Montag, 11. März 2024

Über s u i z i d a l e s V e r h a l t e n

<Der Selbst-Mord: eine Abhandlung eines deutschen Philosophen (1775) >: Erste deutsches Schrift über den Freitod (damals noch moralisch-selbstverständlich genannt: "Selbst-Mord": 











Über  s u i z i d a l e s  V e r h a l t e n


* insbesondere Prophylaxe und Therapie bei Suizidversuchen Jugendlicher


* Ein Literaturbericht unter pädagogischen Gesichtspunkten *



Gegenstand dieses Literaturberichts sind meist aktuelle Veröffentlichungen, die die Phänomene des Suizids und die Möglichkeiten des helfenden Eingreifens darstellen; die Literatur ist nur in einem kleinen Teil für die Hand von Fachleuten, also Therapeuten, Psychologen und Psychiater, geschrieben; zunehmend erscheinen Veröffentlichungen, die Eltern, Mitschüler, Mitgeschwister, größtenteils auch Lehrer einbeziehen. Darüber hinaus zeigen sich an diesem Phänomen potenziert gesellschaftliche, nämlich soziale Entwicklungen (und auch Chancen für ein Eingreifen), die in den kritischen Blick und zu den Maßnahmen der nichtvoyeuristischen Öffentlichkeit gehören.

In den Schulen ist der Freitod meist Gegenstand betroffenen Schweigens, besten Falles manchmal in der Form eines nachträglichen, zeremoniell aufwendigen, aber punktuellen und desto wirkungsloseren, nichtssagenden religiösen Rituals.

Noch häufiger entwickelt sich zu unserer Zeit das Problem in der Form der suizidalen Versuchshandlung (besonders häufig bei Mädchen) mit seiner deutlichen Appellfunktion - die aber verdeckt wird, so daß es herrschende Übung ist, den unangenehmen Vorfall in größter Spracharmut und desto geringer Empathie zu verschweigen, z.B. Kollegen, die in der Klasse unterrichten, nicht einmal zu informieren und über den peinlichen Vorfall eine Decke erbärmlichen, jedenfalls nicht erbarmungsvollen Schweigens zu breiten.

Schulisch bedingte Umstände werden nirgends thematisiert von betroffenen Kollegien, allerhöchstens im vagen Fluidum des naiv befreienden Klatsches, der affektiven Abwehr oder der Projektion auf andere; Lehrer und insbesondere Leitungskräfte in den Schulen sind nicht darauf vorbereitet, menschlich und psychologisch nicht in der Lage, auf solche radikalen und endgültigen Reaktionen als Fehlform der Konfliktbearbeitung einzugehen.

Neuerdings mehren sich auch Berichte über suizidales Verhalten bei (nicht erfolgreichen) Versuchen des Aussteigens aus Sekten oder sektenähnlichen Wirtschaftsorganisation oder krimineller, teils politisch verbrämter Gruppen oder Banden.

Konkret habe ich die hilflose Strategie seitens einer Schulleitung erlebt, einem betroffenen Mädchen, Tochter eines Lehrerkollegen, einen Schulwechsel anzuraten. Eine wirkliche Bearbeitung schob man mit spitzen Fingern und einer bloß formelhaften Gestik des irreparabel Wunderbar-Entsetzlichen der Sonderdisziplin Psychologie zu, über die aber ohnehin die allgemein dominierende lehrermäßige Beurteilung vorherrscht, sie, die Erkundung der Psyche, sei (fast) nie in der Lage, bei Versagen und/oder Entwicklungsfehlformen fundiert zu helfen oder Veränderung zu bewirken.

Eine konkrete, ehrliche, praxisorientierte, veröffentlichte Schulkritik in diesem Bereich menschlichen Versagens kenne ich nicht; sie bleibt wohl Desiderat, aus mehreren Gründen, der Unfähigkeit, darüber Auskunft zu geben und der verständlichen Scheu, die eigene Trauer und/oder Betroffenheit zu publizieren.

Eine solche fundierte, wie allgemein praktikable Erziehungspsychologie, wie die von R. und A.-M. Tausch (mir vorliegend in der 10. Auflage 1991) erwähnt den Casus suicidalis mortalis mit keinen Satz, mit keinem Stichwort, obwohl die Begrifflichkeit des Selbst eine begrüßenswert große Rolle spielt (Selbstkonzept, Selbstöffnung, Selbstverantwortung u.a.). Er ist fachwissenschaftlich den anderen Disziplinen (der psychologischen oder noch häufiger psychiatrischen) zugeordnet. Ein Zustand, der die Desorientierung der Erziehung am meßbaren Erfolg kennzeichnet; sie ist gemeinhin an öffentlichen Schulen eine Pädagogik des Lernzwanges, der Verhaltensdressur, keine des gemeinschaftlichen Erlebens, des gemeinsam projektierten Lernens.

Eine konkrete Öffnung der schulischen Verantwortung für ihre Fehlerziehung (im Verbund oder in Ergänzung zum elterlichen Anteil und in einem psychologischen Konzept) könnte, genauso wie im Problemfall der schulischen Gewalt, die langehin tabuisiert wurde, ein Benanntwerden und eine Diskussionswürdigkeit als Voraussetzung eines anteiligen Wandels einleiten.

Suizidalität scheint als ein mächtiges, unidentifizierbares, nicht vorhersehbares Naturereignis unter Lehrern diskutiert und als nicht analysierbar empfunden zu werden. Die erlittene Not Sterbewilliger oder Selbstgetöter, das Entsetzen betroffener Überlebender sind um so größer und im Einzelfall um so verantwortungsloser aufgenommen, als man sich lehrerseits nicht um das Problem der Entwicklung und Vermeidung dessen kümmert, woran man auch mit den Mitteln seiner pädagogischen Verantwortung, die häufig eine strukturelle Gewaltform ist, beteiligt wird, ob ursächlich oder Anlaß oder nur als auslösendes Moment.

Wer aus Deutsch-, Psychologie- oder Politik-Lektürestoffen in der Mittel- oder Oberstufe weiß, daß der früher so genannte Selbstmord häufig Stoff literarischer Behandlung ist, z.B. in den "Leiden des jungen Werther", auch in vielen Jugendromanen zum Thema sexuelle Gewalt und in vielen literarischen, letzten Briefen von Suizidanten, wird sich der Thematik ohnehin häufiger zu stellen haben; meist wird sie aber ausgeklammert, verrätselt, gar (noch) moralisiert oder tabuisiert.

Genauso wie es in Modellversuchen schon schulische Trainingsgruppen zu den Problemen Gewalt und Mobbing gibt, ist zu fordern, daß es Kontakt- und Beratungsmöglichkeiten, etwa unter dem allgemeinen, nicht thematisch einschränkenden oder negativ etikettierenden Titel "Emotionale und soziale Gesundheit" geben sollte; Formen gezielten Selbstsicherheitstraining und gruppendynamische Spiele sind in der Literatur vorgestellt, ohne daß die Reizworte Freitod, Selbstmord o.ä. fallen müssen. Viele Symptome und Merkmale des suizidalen Verhaltens entsprechen anderen Auffälligkeiten, etwa den emotionalen oder sozialen Folgen des sexuellen Mißbrauchs oder dem Einstieg in das Suchtverhalten oder seiner Eskalation oder der Abhängigkeitskarriere selbst. Es gilt nur, sie wahrzunehmen, statt mit einem öffentlich-rechtlichen Wahrnehmungspanzer Problem zu verschleiern und Kinder und Jugendliche auszugrenzen, im schlimmsten Falle seinen eigenen Anteil als Mitschuldigkeit zu leugnen.

Kollegen und Kolleginnen, die sich beamtenmäßig distanzieren von einem solchen erweiterten Pädagogen-Konzept des helfenden Lehrers (mit Hinweisen auf Inkompetenz, Überforderung, Überfrachtung der fachlichen Qualifikation) sollten zumindest bedenken, ob ihr Nicht-Engagement nicht Faktor einer Eskalation verstärkter un- oder antimenschlicher im Sinne der Steigerung von wirtschaftlich motivierter Leistungsorientierung, Erfolgsdruck und fehlender Gesprächsbereitschaft werden könnte.


Dieser Literaturbericht ist eine Vorarbeit für eine Materialiensammlung, die für den VdP spätestens nach den Sommerferien 97 vorliegen wird.



*



1. Améry, Jean: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod. Stuttgart 1976: Ernst Klett Verlag (und spätere Auflagen, auch als Taschenbuch).


An die Spitze der Berichts möchte ich Amérys zwanzig Jahre alten Essay stellen, der natürlich über die fächerspezifische Behandlung in den Fächern an Schulen hinausgeht. Améry selber, der programmatisch frei von den Kategorien Psychologie, Philosophie, (und erst recht nicht der Theologie) argumentiert, berichtet in einer Art psychohistorischen Lebensbeichte, daß er schon mehrmals versucht habe, Selbstmord zu begehen - das erstemal in seiner KZ-Haft nach der Folterung, weil er so verhindern wollte, nach weiterer Quälerei die Adresse einer jüdischen Freundin preiszugeben. Er teilt auch mit, wie er es als tiefste Schmach empfand, als ihm die Kunst der Ärzte "Rettung" zuteil werden ließ.

Der Aufklärer und sensible literaturkritische Essayist Améry hielt in und nach diesem Buch es für sein autonomes menschliches Recht, ohne Hilfe oder Beistand oder Rettungsversuche von Freunden oder Professionellen aus dem Leben zu scheiden. Seine lange jahre währende menschliche Geduld mit der Fortsetzung der "Lebenslogik um jeden Preis" war in der Nacht des 17.10.1978 in einem Salzburger Hotel beendet, in seinem freien Entschluß, wie er es zwei Jahre zuvor in dem Buch und in öffentlichen Diskussionen zum Freitod vorformulierte. Eine Provokation für jeden, der sich um Mit-Menschlichkeit, insbesondere im pädagogischen Bereich bemüht.

Das Buch geht über die Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht hinaus; es bietet aber Argumente zur Provokation, Fallbeispiele aus der Philosophie, aus der Literatur, z.B. Paul Celans Freitod oder der Suzid der Hauptperson in Schnitzlers Novelle "Leutnant Gustl", und ist ein die Begriffe schulendes und die Notwendigkeiten begreifbar machendes, bemerkenswertes Dokuments einer radikal aufklärerischen Freiheit: "Wer abspringt, ist nicht notwendigerweise dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen 'gestört' oder 'verstört'. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muß wie von den Masern. Der Freitod ist ein Privileg des Humanen." So zwingt uns Améry, unsere eigenen Motive des Lebens und der pädagogischen oder therapeutischen Hilfe für lebenslang Verletzte und für in ihrem Er-Leben Verletzte zu überdenken, im Dialog zu erkunden und sich (und vielleicht andere als Vorbild) in seinem Lebenszentrum zu binden und bilden.

Der letzte Abschnitt seines epochemachenden, kritisch zu lesenden Essays lautet: "Es steht nicht gut um den Suizidär, stand nicht zum besten für den Suizidanten. Wir sollten ihnen Respekt vor ihrem Tun und Lassen, sollten ihnen Anteilnahme nicht versagen, zumalen ja wir selber keine glänzende Figur machen. Beklagenswert nehmen wir uns aus, das kann eine jeder sehen. So wollen wir gedämpft und in ordentlicher Haltung, gesenkten Kopfes den beklagen, der uns in Freiheit verließ." (S. 129).

Für die Diskussion des Normalfalles Suizid, insbesondere des jugendlichen in oder zur Zeit der Schule, ist Amérys Dokument nicht eindimensional einsetzbar, darf aber auch nicht verschwiegen werden.

- Vgl. die Diskussion des Améryschen Versuches (des literarischen und existenziellen) im Buch von Pohlmeier, siehe Nr. 7!


2. Freemann, Arthur und Reinecke, Mark A.: Selbstmordgefahr? Erkennen und Behandeln: Kognitive Therapie bei suicidalem Verhalten. Aus dem Amerikanischen von I. Erckenbrecht. Verlag Hans Huber, Bern 1995. 49,80 DM.


In vielen genauen Kategorien und Untersuchungsergebnissen wird die Kognitive Theorie in ihren Leistungen für das Erkennen von Suizid-Gefährdung vorgestellt. Es wird plausibel dargestellt, daß entwicklungsbedingte, sogenannte "automatische" Gedanken, kognitive "Verzerrungen" eine wichtige Symptomatik der Suizidgefährdung sind. Beispiele dieser gedanklichen Symptome sind u.a. polarisiertes Denken, Übergeneralisierungen, selektive Abstraktionen, willkürliche Schlußfolgerungen, Soll/Muß-Denken, Etikettierung, Über- und Untertreibung, Personalisierung, Disqualifikation positiver Erfahrungen u.a.

Zum polarisierten Denken erfahren wir: Damit ist die Tendenz vieler Menschen gemeint, ihre Leistungen, Erfahrungen und persönlichen Eigenschaften nach starren Schwarz-Weiß-Kategorien einzuschätzen.

Personalisierung wird z.B. so erklärt: Zur P. kommt es, wenn man Ereignisse, die nichts mit einem selbst zu tun haben, dennoch auf sich bezieht und ihnen eine persönliche Bedeutung beimißt. In extremer Form können wir dies bei paranoiden Patientinnen und Patienten beobachten.

Wer allgemein Mitmenschen, ob Nahestehende oder im Beruflichen Nächste, z.B. SchülerInnnen in kritischen Situationen erlebt hat, kann Ansätze für alle diese Wahrnehmungs-, Denk- und Kommunikationsstörungen beobachten. - Mir persönlich ging bei dieser Auflistung allgemein und isoliert bekannter Denkeigentümlichkeiten (S. 36 - 40) erschütternd die Erinnerung an einen persönlich bekannten Fall einer Suizidantin, Schülerin einer Jahrgangsstufe 12, durch den Kopf, deren eigene Mutter berichtete geradezu sachlich zu berichten versuchte, ihre Tochter habe in der Familie Mobbing betrieben. In dieser distanzierenden Etikettierung durch die primäre Vertrauensperson, die im hohen Grade Empathie und Hilfsansätze vermissen ließ, ging natürlich jegliche Beziehung und jede Chance für eine Hilfe gegenüber dem gefährdeten Mädchen verloren.

Diese Verzerrungen, die in ihrer Häufung negativ wirken und zu dysfunktionalem Verhalten führen, und hierin besteht der Hauptteil des Buches von Freemann und Reinecke, gilt es, in der Therapie zu "entzerren".

Diese genannten Symptome können, wenn sie nicht fokussiert und konfliktär auftreten, durchaus das bezeichnen, was man den "depressiven Realismus" nennt, mit seinen vielen Erkenntnis- und Veränderungschancen. (Kurt Tucholsky war z.B. ein solcher depressiver Realist, dessen "beleidigter Idealismus" die Quelle seiner kritisch-satirischen, dichterischen Potenz und als poetische Garantie der privaten Existenz war.)

Schwerpunkt der weiteren Kapitel der wissenschaftlich und praxisorientierten Darstellung sind die klinischen Erfahrungen mit der Therapie gefährdeter Menschen aus verschiedenen Risikogruppen, auch mit Patienten, die erhöhte Risiken durch Faktoren wie Drogen- und Tablettenmißbrauch (auch Alkoholismus) und traumatische Kriegserlebnisse aufweisen.

Die Verzerrungen können tatsächlich, so wird nachvollziehbar im Buch ausgewiesen, präziser und realistischer sein als die Auffassungen nichtdepressiver Menschen. Denn diese extrem sensiblen Wahrnehmungen, Attributionen und Schlußfolgerungen haben, im nichtpathologischen Fall und reflektiert eingesetzt, hohen Erkenntniswert.

In der amerikanischen, soziologisch orientierten Psychologie wird dieser Kognitiven Therapie der Autoren mittlerweile eine Art Wunderfunktion zugeschrieben. Wer die hohe Intellektualität vieler überlebender Suizidanten erlebt hat und mitberücksichtigt, kann dies plausibel einschätzen: Die kognitiven Faktoren, die leicht überschießen und ein Krisenpotential erzeugen, können auch, positiv und akzeptierend eingeordnet, Quelle der therapeutisch angeleiteten eigenen, selbständig orientierten Konfliktbewältigung durch Patienten und Familienmitglieder werden. Hier setzt fachkundige, emotional zuwendende, positiv einschätzende Hilfe an; Tausch/Tausch (in ihrer Erziehungspsychologie) nennen die entsprechenden Kategorien "Achtung-Wärme", "einfühlendes Verstehen", die in jedem pädagogischen Bezug förderliche Variablen sind.

Im pädagogischen Alltag ist das Buch nicht unmittelbar einsetzbar; es ist einer Anschaffung in der Fachbibliothek wert; aber für Pädagogen, die in ihrem Interesse Hilfsmöglichkeiten erkunden und/oder unter Fachkollegen die Möglichkeit gefunden haben zu einer privaten Supervisionsgruppe, gibt es eine Fülle von Informationen für Erkundung und Aufarbeitung von Symptomen, die, wenn sie gehäuft auftreten, ein Gefährdungspotential signalisieren.


*


3. Thomas Giernalczyk: Lebensmüde. Hilfe bei Selbstmordgefährdung. München 1995: Kösel.


Der Autor ist kundig in seinem Arbeitsbereich und teilt viele, einsichtige Erfahrungen mit. Positiv sind auch seine Einschätzungsskala und eine Phasenbeschreibung der Suizidalität.

Im statistischen Zahlenmaterial greift er auf das Jahr 1992 zurück; eine Information, die man für 1996 und später ergänzen müßte, da die heutige, nach der deutschen Einheit und mit ihren vorherrschend wirtschaftlichem Denken und der entsprechenden politischen Ausrichtung der sozialen und kapitalen Effektivierung und Ausgrenzung vieler nicht so leistungsfähiger Menschen und Gruppen nachgewiesene Eskalation von Jugendlichen-Selbstmord-Fällen so nicht dokumentiert werden kann.

Das Adressenmaterial nimmt, teilweise überflüssig, großgedruckt fast 50 Seiten ein; es gibt einfachere, vollständigere Informationen über Hilfsmöglichkeiten.

Eine für Pädagogeninteressen eher entbehrliche Neuerscheinung, insbesondere im Hinblick auf praktikablere Informationskontakten, siehe unter Nr. 4 und 5!



4. Hömmen, Christa: Mal sehen, ob ihr mich vermißt. Menschen in Lebensgefahr. Reinbek: 1989: rororo 20547 (7,8o DM).


Lebensgeschichten und Informationen, Analysen und Hilfsangebote für alle, die mehr über die Motive einer Selbsttötung wissen wollen und für alle, die selbst nicht mehr weiter wissen.

Ein interessantes Kapitel heißt "Sieben lebensgefährliche Vorurteile", in dem konkrete Einstellungstereotype behandelt werden, z.B. "Wer über den Suizid spricht, tut es nicht" - oder "Wer den Suizid überlebt, wollte gar nicht sterben" - oder "Nur Verrückte machen einen Selbsttötungsversuch".

Einzelne Kapitel lassen sich herausnehmen für verschiedene Unterrichtszwecke, so z.B. S. 145f.: "In meiner Klasse hat jemand einen Suizidversuch gemacht"; dieser Text ist als Einstieg geeignet, stellvertretend und prophylaktisch für eine Ernstsituation mit ihrer schwierigen Belastung und den fast unabschätzbaren emotionalen Reaktionen, Spielregeln und Hilfsangebote zu besprechen, ohne daß die individuelle Betroffenheit zu sehr strapaziert wird oder gar schädlich sich artikuliert.

Die Sprache ist klar, die Probleme oder Schritte zur Lösung werden menschlich sensibel und analytisch fundiert erfaßt.

Auch hier ist die Kategorie der sich selbst schädigenden Handlung eingeführt - eine Betrachtungsweise, die sensibilisieren kann für Hilfsangebote bei unerklärlichen Symptomen, die mensch als LehrerIn vielleicht nicht früh genug beobachtete und gar nicht mit dramatischen Hintergrund der Lebensgefährdung in Verbindung gebracht hätte.

- Ab 13 Jahren ist das Taschenbuch zu empfehlen; so stuft auch der Verlag dieses Publikation selber ein; dem kann ein Lehrermensch folgen. Unter (schlimmen) Umständen ließe sich das Buch auch als Klassenlektüre als kostenloses Hilfs- und Textangebot einsetzen, wenn die Schule das Buch im Klassensatz vorhielte wie aus anderen Fächern Nachschlagewerke oder Anthologien; über die im engeren Sinne gesellschaftswissenschaftlichen Fächer ist das Taschenbuch auch in Religion einsetzbar; hier wäre sicherlich aber auch eine Absprache mit Eltern und LehrerInnen (auch in den Parallelklassen) nötig, wenn an einer Schule das Thema Suizid oder Suizid-Versuche unter den Schülern zu einem kollektiven Problem (bekannt) geworden ist.

Weiter könnte es aber in jeder Mittelstufenklasse und in jedem Kurs EW der Oberstufe mit Einzeltexten als Steinbruch für Arbeitspapiere verwendet werden - für die vielleicht irgendwann nötige Thematik; am günstigen, um schwierige Diskussionsbemühungen prophylaktisch anzubieten, verbunden mit den nötigen Angaben von Hilfsstationen im örtlichen Bereich (Telefonseelsorge, Pro Familia, sozialpsychiatrischer Dienst der Gesundheitsämter u.ä.), die im Buch aufgelistet sind.


6. Käsler, Helga und Nikodem, Brigitte: Bitte, hört, was ich nicht sage. Signale von Kindern und Jugendlichen verstehen, die nicht mehr leben wollen. München 1996: Kösel.


Das Buch ist praxisorientiert, informativ, materialreich durch die vier umfangreichen, sensiblen Fallanalysen. In den Kapiteln Suizidtheorien, dem präsuizidalen Syndrom, den Alarmzeichen in dieser Phase und dem suizidalen Endverhalten. Teil II bietet Informationen, die ich in dieser Form in keiner anderen Veröffentlichung gefunden habe: Nachsorge beim Suizid-Versuch, der gleichzeitig Prophylaxe ist, in der Einzel- bzw. Familientherapie.

Die geäußerte Schulkritik ist knapp und profund: Lehrpläne, Notensysteme und Leistungsnachweise fördern häufig nicht das, was als Ziel vorgegeben wird. Es fördert das Konkurrenzverhalten und Durchsetzungsstrategien, die zu Lasten sozialen und kreativen Miteinanders gehen." (S. 164).

Die Überlebensstrategien, die sich notgedrungen entwickeln bei Schülern, die dem Leistungsdruck und der Anonymität nicht standhalten können, werden auf dieser Basis eigens beschrieben. Z.B.: Der kollegiale und partnerschaftliche Arbeitsstil auch unter Lehrern wäre als Vorbildfunktion für Schüler wünschenswert.



7. Pohlmeier, Hermann: Depression und Selbstmord. Parerga, Düsseldorf/Bonn. 1995. (Band 5 der Schriften der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben) (34,- DM).


Die Buch geht von der Erfahrung aus, daß Suizid ohne Depression nicht real wird und nicht denkbar ist, (selbstverständlich gilt nicht die Umkehrung: die Depression müsse zum Suizid führen).

Nach den Erörterungen von Erscheinungsformen (gegliedert nach "anatomischem, medizinischem, aggressivem, narzißtischem, gelerntem und politischem Suizid"), dem Zusammenhang und den Entstehungsbedingungen von Depression und Suizid ist im Buch die Rede von Reaktionen auf Depression und Selbstmord. Hier werden allgemein die Gesellschaft, dann die Medizin (Psychologie), Philosophie und Politik.

Das in der dritten Auflage neue Nachwort enthält einen Nachruf auf Jean Améry, der 1978 den von ihm proklamierten bewußten und freien Suizid suchte. Sein Freitod hat die öffentliche Diskussion über Suizid, Suizidverhütung und Sterbehilfe verändert. Es wurden und werden Fragen gestellt, die der Suizidant Améry aufwarf und für sich radikal einsam entschied: nach Freiheit und/oder Zwang, nach Krankheit oder Stärke, nach Recht und Unrecht, nach Anmaßung oder Verpflichtung. Die Fragen nach der gemeinsamen, unteilbaren Menschlichkeit des Suizidanten und des Selbsttötungsverhinderers (des Arztes, des Seelsorgers) sind gerade nach dem Freitod Amérys für die "Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben" und deren öffentliche Darstellung und Hilfsangebote neu gestellt und rechtlich und ethisch noch nicht einvernehmlich beantwortet. Pohlmeier äußert sich sehr persönlich: "In seinem Leben hat er mir meine Freiheit wiederzuerlangen geholfen. Die ...'Gnade des Todes'... ihm geschenkt lassen zu können und seinen Selbstmord nicht verhindert haben zu wollen, hilft er mir jetzt noch lernen." (S. 197)


8. Ringel, Erwin: Selbstmord - Appell an die anderen. Stuttgart 1980: Chr. Kaiser [KT 68].


Diese vom ersten empirisch und therapeutisch aktiven und erfolgreichen Freitodforscher, dem Wiener Psychiater Ringel, geleistete Zusammenfassung seiner epochemachenden Untersuchungen ist ein Werk, das typische Begleitumstände, Abläufe und Folgen des Verhaltens und der Handlungen von Personen, die den Freitod suchten und/oder fanden, aufarbeitet.

Ringel beschreibt hier zusammenfassend das präsuizidale Syndrom, das in vielen späteren und unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen Anerkennung fand: Die Eskalation der Suizidalität liegt in einer Einengung der persönlichen Möglichkeiten und Verhaltensweisen und der Ausprägung einer "persönlichen Einbildung", die nicht real ist. Es folgt die Einengung der Gefühlswelt, der zwischenmenschlichen Kontakte und der "Wertwelt". Die gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggression verbindet sich im weiterem mit den Selbstmordfantasien, die im sich mit der Fixierung der Phantasie auf kleinste Punkte der Durchführung steigern kann. Die schlimmste, mortale Eskalation begrenzt, wenn keine Hilfe gesucht und/oder gefunden wird, jede positive Ablenkung und endet im Suizid.

Das Taschenbuch ist die derzeit beste Grundlage für die Behandlung des Themas im Fach Pädagogik, ob GK, ob Lk. Ein eigenes Kapital in ihm gilt der Schulerziehung, indem gestörte zwischenmenschliche Beziehungen, falsche Einstellungen zu Außenseitern und Schwachen und ungenügende Kenntnis über das Freitodproblem behandelt werden.

Auch die nötige Abgrenzung des Laieneinsatzes zu der professionellen psychologischen oder psychiatrischen Therapie ist aufgezeigt. Eingestreut sind auch meist gekürzte literarische Dokumente, so im Falle Stefan Zweig, Georg von der Vring oder Sergej Jessenins u.a.; hier kann sich sicherlich jeder Deutschlehrer umfangreichere Materialien zusammenstellen, z.B. mit Der Selbstmord. Hrsg. von Roger Willemsen. [dtv 11021] oder Todeszeichen. Hrsg. von Gabriele Dietze. [SL 329]. Zu denken ist z.B. an Bert Brechts Gedicht "Zum Freitod des Flüchtlings W.B." (1941).

Ein solches schmales, aber potentes Werk durchzuarbeiten, z.B. in Gruppenarbeit als Fortbildungsmaßnahme, gehörte (Konjunktiv optativus) nach meinem Verständnis zu den Qualifikationsgrundlagen eines Lehrers, zumindest im Zuge von Beförderungsmaßnahmen, um an der Schule einen Standard an Humanität zu befördern, der auch im Ernstfall, ob von ihr verursacht oder gesteigert oder mitverschuldet oder woran sie schuldlos ist, eine Chance von Hilfsbereitschaft, dialogischer Fähigkeit und praktizierter Empathie bietet.


*


9. Angela Knapp: Verzeiht mir, aber ich kann nicht anders. Frankfurt/M. 1993: R.G. Fischer Verlag.


Im statistischen Teil ist das Büchlein nicht mehr aktuell. Es vermag aber die Zusammenhänge in kurzen Kapiteln noch heute sinnvoll zu beschreiben, z.B. im Hinblick auf Unterschiede im weiblichen bzw. männlichen und im jugendlichen Suizid-Verhalten. Einzelne Problembeschreibungen sind durch Modellskizzen illustriert, die sich auch auf andere Fallbeispiele transferieren lassen. Dies gilt besonders für die Kapitel "Notsignale", "Selbstmord als Imitationshandlung" und "Begründungsansätze". Das Literaturregister erschließt auch ältere Aufsätze aus Zeitschriften wie "Psychologie heute", "betrifft: erziehung" oder "Suchtprophylaxe", um aus ihnen Materialien zu gewinnen.

Das Buch wird häufig in öffentlichen Büchereien angeboten, auch in den entsprechenden Jugendabteilungen.


*


10. Schütz, Julia: Ihr habt mein Weinen nicht gehört. Hilfen für suicidgefährdete Jugendliche. Frankfurt/M. 1995: Fischer-Tb. 11964. (14,90 DM).


Ein äußerst kompaktes, erfreulich informatives Taschenbuch. Von den gebotenen Fällen und Materialien, um Hilfe anzubieten, Beratungsmöglichkeiten zu initiieren her ein einfaches, aber wirkungsvoll konzipiertes Buch. Das Taschenbuch sollte Pflichtlektüre für Lehrer und als Grundlage für Verhaltensbeobachtungs- und Psychologie-Seminare in der Lehrerausbildung (wenn sie denn Realität würden) bereit gehalten werden.


11. Weber, Karin (Hrsg.): Nimm dir doch das Leben! Wenn Jugendliche das Leben satt haben. Recklinghausen 1994: Bitter Verlag.

Hintergrund dieses intelligent und fachgerecht als Einblick aus verschiedenen Sichtweisen auf einen Fall konzipierten allgemein verständlich geschriebenen Buches ist das Fallbeispiel der Sandra D., die im Alter von 14 Jahren Selbstmord beging; das Leben des Mädchens wird in ihren persönlichen Zeugnissen konkret und auch offensichtlich journalistisch korrekt nachgezeichnet, aber auch auf den Ebenen von psychologischen sozialen Strukturen in den Familien, in der Schule und als Anfrage an das heutigentags beobachtbare Leben in kirchlichen Gemeinden analysiert; das Individuelle des Lebens der Sandra D., insbesondere auch ihre schriftlichen Zeugnisse (Gedichte, Aufzeichnungen, Schularbeiten) wird belichtet und ergänzt durch eine größtenteils akzeptable, an den realen Veränderungen der sozialen Bereiche orientierte Problemanalyse.

Insbesondere der Beitrag des katholischen Theologen Dr. Rainer Krockauer ist herausragend und dementsprechend überdurchschnittlich wichtig; er vermittelt einen kritisch-engagierten Blick auf eine bisher unzureichende Seelsorge-Arbeit in den Kirchen. Er entwickelt, sozialwissenschaftlich und theologisch zeitgerecht geschult eine Auffassung von Kirchenleben, das akzeptabel werden könnte für junge Menschen, so daß nicht in ganz selbstverständlichen, oder gar krisenhaften Problemsituationen bei Jugendlichen nur der Eindruck vorherrscht: In beiden großen Kirchen kann ich nicht aus meinem Problemstrudel auftauchen, da soll ich ja nur beten und verzichten lernen, da darf ich nur das von mir rauslassen, was dem selektiven Verständnis eines Priesters und seiner ihm hörigen Gemeinde verständlich oder angemessen ist, die dort nicht ausgebildet sind für das erschreckend Menschliche. Der Seelsorger Krockauer bietet Ansätze und konkrete Hilfen (für den Nürnberger Raum aufgezeigt), daß Jugendliche mit religiösem Hintergrund oder mit eben solchen neu erwachenden Interessen nicht fast zwangsläufig den emotional riskanten und häufig magiefreudigen Subkultur- oder Sektenangeboten in die willig und profittüchtig ausgebreiteten Hände fallen müssen. Wo kann mensch schon von einem solch offenen Kirchen-Leben berichten oder empfehlend darauf verweisen?

In diesem positiv-engagierten Sinne ist auch der auffällige Titel gemeint; abgeleitet von einem NT-Spruch (Sie sollen das Leben haben; ja, sie sollen es in Fülle haben!) fordert der Spruch als Wunschformel Jugendliche und auch Erwachsene auf: Nehmt euch ein Stück von diesem angebotenen Leben; verwirklicht euch in diesem lebendigen Sinne. 1]


Gesamthintergrund der Buchautoren sind auch die Aussagen der Statistik, daß sich in Deutschland täglich zwischen drei und vier junge Menschen das Leben nehmen, haben wir hier eine Jahresrate von 1400 toten Jugendlichen zu beklagen.

Ein Sammelwerk mit Beiträgen aus verschiedenen Bereichen, die größtenteils eindringlich sind und über das Mädchen Sandra, die selber zu Lebzeiten von den "Mauern des Schweigens um mich herum" betroffen war, wie sie es selber beschriebe; von ihr berichtet Herausgeberin K. Weber in vorbildlicher Weise.

Der Fall wurde auch TV-publik, als SPIEGEL-TV-Reportage, im SAT 1. Programm: als Dokumentation am 19.12.1993 gesendet, mit Interviews aus beteiligter Betroffenheit.


12. Wenglein, Erik, Arno Hellwig und Matthias Schoof (Hrsg.): Selbstvernichtung. Psychodynamik und Psychotherapie bei autodestruktivem Verhalten. Göttingen u. Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht. 1996. (39,- DM).


Die elf Einzelaufsätze entstammen drei verschiedenen Arbeitsbereichen der Mediziner und Psychologen:

Lebenstrieb und Autodestruktion; sowie die medizinischen Felder mit ihren diagnostischen und therapeutischen Aspekten.


Der Grundsatzfrage über einen Todestrieb oder einen Lebenstrieb geht Battegay nach; er resümiert: "Selbst wenn ein Suizid vollzogen wird, ist es, wie hinterlassene Briefe oder Bücher zeigen, nicht ein Todestrieb, wie er von Freud (1920) postuliert wurde, der diese Menschen bewegte, sondern die Verzweiflung am Leben und der unbewußte Wunsch, in ein besseres Jenseits zu gelangen, in dem noch eine Kommunikation mit der sozialen Umwelt, ein Da-Sein gegeben wäre." (S. 45)

Interessante kulturelle Aspekte erschließt der Aufsatz von Th. Haenel über den "Suizid als Gruppen- und Kollektivphänomen". So ist es inzwischen gesichert, daß öffentliche Berichte über Suizide auch unerwünschte Nachahmungseffekte haben. "Wissenschaftlich ist es damit zum erstenmal gelungen, eine lang verfolgte Hypothese, das Lernen am fiktiven Modell als Anstoß für Selbstmordhandlungen, zu belegen." (S. 79) Als Imitationslernen mit seinen Identifikations- und Habitualisierungseffekten wäre der Effekt besser beschrieben.

Der Autor referiert auch mit Zusammenfassungen über die Suizide von Kleist und Zweig. Leider wird zwar Zweigs Gedicht erwähnt, aber nicht abgedruckt; es sei hier eingerückt, weil ergreifend, Zweigs letztes Gedicht, vor seinem Suizid im Februar 1942; geschrieben in Rio de Janeiro, am 4. Febr. 1942 (ohne Titel): 

         LINDER schwebt der Stunden Reigen

über schon ergrautem Haar,

denn erst an des Bechers Neige

wird der Grund, der goldne, klar.


Vorgefühl des nahen Nachtens,

es verstört nicht... es entschwert.

Reine Lust des Weltbetrachtens

kennt nur, wer nicht mehr begehrt,


nicht mehr fragt, was er erreichte,

nicht mehr klagt, was er bemißt,

und dem Altern nur der leichte

Anfang seines Abschieds ist.


Niemals glänzt der Ausblick freier,

als im Glast des Scheidelichts.

Nie liebt man das Leben treuer,

als im Schatten des Verzichts.


 Viele Beiträge liefern Fallbeispiele und Modellskizzen, die im Pädagogikunterricht gut verwertbar sind.

Die interessantesten Modell aus Wolfersdorfs Beitrag "Der suizidgefährdete Mensch. Zur Diagnostik und Therapie" (S. 89-112) seien hier genannt: Krise und Entwicklung von Suizidalität und ein Modell suizidaler Dynamik.

Das Buch geht über die Frage des mortalen Suizids hinaus und behandelt auch "selbstverletzende Verhaltensweisen" (SVV) (z.B. Schneiden, Brennen, Verbrühen), die neben ihren autoaggressiven Komponenten auch sinnvolle, progressive Anteile verdeckt aufzeigen, die kundigen Therapeuten herausarbeiten können. "SVV ist in dieser Sichtweise .... als Mittel zur Beendigung von Depersonalisationszuständen und als zentrales narzißtisches Regulans immer auch ein selbstfürsorglicher Akt."

Auch Beiträge über das moderne Freizeit-Risiko-Verhalten und über die aktiven Sterbehilfe (von H. Wedler) sind produktiv in diesem übergreifenden Themenstellung der Selbstvernichtung.

Unterschiede in suizidalen Abläufen, Ursachen und Methoden bei Männern und Frauen und in unterschiedlichen Altersgruppen lassen sich aus Materialien und Statistiken von R. Battegay, E. Wenglein, J. Kind und M. Teising erschließen.

Alle Beiträge sind ohne speziell psychiatrisches Fachvokabular zu lesen.

*

Noch eine Buchempfehlung zu dem Anschlußthema Trauerarbeit mit Verwaisten:

13. Böhle, Solveig: Damit die Trauer Worte findet. München 1995: dtv 35105. (12,90 DM).


Für den Bereich, den sich LehrerInnen anschauen sollten, wenn sie denn bereit sind, sich der Thematik zu stellen, ein gut geschriebenes, angenehm kompaktes, kundiges Buch. Hier finden wir Beispielsfälle, in denen die schwedische Journalistin Böhle mit Angehörigen von Suizidanten zusammenkam, um in Interviews dem Lebensweg der Verwandten, der zum Freitod führte, nachzugehen, nicht nur im emotional verstehenden Sinne, sondern in eigenen Fällen auch in der konkreten Bedeutung des Miteinander-Gehens, zu Orten, wo der Tod stattfand, zu Gräbern, das ein kathartisches, ein befreiendes, ein erlösendes Tun sein kann.

Viele Details aus der Freitodforschung finden sich hier bestätigt, erweitert, ergreifend einfach verbalisiert und dokumentiert.

Ein ethisches und soziales Muss für Menschen, die gerade nach einem Fall von Freitod sich angesprochen, sich verpflichtet fühlen, ihren Gedanken, ihren Vermutungen, ihrem Antrieb zu folgen, mehr zu tun, als nur Abschied von einem Toten zu nehmen und Beileid gegenüber Lebenden zu bezeugen, ist möglich.


1] In der geplanten Materialsammlung für den VdP soll dieses Buch, einschließlich Rezensionen auch aus dem kirchlichen Bereich, besonders ausgewertet werden. Der Autor ist daran interessiert, aus der ganzen Breite existierender gesellschaftlicher Gruppen über vorhandene und beispielhafte Angebote für die Lebensfragen, - pläne und -nöte Jugendlicher zu publizieren. Koordinierungsbemühungen, einschließlich journalistisch und medial attraktiver Umsetzungen, sind sicherlich hoch an der Zeit. Ethisch, sogar theologisch gesprochen, könnte man einen neuesten Bund der Kirchen und der öffentlichen und sozialen Angebote ohne Scheuklappen und Eingangs- oder Schwellenängste für Jugendliche reklamieren.


Sonntag, 10. März 2024

Parabeln von G o t t & den Menschen-Bildern/Bedürftigkeiten

 

 

< Halbgesichtig, ein Freund der Gott-Los-Igkeiten >


Literarisches Stichwort Gott #?

(unveröffentlicht!)


Unsere Gottesbilder


Parabeln von Gott und seinen 'Bildern' unter/bei den Menschen


In dieser kleinen Sammlung sind keine biblischen Gleichnisse vorgestellt; sondern literarische Parabeln, die in ihrer grundlegenden, symbolischen Komplexität nicht eindimensional, nicht eindeutig interpretierbar sind.


Es gibt keinen Gott, es gibt nicht den einen Gott; es gab und gibt nur Gottesbilder: historische und aktuelle, rote und weiße oder schwarze, allerliebst geschönte und verdunkelte, gewalttätige und friedvolle, klerikal-zwanghafte und liberale, zölibatär-selektive und liebend-gewährende.

Die Erfahrungen von 4000 Jahren Patriarchat in unsere abendländischen, seit 2000 Jahren christlichen Kultur, sowie der außerchristlichen, weitaus friedlicheren, nicht expansionisti-schen Religionen in Nordamerika (Indianerreligionen) oder in Asien (Buddhismus, Hinduimus) und unser gegenwärtigen Übergangsphase mit vielen disparaten Gottesbildern (vom weiblichen Gott z.B.) beweisen bei unvoreingenoner, historisch-kritischer, literarischer und sprachpsychologischer Betrachtung, daß es nicht nur nicht den, ja sogar nicht nur den einen Gott, sondern "nur" Gottesbilder gibt, individuelle, multiple, polyglotte - eingebrannt in die psychischen Instanzen (Es, Ich, Überich) des gesellschaftlichen Individuums als eines sprach-bewußten, selbst verantwortlichen Mitglieds der Menschheit und Angehöriger der jeweiligen als göttlich imaginierten oder gottfernen Kultur.


Aus dem Gott (maskulinum; simplicitas majestatis) kann mensch, also man und frau, mit einiger Phantasie und gehöriger Berechtigung einen weiblichen (weißen oder schwarzen oder homophilen oder sonst wie funktional-ästhetischen) auf jeden Einzelfall hin utilitaristischen Gott versprachlichen. Was unveränderlich scheint, ist das Fundament solchen viel, gar alles versprechenden, macht- und lustvollen Imaginierens: des Göttlichen (neutrum als kein Weibliches und kein Männliches) als des kleinsten gemeinsamen Nenners der Rasse homo sapiens sapiens.


Die schönsten, inhaltlich und sprachlich überzeugendsten Parabeln der Literatur aus Ost und West, Nord und Süd künden von dieser psychischen Sehnsucht, dieser kognitiven Gewißheit als eines sozialen Auftrages. Personifizierungen und Attribuierungen nach geschlechts-, rassen-, institutions-spezifischen oder personalen Bedürfnissen sind von der nächsten Generation immer wieder in Frage gestellt worden; häufig mit den geistlosen-gewalttätigen Mitteln der sich im Göttlichen legitimierenden Vorgänger, der Kriegs-, Kreuzungs-, Inquisitions-, Kolonialismus- oder menschenrechtsfeindlichen Strategen.


Wir als Beter und Leser erkennen die parabolische Grundstruktur vieler Prosatexte; wir sie interpretieren den Aufbau, die Personen, die Funktionen der Handlungen, die zentralen Möglichkeiten der tradierten, menschenalten Symbole, die wir existenziell, historisch, ökologisch und religiös deuten können, ohne sie für eine Machtfrage zu deteminieren.


Lebensaussagen und Beschreibungen des Schriftstellers als das gesellschaftliche Engagement eines Autors nach Borcherts Selbstverständnis. In der jungen deutschen Literatur nach 45 war die Verantwortung eines Künstlers entscheidendes Kriterium für einen sprachlichen und moralischen Neuanfang der neuen deutschen Kultur; die Sch. können diese Intention einschätzen. Die Sch.*innen können Beziehungen zu anderen poetologischen Parabeln erkennen und im Unterschied zu anderen Dichtern Lessing, Brecht, Kafka) verschiedene Dichtungsauffassungen benennen und Erörterungen in der Spannbreite von l’art pour l’art bis zu kritisch engagierter Literatur. Borchert akzentuiert im Text sehr stark die kritisch bewußten und gesellschaftlich vernehmbaren Leistungen des Dichters, insbesondere die Verpflichtung in der präzis realistischen Benennung der Umstände eines Hauses (als Bild für die Gesellschaft) und in den dialogischen, vorbildlichen Aufgaben der Person als Ausübung seiner beschreibend­erklärenden und warnenden Funktion gegenüber seinen Mitmenschen, die nicht über seine Perspektive und Kunstmöglichkeit (präzise Nomen, dynamische Verben). Der Dichter ist der psychologischen politischen Aufklärung verpflichteter, poetologisch reflektierender Realist in einer politischen Grenzsituation des Neuanfangs nach 1945.



Text 1:


Gotthold Ephraim Lessing

Suche nach der Wahrheit


Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung des Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet.

Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: "Wähle!" Ich fiel ihm mit Demut in seine Linke und sagte: "Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" (1778)

*

Erläuterungen:

Lessing (1729 - 1781), der deutsche literarische Stammvater der geistesgeschichtlichen Aufklärung, formuliert seine Intention als eine glückliche Versöhnung zwischen dem allen Menschen dieser Erde eingeborenen Gottesgefühl, der sprachlich-kritischen Vernunft und der historischen Ethik einer umfassenden Toleranz. Ich halte die kleine Parabel nicht nur für geistreich, sondern auch humorvoll, gerade auch in seiner impliziten Kritik der Wahrheitsvertreter.

*

Wolfgang Borchert

GOTTES AUGE


Gottes Auge lag rund und rotgerändert mitten in einem weißen Suppenteller. Der Suppenteller stand auf unserem Küchentisch. Blutfleckige Eingeweide und das milchbleiche Skelett eines größe­ren Fisches ließen den Küchentisch aussehen wie ein Schlachtfeld. Das Auge in dem weißen Teller gehörte einem Kabeljau. Der lag in großen weißfleischigen Stücken in unserem Topf und ließ sich kochen. Das Auge war ganz allein. Es war Gottes Auge.

Du mußt nicht immer mit der Gabel das Auge auf dem Teller hin- und herrutschen lassen, sagte meine Mutter.

Ich ließ das glatte runde Auge durch die Kurven des Suppentellers sausen und fragte: Warum denn nicht? Er merkt es doch nicht mehr. Er kocht doch.

Man spielt nicht mit einem Auge. Das Auge hat der liebe Gott genau so gemacht wie deins, sagte meine Mutter.

Während ich die sausende Rundfahrt des Kabeljauauges plötzlich abbrach, fragte ich: Das soll vom lieben Gott sein?

Natürlich, antwortete meine Mutter, das Auge gehört dem lieben Gott.

Nicht dem Kabeljau, bohrte ich weiter.

Dem auch. Aber in der Hauptsache dem lieben Gott.

Als ich von dem Teller aufsah, merkte ich, daß meine Mutter weinte. An diesem Tag, wo es bei uns Kabeljau gab, war mein Großvater gestorben. Meine Mutter weinte und ging hinaus. Da zog ich den Teller mit dem einsamen Auge mittendrin, mit dem rotgeränderten Auge, das Gott gehören sollte, ganz dicht an mich heran. Ganz dicht brachte ich meinen Mund über den Teller.

Du bist das Auge vom lieben Gott? flüsterte ich, dann kannst du wohl auch sagen, warum Großvater heute mit einmal tot ist. Sag das, du!

Das Auge sagte es nicht.

Das weißt du nicht mal, wisperte ich triumphierend, und du willst das Auge vom lieben Gott sein, und weißt nicht mal, war­um Großvater tot ist. Kommt er denn auch nicht wieder, Groß­vater, fragte ich dicht über dem Teller, weißt du denn, ob er noch mal wiederkommt, du, sag das doch. Du mußt das doch wissen. Kommt er nun nie wieder?

Das Auge sagte es nicht.

Ganz dicht hielt ich meinen Mund an das Auge und fragte noch einmal eindringlich und ernst: Du, sehen wir Großvater denn nicht wieder, du? Sag das doch. Sehen wir ihn noch mal wieder? Wir können ihn doch noch mal irgendwo treffen, nicht? Du, sag doch, treffen wir ihn wieder? Du, sag das, du bist doch vom lieben Gott, sag das 1

Das Auge sagte es nicht.

Da stieß ich den Teller wütend von mir weg. Das Auge glitschte hoch über den Rand auf den Fußboden. Da blieb es liegen. Ge­spannt sah ich hin. Das Auge lag auf der Erde. Und es war Gottes Auge. Gottes Auge lag auf der Erde. Aber es sagte nichts. Ich sah noch einmal hin. Nein, Nichts. ich stand auf. ich stand lang­sam auf, um Gott Zeit zu lassen. Ganz langsam ging ich zur Küchentür. Ich faßte nach dem Türgriff. ich drückte ihn langsam herunter. Mit dem Rücken zu dem Auge hin wartete ich 50 noch einen langen langen Augenblick an der Küchentür. Es kam keine Antwort. Gott sagte nichts. Da ging ich, ohne mich nach dem Auge umzusehen, laut aus der Tür.


**

HEINRICH BÖLL:


Ich denke, wir sollten Gott, auch das Wort Gott, eine Weile in Ruhe lassen; Gott hat viel und viele »Worte gemacht«, nehmen wir also erst einmal seine Wörtlichkeit; es war eine grausame Verstümmelung Gottes, seine dunkle Wörtlichkeit mundgerecht zu machen, zu fix und fertigen Antworten zurechtzu­schneidern, mit denen alle Probleme gelöst werden konnten; auf diese Weise ist er zu einem »Deus ex machina« erniedrigt worden, der hinter der Kulisse des Todes dann schon »alles recht« machen wird; ein Katechismus Gott, mit dem die Menschen abgefertigt wurden wie an einem Krankenkassenschalter. Daß er lebendig und gegenwärtig sei, schließt Fertigkeit aus; nichts, was lebt, ist fertig ...

Gott fehlt etwas, solange den Menschen etwas fehlt: das Menschgewordene, das man vielleicht an Stelle des Wortes »christlich« einsetzen sollte; vielleicht sollten wir mehr an die Ergänzung Gottes als an ihn selbst denken. Offenbar hatte er mit der Erde etwas vor, das bisher mißlungen ist -. Logos hineinzubringen, das ist einer der Namen Gottes. Es gibt da noch andere Synonyma. Liebe, Gerechtigkeit, Worte, die ebenso zerstückelt als mundgerechte Abfertigungs-Bissen vorgekaut und hingestreut worden sind zur Abfütterung der erwartungsvoll geöffneten Münder unzähliger Ge­schlechter. Was man die »Unruhe der Jugend« nennt, ist die Erwartung einer neuen Menschheit, die unab­hängig ist von dem biologischen Begriff Jugend. Was lebt, ist jung, und was lebt, ist in Bewegung, ist in ständiger Unruhe.

...das Wort Gottes ist ein unerforschter Him­melskörper, der, wenn wir ihn entdecken würden, sich als sehr steinig erweisen könnte, weil er voll abgelenk­ter menschlicher Hoffnungen, mißbräuchlich verwen­deter Abfertigungen läge, voller Flüche, die alle zu Steinen geworden sind, weil die Menschen nicht das geworden sind, was der Menschgewordene war: ein Mensch. (Böll? Ja, der Heinrich Böll! Aus dem Jahr 1968/69)


**


BERTOLT BRECHT:

Die Frage, ob es einen Gott gibt


Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte. »Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann kön­nen wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.«


**

MAX FRISCH


Im Grunde, ehrlich genommen, hoffe ich doch in allem auf Verwandlung, auf Flucht. Ich bin ganz einfach nicht bereit, ein nichtiger Mensch zu sein. Ich hoffe eigentlich nur, daß Gott (wenn ich ihm entge­genkomme) mich zu einer anderen, nämlich zu einer reicheren, tieferen, wertvolleren, bedeutenderen Per­sönlichkeit machen werde - und genau das ist es ver­mutlich, was Gott hindert, mir gegenüber wirklich eine Existenz anzutreten, das heißt erfahrbar zu wer­den. Meine conditio sine qua non: daß er mich, sein Geschöpf, widerrufe . . .

Wenn ich beten könnte, so würde ich darum beten müssen, daß ich aller Hoffnung, mir zu entgehen, be­raubt werde. Gelegentliche Versuche, zu beten, scheitern aber gerade daran, daß ich hoffe, durch Beten irgendwie verwandelt zu werden, meiner Ohnmacht zu entgehen, und sowie ich erfahre, daß dies nicht der Fall ist, verliere ich die Hoffnung, auf dem Weg zu sein. Das heißt, unter Weg verstehe ich letztlich noch immer nur die Hoffnung, mir zu entgehen. Diese Hoffnung ist mein Gefängnis. Ich weiß es, doch mein Wissen sprengt es nicht, es zeigt mir bloß mein Ge­fängnis, meine Ohnmacht, meine Nichtigkeit.


**

MARTIN BUBER

Die fünfzigste Pf'orte


Ein Schüler Rabbi Baruchs hatte, ohne seinem Leh­rer davon zu sagen, der Wesenheit Gottes nach­geforscht und war im Gedanken immer weiter vorge­drungen, bis er in ein Wirrsal von Zweifeln geriet und das bisher Gewisseste ihm unsicher wurde. Als Rabbi Baruch merkte, daß der Jüngling nicht mehr wie ge­wohnt zu ihm kam, fuhr er nach dessen Stadt, trat unversehens in seine Stube und sprach ihn an: »Ich weiß, was in deinem Herzen verborgen ist. Du bist durch die fünfzig Pforten der Vernunft gegangen. Man beginnt mit einer Frage, man grübelt, ergrübelt ihr die Antwort, die erste Pforte öffnet sich: in eine neue Frage. Und wieder ergründest du sie, findest ihre Lö­sung, stößest die zweite Pforte auf - und schaust in eine neue Frage. So oft und fort, so tiefer und tiefer hinein. Bis du die fünfzigste Pforte aufgesprengt hast. Da starrst du die Frage an, die kein Mensch erreicht; denn kennte sie einer, dann gäbe es nicht mehr die Wahl. Vermissest du dich aber, weiter vorzudringen, stürzest du in den Abgrund.« »So müßte ich also den Weg zurück an den Anfang?« rief der Schüler. »Nicht zurück kehrst du«, sprach Rabbi Baruch, »wenn du umkehrst; jenseits der letzten Pforte stehst du dann, und stehst im Glauben.«


**


Lessing:

Der Besitzer des Bogens


Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen voll Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoß, und den er ungemein wert hielt. Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: Ein wenig zu plump bist du doch! Alle deine Zierde ist die Glätter. Schade!“ Doch dem ist abzuhelfen, fiel ihm ein. Ich will hingehen und den besten Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen. Er ging hin, und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen; und was hätte sich besser auf einen Bogen geschickt, als eine Jagd?

Der Mann war voller Freuden. „Du verdienst diese Zieraten, mein lieber Bogen!“ - Indem will er ihn versuchen; er spannt, und der Bogen zerbricht.


*

Bertolt Brecht

Form und Stoff


Herr K. betrachtete ein Gemälde, das einigen Gegenständen eine sehr eigenwillige Form verlieh. Er sagte: »Einigen Künstlern geht es, wenn sie die Welt betrachten, wie vielen Philosophen. Bei der Bemühung um die Form geht der Stoff verloren. Ich arbeitete einmal bei einem Gärtner. Er händigte mir eine Gartenschere aus und hieß mich einen Lorbeerbaum beschneiden. Der Baum stand in einem Topf und wurde zu ausgeliehen. Dazu mußte er die Form einer Kugel haben. Ich begann sogleich mit dem Abschneiden der wilden Triebe, aber wie sehr ich mich auch mühte, die Kugelform zu erreichen, es wollte mir lange nicht gelingen. Einmal hatte ich auf der einen, einmal auf der anderen Seite zu viel weggestutzt. Als es endlich eine Kugel geworden war, war die Kugel sehr klein. Der Gärtner sagte enttäuscht: „Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?“


*

Wolfgang Borchert (1921-1947):

DER SCHRIFTSTELLER


Der Schriftsteller muß dem Haus, an dem alle bauen, den Na­men geben. Auch den verschiedenen Räumen. Er muß das Krankenzimmer «Das traurige Zimmer» nennen, die Dachkammer «Das windige» und den Keller «Das düstere». Er darf den Keller nicht «Das schöne Zimmer» nennen.

Wenn man ihm keinen Bleistift gibt, muß er verzweifeln vor Qual. Er muß versuchen, mit dem Löffelstiel an die Wand zu rit­zen. Wie im Gefängnis: Dies ist ein häßliches Loch. Wenn er das nicht tut in seiner Not, ist er nicht echt. Man sollte ihn zu den Straßenkehrern schicken.

Wenn man seine Briefe in anderen Häusern liest, muß man wis­sen. Aha. Ja. So also sind sie in jenem Haus. Es ist egal, ob er groß oder klein schreibt. Aber er muß leserlich schreiben. Er darf in dem Haus die Dachkammer bewohnen. Dort hat man die toll­sten Aussichten. Toll, das ist schön und grausig. Es ist einsam da oben. Und es ist da am kältesten und am heißesten.

Wenn der Steinhauer Wilhelm Schröder den Schriftsteller in der Dachkammer besucht, kann ihm womöglich schwindelig werden.

Darauf darf der Schriftsteller keine Rücksicht nehmen. Herr Schröder muß sich an die Höhe gewöhnen. Sie wird ihm gut tun.

Nachts darf der Schriftsteller die Sterne begucken. Aber wehe ihm, wenn er nicht fühlt, daß sein Haus in Gefahr ist. Dann muß er posaunen, bis ihm die Lungen platzen!

*

Konzept

für die Abiturplanung:


Analyse eines fiktionalen Textes

Wolfgang Borchert: Der Schriftsteller

(Aus: W.B.: Das Gesamtwerk. Reinbek: Rowohlt 1989. S. 285


Analysieren Sie den Text, unter besonderer Berücksichtigung der Textsortel


Voraussetzungen:


Die Sch. beherrschen die Analyse einer Parabel; sie haben den Autor und sein literarisches Selbstverständnis als wichtigen Repräsentanten (Borchert, Böll, Bender) der jungen Literatur nach 45 in Kurzgeschichten kennengelernt (12/1). Weiterhin Bezug zu Borcherts poetologischem und gesellschaftskritischem „Manifest“ (13???) (Blickfeld Deutsch S. 373)


**

Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781):

Die Parabel


Ein weiser, tätiger König eines großen, großen Reiches hatte in seiner Hauptstadt einen Palast von ganz unermeßlichem Umfange, von ganz besonderer Architektur.

Unermeßlich war der Umfang, weil er in selbem alle um sich versammelt hatte, die er als Gehilfen oder Werkzeuge seiner Regierung brauchte.

Sonderbar war die Architektur; denn sie stritt so ziemlich mit allen angenommenen Regeln; aber sie gefiel doch und entsprach doch.

Sie gefiel vornehmlich durch die Bewunderung, welche Ein­falt und Größe erregen, wenn sie Reichtum und Schmuck mehr zu verachten als zu entbehren scheinen.

Sie entsprach durch Dauer und Bequemlichkeit. Der ganze Palast stand nach vielen, vielen Jahren noch in eben der Reinlichkeit und Vollständigkeit da, mit welcher die Bau­meister die letzte Hand angelegt hatten; von außen ein wenig unverständlich, von innen überall Licht und Zusammenhang.

Was Kenner von Architektur sein wollte, ward besonders durch die Außenseiten beleidiget, welche mit wenig hin und her zerstreuten, großen und kleinen, runden und viereckten Fenstern unterbrochen waren, dafür aber desto mehr Türen und Tore von mancherlei Form und Größe hatten.

Man begriff nicht, wie durch so wenige Fenster in so viele Gemächer genugsames Licht kommen könne. Denn daß die vornehmsten derselben ihr Licht von oben empfingen, wollte den wenigsten zu Sinne.

Man begriff nicht, wozu so viele und vielerlei Eingänge nötig wären, da ein großes Portal auf jeder Seite ja wohl schicklicher wäre und eben die Dienste tun würde. Denn daß durch die mehrern kleinen Eingänge ein jeder, der in den Palast gerufen würde, auf dem kürzesten und unfehlbar­sten Wege gerade dahin gelangen solle, wo man seiner bedürfe, wollte den wenigsten zu Sinne.

Und so entstand unter den vermeinten Kennern mancherlei Streit, den gemeiniglich diejenigen am hitzigsten führten, die von dem Innern des Palastes viel zu sehen die wenigste Gelegenheit gehabt hatten.

Auch war da etwas, wovon man bei dem ersten Anblicke geglaubt hätte, daß es den Streit notwendig sehr leicht und kurz machen müsse, was ihn aber gerade am meisten ver­wickelte, was ihm gerade zur hartnäckigsten Fortsetzung die reichste Nahrung verschaffte. Man glaubte nämlich verschiedne alte Grundrisse zu haben, die sich von den ersten Baumeistern des Palastes herschreiben sollten, und diese Grundrisse fanden sich mit Worten und Zeichen bemerkt, deren Sprache und Charakteristik so gut als verloren war.

Ein jeder erklärte sich daher diese Worte und Zeichen nach eignem Gefallen. Ein jeder setzte sich daher aus diesen alten Grundrissen einen beliebigen neuen zusammen, für welchen neuen nicht selten dieser und jener sich so hinreißen ließ, daß er nicht allein selbst darauf schwor, sondern auch andere darauf zu schwören bald beredte, bald zwang.

Nur wenige sagten: »Was gehen uns eure Grundrisse an? Dieser oder ein andrer, sie sind uns alle gleich. Genug, daß wir jeden Augenblick erfahren, daß die gütigste Weisheit den ganzen Palast erfüllet, und daß sich aus ihm nichts als Schönheit und Ordnung und Wohlstand auf das ganze Land verbreitet. « '

Sie kamen oft schlecht an, diese wenigen! Denn wenn sie lachenden Muts manchmal einen von den besondern Grund­rissen ein wenig näher beleuchteten, so wurden sie von denen, welche auf diesen Grundriß geschworen hatten, für Mordbrenner des Palastes selbst ausgeschrien.

Aber sie kehrten sich daran nicht und wurden gerade dadurch am geschicktesten, denienigen zugesellet zu wer­den, die innerhalb des Palastes arbeiteten und weder Zeit noch Lust hatten, sich in Streitigkeiten zu mengen, die für sie keine waren.

Einstmals, als der Streit über die Grundrisse nicht sowohl beigelegt als eingeschlummert war, - einstmals um Mitternacht erscholl plötzlich die Stimme der Wächter: »Feuer! Feuer in dem Palaste!“

Und was geschah? Da fuhr jeder von seinem Lager auf, und jeder, als wäre das Feuer nicht in dem Palaste, sondern in seinem eignen Hause, lief nach dem Kostbarsten, was er zu haben glaubte   nach seinem Grundrisse. »Laßt uns den nur retten!« dachte jeder; »der Palast kann dort nicht eigentlicher verbrennen, als er hier stehet!«

Und so lief ein jeder mit seinem Grundrisse auf die Straße, wo, anstatt dem Palaste zu Hilfe zu eilen, einer dem andern es vorher in seinem Grundrisse zeigen wollte, wo der Palast vermutlich brenne. »Sieh, Nachbar! hier brennt er! Hier ist dem Feuer am besten beizukommen.« - »Oder hier vielmehr, Nachbar, hier! « - »Wo denkt ihr beide hin? Er brennt hier!« - »Was hätt' es für Not, wenn er da brennte? Aber er brennt gewiß hier!« - »Lösch' ihn hier, wer da will. Ich lösch' ihn hier nicht.« - »Und ich hier nicht!« - »Und ich hier nicht!«

Über diese geschäftigen Zänker hätte er denn auch wirklich abbrennen können, der Palast, wenn er gebrannt hätte. - Aber die erschrocknen Wächter hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten.


**

Franz Kafka (1883 - 1924):

Eine kaiserliche Botschaft


Der Kaiser - so heißt es - hat Dir, dem Einzelnen, dem jäm­merlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sie sich noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor er ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den anderen Arm vorstreckend, schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest Du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an Deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; nie­mals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließen­de Palast; und wieder, Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er end­lich aus dem äußersten Tor aber niemals, niemals kann es geschehen liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.



Heinrich Heine:

(Ohne Titel)


So verwerflich aber jede Diskussion über das Dasein Got­tes ist, desto preislicher ist das Nachdenken über die Natur Gottes. Dieses Nachdenken ist ein wahrhafter Gottesdienst, unser Gemüt wird dadurch abgezogen vom Vergänglichen und Endlichen, und gelangt zum Bewußtsein der Urgüte und der ewigen Harmonie. Dieses Bewußtsein durchschau­ert den Gefühlsmenschen im Gebet oder bei der Betrach­tung kirchlicher Symbole; der Denker findet diese heilige Stimmung in der Ausübung jener erhabenen Geisteskraft, welche wir Vernunft nennen, und deren höchste Aufgabe es ist die Natur Gottes zu erforschen. Ganz besonders religiöse Menschen beschäftigen sich mit dieser Aufgabe von Kind auf, geheimnisvoll sind sie davon schon bedrängt, durch die erste Regung der Vernunft. Der Verfasser dieser Blätter ist sich einer solchen frühen, ursprünglichen Religiosität aufs Freudigste bewußt, und sie hat ihn nie verlassen. Gott war immer der Anfang und das Ende aller meiner Gedanken. Wenn ich jetzt frage: was ist Gott? was ist seine Natur? so frug ich schon als kleines Kind: wie ist Gott? wie sieht er aus? Und damals konnte ich ganze Tage in den Himmel hin­aufsehen, und war des Abends sehr betrübt, daß ich niemals das allerheiligste Angesicht Gottes, sondern immer nur graue, blöde Wolkenfratzen erblickt hatte. Ganz konfus machten mich die Mitteilungen aus der Astronomie, womit man damals, in der Aufklärungsperiode, sogar die kleinsten Kinder nicht verschonte, und ich konnte mich nicht genug wundern, daß alle diese tausendmillionen Sterne ebenso gro­ße, schöne Erdkugeln seien wie die unsrige, und über all die­ses leuchtende Weltengewimmel ein einziger Gott waltete.

Einst im Traume, erinnere ich mich, sah ich Gott, ganz oben in der weitesten Ferne. Er schaute vergnüglich zu einem kleinen Himmelsfenster hinaus, ein frommes Greisengesicht mit einem kleinen Judenbärtchen, und er streute eine Menge Saatkörner herab, die, während sie vom Himmel niederfie­len, im unendlichen Raume gleichsam aufgingen, eine unge­heure Ausdehnung gewannen, bis sie lauter strahlende, blü­hende, bevölkerte Welten wurden, jede so groß wie unsere eigne Erdkugel. Ich habe dieses Gesicht nie vergessen kön­nen, noch oft im Traume sah ich den heiteren Alten aus sei­nem kleinen Himmelfenster die Weltensaat herabschütten; ich sah ihn einst sogar mit den Lippen schnalzen, wie unsere Magd, wenn sie den Hühnern ihr Gerstenfutter zuwarf. Ich konnte nur sehen wie die fallenden Saatkörner sich immer zu großen leuchtenden Weltkugeln ausdehnten: aber die etwanigen großen Hühner, die vielleicht irgendwo mit auf­gesperrten Schnäbeln lauerten, um mit den hingestreuten Weltkugeln gefüttert zu werden, konnte ich nicht sehen.

Du lächelst, lieber Leser, über die großen Hühner. Diese kindische Ansicht ist aber nicht allzusehr entfernt von der Ansicht der reifsten Deisten. Um von dem außerweltlichen Gott einen Begriff zu geben, haben sich der Orient und der Okzident in kindischen Hyperbeln erschöpft. Mit der Un­endlichkeit des Raumes und der Zeit hat sich aber die Phan­tasie der Deisten vergeblich abgequält. Hier zeigt sich ganz ihre Ohnmacht, die Haltlosigkeit ihrer Weltansicht, ihrer Idee von der Natur Gottes. Es betrübt uns daher wenig, wenn diese Idee zugrunde gerichtet wird. Dieses Leid aber hat ihnen Kant wirklich angetan, indem er ihre Beweisfüh­rungen von der Existenz Gottes zerstörte.

(Aus: H. H.: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Stuttgart 1997: RUB 2254.S. 102f.)

**

Gottesfurcht

(Eine chassidische Geschichte)


Susja betete zu Gott: "Herr, ich liebe dich so sehr, und ich fürchte dich nicht genug! Herr, ich liebe dich so sehr und ich fürchte dich nicht genug! Mache, daß ich dich fürchte wie einer deiner Engel, die dein furchtbarer Name durchfährt!" Alsbald erhörte Gott das Gebet, und der Name durchfuhr dem Sussja das verborgene Herz, wie es den Engeln geschieht! Da kroch Sussja unter das Bett wie ein Hündchen, und die Angst des Tieres erschütterte ihn, bis er aufheulte: "Herr, laß mich dich wieder lieben wie Sussja!" Und Gott erhörte ihn zum andern Mal.

(Aus: Werner Truwin (Hrsg.): Kontexte. Forum Religion. Düsseldorf 1986: Patmos Verlag. S. 51)

**

Bloch:


Wolfdietrich Schnurre:

Die schwierige Lage Gottes


"Und verschone uns mit Feuer,

Mißernten und Heuschreckenschwärmen",

beteten die Farmer am Sonntagmorgen.

Zu gleicher Zeit hielten

die Heuschrecken einen Bittgottesdienst ab,

in welchem es hieß:

"Und schlage den Feind mit Blindheit,

auf daß wir in Ruhe

seine Felder abnagen können."

(Aus: W. Sch: Kassiber.)


TV-Nachricht (nach einem US-Sender)

Text fehlt noch..

(Zitiert nach: Behrendt, Joachim-Ernst:Geschichten wie Edelsteine. Parabeln, Legenden, Erfahrungen aus alter und neuer Zeit. München 1996. Kösel Verlag. S. 120)

*


Augusto Monterroso:

Wie das Pferd sich Gott vorstellt


Trotz allem, was gesagt wird, widerspricht die Vorstellung eines von Pferden bewohnen und von einem Gott in Pferdegestalt regierten Himmels dem guten Geschmack und der elementarsten Logik, überlegte neulich das Pferd.

Jeder weiß, fuhr es in seiner Überlegung fort, daß wir Pferde, falls wir fähig wären, uns Gott vorzustellen, ihn uns als Reiter vorstellen würden.

(Aus: A.M.: Das Gesamtwerk und andere Fabeln. Zürich 1973: Diogenes. S. 46


*

Rudolf Baumbach

Die Gäste der Buche


Mietgäste vier im Haus hat die alte Buche.

Tief im Keller wohnt die Maus, nagt am Hungertuche.


Weiter oben hat der Specht seine Werkstatt liegen.

Hackt und zimmert kunstgerecht, daß die Späne fliegen.


Stolz auf seinen roten Rock, mit gesparten Samen,

sitzt ein Protz im ersten Stock, Eichhorn ist sein Name.


Hoch im Wipfel, im Geäst, pfeift ein winzig kleiner

Musikante froh im Nest, Miete zahlt nicht einer.



**


Bertolt Brecht

Über die Unfruchtbarkeit


Der Obstbaum, der kein Obst bringt

Wird unfruchtbar gescholten. Wer

Untersucht den Boden?


Der Ast, der zusammenbricht

Wird faul gescholten, aber

Hat nicht Schnee auf ihm gelegen?



Bertolt Brecht

Über die Gewalt


Der reißende Strom wird gewalttätig genannt

Aber das Flußbett, das ihn einengt

Nennt keiner gewalttätig.


Der Sturm, der die Birken biegt

Gilt für gewalttätig

Aber wie ist es mit dem Sturm

Der die Rücken der Straßenarbeiter biegt?



Bertolt Brecht:

Wahrnehmung


Als ich wiederkehrte

War mein Haar noch nicht grau

Da war ich froh.


Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns

Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.


Die Kameltreiber

Unbekannt:


Eine Karawane zieht durch die Wüsten. Die Europäer, die die Karawane leiten, haben sich „Eingeborene“ als Lastträger gemietet. An einer Oase machen sie Rast. An meinem Morgen werden die Europäer wach, die als die Sonne schon hoch am Himmel steht. Die Gelegenheit, an diesem Tag das nächste Tagesziel zu erreichen, ist schon sehr geschrumpft. Sie sehen die Lastträger schweigend im Kreis sitzen, still und in sich versunken. Man rüttelt sie wach, aber sie sind kaum ansprechbar. Auf die Frage: Warum geht ihr nicht weiter, was ist los?“, sagt schließlich der Führer der Einheimischen: Wir können noch nicht weiter, wir müssen warten, bis unsere Seelen nachkommen.“

(Ohne Autorenangabe abgedruckt in: Meine Zeit. Hrsg. v. M. Lay. (Heft der katholischen Glaubensinformation.) Frankfurt-Höchst. S. 2.


*


Die Geistlichen aller Kirchen und die durch sie Privilegierten haben das Sonderrecht, in großer Harmonie, ohne Hetze, gemäß ihren inneren und liturgisch-historischen Bedingungen, zu leben und ihre klerikale Gefühlswelt als Glaubenpraxis zu realisieren. Gewöhnliche Gläubige haben diese Chancen nie gehabt; sie werden auch nicht darauf warten können, daß sie unter friedlichen, dem eigenen, inneren Zeitgefühl entsprechend leben und arbeiten zu können. Wer hier nicht eine der wesentlichsten Zeit-Erscheinungen der verlorenen Kirchennähe, der angeblichen Gottlosigkeit des Modernen-Zeiten-Menschen - unter dem Diktat des angeblich unabänderlichen Globalismus - erkennt, hat noch nicht begonnen nachzudenken - über Zeit und Ewigkeit.


Rafael Seligmann, ein deutsch-jüdischer Schriftsteller unserer gemeinsamen Gegenwart im Politischen und Religiösen, setzt hier neue Akzente:


Vor Gottes Thron steht ein Pokal, ein Tränenbecher. Wann immer ein Jude Unrecht erleidet, tropft eine Träne in den Pokal. Sobald der Becher überläuft, erhebt sich Gott und hilft seinem bedrängten Volk.

Das Märchen muß aber anders lauten:

Gott ist alt. Sehschwäche, Gicht und Schwermut plagen ihn. Der Tränenpokal ist ein Faß ohne Boden, dennoch läuft er ständig über, denn er wird von den Tränen alles Menschen gespeist. Gott fehlt die Kraft, sich um das Leid seiner Geschöpfe und ihre Tränen zu kümmern. Er hat resigniert. Die einzigen, die den Tränenstrom verebben lassen können, sind die Menschen selber.

(Vorangestelltes Motto des neuen Romans von Rafael Seligmann: Der Milchmann. München

1999: dtv 24177. S. 7)


So verweist Rafael Seligmann darauf, statt der alten Mythen mit ihren Wirklichkeits verdrängenden Impulsen, ein realistisches, ein soziales und politisches Engagement anzustreben, das Toleranz, Gemeinschaftssinn und Phantasie entfalten kann.


*


Die Fabel vom Gewicht der Schneeflocken

(von einem unbekannten Autor)


„Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?“ fragte die Tannenmeise die Wildtaube.

„Nicht mehr als ein Nichts“, gab sie zur Antwort.

„Dann muß ich Dir eine wunderbare Geschichte erzählen“, sagte die Meise. "Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig im Sturmgebraus, nein, wie im Traum lautlos und ohne Schwere. Da nichts Besseres zu tun war, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und auf die Nadeln des Astes fielen und darauf hängenblieben. Genau drei Millionen siebenhunderteinfundvierzig - tausendneunhundertzweindfünfzig waren es.

Und als die 3 741 953. Flocke niederfiel, nicht mehr als ein Nichts, brach der Ast ab.“

Damit flog die Meise davon.

Die Taube, die seit Noahs Zeiten eine Spezialistin in dieser Frage, sagte zu sich nach kurzem Nachdenken: „Vielleicht fehlt nur eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden zur Welt.“

*





K r e u z e s - Fragen in der Erzählung von Wolfdietrich Schnurre: "Eine schwierige Reparatur"

  




Nein, ein solch frommes Kreuz, gesteckt-verdeckt in eines Lammes Fülle, ist dieses Schnuresche Kreuz, in einer Berliner Kirche nicht: Es hat Holzwurmbefall >> und soll gerettet werden:


 L i  t  e - r a r i  s c h e s    

 S t i c h w o r  t   G o t t

K r e u z e s - Fragen



Und Wolfdietrich Schnurres Geschichte Eine schwierige Reparatur - eine elegant humorvolle Story zu einem - unter Christen - schwierigen Thema: der Kreuzes Realität und der Kreuzes Symbolik.

Bruno und sein Vater Otto sind in Schnurres Familien- und Zeiterzählungen ein prototypisches Paar, sie sind ohne Frau und Mutter, ohne feste Arbeit, ohne landläufige Attitüden. In der Kurzgeschichte "Eine schwierige Reparatur" befinden sich in einer katholischen Kirche, im Berlin der Zwischenkriegszeit. Ein junger Pfarrer hat den handwerklich geschickten "Vater" zu einer Begutachtung eines zu renovierenden Kreuzes gebeten:

(Mein Vater) riß ein Streichholz an und trat dicht unter das Kreuz und hielt das Streichholz dem Jesus an die übereinander genagelten Füße.

Ich zog den Kopf ein und duckte mich zwischen die Bänke. Ob aus Holz oder nicht, die flackernde Streich­holzflamme hatte auf einmal jede Sehne, jede Tuchfalte des Jesus lebendig gemacht. Vater blies ihm auf die Zehen. Eine dichte gelbe Staubwolke stieg auf ...

»Natürlich«, sagte Vater hustend, und es war deutlich zu merken, er hatte sein naturwissenschaftliches Gleich­gewicht wiedergefunden, »da sind Holzwürmer drin. Paß auf«, sagte er unangenehm aufgekratzt, »ich kann zaubern.«

Er pochte dem Jesus mit dem gekrümmten Zeigefinger gegen das Schienbein. Im selben Augenblick hörte das Klopfen in seinem Brustkasten auf

»Na -?« fragte Vater frohlockend.

Ich wollte gerade anstandshalber sagen: „Phantastisch“, da flammte in der ganzen Kirche Elektrischlicht auf, und jemand kam leise pfeifend den Mittelgang runter. Ungehalten drehten wir uns um.

Ein blasser schlechtrasierter junger Mann in einem lan­gen schwarzen Rock trat auf uns zu.

»Hallo«, sagte er und schüttelte uns die Hand, »schön, daß ihr doch noch gekommen seid.«

Vater murmelte was, das nach 'gerade in der Nähe zu tun gehabt' klang, und steckte überstürzt die Streich­holzschachtel wieder ein, die er unter dem Jesus auf den Tisch gelegt hatte.

»Ich sehe«, sagte der junge Mann lächelnd, »daß Sie sich mit dem Objekt schon vertraut gemacht haben.«

»Mit welchem Objekt«, fragte Vater befremdet.

»Na, mit ihm hier, unserm Sorgenknaben.« Der jun­ge Mann schlug dem Jesus dröhnend gegen die Hüfte.

Ich zuckte zusammen.

»Ich habe festgestellt«, sagte Vater und richtete sich etwas auf, »daß diese Jesusfigur Holzwürmer hat; wenn Sie das meinen.«

»Ausgezeichnet«, sagte der junge Mann und rieb sich an seinem speckig glänzenden Rock das Holzwurmmehl ab von der Hand. »Dann hat Ihre Frau Mutter also nicht zuviel gesagt.«


Vater sagte mühsam, die Verbindung zwischen Groß­mutter und den Holzwürmern leuchtete ihm ohne Hil­festellung nicht ein.

»Sie meinte«, sagte der junge Mann, »daß Sie sich als Präparator nicht nur aufs Vertilgen von Motten, son­dern auch auf die Bekämpfung von Holzwürmern ver­stehen.«

Vater sah irgendwie enttäuscht aus, ich konnte es mir erst gar nicht erklären.

»Das ist alles?«

Das Lächeln im Gesicht des jungen Mannes verschwand. »Wie man es nimmt, Herr Doktor.«

»Ich bin kein Doktor«, sagte Vater.

»Aber du siehst so aus«, sagte ich schnell.

Der Junge Mann nickte. »Ich habe jedenfalls vor Natur­wissenschaftlern oft mehr Respekt als vor manchem Amtskollegen.«

Das mußte man ihm lassen, er verstand, Vater zu neh­men.

Der räusperte sich. »Zum Thema, Herr Pfarrer.«

»Es ist das«, sagte der junge Mann, den Vater unbegreif­licherweise mit »Pfarrer« titulierte, »das sich Ihnen als Präparator ebenso wie mir als Theologen stellt: die Vergänglichkeit.«

Vater holte tief Luft. »Ich bekämpfe sie. Sie leugnen sie.«

»Überwinden heißt nicht leugnen«, sagte der junge Mann lächelnd. »Im übrigen macht die Natur das ja auch. Sie kommt um den Tod nicht herum. Aber sie verwandelt ihn wieder in Leben.«

Vater dachte angestrengt nach. »Ich verbessere mich: Ich versuche, als Präparator dem Leben ein Denkmal zu setzen.«

»Mit der Darstellung dieses Jesus hier«, sagte der junge Mann, »wird nichts andres bezweckt.«

Wir sahen alle drei zu ihm rauf Mir war auf einmal schrecklich traurig zumut.

»Er stirbt, nicht wahr?«

Ja«, sagte der junge Mann. »In fünf Minuten ist er tot. Diese fünf Minuten hören allerdings seit 1647 nicht auf Da hat man ihn nämlich geschnitzt.«

Der Holzwurm klopfte wieder.

»Es klingt wie Leben«, sagte Vater. »Dabei machen ihn die Biester kaputt.«

Der junge Mann nickte. »Genau das ist das Pro­blem.«

»Und warum nehmen Sie keinen Restaurator?«

»Ein Restaurator«, sagte der junge Mann, »sieht die Figur. Mir war an jemand gelegen, der erkennt, was sie darstellen soll.«

»Hm«, machte Vater.

Hier folgt nun die praktische Lösung eines theologischen Problems, das auch heute noch nicht als Frage, geschweige denn als notwendige Klärung diskutiert werden darf: Der junge Pfarrer genehmigt eine auffallende Lösung der kunsttheoretischen und religiösen Fragen:

Fortsetzung und Abschluß der Reparatur und Neukonzeption eines kreuzmäßigen Signatur: Der Pastor fragt den Restaurator:

»Ob Sie dann wohl noch so nett sind, mir zu helfen, ihn wieder dranzukriegen, Herr Doktor?«

Vaters Blick ging durch mich hindurch. Der Jesus, den er am Oberarm hielt, schwankte ein bißchen.

»Ich fürchte, Herr Pfarrer, da muß ich passen.« Ich hielt den Atem an.

Der Pfarrer nahm eine der großen, frischgeölten Schrauben vom Tisch und wog sie unschlüssig in d, Hand.

»Sie meinen, daß die die Figur kaputtmachen könnten?«

Vaters Blick kam aus dem Wesenlosen zurück. »Gott, die Löcher sind nun mal drin.«

»Dann verstehe ich Sie nicht ganz«, sagte der Pfarrer.

Vaters Blick streifte meine geschwollene Backe, glitt dem Jesus über den Rücken und verschwand im Mützenschirmschatten.

»Sie haben meinem Sohn klargemacht, dieser Jesus hier stirbt. Ich würde daher jetzt ganz gerne glaubwürdig bleiben.«

Ich atmete aus.

Der Pfarrer lauschte einen Augenblick abwesend auf den gedämpften Autolärm draußen. »Sie dürfen bitte nur nicht vergessen, das Kreuz ist auch das Zeichen des Lebens.«

Ich war sehr verblüfft.

Vater gar nicht so sehr. »Akzeptiert.«

Er nahm den Jesus auf und lehnte ihn vorsichtig gegen die Wand. »Nur, dann sollte man vielleicht nicht gerade einen Sterbenden festschrauben dran.«

Er kam zum Tisch zurück und fing an, sein Arbeitszeug einzupacken.

»Logisch gesehn«, sagte der Pfarrer und sah konzen­triert auf seine verstaubten Schuhspitzen runter, »lo­gisch gesehn, haben Sie recht.«

Vater hielt blinzelnd ein Fläschchen ans Licht und prüfte den Stand der Flüssigkeit drin. »Ich glaube, auch im Glauben ist Logik.«

Überrascht hob der Pfarrer wieder den Kopf »Was für ein schöner Satz.«

»Aber ich bitte Sie«, sagte Vater und ließ das Aktentaschenschloß zuschnappen.

"Was würden Sie denn vorschlagen?" fragte der Pfarrer. "Tja -" Vater blickte angestrengt in die Kirchenkuppel hinauf, wo ein bärtiger älterer Herr einen jungen Mann mit dem Zeigefinger antippte. "Da muß ich erst mal den Jungen was fragen."

Ich schneuzte mich rasch, weil einem so was noch immer die unbefangenste Note verlieh; denn Vater kam jetzt rüber zu mir, und er sollte doch auch meine ge­schwollene Backe nicht sehen.

»Was meinst du«, fragte er und blieb dicht vor mir stehen. »Ob man Kurt und Theo bewegen kann, eine Kirche zu betreten?«

»Aus welchem Anlaß«, fragte ich und tupfte an meiner Nase herum. »Damit sie sich bessern oder aus prakti­schen Gründen?«

»Entschieden letzteres«, sagte Vater.

»Es müßte was bei rausspringen«, sagte ich, »dann wäre es denkbar.«

»Ausgezeichnet.« Vater rieb sich erleichtert die Hände. »Genauso sehe ich es auch. Übrigens, bei Nasenbluten sollte man den Kopf nicht nach vorn hängen lassen, sondern nach hinten beugen.« Er ging zu dem Pfarrer zurück.

Ich starrte das Taschentuch an. Es war leidlich weiß gewesen. jetzt erinnerte es an eine kommunistische Fahne.

"Es wäre eine Art Kompromiß", sagte Vater und lehnte sich gegen den Tisch.

Der Pfarrer entschuldigte sich. "Am besten, du streckst dich einen Augenblick lang."

"Geht schon wieder", sagte ich.

Vater räusperte sich. »Ich würde Ihnen also zwei unse­rer Freunde herschicken.«

Der Pfarrer sah immer noch rüber zu mir. »Fein«, sagte er.

Ein Glücksfall“, verbesserte Vater gereizt. »Denn wenn sie auch beide arbeitslos sind, so hatten sie doch recht respektable Berufe.«

Der Pfarrer murmelte, das glaubte er Vater aufs Wort.

Kurt“, sagte Vater betont, „hat das Maurerhandwerk erlernt. Theo ist Tischler gewesen.“

Der Pfarrer nahm sich zusammen. „Und was haben die beiden, wenn Sie mir die Frage erlauben, mit Ihrem Vorschlag zu tun?“

Zunächst“, sagte Vater, „möcht ich Sie bitten, ihnen das Geld zu geben, das Sie mir zahlen wollten.“

Ich hustete heftig. Doch es war schon zu spät.

Ganz wie Sie wollen“, sagte der Pfarrer. "Und was darf ich ihnen bestellen?“

Danke, nichts“, sagte Vater, »die beiden werden voll informiert sein.“

Der Pfarrer rieb sich die Schläfen. „Jetzt bin ich wirklich gespannt, was Sie meinen.“

Folgendes“, sagte Vater. Er hob ein wenig das Kinn, um unter dem tiefsitzenden Mützenschirm hervor besser zu dem Jesus rüberblicken zu können. „Theo, der Tischler, wird ihm zwei Armstützen und eine Fußstütze bauen. Kurt, der Maurer, wird sie in die Wand einlassen. Dann schwebt er in Zukunft, statt wie bisher immer zu hängen.“

Der Pfarrer versuchte ein paarmal, sich die Hände am Rock abzuwischen, von den Schrauben war ihm wohl ein bißchen Öl dran haften geblieben.

Ein einleuchtender Vorschlag“, sagte er heiser.

(W. Sch.: Als Vater sich den Bart abnahm. S. 111- 114)

*


Tatsächlich, ein verblüffendes Endes des Kreuzes mit dem Kreuz. Sie ist schlichtweg und glaubensmäßig eine Sensation, auch fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Entstehen. In unserer gegenwärtigen Christenzeit allerdings, in der die Folgen des Bundesverfassungsgerichtsurteil zum „Schulkreuz“ noch nicht verwunden, werden wir noch lange warten müssen, bis ein entideologisierter, ein friedlich und freundlicher, ein sozialpsychologisch lebensfähiger Umgang - eine wahre Kommunikation mit dem Kreuz, eine Verlebendigung -, die dem Anspruch der aktiven und passiven Religionsfreiheit verdient, sich noch entwickeln muß.

Die Geschichte wurde zuerst 1976 veröffentlicht. Frau Martina Schnurre berichtet über die ebenso erzählerisch und theologisch aufregende wie wirkungsgeschichtlich schwierige Novelle. Ein ansonsten durchaus berühmter Verleger, Herr Schifferli, im Arche Verlag, wagte es nicht, diese Story zu drucken.

(Vgl. Marina Schnurres „Nachwort“ zu: W. Sch.: Als Vater sich den Bart abnahm. [Berlin gewidmet]. Erzählungen. Berlin 1995: Berlin Verlag. S. 195 – 201)

*  >>

...  was Wolfdietrich Schnurre einmal wie folgt für die Kurzgeschichte 

proklamierte: dass sie "im Bestfall ein Stück herausgerissenes Leben ist. Anfang und Ende sind ihr gleichgültig; was sie zu sagen hat, sagt sie mit jeder Zeile. Ihre Sprache ist einfach, aber nie banal. Ihre Stärke liegt im Weglassen, ihr Kunstgriff ist die Untertreibung."


Josef Beuys, Kleve-Tiergartenstraße - bei der Arbeit an einem großen Friedhofs-Kreuz. <Fofto: Getlinger, Kleve>


Samstag, 9. März 2024

Was Greifbares. zu/von S c h n u r r e, Wolfdietrich

 


Gestatten: Schnurre:


Help, äh: Hilfe. Hülfe. Sendschreiben an Philologen:

Wolfdietrich Schnurre im "Baubudenpoet 5/1960":

Ich kann diesen Text nicht finden. Warum? Paul Celan hat ihn gelesen und fand ihn als „Infamie“; warum, wieso, weshalb: weil er vor [also: drucktechnisch!] dem Text von der veritablen Infamie von Claire Goll im „Baubudenpoeten“ abgedruckt war; sonst nix, inhaltlich/intentional, äh, nur formal: zu finden; B. Wiedemann gibt hier diese Information „zur Infamie“, ohne den Text zu drücken. - (Paul Celan. Die Goll-Affäre. Dokumente zu einer 'Infamie'. Von Barbara Wiedemann. Ffm. 2000. S. 515)

>> Ansonsten, anderwärts: zu W. Sch.: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-476-03720-6_360

Oder, so, ZEITlich: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-08/wolfdietrich-schnurre/komplettansicht

Yeah, ja: Er fand sich, SELBSTEN: "Und täglich", heißt es im Schattenfotograf , "als erstes diese Notizen, die mir wichtiger als alles andere sind. Denn hier finde ich, was ich bisher vergeblich gesucht habe: mich".

  • Jep, der „Schattenfotgraf“; ein Buch, heute schon nicht mehr #greifbar': “buch-technisch“! O, doch, der Piper Verlag erinnert sich Schnurres: https://www.piper.de/autoren/wolfdietrich-schnurre-10000353

  •  Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte Ein Held der neuen Zeit , in der die Gleichschaltung an einem Gymnasium geschildert wird. Die Lehrer, fast alle überzeugte Demokraten, scheitern bereits am Hitlergruß, den die Nazis vorgeschrieben hatten. Und der einzige, der sich weigert, mit "deutschem Gruß" jeden Morgen den Klassenraum zu betreten, tut dies, wie sich am Ende herausstellt, nicht als Akt des Widerstands, sondern weil es das Rheuma in seinem rechten Arm nicht zulässt.- So

    Trotzdem suche ich den Text Ein Held der neuen Zeit: so ZEITlich: Als es im Dichter bröckelte. Von Fokke Joel: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-08/wolfdietrich-schnurre

So seht er mir vor dem Gesicht, fasslich, freundlich, ob im Kopf und in den Händen druck-resistent (auch in der Schule, ob in Freundschaften nachdrücklich erfasst):


"Fabelnd denken."
                                                                                       Foto. Siehe: ZEIT-Artikel.

Weil mein PC diesen Schnurre nicht wergssen hat:

 Interpretation im Gymsnsium (vor 1965):

Völlig unvorbereitet: Thema, Gottseidank mit Alternative


Völlig unvorbereitet mußten die Obertertianer folgendes Deutschthema, gestellt von Mr. Cornelius F. (St.i.K,) absolvieren:


* Interpretieren Sie die Gedichte „Der glückliche Bauer“ von Matthias Claudius und „Bauernlied 1945“ von Kuba!

>> Sie (die unvorbereiteten Schüler...; ohne *in] kannten Claudius nicht; sie wussten nichts von Kuba, den DDR- Kurt Bartel-holt-den-Most-vom-Väterchen-Stalin. Sie wussten nicht vom Kommunismus; außer den mit allen Vorurteilen, den man nicht kannte/kennen durfte.)


A. kaute lange an diesem Thema herum, weil er gerne die Lyrik-Aufgabe bewältigen wollte. Aber das beliebt-knallharte Politschema von Westlich-Humanistischem (so fühlte, mußte die Lösung laufen) und Ost-Kommunistisches zu übertragen auf einige Zeilen gewundener Sprache - da scheute er sich.


    Schließlich musste er ausweichen auf die Interpretation zu

    Wolfdietrich Schnurres Kurzgeschichte „Blau mit goldenen Streifen“. Eine verflucht gute Geschichte im Berliner Milieu - mit einem Mann, der nach dem Tod seiner Frau – vulgo: Er hat sie schlichtweg simpel ermordet, ein Femizid; ja, sie liegt noch unter dem Bett versteckt, gut verpackt; von dort her entstehen seine Probleme: Er holte einen Tapeziermeister, der ein bisschen angeekelt vom Geruch in der Wohnung die Arbeit aufnimmt... - Hej,, aber wie geht den die Geschichte aus; zu Ende: äh: Finis! [Das weiss er nicht mehr...]

***

Aber vergessen hat er diesen Slang nie: Quatsch, wie dir der Schnabel gewachsen ist;wie man es niemals kennen lernt (ob in der Banalität, oder in der Literatur; Schnurre ist einmalig in seinem Gemisch von Moral/Dialekt/Unverstand/psychologischem Tricks …

Yeah: Natürlich weiss ich: Die Geschichte steht in dem Sammelband: Die Rechnung, die nicht aufgeht. (Oder, in Anthologien 'Deutscher Kurzgeschichten')

Später hat er sie wieder gelesen; Sie ist nicht die beste aller Geschichten, die Schnurre geschrieben hat; aber ein schön-dreiste: Über einen Mord, der nicht aufgeklärt worden wäre – wenn nicht ein Tapezierer, also ein Anstreicher, der auch die Wohnungen tapeziert – nicht gekommen wäre:

»Ich las diese Geschichten mit Bewunderung. Schnurre ist ohne Zweifel einer der besten deutschen Kurzgeschichtenschreiber; seine Geschichten sind von europäischem Rang, ebenbürtig auch den berühmten amerikanischen short-story-tellers, einem Faulkner oder Hemingway.« (Hermann Kesten) 


* *
Nee, Lavendel? Den gab es nicht im Schlafzimmer, unterm Bett ...