titelblatt eines Buches gedruckt war.
Er wußte von jedem Werk, dem gestern erschienenen wie von einem
zweihundert Jahre alten, auf den ersten Hieb genau den
Erscheinungsort, den Verfasser, den Preis, neu und antiquarisch, und
erinnerte sich bei jedem Buch mit fehlerloser Vision zugleich an
Einband und Illustrationen und Faksimilebeigaben, er sah jedes Werk,
ob er es selbst in den Händen gehabt oder nur von fern in einer
Auslage oder Bibliothek einmal erspäht hatte, mit der gleichen
optischen Deutlichkeit wie der schaffende Künstler sein inneres und
der andern Welt noch unsichtbares Gebilde. Er erinnerte sich, wenn
etwa ein Buch im Katalog eines Regensburger Antiquariats um sechs
Mark angeboten wurde, sofort, daß ebendasselbe in einem anderen
Exemplar vor zwei Jahren in einer Wiener Auktion um vier Kronen zu
haben gewesen war, und zugleich auch des Erstehers; nein: Jakob
Mendel vergaß nie einen Titel, eine Zahl, er kannte jede Pflanze,
jedes Infusorium, jeden Stern in dem ewig schwingenden und ständig
umgerüttelten Kosmos des Bücherweltalls. Er wußte in jedem Fach
mehr als die Fachleute, er beherrschte die Bibliotheken besser als
die Bibliothekare, er kannte die Lager der meisten Firmen auswendig
besser als ihre Besitzer, trotz ihren Zetteln und Kartotheken, indes
ihm nichts zu Gebote stand als Magie des Erinnerns, als dies
unvergleichliche, dies nur an hundert einzelnen Beispielen wahrhaft
zu explizierende Gedächtnis. Freilich, dieses Gedächtnis hatte nur
so dämonisch unfehlbar sich schulen und gestalten können durch das
ewige Geheimnis jeder Vollendung: durch Konzentration. Außerhalb der
Bücher wußte dieser merkwürdige Mensch nichts von der Welt; denn
alle Phänomene des Daseins begannen für ihn erst wirklich zu
werden, wenn sie in Lettern sich umgossen, wenn sie in einem Buch
sich gesammelt und gleichsam sterilisiert hatten. Aber auch diese
Bücher selbst las er nicht auf ihren Sinn, auf ihren geistigen und
erzählerischen Gehalt: Nur ihr Name, ihr Preis, ihre
Erscheinungsform, ihr erstes Titelblatt zog seine Leidenschaft an.
Unproduktiv und unschöpferisch im letzten, bloß ein
hunderttausendstelliges Verzeichnis von Titeln und Namen, in die
weiche Gehirnrinde eines Säugetieres eingestempelt, statt wie sonst
in einen Buchkatalog geschrieben, war dies spezifisch antiquarische
Gedächtnis Jakob Mendels jedoch in seiner einmaligen Vollendung als
Phänomen nicht geringer als jenes Napoleons für Physiognomien,
Mezzofantis für Sprachen, eines Lasker für Schachanfänge, eines
Busoni für Musik. Eingesetzt in ein Seminar, an eine öffentliche
Stelle, hätte das Gehirn Tausende, Hunderttausende von Studenten und
Gelehrten belehrt und erstaunt, fruchtbar für die Wissenschaften,
ein unvergleichlicher Gewinn für jene öffentlichen Schatzkammern,
die wir Bibliotheken nennen. Aber diese obere Welt war ihm, dem
kleinen, ungebildeten galizischen Buchtrödler, der nicht viel mehr
als seine Talmudschule bewältigt, für ewig verschlossen; so
vermochten diese phantastischen Fähigkeiten sich nur als
Geheimwissenschaft auszuwirken an jenem Marmortisch des Café Gluck.
Doch wenn einmal der große Psychologe kommt (dies Werk fehlt noch
immer unserer geistigen Welt), der so beharrlich und geduldig, wie
Buffon die Abarten der Tiere ordnete und klassierte, seinerseits alle
Spielarten, Spezies und Urformen der magischen Macht, die wir
Gedächtnis nennen, vereinzelt schildert und in ihren Varianten
darlegt, dann müßte er Jakob Mendels gedenken, dieses Genies der
Preise und Titel, dieses namenlosen Meisters der antiquarischen
Wissenschaft.
Dem
Berufe nach und für die Unwissenden galt Jakob Mendel freilich nur
als kleiner Buchschacherer. Allsonntags erschienen in der »Neuen
Freien Presse« und im »Neuen Wiener Tagblatt« dieselben
stereotypen Anzeigen: »Kaufe alte Bücher, zahle beste Preise, komme
sofort, Mendel, obere Alserstraße«, und dann eine Telephonnummer,
die in Wirklichkeit jene des Café Gluck war. Er stöberte Lager
durch, schleppte mit einem alten kaiserbärtigen Dienstmann
allwöchentlich neue Beute in sein Hauptquartier und von dort wieder
weg, denn für einen ordnungsgemäßen Buchhandel fehlte ihm die
Konzession. So blieb es beim kleinen Schacher, bei einer wenig
einträglichen Tätigkeit. Studenten verkauften ihm ihre Lehrbücher,
durch seine Hände wanderten sie vom älteren Jahrgang zum jeweils
jüngeren, außerdem vermittelte und besorgte er jedes gesuchte Werk
mit geringem Zuschlag. Bei ihm war guter Rat billig. Aber das Geld
hatte keinen Raum innerhalb seiner Welt; denn nie hatte man ihn
anders gesehen als im gleichen abgeschabten Rock, früh, nachmittags
und abends seine Milch verzehrend und zwei Brote, mittags eine
Kleinigkeit essend, die man ihm vom Gasthaus herüberholte. Er
rauchte nicht, er spielte nicht, ja man darf sagen, er lebte nicht,
nur die beiden Augen lebten hinter der Brille und fütterten jenes
rätselhafte Wesen Gehirn unablässig mit Worten, Titeln und Namen.
Und die weiche, fruchtbare Masse sog diese Fülle gierig in sich ein
wie eine Wiese die tausend und aber tausend Tropfen eines Regens. Die
Menschen interessierten ihn nicht, und von allen menschlichen
Leidenschaften kannte er vielleicht nur die eine, freilich
allermenschlichste, die Eitelkeit. Wenn jemand zu ihm um eine
Auskunft kam, an hundert andern Stellen schon müde gesucht, und er
konnte auf den ersten Hieb ihm Bescheid geben, dies allein wirkte auf
ihn als Genugtuung, als Lust, und vielleicht noch dies, daß in Wien
und auswärts ein paar Dutzend Menschen lebten, die seine Kenntnisse
ehrten und brauchten. In jedem dieser ungefügen
Millionenkonglomerate, die wir Großstadt nennen, sind immer an
wenigen Punkten einige kleine Facetten eingesprengt, die ein und
dasselbe Weltall auf kleinwinziger Fläche spiegeln, unsichtbar für
die meisten, kostbar bloß dem Kenner, dem Bruder in der
Leidenschaft. Und diese Kenner der Bücher kannten alle Jakob Mendel.
So wie man, wenn man über ein Musikblatt Rat holen wollte, zu
Eusebius Mandyczewski in die Gesellschaft der Musikfreunde ging, der
dort mit grauem Käppchen freundlich inmitten seiner Akten und Noten
saß und mit dem ersten aufschauenden Blick die schwierigsten
Probleme lächelnd löste, so wie heute noch jeder, der über
Altwiener Theater und Kultur Aufschluß braucht, unfehlbar sich an
den allwissenden Vater Glossy wendet, so pilgerten mit der gleichen
vertrauenden Selbstverständlichkeit die paar strenggläubigen Wiener
Bibliophilen, sobald es eine besonders harte Nuß zu knacken gab, ins
Café Gluck zu Jakob Mendel. Bei einer solchen Konsultation Mendel
zuzusehen, bereitete mir jungem neugierigem Menschen eine Wollust
besonderer Art. Während er sonst, wenn man ihm ein minderes Buch
vorlegte, den Deckel verächtlich zuklappte und nur murrte: »Zwei
Kronen«, rückte er vor irgendeiner Rarität oder einem Unikum
respektvoll zurück, legte ein Papierblatt unter, und man sah, daß
er sich auf einmal seiner schmutzigen, tintigen, schwarznägeligen
Finger schämte. Dann begann er zärtlich-vorsichtig, mit einer
ungeheuren Hochachtung das Rarum anzublättern, Seite für Seite.
Niemand konnte ihn in einer solchen Sekunde stören, so wenig wie
einen wirklich Gläubigen im Gebet, und tatsächlich hatte dies
Anschauen, Berühren, Beriechen und Abwägen, hatte jede dieser
Einzelhandlungen etwas, von dem Zeremoniell, von der kultisch
geregelten Aufeinanderfolge eines religiösen Aktes. Der krumme
Rücken schob sich hin und her, dabei murrte und knurrte er, kratzte
sich im Haar, stieß merkwürdige vokalische Urlaute aus, ein
gedehntes, fast erschrockenes »Ah« und »Oh« hingerissener
Bewunderung und dann wieder ein rapid erschrecktes »Oi« oder
»Oiweh«, wenn sich eine Seite als fehlend oder ein Blatt als vom
Holzwurm zerfressen erwies. Schließlich wog er die Schwarte
respektvoll auf der Hand, beschnüffelte und beroch das ungefügige
Quadrat mit halbgeschlossenen Augen nicht minder ergriffen als ein
sentimentalisches Mädchen eine Tuberose. Während dieser etwas
umständlichen Prozedur mußte selbstredend der Besitzer seine Geduld
zusammenhalten. Nach beendetem Examen aber gab Mendel bereitwillig,
ja geradezu begeistert, jede Auskunft, an die sich unfehlbar
weitspurige Anekdoten und dramatische Preisberichte von ähnlichen
Exemplaren anschlossen. Er schien heller, jünger, lebendiger zu
werden in solchen Sekunden, und nur eines konnte ihn maßlos
erbittern: wenn etwa ein Neuling ihm für diese Schätzung Geld
anbieten wollte. Dann wich er gekränkt zurück wie etwa ein
Galeriehofrat, dem ein durchreisender Amerikaner für seine Erklärung
ein Trinkgeld in die Hand drücken will; denn ein kostbares Buch in
der Hand haben zu dürfen bedeutete für Mendel, was für einen
andern die Begegnung mit einer Frau. Diese Augenblicke waren seine
platonischen Liebesnächte. Nur das Buch, niemals Geld hatte über
ihn Macht. Vergebens versuchten darum große Sammler, darunter auch
der Gründer der Universität in Princeton, ihn für ihre Bibliothek
als Berater und Einkäufer zu gewinnen – Jakob Mendel lehnte ab; er
war nicht anders zu denken als im Café Gluck. Vor dreiunddreißig
Jahren, mit noch weichem, schwarzflaumigem Bart und geringelten
Stirnlocken, war er, ein kleines schiefes Jüngel, aus dem Osten nach
Wien gekommen, um Rabbinat zu studieren; aber bald hatte er den
harten Eingott Jehova verlassen, um sich der funkelnden und
tausendfältigen Vielgötterei der Bücher zu ergeben. Damals hatte
er zuerst ins Café Gluck gefunden, und allmählich wurde es seine
Werkstatt, sein Hauptquartier, sein Postamt, seine Welt. Wie ein
Astronom einsam auf seiner Sternwarte durch den winzigen Rundspalt
des Teleskops allnächtlich die Myriaden Sterne betrachtet, ihre
geheimnisvollen Gänge, ihr wandelndes Durcheinander, ihr Verlöschen
und Sichwiederentzünden, so blickte Jakob Mendel durch seine Brille
von diesem viereckigen Tisch in das andere Universum der Bücher, das
gleichfalls ewig kreisende und sich um gebärende, in diese Welt über
unserer Welt.
Selbstverständlich war er hoch angesehen im
Café Gluck, dessen Ruhm sich für uns mehr an sein unsichtbares
Katheder knüpfte als an die Patenschaft des hohen Musikers, des
Schöpfers der »Alceste« und der »Iphigenia«: Christoph Willibald
Gluck. Er gehörte dort ebenso zum Inventar wie die alte
Kirschholzkasse, wie die beiden arg geflickten Billarde, der kupferne
Kaffeekessel, und sein Tisch wurde gehütet wie ein Heiligtum. Denn
seine zahlreichen Kundschaften und Auskundschafter wurden von dem
Personal jedesmal freundlich zu irgendeiner Bestellung gedrängt, so
daß der größere Gewinnteil seiner Wissenschaft eigentlich dem
Oberkellner Deubler in die breite, hüftwärts getragene Ledertasche
floß. Dafür genoß Buchmendel vielfache Privilegien. Das Telephon
stand ihm frei, man hob ihm seine Briefe auf und besorgte alle
Bestellungen; die alte, brave Toilettenfrau bürstete ihm den Mantel,
nähte Knöpfe an und trug ihm jede Woche ein kleines Bündel zur
Wäsche. Ihm allein durfte aus dem nachbarlichen Gasthaus ein
Mittagsmahl geholt werden, und jeden Morgen kam der Herr
Standhartner, der Besitzer, in persona an seinen Tisch und begrüßte
ihn (freilich meist, ohne daß Jakob Mendel, in seine Bücher
vertieft, diesen Gruß bemerkte). Punkt halb acht Uhr morgens trat er
ein, und erst wenn man die Lichter auslöschte, verließ er das
Lokal. Zu den andern Gästen sprach er nie, er las keine Zeitung,
bemerkte keine Veränderung, und als der Herr Standhartner ihn einmal
höflich fragte, ob er bei dem elektrischen Licht nicht besser lese
als früher bei dem fahlen, zuckenden Schein der Auerlampen, starrte
er verwundert zu den Glühbirnen auf: Diese Veränderung war trotz
dem Lärm und Gehämmer einer mehrtägigen Installation vollkommen an
ihm vorbeigegangen. Nur durch die zwei runden Löcher der Brille,
durch diese beiden blitzenden und saugenden Linsen filterten sich die
Milliarden schwarzer Infusorien der Lettern in sein Gehirn, alles
andere Geschehen strömte als leerer Lärm an ihm vorbei. Eigentlich
hatte er mehr als dreißig Jahre, als den ganzen wachen Teil seines
Lebens, einzig hier an diesem viereckigen Tisch lesend, vergleichend,
kalkulierend verbracht, in einem unablässig fortgesetzten, nur vom
Schlaf unterbrochenen Dauertraum.
Deshalb überkam mich eine Art Schrecken, als ich den
orakelspendenden Marmortisch Jakob Mendels leer wie eine Grabplatte
in diesem Raum dämmern sah. Jetzt erst, älter geworden, verstand
ich, wieviel mit jedem solchen Menschen verschwindet, erstlich weil
alles Einmalige von Tag zu Tag kostbarer wird in unserer rettungslos
einförmiger werdenden Welt. Und dann: der junge, unerfahrene Mensch
in mir hatte aus einer tiefen Ahnung diesen Jakob Mendel sehr
liebgehabt. Und doch, ich hatte vergessen können – allerdings in
den Jahren des Krieges und in einer der seinen ähnlichen Hingabe an
das eigene Werk. Jetzt aber, vor diesem leeren Tische, fühlte ich
eine Art Scham vor ihm und eine erneuerte Neugier zugleich.
Denn wo war er hin, was war mit ihm
geschehen? Ich rief den Kellner und fragte. Nein, einen Herrn Mendel,
bedaure, den kenne er nicht, ein Herr dieses Namens verkehre nicht im
Café. Aber vielleicht wisse der Oberkellner Bescheid. Dieser schob
seinen Spitzbauch schwerfällig heran, zögerte, dachte nach, nein,
auch ihm sei ein Herr Mendel nicht bekannt. Aber ob ich vielleicht
den Herrn Mandl meine, den Herrn Mandl vom Kurzwarengeschäft in der
Floriangasse? Ein bitterer Geschmack kam mir auf die Lippen,
Geschmack von Vergänglichkeit: Wozu lebt man, wenn der Wind hinter
unserm Schuh schon die letzte Spur von uns wegträgt? Dreißig Jahre,
vierzig vielleicht, hatte ein Mensch in diesen paar Quadratmetern
Raum geatmet, gelesen, gedacht, gesprochen, und bloß drei Jahre,
vier Jahre mußten hingehen, ein neuer Pharao kommen, und man wußte
nichts mehr von Joseph, man wußte im Café Gluck nichts mehr von
Jakob Mendel, dem Buchmendel! Beinahe zornig fragte ich den
Oberkellner, ob ich nicht Herrn Standhartner sprechen könne oder ob
nicht sonst wer im Hause sei vom alten Personal. Oh, der Herr
Standhartner, o mein Gott, der habe längst das Café verkauft, der
sei gestorben, und der alte Oberkellner, der lebe jetzt auf seinem
Gütel bei Krems. Nein, niemand sei mehr da ... oder doch! Ja doch –
die Frau Sporschil sei noch da, die Toilettenfrau (vulgo
Schokoladefrau). Aber die könne sich gewiß nicht mehr an die
einzelnen Gäste erinnern. Ich dachte gleich: einen Jakob Mendel
vergißt man nicht, und ließ sie mir kommen.
Sie kam, die Frau Sporschil, weißhaarig,
zerrauft, mit ein wenig wassersüchtigen Schritten aus ihren
hintergründigen Gemächern und rieb sich noch hastig die roten Hände
mit einem Tuch: Offenbar hatte sie gerade ihr trübes Gelaß gefegt
oder Fenster geputzt. An ihrer unsicheren Art merkte ich sofort: Ihr
war's unbehaglich, so plötzlich nach vorn unter die großen
Glühbirnen in den noblen Teil des Cafés gerufen zu werden. So sah
sie mich zunächst mißtrauisch an, mit einem Blick von unten herauf,
einem sehr vorsichtig geduckten Blick. Was konnte ich Gutes von ihr
wollen? Aber kaum daß ich nach Jakob Mendel fragte, starrte sie mich
mit vollen, geradezu strömenden Augen an, die Schultern fuhren ihr
ruckhaft auf. »Mein Gott, der arme Herr Mendel, daß an den noch
jemand denkt! Ja, der arme Herr Mendel!« – fast weinte sie, so
gerührt war sie, wie alte Leute es immer werden, wenn man sie an
ihre Jugend, an irgendeine gute vergessene Gemeinsamkeit erinnert.
Ich fragte, ob er noch lebe. »O mein Gott, der arme Herr Mendel,
fünf oder sechs Jahre, nein, sieben Jahre muß der schon tot sein.
So a lieber, guter Mensch, und wenn ich denk, wie lang ich ihn kennt
hab, mehr als fünfundzwanzig Jahr, er war doch schon da, wie ich
eintreten bin. Und eine Schand war's, wie man ihn hat sterben
lassen.« Sie wurde immer aufgeregter, fragte, ob ich ein Verwandter
sei. Es hätte sich ja nie jemand um ihn gekümmert, nie jemand nach
ihm erkundigt – und ob ich denn nicht wisse, was mit ihm passiert
sei.
Nein, ich wüßte nichts, versicherte ich; sie solle mir erzählen,
alles erzählen. Die gute Person tat scheu und geniert und wischte
immer wieder an ihren nassen Händen. Ich begriff: Ihr war es
peinlich, als Toilettenfrau mit ihrer schmutzigen Schürze und ihren
zerstrubbelten weißen Haaren hier mitten im Kaffeehausraum zu
stehen, außerdem blickte sie immer ängstlich nach rechts und links,
ob nicht einer der Kellner zuhöre. So schlug ich ihr vor, wir
wollten hinein in das Spielzimmer, an Mendels alten Platz: Dort solle
sie mir alles berichten. Gerührt nickte sie mir zu, dankbar, daß
ich sie verstand, und ging voraus, die alte, schon ein wenig
schwankende Frau, und ich hinter ihr. Die beiden Kellner staunten uns
nach, sie spürten da einen Zusammenhang, und auch einige Gäste
verwunderten sich über uns ungleiches Paar. Und drüben an seinem
Tisch erzählte sie mir (manche Einzelheit ergänzte mir später
anderer Bericht) von Jakob Mendels, von Buchmendels Untergang.
Ja also, er sei, so erzählte sie, auch nachher noch, als der
Krieg schon begonnen, immer noch gekommen, Tag um Tag um halb acht
Uhr früh, und genauso sei er gesessen und habe er den ganzen Tag
studiert wie immer, ja, sie hätten alle das Gefühl gehabt und oft
darüber geredet, ihm sei's gar nicht zum Bewußtsein gekommen, daß
Krieg sei. Ich wisse doch, in eine Zeitung habe er nie geschaut und
nie mit wem andern gesprochen; aber auch wenn die Ausrufer ihren
Mordslärm mit den Extrablättern machten und alle andern
zusammenliefen, nie sei er da aufgestanden oder hätte zugehört. Er
habe auch gar nicht gemerkt, daß der Franz fehle, der Kellner (der
bei Gorlice gefallen sei), und nicht gewußt, daß sie den Sohn von
Herrn Standhartner bei Przemysl gefangen hatten, und nie kein Wort
habe er gesagt, wie das Brot immer miserabler geworden ist und man
ihm statt der Milch das elende Feigenkaffeegschlader hat geben
müssen. Nur einmal habe er sich gewundert, daß jetzt so wenig
Studenten kämen, das war alles. – »Mein Gott, der arme Mensch,
den hat doch nichts gefreut und gekümmert als seine Bücher.«
Aber dann eines Tages, da sei das Unglück
geschehen. Um elf Uhr vormittags, am hellichten Tag, sei ein Wachmann
gekommen mit einem Geheimpolizisten, der hätte die Rosette gezeigt
am Knopfloch und gefragt, ob hier ein Jakob Mendel verkehre. Dann
wären sie gleich an den Tisch gegangen zum Mendel, und der hätte
ahnungslos noch geglaubt, sie wollten Bücher verkaufen oder ihn was
fragen. Aber gleich hätten sie ihn aufgefordert, mitzukommen, und
ihn weggeführt. Eine rechte Schande sei es für das Kaffeehaus
gewesen, alle Leute hätten sich herumgestellt um den alten Herrn
Mendel, wie er dagestanden ist zwischen den beiden, die Brille unterm
Haar, und hin und her geschaut hat von einem zum andern und nicht
recht gewußt, was sie eigentlich von ihm wollten. Sie aber habe
stante pede dem Gendarmen gesagt, das müsse ein Irrtum sein, ein
Mann wie Herr Mendel könne keiner Fliege was tun; aber da habe der
Geheimpolizist sie gleich angeschrien, sie solle sich nicht in
Amtshandlungen einmischen. Und dann hätten sie ihn weggeführt, und
er sei lange nicht mehr gekommen, zwei Jahre lang. Noch heute wisse
sie nicht recht, was die damals von ihm gewollt hätten. »Aber ich
leist ein Jurament«, sagte sie erregt, die alte Frau, »der Herr
Mendel kann nichts Unrechtes getan haben. Die haben sich geirrt, da
leg ich meine Hand ins Feuer. Es war ein Verbrechen an dem armen,
unschuldigen Menschen, ein Verbrechen!«
Und sie hatte recht, die
gute, rührende Frau Sporschil. Unser Freund Jakob Mendel hatte
wahrhaftig nichts Unrechtes begangen, sondern nur (erst später
erfuhr ich alle Einzelheiten) eine rasende, eine rührende, eine
selbst in jenen irrwitzigen Zeiten ganz unwahrscheinliche Dummheit,
erklärbar bloß aus der vollkommenen Versunkenheit, aus der
Mondfernheit seiner einmaligen Erscheinung. Folgendes hatte sich
ereignet: Auf dem militärischen Zensuramt, das verpflichtet war,
jede Korrespondenz mit dem Ausland zu überwachen, war eines Tages
eine Postkarte abgefangen worden, geschrieben und unterschrieben von
einem gewissen Jakob Mendel, ordnungsgemäß nach dem Ausland
frankiert, aber – unglaublicher Fall – in das feindliche Ausland
gerichtet, eine Postkarte an Jean Labourdaire, Buchhändler, Paris,
Quai de Grenelle, adressiert, in der ein gewisser Jakob Mendel sich
beschwerte, die letzten acht Nummern des monatlichen »Bulletin
bibliographique de la France« trotz vorausgezahltem Jahresabonnement
nicht erhalten zu haben. Der eingestellte untere Zensurbeamte, ein
Gymnasialprofessor, in Privatneigung Romanist, dem man einen blauen
Landsturmrock umgestülpt hatte, staunte, als ihm dieses Schriftstück
in die Hände kam. Ein dummer Spaß, dachte er. Unter den zweitausend
Briefen, die er allwöchentlich auf dubiose Mitteilungen und
spionageverdächtige Wendungen durchstöberte und durchleuchtete, war
ihm ein so absurdes Faktum noch nie unter die Finger gekommen, daß
jemand aus Österreich einen Brief nach Frankreich ganz sorglos
adressierte, also ganz gemütlich eine Karte in das kriegführende
Ausland so einfach in den Postkasten warf, als ob diese Grenzen seit
1914 nicht umnäht wären mit Stacheldraht und an jedem von Gott
geschaffenen Tage Frankreich, Deutschland, Österreich und Rußland
ihre männliche Einwohnerzahl gegenseitig um ein paar tausend
Menschen kürzten. Zunächst legte er deshalb die Postkarte als
Kuriosum in seine Schreibtischlade, ohne von dieser Absurdität
weitere Meldung zu erstatten. Aber nach einigen Wochen kam abermals
eine Karte desselben Jakob Mendel an einen Bookseller John Aldridge,
London, Holborn Square, ob er ihm nicht die letzten Nummern des
»Antiquarian« besorgen könnte, und abermals war sie unterfertigt
von ebendemselben merkwürdigen Individuum Jakob Mendel, das mit
rührender Naivität seine volle Adresse beischrieb. Nun wurde es dem
in die Uniform eingenähten Gymnasialprofessor doch ein wenig eng
unter dem Rock. Steckte am Ende irgendein rätselhafter chiffrierter
Sinn hinter diesem vertölpelten Spaß? Jedenfalls, er stand auf,
klappte die Hacken zusammen und legte dem Major die beiden Karten auf
den Tisch. Der zog beide Schultern hoch: sonderbarer Fall! Zunächst
avisierte er die Polizei, sie solle ausforschen, ob es diesen Jakob
Mendel tatsächlich gäbe, und eine Stunde später war Jakob Mendel
bereits dingfest gemacht und wurde, noch ganz taumelig von der
Überraschung, vor den Major geführt. Der legte ihm die mysteriösen
Postkarten vor, ob er sich als Absender erkenne. Erregt durch den
strengen Ton und vor allem, weil man ihn bei der Lektüre eines
wichtigen Katalogs aufgestöbert hatte, polterte Mendel beinahe grob,
natürlich habe er diese Karten geschrieben. Man habe wohl noch das
Recht, ein Abonnement für sein bezahltes Geld zu reklamieren. Der
Major drehte sich im Sessel schief hinüber zu dem Leutnant am
Nebentisch. Die beiden blinzelten sich einverständlich an: ein
gebrannter Narr! Dann überlegte der Major, ob er den Einfaltspinsel
nur scharf anbrummen und wegjagen sollte oder den Fall ernst
aufziehen. In solchen unschlüssigen Verlegenheiten entschließt man
sich bei jedem Amt fast immer, zunächst ein Protokoll aufzunehmen.
Ein Protokoll ist immer gut. Nützt es nichts, so schadet es nichts,
und nur ein sinnloser Papierbogen mehr unter Millionen ist
vollgeschrieben.
In diesem Falle aber schadete es leider einem armen, ahnungslosen
Menschen, denn schon bei der dritten Frage kam etwas sehr
Verhängnisvolles zutage. Man forderte zuerst seinen Namen: Jakob,
recte Jainkeff Mendel. Beruf: Hausierer (er besaß nämlich keine
Buchhändlerlizenz, nur einen Hausierschein). Die dritte Frage wurde
zur Katastrophe: der Geburtsort. Jakob Mendel nannte einen kleinen
Ort bei Petrikau. Der Major zog die Brauen hoch. Petrikau, lag das
nicht in Russisch-Polen, nahe der Grenze! Verdächtig! Sehr
verdächtig! So inquirierte er nun strenger, wann er die
österreichische Staatsbürgerschaft erworben habe. Mendels Brille
starrte ihn dunkel und verwundert an: Er verstand nicht recht. Zum
Teufel, ob und wo er seine Papiere habe, seine Dokumente? Er habe
keine andern als den Hausierschein. Der Major schob die Stirnfalten
immer höher. Also wie es mit seiner Staatsbürgerschaft stehe, solle
er endlich einmal erklären. Was sein Vater gewesen sei, ob
Österreicher oder Russe? Seelenruhig erwiderte Jakob Mendel:
natürlich Russe. Und er selbst? Ach, er hätte sich schon vor
dreiunddreißig Jahren über die russische Grenze geschmuggelt,
seither lebe er in Wien. Der Major wurde immer unruhiger. Wann er
hier das österreichische Staatsbürgerrecht erworben habe? Wozu?
fragte Mendel. Er habe sich um solche Sachen nie gekümmert. So sei
er also noch russischer Staatsbürger? Und Mendel, den diese öde
Fragerei innerlich längst langweilte, antwortete gleichgültig:
»Eigentlich ja.«
Der Major warf sich so brüsk erschrocken
zurück, daß der Sessel knackte. Das gab es also! In Wien, in der
Hauptstadt Österreichs, ging mitten im Krieg, Ende 1915, nach Tarnow
und der großen Offensive ein Russe unbehelligt spazieren, schrieb
Briefe nach Frankreich und England, und die Polizei kümmerte sich um
nichts. Und da wundern sich die Dummköpfe in den Zeitungen, daß
Conrad von Hötzendorf nicht gleich nach Warschau vorwärts gekommen
ist, da staunen sie im Generalstab, wenn jede Truppenbewegung durch
Spione nach Rußland weitergemeldet wird. Auch der Leutnant war
aufgestanden und stellte sich an den Tisch: Das Gespräch schaltete
sich scharf um zum Verhör. Warum er sich nicht sofort gemeldet habe
als Ausländer? Mendel, noch immer arglos, antwortete in seinem
singenden jüdischen Jargon: »Wozu hart ich mich melden sollen auf
einmal?« In dieser umgedrehten Frage erblickte der Major eine
Herausforderung und fragte drohend, ob er nicht die Ankündigungen
gelesen habe. Nein! Ob er etwa keine Zeitungen lese. Nein!
Die beiden starrten den vor Unsicherheit schon leicht schwitzenden
Jakob Mendel an, als sei der Mond mitten in ihr Bürozimmer gefallen.
Dann rasselte das Telephon, knackten die Schreibmaschinen, liefen die
Ordonnanzen, und Jakob Mendel wurde dem Garnisonsgefängnis
überantwortet, um mit dem nächsten Schub in ein Konzentrationslager
abgeführt zu werden. Als man ihm bedeutete, den beiden Soldaten zu
folgen, starrte er ungewiß. Er verstand nicht, was man von ihm
wollte, aber eigentlich hatte er keinerlei Sorge. Was konnte der Mann
mit dem goldenen Kragen und der groben Stimme schließlich Böses mit
ihm vorhaben? In seiner obern Welt der Bücher gab es keinen Krieg,
kein Nichtverstehen, sondern nur das ewige Wissen und
Nochmehrwissenwollen von Zahlen und Worten, von Titeln und Namen. So
trollte er gutmütig zwischen den beiden Soldaten die Treppe
hinunter. Erst als man ihm auf der Polizei alle Bücher aus den
Manteltaschen nahm und die Brieftasche abforderte, in der er hundert
wichtige Zettel und Kundenadressen stecken hatte, da erst begann er
wütend um sich zu schlagen. Man mußte ihn bändigen. Aber dabei
klirrte leider seine Brille zu Boden, und dies sein magisches
Teleskop in die geistige Welt brach in mehrere Stücke. Zwei Tage
später expedierte man ihn im dünnen Sommerrock in ein
Konzentrationslager russischer Zivilgefangener bei Komorn.
Was Jakob Mendel in
diesen zwei Jahren Konzentrationslager an seelischer Schrecknis
erfahren, ohne Bücher, seine geliebten Bücher, ohne Geld, inmitten
der gleichgültigen, groben, meist analphabetischen Gefährten dieses
riesigen Menschenkotters, was er dort leidend erlebte, von seiner
obern und einzigen Bücherwelt abgetrennt wie ein Adler mit
zerschnittenen Schwingen von seinem ätherischen Element – hierüber
fehlt jede Zeugenschaft. Aber allmählich weiß schon die von ihrer
Tollheit ernüchterte Welt, daß von allen Grausamkeiten und
verbrecherischen Übergriffen dieses Krieges keine sinnloser,
überflüssiger und darum moralisch unentschuldbarer gewesen als das
Zusammenfangen und Einhürden hinter Stacheldraht von ahnungslosen,
längst dem Dienstalter entwachsenen Zivilpersonen, die viele Jahre
in dem fremden Lande als in einer Heimat gewohnt und aus
Treugläubigkeit an das selbst bei Tungusen und Araukanern geheiligte
Gastrecht versäumt hatten, rechtzeitig zu fliehen – ein Verbrechen
an der Zivilisation, gleich sinnlos begangen in Frankreich,
Deutschland und England, auf jeder Scholle unseres irrwitzig
gewordenen Europa. Und vielleicht wäre Jakob Mendel wie hundert
andere Unschuldige in dieser Hürde dem Wahnsinn verfallen oder an
Ruhr, an Entkräftung, an seelischer Zerrüttung erbärmlich zugrunde
gegangen, hätte nicht knapp rechtzeitig ein Zufall, ein echt
österreichischer, ihn noch einmal in seine Welt zurückgeholt. Es
waren nämlich mehrmals nach seinem Verschwinden an seine Adresse
Briefe von vornehmen Kunden gekommen; der Graf Schönberg, der
ehemalige Statthalter von Steiermark, fanatischer Sammler
heraldischer Werke, der frühere Dekan der Theologischen Fakultät
Siegenfeld, der an einem Kommentar des Augustinus arbeitete, der
achtzigjährige pensionierte Flottenadmiral Edler von Pisek, der noch
immer an seinen Erinnerungen herumbesserte – sie alle, seine treuen
Klienten, hatten wiederholt an Jakob Mendel ins Café Gluck
geschrieben, und von diesen Briefen wurden dem Verschollenen einige
in das Konzentrationslager nachgeschickt. Dort fielen sie dem
zufällig gutgesinnten Hauptmann in die Hände, und der erstaunte,
was für vornehme Bekanntschaften dieser kleine, halbblinde
schmutzige Jude habe, der, seit man ihm seine Brille zerschlagen (er
hatte kein Geld, sich eine neue zu verschaffen), wie ein Maulwurf,
grau, augenlos und stumm in einer Ecke hockte. Wer solche Freunde
besaß, mußte immerhin etwas Besonderes sein. So erlaubte er Mendel,
diese Briefe zu beantworten und seine Gönner um Fürsprache zu
bitten. Die blieb nicht aus. Mit der leidenschaftlichen Solidarität
aller Sammler kurbelten die Exzellenz sowie der Dekan ihre
Verbindungen kräftig an, und ihre vereinte Bürgschaft erreichte,
daß Buchmendel im Jahre 1917 nach mehr als zweijähriger
Konfirmierung wieder nach Wien zurück durfte, freilich unter der
Bedingung, sich täglich bei der Polizei zu melden. Aber doch, er
durfte wieder in die freie Welt, in seinen alten, kleinen, engen
Mansardenraum, er konnte wieder an seinen geliebten Bücherauslagen
vorbei und vor allem zurück in sein Café Gluck.
Diese Rückkehr Mendels aus seiner höllischen Unterwelt in das
Café Gluck konnte mir die brave Frau Sporschil aus eigener Erfahrung
schildern. »Eines Tages – Jessas, Marand, Joseph, ich glaub, ich
trau meine Augen nicht –, da schiebt sich die Tür auf, Sie wissen
ja, in der gewissen schiefen Art, nur grad einen Spalt weit, wie er
immer hereingekommen ist, und schon stolpert er ins Café, der arme
Herr Mendel. Einen zerschundenen Militärmantel voller Stopfen hat er
angehabt und irgendwas am Kopf, was vielleicht einmal ein Hut war,
ein weggeworfener. Keinen Kragen hat er angehabt, und wie der Tod hat
er ausgschaut, grau im Gesicht und grau das Haar, und so mager, daß
es einen derbarmt hat. Aber er kommt herein, grad, als ob nix gwesen
war, er fragt nix, er sagt nix, geht hin zu dem Tisch da und zieht
den Mantel aus, aber nicht wie früher so fix und leicht, sondern
schwer schnaufen müssen hat er dabei. Und kein Buch hat er mitghabt
wie sonst – er setzt sich nur hin und sagt nix, und tut nur
hinstarren vor sich mit ganz leere, ausgelaufene Augen. Erst nach und
nach, wie wir ihm dann den ganzen Pack bracht haben von die
Schriften, die was für ihn kommen waren aus Deutschland, da hat er
wieder angfangen zu lesen. Aber er war nicht derselbige mehr.«
Nein, er war nicht derselbe, nicht das
Miraculum mundi mehr, die magische Registratur aller Bücher: Alle,
die ihn damals sahen, haben mir wehmütig das gleiche berichtet.
Irgend etwas schien rettungslos zerstört in seinem sonst stillen,
nur wie schlafend lesenden Blick; etwas war zertrümmert: Der
grauenhafte Blutkomet mußte in seinem rasenden Lauf schmetternd
hineingeschlagen haben auch in den abseitigen, friedlichen, in diesen
alkyonischen Stern seiner Bücherwelt. Seine Augen, jahrzehntelang
gewöhnt an die zarten, lautlosen, insektenfüßigen Lettern der
Schrift, sie mußten Furchtbares gesehen haben in jener
stacheldrahtumspannten Menschenhürde, denn die Lider schatteten
schwer über den einst so flinken und ironisch funkelnden Pupillen,
schläfrig und rotrandig dämmerten die vordem so lebhaften Blicke
unter der reparierten, mit dünnem Bindfaden mühsam
zusammengebundenen Brille. Und furchtbarer noch: In dem
phantastischen Kunstbau seines Gedächtnisses muß irgendein Pfeiler
eingestürzt und das ganze Gefüge in Unordnung geraten sein; denn so
zart ist ja unser Gehirn, dies aus subtilster Substanz gestaltete
Schaltwerk, dies feinmechanische Präzisionsinstrument unseres
Wissens zusammengestimmt, daß ein gestautes Äderchen, ein
erschütterter Nerv, eine ermüdete Zelle, daß ein solches
verschobenes Molekül schon zureicht, um die herrlich umfassendste,
die sphärische Harmonie in Verstimmung zu bringen. Und in Mendels
Gedächtnis, dieser einzigen Klaviatur des Wissens, stockten bei
seiner Rückkunft die Tasten. Wenn ab und zu jemand um Auskunft kam,
starrte er ihn erschöpft an und verstand nicht mehr genau, er
verhörte sich und vergaß, was man ihm sagte – Mendel war nicht
mehr Mendel, wie die Welt nicht mehr die Welt war. Nicht mehr wiegte
ihn völlige Versunkenheit beim Lesen auf und nieder, sondern meist
saß er starr, die Brille nur mechanisch gegen das Buch gewandt, ohne
daß man wußte, ob er las oder nur vor sich hin dämmerte. Mehrmals
fiel ihm, so erzählte die Sporschil, der Kopf schwer nieder auf das
Buch, und er schlief ein am hellichten Tag, manchmal starrte er
wieder stundenlang in das fremde stinkende Licht der Azetylenlampe,
die man ihm in jener Zeit der Kohlennot auf den Tisch gestellt. Nein,
Mendel war nicht mehr Mendel, nicht mehr ein Wunder der Welt, sondern
ein müd atmender, nutzloser Pack Bart und Kleider, sinnlos auf dem
einst pythischen Sessel hingelastet, nicht mehr der Ruhm des Café
Gluck, sondern eine Schande, ein Schmierfleck, übelriechend, widrig
anzusehen, ein unbequemer, unnötiger Schmarotzer.
So empfand ihn auch der neue Besitzer, namens
Florian Gurtner aus Retz, der, an Mehl- und Butterschiebungen im
Hungerjahr 1919 reich geworden, dem biedern Standhartner für
achtzigtausend rasch zerblätterte Papierkronen das Café Gluck
abgeschwatzt hatte. Er griff mit seinen festen Bauernhänden scharf
zu, krempelte das altehrwürdige Kaffeehaus hastig auf nobel um,
kaufte für schlechte Zettel rechtzeitig neue Fauteuils, installierte
ein Marmorportal und verhandelte bereits wegen des Nachbarlokals, um
eine Musikdiele anzubauen. Bei dieser hastigen Verschönerung störte
ihn natürlich sehr dieser galizische Schmarotzer, der tagsüber von
früh bis nachts allein einen Tisch besetzt hielt und dabei im ganzen
nur zwei Schalen Kaffee trank und fünf Brote verzehrte. Zwar hatte
Standhartner ihm seinen alten Gast besonders ans Herz gelegt und zu
erklären versucht, was für ein bedeutender und wichtiger Mann
dieser Jakob Mendel sei, er hatte ihn sozusagen bei der Übergabe mit
dem Inventar als ein auf dem Unternehmen lastendes Servitut mit
übergeben. Aber Florian Gurtner hatte sich mit den neuen Möbeln und
der blanken Aluminiumzahlkasse auch das massive Gewissen der
Verdienerzeit zugelegt und wartete nur auf einen Vorwand, um diesen
letzten lästigen Rest vorstädtischer Schäbigkeit aus seinem
vornehm gewordenen Lokal hinauszukehren. Ein guter Anlaß schien sich
bald einzustellen; denn es ging Jakob Mendel schlecht. Seine letzten
gesparten Banknoten waren zerpulvert in der Papiermühle der
Inflation, seine Kunden hatten sich verlaufen. Und wieder als kleiner
Buchtrödler Treppen zu steigen, Bücher hausierend zusammenzuraffen,
dazu fehlte dem Müdgewordenen die Kraft. Es ging ihm elend, man
merkte das an hundert kleinen Zeichen. Selten ließ er sich mehr vom
Gasthaus etwas herüberholen, und auch das kleinste Entgelt für
Kaffee und Brot blieb er immer länger schuldig, einmal sogar drei
Wochen lang. Schon damals wollte ihn der Oberkellner auf die Straße
setzen. Da erbarmte sich die brave Frau Sporschil, die Toilettenfrau,
und bürgte für ihn.
Aber im nächsten Monat ereignete sich dann das Unglück. Bereits
mehrmals hatte der neue Oberkellner bemerkt, daß es bei der
Abrechnung nie recht mit dem Gebäck stimmen wollte. Immer mehr Brote
erwiesen sich als fehlend, als angesagt und bezahlt waren. Sein
Verdacht lenkte sich selbstverständlich gleich auf Mendel; denn
mehrmals war schon der alte wacklige Dienstmann gekommen, um sich zu
beschweren, Mendel sei ihm seit einem halben Jahre die Bezahlung
schuldig, und er könne keinen Heller herauskriegen. So paßte der
Oberkellner jetzt besonders auf, und schon zwei Tage später gelang
es ihm, hinter dem Ofenschirm versteckt, Jakob Mendel zu ertappen,
wie er heimlich von seinem Tisch aufstand, in das andere vordere
Zimmer hinüberging, rasch aus einem Brotkorb zwei Semmeln nahm und
sie gierig in sich hineinstopfte. Bei der Abrechnung behauptete er,
keine gegessen zu haben. Nun war das Verschwinden geklärt. Der
Kellner meldete sofort den Vorfall Herrn Gurtner, und dieser, froh
des lang gesuchten Vorwands, brüllte Mendel vor allen Leuten an,
beschuldigte ihn des Diebstahls und tat sogar noch dick, daß er
nicht sofort die Polizei riefe. Aber er befahl ihm, sogleich und für
immer sich zum Teufel zu scheren. Jakob Mendel zitterte nur, sagte
nichts, stolperte auf von seinem Sitz und ging.
»Ein Jammer war's«, schilderte die Frau
Sporschil diesen seinen Abgang. »Nie werd ich's vergessen, wie er
aufgestanden ist, die Brille hinaufgeschoben in die Stirn, weiß wie
ein Handtuch. Nicht Zeit hat er sich genommen, den Mantel anzuziehen,
obwohl's Januar war, Sie wissen ja, damals im kalten Jahr. Und sein
Buch hat er liegenlassen auf dem Tisch in seinem Schreck, ich hab's
erst später bemerkt und wollt's ihm noch nachtragen. Aber da war er
schon hinabgestolpert zur Tür. Und weiter auf die Straßen hart ich
mich nicht traut; denn an die Tür hat sich der Herr Gurtner
hingstellt und ihm nachgschrien, daß die Leute stehenblieben und
zusammengelaufen sind. Ja, eine Schand war's, gschämt hab ich mich
bis in die unterste Seel! So was hätt nicht passieren können bei
dem alten Herrn Standhartner, daß man einen ausjagt nur wegen ein
paar Semmeln, bei dem hätt er umsonst essen können noch sein Leben
lang. Aber die Leute von heut, die haben ja kein Herz. Einen
wegzutreiben, der über dreißig Jahre wo gsessen ist Tag für Tag –
wirklich, eine Schand war's, und ich möcht's nicht zu verantworten
haben vor dem lieben Gott – ich nicht.«
Ganz aufgeregt war sie geworden, die gute Frau, und mit der
leidenschaftlichen Geschwätzigkeit des Alters wiederholte sie immer
wieder das von der Schand und vom Herrn Standhartner, der zu so was
nicht imstande gewesen wäre. So mußte ich sie schließlich fragen,
was denn aus unserm Mendel geworden sei und ob sie ihn wiedergesehen.
Da rappelte sie sich zusammen und wurde noch erregter. »Jeden Tag,
wenn ich vorübergangen bin an seinem Tisch, jedesmal, das können S'
mir glauben, hat's mir einen Stoß geben. Immer hab ich denken
müssen, wo mag er jetzt sein, der arme Herr Mendel, und wenn ich
gewußt hätt, wo er wohnt, ich war hin, ihm was Warmes bringen; denn
wo hätt er denn das Geld hernehmen sollen zum Heizen und zum Essen?
Und Verwandte hat er auf der Welt, soviel ich weiß, niemanden ghabt.
Aber schließlich, wie ich immer und immer nix gehört hab, da hab
ich mir schon denkt, es muß vorbei mit ihm sein, und ich würd ihn
nimmer sehen. Und schon hab ich überlegt, ob ich nicht sollt eine
Messe für ihn lesen lassen; denn ein guter Mensch war er, und man
hat sich doch gekannt, mehr als fünfundzwanzig Jahr.
Aber einmal in der Früh, um halb acht Uhr im
Februar, ich putz grad das Messing an die Fensterstangen, auf einmal
(ich mein, mich trifft der Schlag), auf einmal tut sich die Tür auf,
und herein kommt der Mendel. Sie wissen ja: immer ist er so schief
und verwirrt hereingschoben, aber diesmal war's noch irgendwie
anders. Ich merk gleich, den reißt's hin und her, ganz glanzige
Augen hat er gehabt und, mein Gott, wie er ausgschaut hat, nur Bein
und Bart! Sofort kommt's mir entrisch vor, wie ich ihn so seh: ich
denk mir gleich, der weiß von nichts, der geht am hellichten Tag
umeinand als ein Schlafeter, der hat alles vergessen, das von die
Semmeln und das vom Herrn Gurtner und wie schandbar sie ihn
hinausgschmissen haben, der weiß nichts von sich selber. Gott sei
Dank, der Herr Gurtner war noch nicht da, und der Oberkellner hat
grad einen Kaffee trunken. Da spring ich rasch hin, damit ich ihm
klarmach, er solle nicht dableiben, sich nicht noch einmal
hinauswerfen lassen von dem rohen Kerl« (und dabei sah sie sich
scheu um und korrigierte rasch), »ich mein, vom Herrn Gurtner. Also
›Herr Mendel‹, ruf ich ihn an. Er starrt auf. Und da, in dem
Augenblick, mein Gott, schrecklich war das, in dem Augenblick muß er
sich an alles erinnert habn; denn er fahrt sofort zusammen und fangt
an zu zittern, aber nicht bloß mit die Finger zittert er, nein, als
ein Ganzer hat er gescheppert, daß man's bis an die Schultern kennt
hat, und schon stolpert er wieder rasch auf die Tür zu. Dort ist er
dann zusammgfallen. Wir haben gleich um die Rettungsgesellschaft
telephoniert, und die hat ihn weggeführt, fiebrig, wie er war. Am
Abend ist er gestorben. Lungenentzündung, hochgradige, hat der
Doktor gesagt, und auch, daß er schon damals nicht mehr recht gewußt
hat von sich, wie er noch einmal zu uns kommen ist. Es hat ihn halt
nur so hergetrieben, als einen Schlafeten. Mein Gott, wenn man
sechsunddreißig Jahr einmal so gesessen ist jeden Tag, dann ist eben
so ein Tisch einem sein Zuhaus.«
Wir sprachen noch lange von ihm, die beiden
letzten, die diesen sonderbaren Menschen gekannt, ich, dem er als
jungen Mann trotz seiner mikrobenhaft winzigen Existenz die erste
Ahnung eines vollkommen umschlossenen Lebens im Geiste gegeben –
sie, die arme, abgeschundene Toilettenfrau, die nie ein Buch gelesen,
die diesem Kameraden ihrer untern armen Welt nur verbunden war, weil
sie ihm durch fünfundzwanzig Jahre den Mantel gebürstet und die
Knöpfe angenäht hatte. Und doch, wir verstanden einander wunderbar
gut an seinem alten, verlassenen Tisch in der Gemeinschaft des
vereint heraufbeschworenen Schattens; denn Erinnerung verbindet
immer, und zwiefach jede Erinnerung in Liebe. Plötzlich, mitten im
Schwatzen, besann sie sich: »Jessas, wie ich vergessig bin – das
Buch hab ich ja noch, das was er damals am Tisch liegenlassen hat. Wo
hätt ich's ihm denn hintragen sollen? Und nachher, wie sich niemand
gemeldt hat, nachher hab ich gmeint, ich dürft's mir behalten als
Andenken. Nicht wahr, da ist doch nix Unrechts dabei?« Hastig
brachte sie's heran aus ihrem rückwärtigen Verschlag. Und ich hatte
Mühe, ein kleines Lächeln zu unterdrücken; denn gerade dem
Erschütternden mengt das immer spielfreudige und manchmal ironische
Schicksal das Komische gerne boshaft zu. Es war der zweite Band von
Hayns Bibliotheca Germanorum erotica et curiosa, das jedem
Buchsammler wohlbekannte Kompendium galanter Literatur. Gerade dies
skabröse Verzeichnis – habent sua fata libelli – war als letztes
Vermächtnis des hingegangenen Magiers zurückgefallen in diese
abgemürbten, rot aufgesprungenen, unwissenden Hände, die wohl nie
ein anderes als das Gebetbuch gehalten. Ich hatte Mühe, meine Lippen
festzuklemmen gegen das unwillkürlich von innen aufdrängende
Lächeln, und dies kleine Zögern verwirrte die brave Frau. Ob's am
Ende was Kostbares war, oder ob ich meinte, daß sie's behalten
dürft?
Ich schüttelte ihr herzlich die Hand. »Behalten Sie's nur ruhig,
unser alter Freund Mendel hätte nur Freude, daß wenigstens einer
von den vielen Tausenden, die ihm ein Buch danken, sich noch seiner
erinnert.« Und dann ging ich und schämte mich vor dieser braven
alten Frau, die in einfältiger und doch menschlichster Art diesem
Toten treu geblieben. Denn sie, die Unbelehrte, sie hatte wenigstens
ein Buch bewahrt, um seiner besser zu gedenken, ich aber, ich hatte
jahrelang Buchmendel vergessen, gerade ich, der doch wissen sollte,
daß man Bücher nur schafft, um über den eigenen Atem hinaus sich
Menschen zu verbinden und sich so zu verteidigen gegen den
unerbittlichen Widerpart alles Lebens: Vergänglichkeit und
Vergessensein.
*
Hier fehlen Erläuterungen zu:
Orten Situationen,
Jiddischen Sprachformen,
Geistesgeschichtliche Einordnung
(„Hayns Bibliotheca Germanorum erotica et curiosa“)
etc.
* *
https://de.wikipedia.org/wiki/Buchmendel#cite_note-8
Gesamttext:
https://de.wikisource.org/wiki/Buchmendel
http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-unsichtbare-sammlung-7042/3
Aufbau der Wissenschaften – (für den Erzähler) angeregt und
belegt am Beispiel der so vielfältigen Funktionen der
Gehirnleistungen des Antiquars „Buchmendel“ - Jakob Mendel:
Aber diese obere Welt war ihm, dem kleinen, ungebildeten
galizischen Buchtrödler, der nicht viel mehr als seine Talmudschule
bewältigt, für ewig verschlossen; so vermochten diese
phantastischen Fähigkeiten sich nur als Geheimwissenschaft
auszuwirken an jenem Marmortisch des Café Gluck. Doch wenn einmal
der große Psychologe kommt (dies Werk fehlt noch immer unserer
geistigen Welt), der so beharrlich und geduldig, wie Buffon die
Abarten der Tiere ordnete und klassierte, seinerseits alle
Spielarten, Spezies und Urformen der magischen Macht, die wir
Gedächtnis nennen, vereinzelt schildert und in ihren Varianten
darlegt, dann müßte er Jakob Mendels gedenken, dieses Genies der
Preise und Titel, dieses namenlosen Meisters der antiquarischen
Wissenschaft.
Den materiellen Bestandteil einiger solche Wissenschaften, fassbar
in Büchern) benennt der Erzähler (unverkennbar SZ).
Unproduktiv und unschöpferisch im letzten, bloß ein
hunderttausendstelliges Verzeichnis von Titeln und Namen, in die
weiche Gehirnrinde eines Säugetieres eingestempelt, statt wie sonst
in einen Buchkatalog geschrieben, war dies spezifisch antiquarische
Gedächtnis Jakob Mendels jedoch in seiner einmaligen Vollendung als
Phänomen nicht geringer als jenes Napoleons für Physiognomien,
Mezzofantis für Sprachen, eines Lasker für Schachanfänge, eines
Busoni für Musik. Eingesetzt in ein Seminar, an eine öffentliche
Stelle, hätte das Gehirn Tausende, Hunderttausende von Studenten und
Gelehrten belehrt und erstaunt, fruchtbar für die Wissenschaften,
ein unvergleichlicher Gewinn für jene öffentlichen Schatzkammern,
die wir Bibliotheken nennen. Aber diese obere Welt war ihm, dem
kleinen, ungebildeten galizischen Buchtrödler, der nicht viel mehr
als seine Talmudschule bewältigt, für ewig verschlossen; so
vermochten diese phantastischen Fähigkeiten sich nur als
Geheimwissenschaft auszuwirken an jenem Marmortisch des Café Gluck.
Doch wenn einmal der große Psychologe kommt (dies Werk fehlt noch
immer unserer geistigen Welt), der so beharrlich und geduldig, wie
Buffon die Abarten der Tiere ordnete und klassierte, seinerseits alle
Spielarten, Spezies und Urformen der magischen Macht, die wir
Gedächtnis nennen, vereinzelt schildert und in ihren Varianten
darlegt, dann müßte er Jakob Mendels gedenken, dieses Genies der
Preise und Titel, dieses namenlosen Meisters der antiquarischen
Wissenschaft.
* Die Ergänzung dieser WissenschaftsVorstellung findet SZ
später im Werk Sigmund Freuds, dem Heros seiner psychoanalytischen
Fundierung aller Entwicklung, allen humanen Werdens, die hier in
Buchmendel noch nicht
thematisiert wird. (SZ: Die Heilung durch den Geist“ (1931)
*
Ausgewählte Worterklärungen (häufig mit jiddischen
Sprachwurzeln):
Skabrös: schlüpfrig, heikel:
https://de.wiktionary.org/wiki/skabr%C3%B6s
lungern: „lungernde Billards“ - ein wortartistischer Beitrag,
eine Anthropomorphisierung - zur Nomenklatura des Sports, des Spiels,
der Wettstreits in einem Raum (mit Bällen und Queus):
https://de.wiktionary.org/wiki/lungern
Etc. …
Jessas, Marad, Joseph
Herrn von Buffons Allgemeine Naturgeschichte: Georges-Louis
Leclerc, Comte de Buffon
Konzentrationslager: wohl erstes literarische Erwähnung eines
KZ.s - „Jakob Mendel wurde dem Garnisonsgefängnis
überantwortet, um mit dem nächsten Schub in ein Konzentrationslager
abgeführt zu werden.“ - Zweigs Beschreibung von Konzentrationslagern
für russische und andere osteuropäische Staatsangehörige (im 1.
Weltkrieg) ist detailliert, brutal offenkundig, humanistisch
offenherzig, speziell kuk-Habsburgerreicher. - SZ's Erwähnung von KZ's ist episch-erzählerisch die erste Nennung, mit
Ausnahme von jornalistichen Belegen: Z.B. in: Vossische Zeitung
(Abend-Ausgabe), 03.03.1915: Zur Rettung deutscher Flieger aus
Seenot, worüber wir bereits berichtet haben, meldet Daily Mail",
daß die am Sonnabend mittag in Lowestoft gelandeten zwei deutschen
Flieger nach kurzem Verhör ins Konzentrationslager Bury Stedmunds
überführt worden sind.
Hier ein Hinweis auf diesen historischen Beleg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Konzentrationslager#Vorg.C3.A4ngereinrichtungen_des_Ersten_Weltkriegs_und_der_fr.C3.BChen_Nachkriegszeit_in_Deutschland
„Schupfen“: mittelhochdeutsch schupfen, (mitteldeutsch)
schuppen, schuppen
= stoßen.
Wortbeleg: „Aber das Schlimmste sind doch die Felsen. Da schupft
der Tod einen schon mit der ganzen Hand.“ [FedererBerge140]
https://www.dwds.de/wb/schupfen
Auch im DWB: https://www.dwds.de/wb/dwb/schupfen
*
Blutkomet] „Der grauenhafte Blutkomet
mußte in seinem rasenden Lauf schmetternd hineingeschlagen haben
auch in den abseitigen, friedlichen, in diesen alkyonischen Stern
seiner Bücherwelt.“ Die individualistische Charakterisierung eines
(vielleicht mittelalterlichen) „Blutkometen“ - als
Weltkriegsdesaster wäre unter anderen jüdischen Begriffen eine
Metapher für ethnisch-weiten Holocaust. Gedanklich summiert Zweig
hier allen persönlichen oder gemeinschaftlichen Schaden von
Kriegsereignissen.
wenn der Wind hinter unserm Schuh schon die letzte Spur von uns
wegträgt?] Eine Fortführung der Metapher vom Wind (vgl. Hiob ).
entrisch] kommt mir fremd (im Sinne von unheimlich,
nicht geheuer)
vor.
https://de.wiktionary.org/wiki/entrisch
ZUGABEn zu Buchmendel:
Kurt Beck, in „Nachbemerkung zu SZ: Buchmendel. (Neu: ²2007,
S. 324f.):
»In den
Kriegs- und Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges lebte in Wien ein
Original, wie es wohl selten eines gab und geben wird. Jakob Mendel,
genannt der Buch-Mendel, berühmt an der Universität und in einem
engen Kreis von Bewunderern. Er saß morgens bis abends im Cafe Gluck
in der oberen Alserstraße, an einem viereckigen Tischehen mit
grauschmutziger Marmorplatte, die stets mit Büchern und Schriften
überhäuft war ... « So »erinnerte« sich Josef Pravits über zwei
Zeitungsspalten hin in der )Wiener Zeitung. vom 20. November 1954 »an
die ehemals stadtbekannte Figur des .Buch-Mendel«. In „Das
Antiquariat“, Wien, XI. Jahrgang, Nr. 112 vom Januar 1955 wurde
dieser Text mit dem Bemerken, »seinen [Pravits] reizenden,
liebevollen Ausführungen soll hier Raum gegeben werden«, noch
einmal abgedruckt, ohne zu erkennen, daß es sich um eine »Variante«
von Stefan Zweigs Original handelte. Die letzten Worte der Erzählung
vom »Widerpart alles Lebens: Vergänglichkeit und Vergessensein«
scheinen nicht nur dadurch Wirklichkeit geworden zu sein. Zuerst 1929
in einen Band der Insel-Bücherei in Leipzig, Kleine Chronik,
aufgenommen, wurde sie ein Jahr später als Einzelausgabe gedruckt:
»Die Novelle wurde dem Bergischen Bibliophilen-Abend als erste
Jahresgabe vom Verfasser zur Veröffentlichung überlassen. Sie
erschien von der Officina Serpentis in der Walbaum-Fraktur gedruckt
im Jahre 1930«; 1937 integrierte Stefan Zweig sie in seinen bei
Herbert Reichner, Wien-Leipzig-Zürich, erschienenen Sammelband
Kaleidoskop 1946 wurde sie erstmals wieder in den -Ausgewählten
Novellen (Bermann-Fischer Verlag, Stockholm) und 1951 vom
Insel-Verlag, Leipzig, als Wiederauflage des Bandes „Kleine
Chronik“ nachgedruckt. Seitdem nicht mehr. Dabei bildet sie eine
Art Mittelpunktstück in Stefan Zweigs Werk. Denn Liebe und Treue zum
Buch sind wie Liebe und Treue zur Musik ein zutiefst jüdisches
Element; der Erzähler hat dies mit der Gestalt seines »kleinen,
zerdrückten ... und überdies buckligen galizischen Juden Jakob
Mendel«, des »Buchmendel«, in seiner scheinbar engen Tragik
verdeutlicht. Etwas von Stefan Zweig selbst, von seiner innersten
Angst vor einem solchen Schicksal mag in diese Geschichte
eingeflossen sein. (…)
Josef Pravits,
in Wiener Zeitung. vom 20. November 1954
[34]. "Der
Buch-Mendel" in Wiener Zeitung [Wien], 20 November 1954.
This plagiarized version was written by Josef Pravits
*
http://zweig.fredonia.edu/index.php?title=Buchmendel_%28Eine_Erz%C3%A4hlung%29
*
Post Scriptum, in: Burgenländische
Volkszeitung, 06.09.2006
Bruno Ganz liest [d.h. las] am 10. September aus
der Novelle Buchmendel von Stefan Zweig in der Synagoge.